Sinnemanie in Lisboa

L is boa(h) – „Canadian girls“ in Lissabon

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Sanft und fast lautlos macht der Nachtzug halt in Lissabon. Es folgt keine Durchsage und kein weckendes Warnsignal, dass wir die Endstation erreicht haben und nun aussteigen müssen, als wolle man uns noch schlummern lassen. Ich blicke in verschlafende und fragende Gesichter. Sind wir schon da? Verunsichert über die Stille wagen wir uns dann doch nach draußen.
Mich empfängt ein sehr verkatertes und mysteriös menschenleer anmutendes Lissabon. Es regnet und mit circa 15 Grad Temperaturunterschied zu den 38 Grad in Madrid ist es angenehm kühl und die lange Zugfahrt ist nun spürbar, ich bin definitiv an einem anderen Ort auf der Landkarte und auch in einer anderen Zeit. Mein Uhrzeiger ist in die Vergangenheit gewandert. Mein Gefühl für die Zeit, Wochentag und Tageszeit hatte ich schon vor längerer Zeit auf meiner Reise verloren, unnützer Ballast an die Zeit zu denken, die war und noch bleibt. Ich navigiere mich durch die Straßen zum Hostel, gehe vorbei an kleinen Grüppchen von sich angeregt unterhaltenden Opas, Straßenreinigern und einigen wenigen Partyleichen.
In der „Pinkstreet“ ist man noch dabei mit Wasserschläuchen und Straßenfegern die Spuren der letzten Partynacht zu beseitigen, ich glaube etwas ganz großes verpasst zu haben.
Am ersten Tag erkunde ich zunächst erst einmal allein mein persönliches Lissabon und es übertrifft jegliche meiner Vorstellungen. Lissabon hat für mich alles was ich brauche, wie Meer, wunderschöne Architektur, Fischerei, sehr gute Straßenmusik, angenehme Temperaturen, freundliche Menschen, große Auswahl an kleinen Bars, an jeder Ecke kann man Eis kaufen und alle sprechen Englisch, hier möchte ich bleiben. Fußgängern hat man hochglänzende, ehrenvolle Pflastersteine verlegt, entsprechend glatt und glänzend wie diese sind muss ich aufpassen bei der sehr steilen Straßenlage bei schnellem Schritt nicht auszurutschen. Stellenweise schleiche ich wie ein Pinguin zur nächsten Ecke.

