Schubladendenken

Laut Duden bedeutet Schubladendenken sich an starren Kategorien zu orientierten, undifferenzierte und engstirnige Ansichten zu haben. Sehr allgemein gehaltene Regeln werden auf einen oder jeden Einzelfall ohne Ausnahme angewendet. Eine Vielzahl persönlicher Erfahrungen und Erlebnisse lassen im Kopf eine Schublade entstehen, in die jedes neue Erlebnis, neue Person, neue Erkenntnis einsortiert wird, weil es auf den ersten Blick Überschneidungen mit dem persönlichen Erfahrungsschatz zu geben scheint. Der persönliche Erfahrungsschatz wird als solches sehr gehütet und nur schwer lässt sich eine selbst ernannte „erfahrene Person“ überzeugen dass es sich hier vielleicht doch um eine Ausnahme handelt, vielleicht sogar eine Ausnahme von vielen Ausnahmen.

Die Welt braucht ihre Schubladen, um sich in Komplexität nicht zu verlieren, um nicht jedes mal wieder bei NULL anfangen zu müssen, nicht zum hundertsten male alles durchkauen zu müssen, wieder einen Kampf austragen zu müssen der schon längst gewonnen und entschieden war… Entscheidungen treffen kostet wertvolle Lebenszeit, mitunter Energie und immer wieder die gleichen Entscheidungen zu treffen ist nicht klug, nicht effizient. Jeder Programmierer schreibt am Anfang erst einmal un-effizienten Code, lernt die Grundlagen um diese schließlich dann doch immer wieder zu kopieren, bis er die Zusammenhänge verstanden hat und lernt Ähnlichkeiten in „Klassen“ (Regeln) zusammenzufassen und diese dann als Vorlage für neue Programme zu verwenden. Für den Laien mag dieses Beispiel nun sehr unverständlich klingen, der Spruch „Man muss das Rad ja nicht jedes mal neu erfinden.“ ist aber bekannt und erklärt genau das. Dieses Praxisbeispiel lässt sich auch auf andere Berufe und Lebensaufgaben übertragen, man muss aber wissen dass ich tatsächlich beruflich als Webdesigner in der Entwicklung arbeite… ich kann mir gerade vorstellen wie ich von einigen Lesern in eine oder mehrere Schublade(n) gesteckt werde. Ich Grüße euch werte Regalbauer. Darum versucht man aus angeblichen Fehlern zu lernen, fasst die Erkenntnisse in Regeln zusammen und baut sich somit ein ganz persönliches Navigationsprogramm durch das Leben zusammen, mit dem man in vielen Fällen wohl ans Ziel kommen mag, aber auch gerne mal in einer Sackgasse oder im Graben landet oder sogar gegen die Wand fährt, was mitunter tödlich enden kann. Es scheint also ratsam Schubladen regelmäßig zu entstauben, auszumisten und neu zu sortieren. Nicht immer muss ein neuer Schrank gekauft werden. Im Alter, man hat nun schon ein paar Umzüge im Hirn mitmachen müssen, kann das Umdenken mitunter schwer fallen, man wollte vielleicht sesshaft werden oder schafft es vor lauter Altersmüdigkeit nicht mehr. Das alte Menschen sturr sind, ist aber auch nur eine Schublade… man darf hier gerne mal hinterfragen wieso sie es sind und den Umstand dann gelassen akzeptieren.

Etwas größer gedacht… Juristen, Wissenschaftler, Politiker, erfahrene Führungspersonen, Professoren, Lehrer, Geistige, Ordnungshüter denken sich nun Regeln und  Leitsätze aus, alles kleine oder auch große Schubladen, die Gruppen von Menschen ein friedliches Zusammensein ermöglichen sollen. Menschen haben dann mehr Zeit für „die wirklich wichtigen Dinge im Leben“ (die da wären?). Menschen haben individuelle Stärken, Schwächen, Leidenschaften, Denkweisen, Erfahrungen… Gesetze und Regeln sind ein Kompromiss  auf denen sich in einer (hoffentlich und meistens) demokratischen Abstimmung oder aufgrund logischer Schlussfolgerungen, Gruppen von Menschen geeinigt haben. Der Duden beschreibt das Wort „Regel“ unter anderem als eine “ fast ausnahmslos geübte Gewohnheit“, die Betonung liegt hier auf dem Wort „fast“ und lässt somit ein „Nachfragen“ und die Möglichkeit von Ausnahmen zu. Auch hat das Wort „Gewohnheit“ hat einen üblen Beigeschmack. Die Gesellschaft war es gewohnt, es galt schon fast als Norm, dass Frauen die Hausarbeit machten, die Kinder hüteten und sonst nicht viel zu sagen hatten. In einigen Kuturkreisen oder Familien ist das bis heute noch eine „Gewohnheit“.
Welche Schubladen wurden mir in den letzten Tagen geöffnet… Frauen stehen immer auf böse Jungs,  exotisch aussehende Menschen sind Ausländer, junge Frauen aus dem Osten sind alle blöd, dicke Männer faul, Ossis sind Jammerlappen, Berliner unfreundlich, Südländer untreu und beziehungsunfähig, Menschen ohne Abitur oder Studium weniger schlau, wer dich kritisiert ist dein Feind und will dir was böses, schlechte Hausfrauen sind schlechte Mütter… die  Liste von gefährlichen, weit verbreiteten Schubladen kann lang werden, ich bin auf Entdeckungstour und hoffe auch in meinem Schrank etwas aufräumen zu können.

