Kategorie-Archiv: InterRail2014

London

London-WG

London WG
London WG

1. bis. 7. August 2014
Teil 1 der Norlandsaga…

Als ich mit meinem Packmonstrum vom Bahnhof Dover zum Hafen Dover marschiere, trage ich eine Tonne Stolz in mir und das unendlich befriedigende Gefühl ein Abentheuer zu erleben.  Endlich war ich im ersehnten Norden angekommen.  Auch wenn ich lieber angeheuert hätte oder als Seemann äh Seefrau an Bord stolziert wäre, kaufe ich ganz langweilig aber immerhin selbstständig am englischsprachigen Fahrkartenschalter eine „Foot passenger“ Fahrkarte für die in wenigen Minuten anstehende Überfahrt nach Great Britain. Der Duft und das Rauschen des Meers, das „Zwitschern“ der Möwen und der frische Wind betanken mich erneut mit Lebensenergie.  Nach 1,5 Stunden „Kreuzfart“ für Arme und weiteren 1,5 Stunde Zugfahrt nach London steht mir wieder die übliche Aufnahmepürfung bevor, die U-Bahnfahrt durch die Innenstadt. Ich hatte noch gar nicht mein dummes Gesicht aufgesetzt, da umzingeln mich auch schon vier Herren unterschiedlicher Nationalitäten und Alkoholwerte im Blut, die einander nicht zu kennen scheinen, aber mir alle trotz scheinbarer Orientierungsschwierigkeiten das U-Bahn-System zu erklären versuchen.

Die Untergrundbahn wird hier offiziell als „Tube“ ausgewiesen und die Bezeichnung ist auch sehr treffend, als ich in einem winzigen schlauchigen, stickig und zügig zugigem Abteil einer solchen menschlichen Poströhre unterirdisch zu meinem Wunsch-Stadtviertel husche.  Treppen, Wände, Tore und Fliesen sind panisch dekoriert mit Sicherheitshinweis „If you see anything suspicious, please tell a member of staff or a police„.  „suspicious“ kann übersetzt werden  mit verdächtig, suspekt, argwöhnisch, verräterisch, ulkig. Würde man einen dertartig formulierten SIcherheitshinweis in Berlin an öffentliche Wände tapezieren hätte die telefonische Annahmestelle für Beobachtungen der Bürger sicherlich heiße Leitungen, weil die ganze Stadt voll mit suspekten, ulkigen Menschen und Erscheinungen ist. Aber London ist was das angeht genauso flippig und somit fällt hier „ausgewöhnliches“ wohl unter normal und ruhiges und langweiliges unter ungewöhnlich. Ich nehme mir vor Watson und Holmes bei dieser Gelegenheit mal zu besuchen und das  mysteriöse London-Thema bei einer Tasse Tee zu vertiefen. Diese Stadt macht es spannend und man fragt sich ob Filme und Bücher Vorlage für Straßennamen sind oder umgekert : Bond Street, Kings Cross, Baker Street, Queensway, Marble Arch, Holloway Road, Waterloo, Elephant & Castle, Piccadilly Circus.  Nach einem kurzen Puff und Pflutsch bin ich auch auch schon in Marias außergewöhnlichen WG angekommen. Hier teilen sich ein weißer Kater namens Snowie mit Riechfetisch, ein arbeitswütiger, meist im „lockerem“ Hemd bekleideter selbstbewusster Single-Mann im besten Familiengründungsalter mit Wurzeln in Sri Lanka und meine gastfreundliche Chefin des Ladens Maria zwei Zimmer auf wenigen Quadratmetern in Notting Hill….aaaah…ja genau NOTTING HILL.

Ich bekomme für die nächsten Tage die Ledercouch gestellt, welche wohlgemerkt keine Schlafcouch ist und mir schlaflose, rutschige, quietschende Nächte bereitet.

Maria entspricht optisch meiner Vorstellung einer typischen englischen Lady und würde ich sie nicht persönlichen kennen und nur auf ein Gemälde von ihr schauen, so sollte man meinen spräche sie mit einem vornehmen britischen Akzent, trägt altrosa- oder himmelblau-farbende Kostüme und trifft sich Nachmittags zur Teestunde mit ihren gleichaltrigen Freunden, um den neusten Klatsch und Tratsch über die „Royals“ das Königshaus aus der sogenannten „Yellow Press“, bei uns die sogegannte BILD-Zeitung, auszutauschen. Die Wohnung ist klein, kuschlig und überdekoriert mit allerlei Kitsch und Krempel, welchen man zum gemütlichen Teetrinken und Bücherlesen an kalten, verregneten Tagen benötigt. Aber Maria ist keine gebürtige Britin, sondern ist in Argentinien geboren und aufgewachsen. Darum treffen all diese hübschen Klischees auf sie nicht zu, ihr starker Akzent verrät sie. Zudem hab ich sie in einem Hostel, welches gleichzusetzten mit einer Jugendherberge in Deutschland sein dürfte, kennengelernt. Sie geht in die Disco, besucht hippe Flomärkte, „shoppt“ verrückte Kleidchen, schreibt eifrig Kurznachrichten, ist im Internet aktiv, verknallt sich, verliebt sich, verknallt sich wieder neu und lacht ganz laut wie ein Schulmädchen nachdem man ihr einen „Pausenwitz“ erzählt hat. Aufgrund eines Hanidcaps besteht nun ihr Job darin ausschließlich ihren Papa und irgendwie auch ihre tierischen und menschlichen Mitbewohner zu umsorgen und so Weltenbummler wie mich herzlich zu empfangen. Ich bin ein willkommender Gast, eine willkommende Abwechslung, das lässt sie mich spüren, wie schön.