Dem Hostelpersonal ist sehr daran gelegen seine internationalen Gäste ein gutes Zuhause zu geben, jeden Abend richten sie ein kleines „Zusammensitzen“ mit selbst gemachter fruchtiger Sangria oder Kochabenden ein bei dem man nahezu aufgefordert ist sich kennenzulernen. Ich traue mich mal wieder nicht und lächle nur auffordernd bis mich schließlich Jen aus Kanada anspricht. Die nächsten drei Tage erkunde ich die Stadt mit ihr und ihrer Schwester Emilie. Beide arbeiten hier in Europa und lehren Sprachen. Vielleicht kehren sie irgendwann wieder in die Heimat zurück, „homesick“ (Heimweh) hätten sie nicht.
Am nächsten Tag schließen wir uns der FREE Citytour an. Als erstes werden wir angewiesen uns mit Sonnencreme einzucremen, Luis unser kleiner Reisleiter, mit brasilianischen Wurzeln, Schieberhut und akzentfreien Englischkenntnissen gibt eine Flasche Sonnencreme rum. Und so stehen wir Touristen aus diversen Hostels im Umkreis des Stadtzentrums erst einmal uns gegenseitig eincremend auf dem zentralen Treffpunkt mitten in der Altstadt rum. Ein schönes Bild, das Eis ist gebrochen.
Luis rattert zunächst einmal seinen Lebenslauf runter, der Rest der Tour ist sehr geschichtslastig doch unterhaltsam interaktiv mit Rollenspielen gestaltet. Luis scheint in den nächsten drei Stunden ein ganzes Geschichtskompendium in entsprechend schwer zu folgendem Sprechtempo runterzubeten geschmückt mit einer Vielzahl an kleinen Witzen und natürlich dürfen wir nicht wie dumme Schafe nur rumstehen, sondern werden Teil seiner Geschichtsstunde. Schnell wird der Touri in Gummilatschen zum König von Portugal erklärt und Luis nimmt ihm mit hoher Stimme als seine Prinzessinnen-Tochter die imaginäre Krone ab.
Was für ein glücklicher Schüler wäre ich mit so einem unterhaltsamen Lehrer gewesen. Beate, Geschichtslehrerin aus Deutschland, hört aufmerksam zu und lässt sich inspirieren.
Am Abend bin ich nun selbst Zeuge einer scheinbar verpassten Partynacht. Lissabons Partymeile ist ein kleines Netz von engen, verwinkelten Straßen. Eine Bar neben der anderen voll mit Menschen aus allen Teilen der Erde bei gutem Bier aus Wurf- und fallsicherem Plastikbechern. Hier und da mischt sich handgemachte Musik zwischen lebhaftes Gerede, die Stimmung ist unvergleichlich angenehm im Vergleich zu in jeglicher Hinsicht kühlen Clubnächten in mancher deutschen Großstadt. Unsere kleine Gruppe aus zwei Australiern auch liebevoll „Aussis“ genannt, einem US-Amerikaner, zwei „canadian girls“ und mich deutsches Graubrot verfeiern einen harmonischen Abend miteinander und diskutieren über diverse Eigenheiten unserer Kulturen, der aus Charakter-, Stolz- und Werteunterschieden begründeten Antipathie zwischen Amerikanern und Kanadiern und dem mich schockierenden australischen Jagdinstinkt. Haben Aussis tatsächlich einige recht brutale Rituale aufgrund einiger „Tierplagen“, wenn man ihnen glauben mag.
Zurück in meiner Herberge störe ich einen Annäherungsversuch meiner Bettnachbarn. Im Hostel muss man Kompromisse und Abstriche in Sachen Privatsphäre machen. Ich entschließe mich zu bleiben und einfach woanders hinzugucken und außerdem bin ich eh schon fast im Schlummerland mit meinem Geist.
Der Aufstieg in mein Hostelhochbett wird entsprechend eine Herausforderung, nach drei Versuchen liege ich endlich oben. Mein schlechtes Gewissen lacht nur über mich und bestellt mir für den nächsten Tag einen tierischen Kater zum Frühstück. Ich finde es auch lustig und lache mit, AUAA.
Heute gehe ich mit Jen alleine auf Streiftour durchs sonnige Lissabon. Emelies schlechtes Gewissen war wohl noch großzügiger mit der Katerbestellung als meins.