Schubladen und Denkmuster können dir wie ein im Sturm umgestürzter Baum auf der Straße im Weg stehen… sie versperren dir den Weg zur Freiheit… beim Reisen, bei der Begegnung mit netten Menschen, in der Beziehung, beim Lernen neuer Fähigkeiten, beim Ausprobieren neuer Speisen, beim Kennenlernen neuer Kulturen, beim Spaß haben, beim Lieben, beim glücklich sein…

Und was wollen wir denn alle?  Wir streben nach Glück und Freiheit… naja nicht alle, aber viele… auch nur eine Schublade zu glauben, alle Menschen wollen glücklich und frei sein. Es mag für manch einen außerhalb der Vorstellungskraft liegen, aber es gibt Menschen die gerne traurig sind, es genießen Regeln zu folgen, sich zu unterwerfen… all diese Dinge kann man auch intensiv, leidenschaftlich ausleben und zulassen ohne sich selbst zu zerstören oder sogar aufgeben zu müssen, nicht hinter jedem Ordnungsliebhaber steckt ein Fanatist oder zwanghafter Mensch. Und mal ehrlich… wie oft unterwerfen wir uns aus Faulheit, aus Lust, aus Mangel an Zeit, aus Mangel an Wissen… bei einer gerechten Aufgabenverteilung, im komplexen Programm Leben, Gesellschaft, Planet Erde klingt das für mich gar nicht mehr so verwerflich sich auch mal „treiben“ zu lassen und nicht alles zu 100% selbst zu bestimmen. Folge nicht blind, aber hinterfrage auch nicht jedes Detail paranoid… gesunde Mischung, das Maß an Vertrauen finden, sich auf eine Gruppe verlassen, sich auf einen Menschen ein- und verlassen. Ist das schwer? Manchmal schon…

Wie Ihr gelesen habt, ist in diesem kleinen Aufsatz viel „hätte, vielleicht, könnte, scheinbar“ usw. … das mag unsicher klingen. Ich habe mal gehört, nur einer dummer Mensch würde behaupten dass er alles weiß und kann. „Ich weiß dass ich nichts weiß.“ (WikiPedia Artikel) Und diesen Gedanken galt es hier noch einmal in einer umfangreicheren Version rüberzubringen.
Vielen Dank fürs Lesen, *Knicks“

XXX Sinnemanie

externe Quellen, weiterführende Informationen, Gedanken

  • If Black People Said The Stuff White People Say | YouTube
    What kind of Asian are you? | YouTube
    If White People Thought About Race Like People Of Color | YouTube
    Diese Videos schickte mir eine Freundin, die ich fragte woher sie ursprünglich käme als ich sie das erste mal traf. Sie hat sehr schwarzes, glänzendes Haar, dunkle Augen, hellbraune Haut und spricht mit einem leichten Akzent, den ich damals aber nicht zuordnen konnte. Wir sprachen über den alltäglichen, „kleinen“ Rassismus, der mit eben solchen naiven Fragen beim Kennenlernen schon anfängt. Eine Schuld der ich mir bis dato auch nie bewusst war.
  • Film: „Besser geht’s nicht“ mit Jack Nicholson (Regie James L. Brooks)
  • Film: „König von Deutschland“ mit Olli Dittrich
    Die Gesellschaftssatire beschreibt Thomas Müller als DEN „Durchschnittsdeutschen“, der zunächst als Marktforschungsobjekt missbraucht wird, um schließlich über seinen eigenen Grenzen hinauszuwachsen…