Ob Snowies Fellweste so schneeweiß ist wie seine Namensgebung erhoffen lässt bleibt zu hoffen. Neugierig beschnuppert er mich und meine Sachen und die Betong liegt dabei auf „gierig“. Ich glaube  von der ver-„katerten“ Version des Jean-Baptiste Grenouille aus dem Roman „Das Parfum“ von Patrick Süskind umschlichen zu werden. Gierig nimmt er alle meine Gerüche auf und im Laufe der nächsten Tage hat er mich von Kopf bis Fuß inklusiver meines Reisegepäcks und Dreckwäsche beschnuppert.
Von dem Gedanken eigene Haustiere aufzunehmen und zu pflegen habe ich mich nach dem Tode meines Meerschweinchens verabschiedet. Somit genieße ich die Gelegenheit endlich mal zu erforschen und leibhaftig zu erleben wie es nun ist mit einer Katze zusammen zu leben. Mit großem Interesse amüsierte ich mich über die bekannte Internet-Video-Serie „Simons Cat“ und kann bestätigen, dass es zwar den Anschein macht die Serie wäre frei erfunden und übertrieben zum Amüsement der Zuschauer inszeniert, aber Katzen sind in Wirklichkeit sehr eigenartige Wesen die auf vier Pfoten durch dein Leben schleichen und dir ständig im Weg rumliegen oder auf deiner Tastatur Ihre morgentlichen Gymnastikübungen machen, sich morgens noch vor dem Aufstehen vor deinem Bett mir grausamen Geräuschen und krampfartigen Maul- und Körperbewegungen übergeben, miauen und nerven bis man bei einem Blick in ihre großen Kulleraugen und beim Streicheln über ihr weiches Fell, dann doch wieder weich wird. Warum Katzen-Videos im Internet der Renner sind wird mir immer verständlicher und die Frage warum sich schon viel zuviele Zeilen nur um dieses Wesen drehen und es ganze Katzenbücher gibt soll sich auch nicht mehr stellen . Am Ende lass ich mich von diesem Monstrum in weiß dann doch zu seinem „Selfie“ überreden äh – miauen.

Nach eher weiniger duten Eindrücken die London nach einer Sprachreise in der zehnten Klasse und einem Tagesausflug wärend einer England Hausbootreise mit meinen Eltern vor schier etlich langer Zeit hinterlassen hat, zeigt mir Maria nun das wundersam anmutende London. Bei angenehm frühlingshaften Wetter schlendern wir über einen sich über mehrer Straßen ausgebreitenden hippe-Altkleider- und gebrauchte-Fundstücke-aus-der-Erinnerungsschatzkiste Flomarkt. Ich scheine mich auf einer Zeitreise zurück in die 50er Jahre zu befinden,  Frisuren, Stimmung, Musik, Farben, Gerüche und Stadt- sowie Straßenbild verstärken den Eindruck. London ist „Vintage“ pur und ich wundere mich nicht, dass hier kreative Menschen wie Jamie Oliver, die Beatles  oder Amy Winehouse zu ihrer Entfaltung kamen.  Die Straßenmusik ist massentauglich und hätte auch eine Berechtigung zum Pophimmel aufzusteigen, das Niveau ist hoch, die Konkurrenz demnach stark.

Maria holt mich wieder in das moderne Zeitalter zurück, als wir das galaktisch große  raumschiffartige Einkaufszentrum „Westfield“ betreten. Hier bekommt ALLES, zumindest sagt einem das die hypnotische Wirkung der Architektur. Denn man bekommt alles, was man nicht oder noch nicht braucht.

In Great Britain muss man sich nicht wie in Deutschlands Hauptstadt von einer Berliner Schnauze an der Kasse zurechtweisen lassen, man kann wahlweise auch an einem plapperndem Automaten seine Einkäufe selbst scannen, bezahlen und einpacken. Da ich das System noch nicht kenne benutze ich es entsprechend mit gewisser positiver Aufregung und Spannugsgefühlt und scanne freudig meinen Einkauf ein. Ob ich wohl extra viel Kleinkram einkauft habe zum „einpiepsen“…Piep…grins und freu.