Jen , studierte Englisch- und Geschichte auf Lehramt, ist leidenschaftliche Liebhaberin von Schlössern, Burgen und alten Gemäuern. Es macht Spaß sie zu beobachten wie sie interessiert um ein leerstehendes, geschichtlich bedeutend anmutendes Gebäude schleicht, sich wünscht ein kleines Mäuschen zu sein, um durch ein kleines kaputtes Fenster oder den Spalt unter der verschlossenen morschen mächtigen Holztür zu kriechen, um dort weitere Geheimnisse der Vergangenheit zu erforschen.
Zur Erfrischung wasche ich meine Hände in einem Wasserspiel im Park. Da schreit Jen plötzlich auf „A DEAD DUCK!“. Erschrocken erblicke ich den reglosen Corpus kopfüber im Wasser zwischen einer Steinspalte. Erschrocken ziehe ich meine Hände aus dem Wasser. Wilde Theorien wie die Ente nun verstorben sein mag geistern mir durch den Kopf. Vielleicht wurde sie von einem zur Landung zum nahegelegenen Flughafen ansetzenden Flugzeug gestreift oder „überflogen“, von einer Fußball-Freuden-WM-Rakete erfasst oder ist an Traurigkeit, Faulheit oder altersbedingter Krankheit gestorben und vom Himmel gefallen. Was denken sie, Dr. Watson?
Am nächsten Tag erklimmen wir einen der höchsten Aussichtspunkte in Lissabon, um dort einige touristentypische Fotos zu machen und die gut organisierte Ansammlung von Steinen und kaputten alten Geschirrteilen zu bewundern, welche für Jen eine Burg und ein Museum sind. Naja, wenn man weiß dass Amerika keine Jahrtausendgeschichte und somit keine altertümlichen Burgen hat, dann kann man ihre Begeisterung durchaus nachvollziehen und ist nahezu entzückt vom Anblick einer aufgeregt in der Burgruine rumkletternden Jen.
Am Abend besuchen wir ein ländertypisches kleines wieder sehr gut besuchtes Restaurant in der Partymeile von Lissabon. Aber in dieser Nacht fühlt es sich anders an, während wir traditionell entflammte, fettige Wurst naschen, lauschen wir schwitzend vom feurigen Mahl und dicht gedrängt bei schummrigen Licht den melancholischen, schweren Gitarren und Gesang des für die Region typischen Musikstils „Fado“. Ich verstehe nicht worüber die Dame im traditionellen Gewand singt, aber traditionell zeichnet der „Fado“-Musikstil ein musikalisches Bild von gesellschaftlich oder politischen Notlagen, Vergangenem oder Verlangen nach Besserung. Die Kultur nutzt mit Stolz ein eigens für dieses Gefühl erschaffene und somit schwer zu übersetzendes Wort „saudade“. Aus Respekt vor der gefühlvollen Darbietung und der Kunst herrscht an der Restauranttür Einlasssperre, das Licht wird gedämmt und auch Getränkebestellungen werden nur in den Pausen entgegengenommen, zudem hören alle artig, aufmerksam schweigend zu… man lauscht.
Am nächsten Tag muss ich mich von meinen Urlaubsbekanntschaften verabschieden. Ich mache es „quick and dirty“ damit es nicht wehtut, es scheint zu einer Lektion geworden zu sein, die mich meine ganze Reise über begleiten wird, das Kommen und Gehen von Menschen.
Schon am Abend sollte ich neue Gesellschaft bekommen. Beate aus Deutschland und Maria aus London, zwei reife Damen, bereiten mir einen unterhaltsamen wenn auch ruhigeren Abend in einem kleinen, frisch eröffneten Restaurant in Lissabon. Im Hostel findet man wenn man will immer Anschluss, besser als auf dem Campingplatz oder im Hotel. Der Chefkoch fragt uns bei Verlassen des Lokals wie es uns gefallen hätte. Ich sage ihm nur, dass er dem Chef ausrichten solle, dass er der freundlichen, aufmerksamen Servicedame mit dem hübschen Lächeln mehr Geld zahlen soll.