Eine weitere Innovation, zumindest in meiner kleinen Welt, ist der Katalogladen. Hier stehen auf wenigen Quadratmetern die Kunden hinter Pulten mit Bleistift und einem dicken Katalog, vergleichbar mit unserem Quelle- oder Otto-Katalog. Man sucht sich also vor Ort einen Artikel aus dem Katalog aus, bezahlt den gewünschten Artikel an einem Automaten und bekommt die Ware direkt und sofort aus dem angrenzdem Lager ausgehändigt. Der Laden selbst ist im Verhältnis zu seinem Angebot winzig und das Angebot überwältigend, weil die Sachen platzsparend im hinteren Teil des Geschäfts gelagert und nicht präsentiert, umgeräumt oder vor neugierigen oder tolpatschigen Kunden geschützt werden müssen.

Als ich mir meine Reisefrisur in einem gaaaanz normalem Frisur bei dem noch nach pauschal nach Haarlänge bezahlt wird stutzen lasse, habe ich die London-Aufnahmeprüfung wohl bestanden.  Einen Tag erkunde ich das touristische London und erschreckend stelle ich fest, dass ich mich an nichts davon erinnern konnte und wieviel Zeit seit meinem letzten Besuch in London vergangen sein muss. Es lag bereits ein beachtlich gutes Stück Leben hinter mir. Sooo kurz war das Leben also gar nicht , aber vielleicht lag das auch nur am Betrachtungswinkel des Moments.

Hungrig jage ich mir in einem Supermarkt auf dem „Heimweg“ zu meiner London-WG Futter. Versteckt und nahezu unscheinbar zwischen kurzzeitigen Angeboten am Ende des schmalen Regalgasse entdecke ich ein paar wenige Packungen „Twinkies“. Bisher kannte ich die Miniküchlein, denen man nachsagt ewig haltbar zu sein,  nur aus amerikanischen Filmen.  Ich wünschte mir an miesen Tagen wie Wall-E’s kleiner Freund die Kakerlake mich in den mit Vanillecreme gefüllten Löchlern des Törtchens zu verkriechen und einen Nacht in diesem Schlaraffenland zu verweilen.

Am Abend erhoffe ich mir Rat bei Maria beim gemeinsamen Speisen zu holen. Eine erfahrene Frau sollte doch wissen, wie ich mich in meiner verqueren Liebessituation zu verhalten habe. Schließlich habe ich mein Herz gerade aus der Reparaturwerkstatt in einem neuartigen Zustand abholen können und ich hoffe den nächsten TÜV ohne Beanstandungen zu bestehen. Also was wollen wir,  oder doch erst mal die Frage…was wollen wir nicht.  Hallo Herr schlechtes Gewissen. Wie geht es ihnen heute. Oh…schlechte Laune. Wir wollten, „eigentlich“, keinen jüngeren Mann, nicht mal eine Stunde durfte er jünger sein. Wir wollten keine Fernbeziehung, weil sich unter diesen Umständen so schlecht zusammenwohnen lässt und der Nestbautrieb dann unbefriedigt bleibt, hach wie herrlich rational ich doch sein kann. Wir wollten jemanden mit dem man stundenlang, angeregte Gespräche führen kann, auf einem mehr oder weniger interektuellen Niveau, was gute bis sehr gute Deutschkenntnisse und Ausdrucksfertigkeiten vorraussetzt. Man möchte frei seine Kunst und Hobbies ausüben können und sich in allen möglichen Formen ausdrücken. Man muss damit leben können, dass ich wohl nie eine gute Hausfrau sein werde.
Mein schlechtes Gewissen begafft mich kritisch durch die halbblinden Augen. Es hat eine wunderbare Mauer um mein Herz gebaut und dazu noch mit Lichtschranken und hochagressivem und kühlem Sicherheitspersonal versichern lassen. OK Katja, all deine sogenannten Ansprüche sind vielleicht ganz vernünftig. Und was willst Du wirklich? Es soll nicht einfach sein, es soll sich richtig anfühlen. Lieben und geliebt werden, erhört werden, „Zuhause“ ankommen, so sein können wie man ist und sich frei äußern können. Emotionen, nicht einfach sondern echt. Vielleicht sollte mir jetzt das wunderbarste und spannenste passieren was es gibt auf einer internationalen Ebene… ach Maria…sag doch was…und triff eine Entscheidung für mich…ich habe wieder angefangen zu denken, ohoh…ich denke wohl schon an meine Heimkehr und Rückkehr zu allem…

Teil Zwei der Norland-London-Saga folgt…

durchatmen, heimisch, Sinnemanie

Musik-Tipp zum Beiträg: Get Back (von The Beatles)

Sinnemanie in Paris

ParisS Metropole der Kontraste

Sinnemanie in Paris
Sinnemanie in Paris

Ein schläfriger Blick auf die Uhr, Mist verschlafen. In knapp dreißig Minuten fährt mein Zug nach Narbonne ab und ich liege noch ungewaschen im Bett. Wo ist überhaupt der Bahnhof? Ich habe ein Gedächtnis wie ein Fisch und nachdem ich mit meinem englischen Freunden ein paar Runden durch das Labyrinth der Innenstadt gelaufen bin und wir uns den Vorabend schon den Weg zurück erfragen mussten, kommt in mir das vergessene Stressgefühl von Panik auf. Schnell Klamotten übergeworfen, meine Füße zurück in die stinkigen Schuhe geschoben, Hostelschlüssel in den roten Metallbriefkasten für Frühaufsteher geworfen und eine sehr unpersönlich schmutzige und schnelle Verabschiedung per Zuruf von meinen Freunden aus England. Ich haste nach Orientierung suchend zum Bahnhof.

Fräulein Pessimismus mischt sich ein, ich habe sie nicht vermisst: „Hör uff zu rennen, dit schaffste eh nich mehr!“ PAH, der Zug steht noch am Gleis, ich springe hinein…der Zug fährt los, ich bin wieder durchgeschwitzt, errötet aber glücklich.

In Narbonne bekomme ich einen TGV-Anchluss-Schnellzug nach Paris. Ich habe keine Reservierung und suche mir einen beliebig freien Platz, den ich immer mal wieder für zusteigende Gäste mit Reservierung freigeben muss, etwas nervig zugegebenermaßen. Im Abteil sitzt auch eine Mutter mit zwei spielenden Kindern. Mutti ermahnt die spielenden und glücklich lachenden Kinder ein wenig zu oft mit einem nervigen Zischgeräusch. Die Geräusche der Kinder nerven mich nicht, das Gezische der Mutter hingegen sehr. Am liebsten würde ich einmal wütend zurückzischen. Ich setze meine Kopfhörer auf und habe Ruhe. Schön wär‘s. Das TGV-Fahrscheinkontroll-Personal in knapper, strenger, blauer Montur ist in Anmarsch. Mein Fahrschein reicht nicht, ich brauche eine Reservierung. Ich schaue in ein strenges Gesicht ohne Falten, weil es niemals lächelt. Sie erinnert mich an eine ausgehungerte, schlecht gelaunte Naomi Campell. Eingeschüchtert zeige ich ihr meinen Fahrplan, der ausdrücklich keine Reservierung vorsieht. Böse durchwühlt sie meine Unterlagen, um mir zu beweisen dass ich ein Schwerverbrechen begangen habe. Ein freundlicher Kollege kommt zu Hilfe und bestätigt zwar, dass ich nachzahlen muss, aber dass ich auch falsch beraten wurde und es somit nicht weiter schlimm sei. Frau Streng lächelt immer noch nicht, sie sieht in mir den dummen schlecht informierten InterRail-Jugendlichen, der zudem kein Französisch spricht.

In Paris angekommen, folge ich dem Seifengeruch bis zu einem Fahrkartenautomaten. Das Pariser Netz des öffentlichen Nahverkehrs grenzt an Wahnsinn oder der Designer, der die Karte entworfen hat, ist ein Chaostheoretiker. Immerhin ist die Benutzerführung unter anderem auch ins deutsche übersetzt worden, der Weg zur Fahrkarte wird durch diese nette Zusatzfunktion jedoch nur minder erleichtert. Da ich nicht in der Lage bin, den Übergang von einer Bahnlinie zur anderen auszumachen, beschließe ich die 500 Meter zum entsprechenden Gleis in Zuhilfenahme meines Navigationsinstrumentes zu laufen, um eingequetscht zwischen Schenkeln und meiner eigenen Tasche bis zur Rue La Fayette zu fahren. Hier muss ich beim Klang der Straßennamen nicht wie in Barcelona an eine Speisekarte mit würzigen Gerichten denken, dafür an eine übergroße Pralinenschachtel, man weiß nie was wirklich drin ist und ob es gut schmeckt. Damit ist Paris auch schon passend beschrieben. Gute Verpackung, rästehafter Inhalt, man hat ein oder zwei Lieblingssorten und der Rest ist Geschmackssache oder wird irgendwann gammlig bis zum Verfall, wenn es nicht vorher kleinen Tieren zum Opfer fällt.

Ich finde mich im verruchten Teil von Paris wieder. Fünf Minuten stehe ich auf dem Fußgängerweg und schaue mich nach dem Hostel um, bis ich merke dass ich direkt davor stehe. Die Rezeption ist die Theke der Hosteleigenen Bar oder des Bareigenen Hostels, wo neben dem Papierkram dann auch gleich das Begrüßungsgetränk gereicht werden kann. Ich habe mich wieder mal für das Zimmer mit der größten Bettenkapazität entschieden, um Geschichten und Erlebnisse zu jagen. Das vier mal fünf Meter große Hostelzimmer dient als Herberge für 13 Mädchen und Jungen aus allen Kontinenten. Ein Amerikaner erzählt mir begeistert von seiner Leidenschaft zur deutschen Sprache und rattert mir seine Vokabelliste runter. Ich versuche wach zu bleiben. Trotz der für die Fläche hohen Personendichte ist das Zimmer sehr ruhig, auch Nachts schnarcht hier keiner.