Den letzten zwei Tage beschließe ich für mich zu sein und durch Straßen und entlang der Küste schlendernd verabschiede ich mich von einer für mich liebgewonnenen Stadt und ich merke dass ich vieles unentdeckt hinterlassen muss, ist die Stadt auf dem zweiten und dritten Blick doch größer, anders, abwechslungsreich und hat irgendwie keinerlei meiner Erwartungen erfüllt sondern einfach alles denkbare übertroffen, vielleicht weil ich keine Erwartungen hatte und mich hab mitreißen lassen… Lisboa ist einfach boah (anderer Ausdruck für gut).

Den folgenden Song hat mir Jen, mein „canadian girl“ empfohlen, auf die Frage was typisch kanadisch wäre. Dieser Song würde diese Frage am besten beantworten. Sie und ihre Schwester haben ihn mir sogar kurz angesungen. Wir waren gute Freunde auf kurze absehbare Zeit und natürlich bin ich glaubhaft eingeladen sie zu besuchen in Kanada, Madrid oder in der Türkei wo sie sich halt gerade beruflich rumtreiben würden. Von Ihnen habe ich gelernt doch mal mutiger zu werden fremde Menschen anzusprechen. Danke <3

Soundtrack zum Tag und mitfühlen:

Canadian Grils von Dean Brody

Sinnemanie in Madrid

Grilling Madrid und „nichts“ passiert

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In Madrid angekommen folgt gleich die erste Aufnahmeprüfung, die ich in jeder Stadt machen muss. Mach dich mit den örtlichen öffentlichen Verkehrsmittel vertraut und bahne dir den Weg durch die bunte Spagetti-Karte zu deinem Hostel im Hinterhof einer kleinen verwinkelten Nebenstraße mitten in der glutheißen City. Wir haben heute einen der heißesten Tage des Jahres in Madrid. Im Hostel und „Meeting Point“ der Kulturen angekommen versprüht Vinni gleich seinen ganzen spanischen Charme und lädt mich mit zwei Küsschen zu einer Flatrate-Saufparty ein. Schüchtern und naiv sage ich erst mal zu. In der Hoffnung spannende Menschen zu treffen lass ich mich in ein 10-Bett-Zimmer einquartieren. Zwei Nächte teile ich mir dies nun mit zwei auf ihre multifunktionalen Fernsprechapparate mit eingebautem nervtötendem Geklingel und Gebrumme starrenden Japanern und zwei Mädels, die ihre Nächte nie in ihrem Bett zu verbringen scheinen. Pech für mich und euch, da jetzt ein Aufsatz über das „Nichts“ folgt.
Ich möchte die Geschichte hier nicht unnötig dramatisieren, jedoch droht „das Nichts“ in „Die unendliche Geschichte“ die Welt zu zerstören, jeder der dem dunklen Loch zu nah kommt wird ergrauen und erblinden und die Welt geht zugrunde, wenn die Parallelwelt „Phantásien“ Fantasie-vertrocknet auf die Größe einer Perle schrumpft. Setze ich mir nun die Krone der kindlichen Kaiserin auf und lasse mich retten von den Geschichten südländischen Temperaments oder fliege ich selbst auf dem Rücken des Glücksdrachen Fuchur, um Phantásien wieder Licht zu geben. Ich entscheide mich für letzteres und sage der Stadt den Kampf an.
Mit einem Kapuzenshirt bekleidet schütze ich mich vor der gleißenden Sonne.
All meine Goldstücke investiere ich in magisch-kühlenden Eiswassertrunk gebraut mit Früchten des Südens. Um nicht mit dem Asphalt zu verschmelzen muss ich alle fünfzig bis hundert Meter in die Eishöhle feiner Bekleidungsgeschäfte einkehren. Um nicht aufzufallen kaufe ich mir auch ein kleines praktisches Kleidungsstück, eine Art Fallschutz für altersbedingte Hängebrüste, man nennt das auch Sport-BH. Leider werde ich dies auf den zahlreichen Flaniermeilen der Modehauptstadt am Abend nicht präsentieren können, das gelbe leichte Sommerkleid mag nicht so recht zu mir passen und damit würde ich wohl noch mehr auffallen zwischen all den Modeverrückten.
Auf den Straßen Phantásiens (Madrid) finden heute zahlreiche Demonstrationen statt, ob sie wohl auch wie ich gegen die Ausbreitung der Phantasielosigkeit ankämpfen?
In einem geheimnisvollen Garten (Parque de Retiro) finde ich schließlich etwas Ruhe und Frieden, tanke Kraft für meinen Rückweg.
Zurück in meiner Herberge für Seelensucher sind die Wände zugekleistert mit einer offenen Einladung zum Freudenfest. Für weitere Informationen solle man sich doch über das elektronische Kommunikationsnetz mit dem Partymeister in Verbindung setzten. Ich tippe seine Nummer in meinen Fernsprechapparat ein und bekomme ein recht eindeutiges Bild des Herrn zu sehen. Mit freiem Oberkörper und offener Hose vor dem Spiegel posierend sendet dieser Prachtkerl aus meiner Sicht sehr eindeutige Signale für empfangsbereite Damen aus. Geschockt und amüsiert zu gleich entschließe ich mich aufgrund dessen die Nacht an einer Geschichte schreibend zu verbringen. Im Morgengrauen klopft der Flirt-Barde heftig an mein Fenster. Er wäre unter anderem auch am Empfang beschäftigt und hat in der Partynacht seinen Schlüssel zum Tor vergessen. In meinem nächtlichen Gewand und im Halbschlaf gebe ich ihm schließlich den Durchgang zu unsren Gemächern wieder frei. Er bedankt sich überschwänglich auf seine ländertypische Art und Weise mit etwas zuviel Liebe in seiner Wortwahl für meinen nördlich-kühlen Geschmack. Mein Freund aus einem weit entfernten Land lässt mir per Fernschreiber ausrichten, dass er nun nach langer Reise wieder Daheim angekommen sei. In dem einen Monat hätte er sich oftmals alleine gefühlt und war von Langeweile befallen. Mir hingegen ist mir diese Krankheit der Langeweile nahezu unbekannt. Mag ich doch sehr gerne Zeit mit mir verbringen, Gedanken kreisen lassen, Pärchen fotografieren, Leberflecke zählen. Ich hatte darüber nachgedacht meine Hautmakel entfernen zu lassen, doch nachdem ich Jonathan im Film „Weil es dich gibt“ (Originaltitel: Serendipity) gesehen habe, wie er auf Saras von Leberflecken gezeichneten Haut Sternenbilder zu erkennen glaubt, begann ich meine Leberflecken und Muttermale auch als Monde in naher Umlaufbahn und kleine Karte eines unbekannten Universums zu betrachten. Schönheit ist tatsächlich eine Sache des Blickwinkels.
Genug geträumt, eine aufregende Reise mit dem Nachtzug sollte mich ins nächste entfernte Königreich bringen. Während das Abteil schnarcht und schlummert, lausche ich über zehn Stunden eingängigen Liedern einer bereits stattlichen Sammlung auf meinem mobilem Klangapparat und denke an fast „nichts“ und lass die Nacht im Schneckenzug an mir vorbeirollen…