Ich beschließe, einen großen Spaziergang zum touristischen Kern von Paris zu unternehmen. Beim Späti gegenüber kaufe ich Fisch und Limo, beides aus der Dose und setze mich an den mit Graffitimauern und zerstörten Betonbauten gebetteten Flusslauf. Stolz erfüllt mich, dass ich gerade so ganz untypisch und gegen alle romantischen Vorstellungen von Paris mein Picknick auf einem Baumstumpf vollziehe. Der Stolz soll nicht lange anhalten. Als ich merke dass der Baumstumpf durchnässt ist und somit auch mein Hosenboden, darf ich die nächste Stunde mit peinlichem Pulloverwickeln um meinem Hüften durch die Stadt wackeln. Da ich immer noch Hunger verspüre, stärke ich mich vorsorglich, da ich wahrscheinlich kein günstiges Restaurant ausmachen werde, mit einer noch heißen Baguette-Stange und einem großen Stück Käse aus dem Supermarkt. Mein Mahl stellt sich als äußerst schmackhaft heraus und da sitze ich nun wie eine Königin der Straße, schmatzend und krümelnd auf meiner grünen Parkbank mit Taschenmesser und Rucksack.

Ich schaue mir aus touristischer Tradition dann auch widerwillig den Eiffelturm bei Nacht an. Überraschenderweise werde ich dort doch tatsächlich von zwei Parisern, einem 22-jährigem und einem jung gebliebenem 48-jährigen, angesprochen. Ich frage mich was Einheimische hier zwischen all den Touristen zu suchen haben. Sie wollen Menschen kennenlernen. Na was für ein Glücks-Treffer, das will ich auch. Wir unterhalten uns darüber was denn nun dran ist an dem Mythos Paris, „der Stadt der Liebe“. Der „Erwachsenere“ von den beiden spricht recht gut englisch, während der sabbernde Jüngling wie ein paarungswilliger Köter oder doch eher wie eine rollige Katze neben mir her läuft. Ich finde soviel heraus, dass zumindest die beiden Herren der „Liebe“ recht offen und freizügig gegenüber stehen. Paris definiert Liebe wohl als etwas, was man praktisch mit jedem und möglichst schnell und nach aktuellem Bedarf und Befinden teilen kann. Ich prüdes Dorfkind,  in Berlin dann doch letztendlich „aufgeklärt“ und für „weltoffen“ geschult und ausgezeichnet, bin nicht recht überzeugt und spreche die hohen Scheidungsraten in Paris an. Deutschland liegt in der Mitte zwischen dem feurigem und eifersüchtigem Süden und dem zurückhaltenden und treuem Norden. Einige länderspezifische Klischees werden auch nach meiner Reise bleiben, befürchte ich, wollte ich doch ergründen woher die unterschiedlichen Wertevorstellungen kommen.

Ich lese von einer Krankheit, dem sogenannten „Paris-Syndrom“, dem japanische Touristen in Paris erleiden, wenn sie feststellen müssen, dass Paris doch nicht so schön ist wie sie es sich erträumt hatten und wie es ihre Verwandten so aus dem fahrendem Bus „schön abfotografiert“ hatten.

Der reife Mann kann sich noch beherrschen und ist bereit mich noch zum Bus zu bringen, sein erregter Freund hängt halb an mir, immer mal wieder abgelenkt mit hängender Zunge nach sich bückenden Frauen in Leggings lechzend. Noch nie habe ich soviel Geilheit in Person vor mir stehen sehen. Ich bin mir nun sicher, dass wir mehr tierisch sind als wir zugeben wollen. Ich bin angewidert und amüsiert zugleich.  Ich glaube,  in einem Moment auch Mitleid für den armen Jungen zu empfinden, der seinen Gelüsten scheinbar ausgeliefert ist. Einige meiner Fragen die ich mir zu Beginn der Reise gestellt habe, sind schon mal beantwortet.

Verängstigt vom Tarif- und Verkehrsnetz sitze ich dann endlich im Zug Richtung Nachtlager. Der große schwarze Riese aus dem Film „The Green Mile“ sitzt lächelnd vor mir und sieht meine Angst. Er erklärt mir das Verkehrsnetz und beruhigt mich, in dem er mir verspricht mir ein Zeichen zu geben, sobald wir meine Station erreicht haben. Er hält sein Versprechen. Es gibt auch nette Menschen in Paris, aber von dem großen schwarzen Riesen mit den treuen Augen habe ich auch nichts anderes erwartet.

Ich drehe wieder meine Achten auf dem Weg zur Hostelpforte. Auf der Ecke fragt mich ein Franzose nach dem Weg. Einen wirklich typisch aussehenden aalglatten, dürren weißen Franzosen mit zurückgegeelten Haaren und gebügeltem Anzug habe ich bisher noch nicht gesichtet. Pariser scheinen in der ganzen Welt ihre Wurzeln zu haben. Tarek ist Berufssoldat und berufsbedingt in der ganzen Welt unterwegs. Er würde mich gerne wiedersehen und ich wittere wieder eine Chance auf einen Fremdenführer, wie Miguel aus Barcelona.

Am nächsten Tag gehe ich wieder ohne Plan los und lande gleich im Ghetto von Paris. Zunächst lasse ich mich blenden von den zahlreichen tollen Kleidern. Ich bin eigentlich überhaupt kein Mädchen im klassischen Sinne und trage ungern Kleidchen. Vielleicht hat das Reisen mein Selbstbewusstsein und Köpergefühl verändert. Ich erstehe gleich zwei Kleider. Die Kleider sind mit zehn Euro ausgepreist. An der Kasse soll ich mehr als das dreifache zahlen. Die Frau denkt wahrscheinlich mich dumme Touristin schön übers Ohr gehauen zu haben. Ich bin der Meinung dass die Kleider durchaus den Preis wert sind, den sie letztendlich von mir verlangt. Für zehn Euro kann doch eigentlich niemand ein Kleid herstellen, denke ich mir. Mich erzürnt nicht der Preis, vielmehr dass die Frau mich erst lobt und betüddelt wie gut ich in dem Kleid aussehen würde, um mich dann noch einmal bei dem Preis zu belügen . Ich verhandle mit mir selbst und der Preis ist in Ordnung und das Kleid ist auch schön. Ich versuche meinen Ärger damit schnell zu verarbeiten.

Mein Retter in aller Not mein ultra-moderner Fernsprechapparat soll mir Orientierung geben. Eine Dame kommt auf mich zu und rät mir das Gerät schnellstmöglich sicher zu verwahren, diese Gegend wäre gefährlich und ihr hätte man ihren ultramodernen Fernsprechapparat schon einmal aus der Hand gerissen.
Ich rette mich auf eine Parkbank um meine Sachen zu sichern. Der ergraute und verwundete 50-jährige Leo setzt sich neben mich. Er wurde in der vergangenen Nacht von Ausländern attackiert und mit einem Messer verletzt. Er wurde im Krankenhaus nur notdürftig behandelt. Er trägt noch das Patientenarmband, seine nackten Füße in den Sandalen sind blutig, auf seinem T-Shirt und seiner Hose kann ich auch einige Bluttropfen entdecken. Er spricht mich an, für Ignoranz und weggehen ist es nun zu spät. Wir unterhalten uns. Zu meinem und besonders seinem Glück bin ich Deutsche. Leo hatte einen russischen Vater und eine deutsche Mutter. Sein Herz schlägt für Deutschland und er strahlt mich an. Er meint es wäre eine schicksalhafte Begegnung zwischen uns beiden nach seiner Krankenhausentlassung. Leo verkaufte Jahrzehnte  Autos in der ganzen Welt und hat damit ausreichend viel Geld gemacht. Die Frauen flogen immer auf ihn. Ich weiß dass er nicht protzt, als ich in ihm etwas von Robert Redford in einer Cowboy-Rolle zu erkennen glaube. Da Leo 15 Jahre in den USA gelebt hat, spricht er sehr gutes Amerikanisches Englisch. Seit sechs Monaten lebt er hier in Paris, im Gesprächswirrwarr kann ich nicht rausfinden was ihn bei aller Liebe zu Deutschland nun ausgerechnet in diese erbärmliche Stadt getrieben hat, der es offensichtlich an einer ordentlichen medizinischen Versorgung und sozialem Gerüst sowie Gastfreundschaft und allgemeiner Freundlichkeit mangelt. Ich sehe hier sehr viele Obdachlose allen Alters, auch Mütter mit ihren Säuglingen, die auf den Straßen kampieren. Immerhin hindert man sie nicht daran ihr Zelte aufzuschlagen. Leo spricht größtenteils Englisch und mischt Französisch, Russisch und Deutsch dazwischen. Ich soll doch bitte Deutsch mit ihm sprechen, er liebt das so sehr. Er will mir die Stadt zeigen, da er verwundet ist kommen wir nur sehr langsam voran. Wir bekommen Hunger. Ich lasse ihn in einem Supermarkt unser Mittag zusammensuchen. Graubrot, eine dicke Scheibe fettige Leberwurst, eine Stange Salami und kräftiger Rotwein. Ich möchte noch eine Flasche Wasser für uns beide. Er isst nur sehr langsam aber genüsslich. Den Wein trinkt er wie Wasser weg und ich muss ihn zwingen auch einen Becher Wasser zu trinken. Die Argumente Hitze und frisch aus dem Krankenhaus entlassen überzeugen ihn nicht, er trinkt es stattdessen mir zu Liebe, weil ich aus Deutschland komme und nett bin. Als nächstes will er mit das Moulin Rouge zeigen. Uns will beiden die Hauptdarstellerin der gleichnamigen Musicalverfilmung nicht einfallen. Leo hat keinerlei Hemmungen jeden beliebigen Passanten nach der Besetzung zu fragen. Viele wollen nicht mit ihm reden und bringen das manchmal auch durch Ignoranz oder klare Worte zum Ausdruck. Jetzt erlebe ich,  wie es sein könnte, wenn ich mich mal dazu überwinden sollte Fremde anzusprechen. Es ist nicht schön, aber Leo nimmt es gelassen, vielleicht spürt er die Verachtung auch nicht mehr. Im Moment ist er nur stolz und meint es würden uns alle respektvoll anschauen. Wir sind ein ungleiches Gespann, wohl war und irgendwie auch respekteinflößend, jedoch nicht beängstigend. Leo bittet mich noch Zigaretten für ihn zu kaufen, damit er sich nicht alle fünfzig Meter eine schlauchen muss. Ich habe Verständnis, dass es sich hierbei um eine Sucht handelt, aber ich möchte ihm keine Zigaretten kaufen, entgegne ich ihm schüchtern. Ich erkläre ihm, dass wir für das Geld einer Zigarettenschachtel zwei Tage oder mehr essen könnten. Er kratzt sein ganzes Kleingeld zusammen und kauft sich die billigsten Zigaretten, die er im Tabakgeschäft erstehen kann. Er möchte mich mit Menschen in Paris in Kontakt bringen und spricht für mich ein junges französisches Pärchen an, damit ich mit ihnen französisch spreche. Das Gespräch mit den typischen Anfängersätzen ist künstlich und irgendwie albern. Ich warte nur dass sich das Pärchen gelangweilt von der Unterhaltung verabschiedet. Nach über drei Stunden mit Leo möchte ich alleine weiterziehen, ich hatte genug Gesellschaft für heute und sehne mich wieder nach meiner Einsamkeit. Ich verabschiede mich, Leo gibt mir traditionell zwei Küsschen auf die Wange.