Gegrillt, kindlich, Sinnemanie

Soundtrack zum Tag und mitfühlen:

Philipp Poisel vom LIVE-Album Projekt Seerosenteich „Durch die Nacht“

Sinnemanie in Valencia

Im „Wüsten“-Schritt: Valen-Feli-cia

Sinnemanie in Valencia
Sinnemanie in Valencia

Valencia sollte nur ein Zwischenstop zu meinem nächsten großen, weit entfernten Meilenstein werden. Meine Zimmergenossinnen wollten dort die nächsten Tage „Strand machen“ und ich war unschlüssig und folgte ihren Spuren einen Tag später, in der Hoffnung mein Meilenstein entlang der Küste bis zur Straße von Gibraltar erreichen zu können. Dies soll ein Traum bleiben.
Nach nur 4 Stunden Zugfahrt erreiche nun dies Städtchen, wo das Nationalgericht Paella ihren Ursprung hat und noch traditionelle Stierkämpfe bzw. Shows mit Pferden und Stier-Tamtam betrieben werden. Die sehr gut erhaltene Arena protzt gleich neben dem Bahnhof und ein Hauch von Pferdestallgeruch liegt in der Luft.

Der Hostelmann ist super nett und hochengagiert, trägt mir sogar mein Gepäck in mein Zimmer und händigt mir sofort einen Stadtplan aus inklusive detaillierter Einführung in superschnellem Spanglisch mit Akzent-bedingter Lisbelspucke.

Den Tag gehe ich nur einen gewöhnlichen Supermarkt, wo wohl auch die Valencier einkaufen und esse in der kleinen Hostelküche Brot mit Oliven und Thunfisch. Schmatzend durchwühle ich diverse Fahrpläne und Landkarten, um den besten, schönsten und schnellsten Weg zu meinem nächsten großen Ziel zu planen. Es stellt sich heraus, dass Valencia zwar näher dran ist an meinem Ziel, ich aber trotzdem einen Umweg über das heiße Madrid fahren muss und ich für alle Fahrten dorthin Reservierungen kaufen muss. Ab hier gibt es scheinbar keinen Schnecken-Regionalzug mehr und mein Traum von Granada, der Straße von Gibraltar und einen sehnsüchtigen Blick rüber nach Afrika ist geplatzt. Valencia sollte sich am nächsten Tag für die Umstände bei mir entschuldigen.

In meinem Hostelzimmer gemütlich gemacht, mache ich mich mit Felicia aus Minnesota bekannt. Ihr Name, „Felicia“, assoziiere ich mit hauchdünnen, knusprigen Knäckebrotscheiben. Und das ist sie auch, ein zartes Wesen, unschuldig lächelnd mit türkis-blauer Punkfrisur, auffällig großen, blauen Augen und dunklen wohlgeformten Augenbrauen. Die Haarfarbe hat sie sich anlässlich des Final-Spiels Deutschland-Argentinien in Belgien bei Verwandten verpassen lassen. Freundlich lächelnd fragen wir uns aus, sie lacht brav über meine Witze und guckt begeistert als ich ihr von meinem Blog erzähle. Sie hat gerade die Highschool beendet und hat die InterRail-Reise geschenkt bekommen. Übermorgen sei ihr letzter Tag, dem sie nun mit einem weinendem und einem lachendem Auge entgegenblickt. Daheim müsste sie sich erst mal eine neue Bleibe suchen und vielleicht sogar einen neuen Freund. Ich erzähle ihr einen kurzen Abriss meiner vergangenen verlebten Monate und wie sie mich nun so glücklich sieht, schöpft sie Hoffnung, dass es schnell wieder bergauf gehen kann. Sie ermutigt mich hingegen, dass ich viele Menschen kennenlernen werde und offensichtlich muss Amsterdam die Stadt dafür sein, da sie nicht die erste ist, die mir wilde Geschichten über diese kompakte, verwinkelte Stadt erzählt. Felicia ist Künstlerin und ihr A4 Skizzenbuch ist damit das schwerste Gepäckstück in ihrem Reiserucksack in Handgepäckgröße. Sie reist ohne Gerätschaften, stattdessen hat sie Bücher und viel Mut dabei Leute anzusprechen. Dass sie ihre Reise nur mit Durchfragen und Touristeninformationen geplant hat beeindruckt mich, sie „darf“ mit mir am nächsten Tag die Stadt erkunden und somit den Part mit der Stadtkarte übernehmen.
Nach endlosen Gesprächen beginne ich auf Englisch zu denken und habe mir versehentlich sogar englische Notizen gemacht.
In einem Bonbonladen rüste ich mich für die Wanderung und esse soviel, dass mir schlecht wird. Ich erinnere mich an Weihnachtstage in meiner Kindheit, als ich gedankenverloren Weihnachtsmärchen im Fernsehen guckend mich mit Süßigkeiten vollstopfte bis mir schlecht wurde. Die Übelkeit, die mich nun an diese glückliche Kindheit erinnert, genieße ich somit sogar etwas.
Warum zieht es mich also immer in dieses Schlaraffenland, meine Suche nach dem sauersten Bonbon ist Schuld. Bisher habe ich das sauerste Bonbon noch nicht kosten dürfen, obwohl ich nun schon einige der zahlreichen Süßwarenläden in Italien und Spanien abgeklappert habe. Es muss komisch aussehen, als ich der Verkäuferin, die leider kein Englisch versteht, versuche mit Mimik und Gestik zu erklären, dass ich auf der Suche nach extrem sauren Bonbons bin. Aber sie versteht mich und empfiehlt mir zwei Sorten und lässt mich sogar probieren. Naja, das war nicht sauer, wie immer. Ich bin wieder mal enttäuscht.