Ich schmeiße meine tragbare Musikkiste an um mich vor weiteren Gesprächen zu schützen. Ich spiele immer wieder ein Lied in der Schleife ab und achte darauf, wie das Lied klingt wenn sich Ort und Stimmung der Stadt zu verändern scheinen. Mit Menschen durchströmte Straßen, dreckige Gassen, Prunkbauten im goldenen Sonnenlicht, edle Boutiquen, Graffiti und Schmutz, der Blick auf campierende Obdachlose,  edle Restaurants mit glänzendem Silberbesteck und aufwändig gefalteten Servietten, eine obdachlose Mutter mit ihrem Säugling eingehüllt in Decken, wohlriechende quietschbunte Frisiersalons mit lächelndem Personal, beleuchtete Prachtbauten, hippe Menschen die sich an der Seine mitten in der Woche nach Feierabend mit Ihren ebenso hippen Freunden zum Picknick treffen, knutschende Pärchen im Mondschein auf den von der Nachmittagssonne erwärmten Asphalt, die schimmernde Seine… Endlich erblicke ich in der Ferne einen meiner Klischee-Vorstellungen entsprechend aussehenden gestriegelten Franzosen, mit glatten braunem Harr, blauem Anzug, Krawatte und weißem faltenfreiem Hemd. Dieser Franzose speist vermutlich auch in einem dieser oft sehr menschenleeren überteuerten Restaurants mit schneeweißen Tischdecken und blankpolierten Kristallgläsern. Zehn Meter weiter, ich muss meine Halswirbel kaum einen Millimeter bewegen, liegen fünf reglose, schlafende Körper quer über dem Fußweg, als wären sie einem verbotenem sehr starkem Rauschmittel verfallen und würden nun den dunklen Dornröschenschlaf halten, bis ein böser Polizist sie verjagt oder eine Kehrmaschine sie zur Seite schiebt. Zwischen ihnen steht eine Kiste vergammeltes Obst. Wieder ein Fall für sie Mister Watson.