Nach einem vier Kilometermarsch in der Gluthitze vorbei an den futuristischen Bauten der Stadt der Künste und der Wissenschaft in Valencia (Ciudad de las Artes y de las Ciencias) entlang der für Fußgänger doch recht gefährlichen Schnellstraße für Radfahrer, beschließen wir den letzten vollen Urlaubstag von Felicia auch als solchen zu genießen und kehren in ein typisch spanisches Strandrestaurant ein. Felicia und ich sind uns einig, dass der Kellner süß ist, wenn nur diese akzentbedingte Spracheigenart nicht wäre…tztztzschgraztsschias. Leider versteht er kein Englisch und wir die Speisekarte nicht. Ein 14-jähriges Mädchen versucht uns das Tagesmenu so gut es geht zu übersetzen. Wir bekommen dann teilweise doch etwas anderes als geglaubt bestellt zu haben, aber Felicia kommt aus dem zufriedenen Stöhnen und Summen nicht mehr raus. In Amerika schmeckt das Essen wohl nicht so gut, welch ein armes Land, denke ich. Wie wir da nun so vertraut sitzen und speisen, lädt Felicia mich ein Ihr „Land der zehntausend Seen“ zu bereisen und bietet mir auch Übernachtungsmöglichkeit bei ihr an.

Gut genährt nehme ich ein Bad im warmen Meer. Gesalzen, luftgetrocknet und sonnengebräunt fühle ich mich wie ein Stück Popcorn.
Felicia und ich finden dass es ein toller Urlaubstag war, trotz dass wir beide nun unter „sunburn“ leiden.

Für meine Weiterfahrt zum nächsten Ziel muss ich am Bahnhof erst einmal brav eine Nummer ziehen um beraten zu werden. Ich komme mir vor wie bei der Agentur für Arbeit und entsprechend unfreundlich werde ich auch behandelt. Die Dame am Tag zuvor wollte mir nicht mal ohne Wartenummer Auskunft darüber geben, ob sie überhaupt in der Lage ist mich zu beraten und würdig mich nur eines flüchtigen Blicks und zeigte auf eine Nummer. Sie konnte absolut kein Englisch. Der Mann am ultramodernen Schalter heute ist auch nicht wesentlich freundlicher, aber ich bin gut vorbereitet und mit einem Fahrplan und ein paar einfachen Fingerbewegungen verstehen wir uns doch bestens. Gerne würde ich ihm sagen, das ich allein schon aus Respekt gegenüber seinem Land und dass ich hier Gast bin gerne in seiner Sprache mit ihm reden würde, jedoch innerhalb der letzten drei Wochen fünf Länder mit jeweils unterschiedlicher Sprache bereist habe und ich kein Sprachtalent besitze. Ich zeige ihm mein dankbarstes Lächeln, auf Vergebung hoffend.

Am Bahnhof warte ich nun auf Abfahrt meines Zuges. das Fräulein neben mir trägt ein Kostüm passend zu Ihrem Reisetaschenset oder umgekehrt und ich frage mich ob sie mich so völlig unter-aufgebrezelt in den Zug lassen. Nach einer Taschenkontrolle wie am Flughafen fliege ich nahezu im Schnellzug sitzend zur nächsten europäischen Metropole. Trockene, endlose Feldlandschaften ziehen an mir vorbei. Im Geschwindigkeitsrausch knackt es in meinen Ohren. ich bekomme digitale Post von meiner lieben Mitbewohnerin aus der Heimat. Wir würden über hundert Euro Betriebskosten zurückbekommen. Ich freue mich und schreibe nur „Party!! :-D“ zurück. Ich bin glücklich.

gezuckert, glücklich, Sinnemanie

Soundtrack zum Tag und mitfühlen:

„Flug auf dem Glücksdrachen“ aus dem Film „Die Unendliche Geschichte“ von Klaus Doldinger