23 Uhr Nachts erreiche ich nach einem langen Marsch wieder mein Hostel. Ich wollte in der Bar noch meinen Reiseblog schreiben und dann auch bald ins Bett, da am nächsten Tag meine Reise in den Norden weitergehen sollte. Die Bar würde bald schließen. Ein Hostelmitarbeiter fragt mich, ob ich nicht mit ein paar anderen noch in eine Bar in der Nähe seinen Feierabend verleben möchte. Ich wittere eine gute Geschichte und willige ein. Die Tür zur Bar ist verschlossen und scheinbar wird nur Freunden des Hauses Zugang gewährt. Wir verschaffen uns mit einem Klopfzeichen Zugang. Was hinter den Türen passiert,  soll wohl auch verschlossen bleiben. Ein paar Schlagworte: Legale Rauschmittel, schummriges Licht, Jazzmusik und Pariser Liebe… Ich erinnere mich an die Szene aus dem Film „Das Parfum“ als Grenouille gegen Ende der Geschichte alle Menschen auf dem Marktplatz verführt und alles wird sehr langsam und unwirklich. Am nächsten Morgen wache ich nur in einem weißen Leinentuch gehüllt in einer fremden Wohnung auf. Ich erinnere mich noch wie ich hergekommen bin, aber noch unsicher ob die Erinnerungen gut sind. Die Nacht hat mir Fragen zu meiner Vergangenheit beantwortet. Ich war ein Stück freier und konnte jemandem verzeihen. Ein kleiner Welpe zerrt an mir und beißt mich. Ich kämpfe bestimmt dreißig Minuten mit dem wilden Knäul. Es ist kurz nach acht Uhr, ich bin noch sehr müde und glaube noch einmal kurz die Augen schließen zu müssen. Über eine Stunde später wache ich auf, das Knäul liegt schlafend neben mir. Ich ergreife die Gelegenheit und versuche mich aus der Wohnung zu schleichen. Die Tür klemmt oder ist verschlossen. Meine beiden Bettgenossen wachen auf. Der Hausherr öffnet mir die Tür, Fräulein werfe ich einen raschen Handkuss zu. Im Rausch suche ich mir den Weg zurück zu meinem Hostel. Meine Gewissen sind schweigsam, scheinbar beide noch im Rausch. Meine angetrunkene Mitte entscheidet,  meinem Freund von meinem Erlebnis zu berichten im Wissen, dass es ihm nicht gefallen wird. Das Urteil, ich sei widerlich und wäre nun frei, ist binnen weniger Sekunden gefällt. Mein Gewissen wollte auch nicht mit mir reden, es hielt sich komplett raus. Na toll, wenn man eure Meinung mal braucht, dreht ihr euch teilnahmslos um und lasst das Herz dumm daher quasseln. Nach meiner Freisprechung fühle ich mich so gar nicht frei. Da ich meinen Zeitpunkt des Auszuges aus dem Hostel verpasst habe, buche ich eine zusätzliche Nacht, ernte dafür ein Grinsen von der Hosteldame und verbringe den Tag mit meinem Fernschreiber in meinem Bett. Mein eigenes Gewissen sprach nicht mit mir, und mein personifiziertes schlechtes Gewissen saß jetzt gerade in einem Bus in einem weit entfernten Land und wollte auch nicht mehr mit mir reden, nachdem das Urteil gefallen war. Wer glaubt, Worte können quälen und verletzen, der sollte erleben wie quälend Schweigen sein kann. Die Männer in meinem Leben wollten das nie begreifen, wie quälend Schweigen ist, wenn einer alles zu wissen glaubt und die andere Seite tausend Fragen im Kopf hat, die alle gleich wichtig sind und nach Lösungen schreien.

Am Abend habe ich meine Sinne soweit wieder beisammen und besinne mich unter anderem wieder meiner Reise und meinen Zielen, die ich mir vor der Abreise gesteckt hatte. Ich musste raus ins Freie und entdecken. Ich machte mich noch einmal auf,  in der Hoffnung einen guten Aussichtspunkt für Fotos mit Blick über Paris zu finden. Auf dem Weg zum Sacré Cœur de Montmartre spricht mich ein Franzose reiferen Alters an. Er spricht natürlich kein Wort Englisch und zu meinem Leidwesen auch kein deutsch. Er will sich aber unbedingt mit mir unterhalten und mich zu einer Cola zu sich in die Wohnung einladen, als ich ihm verständlich machen konnte,  wo ich hin möchte. Ich konnte verstehen, dass er in der Nähe meines Ziels wohnt. Er kriegt mich irgendwie dazu überredet, seine Wohnung zu betreten.  Ich kontrolliere jedes Schloss, jede Tür und jede seiner Bewegungen. Sichtlich verängstigt sitze ich auf der Kante seines Sofas in einer engen Singlewohnung. Ich zeige auf seinen weit geöffneten Kühlschrank, der ja so seinen Zweck nicht erfüllen kann. Er lacht und zeigt mir einen zweiten Kühlschrank gegenüber. Da wir sprachlich nicht in der Lage sind uns zu unterhalten, schaue ich mich suchend um. Ich zeige auf seine kaputte Uhr. Die Zeiger stehen still. Ich lacht wieder und er zeigt mir eine Uhr exakt gleichen Models auf der anderen Seite des Zimmers, sie hängt genau gegenüber von der kaputten Uhr. Irgendwie scheint in dieser Wohnung alles in doppelter Ausführung in kaputt und funktionierend zu geben. Jetzt kann ich gar nichts mehr sagen. Die Cola reicht er mir zum Glück in einer verschlossenen Dose. Als er mir die selbst gemachten Eiswürfel reicht, bekomme ich Panik und möchte gehen. Ich verabschiede mich eingeschüchtert und verlasse eilig das Haus mit einem Rest an Höflichkeit.

Im Hostel angekommen gibt mir der Barmann nach meiner Leidensgeschichte einen Trostwein aus und ist irgendwie so völlig auf meiner Seite. Na klar ist er das, er ist Pariser aber selbst meine Freunde wollen mir kein schlechtes Gewissen machen und ich selbst sah nur meine Mission. Am Abend soll mir Tarek, der mich zwei Nächte zuvor nach dem Weg gefragt hatte, ihr erinnert euch, nun diesen verdammten Weg zum Sacré Cœur de Montmartre zeigen. Es stellt sich heraus, dass er um die Ecke wohnt und die Frage nach dem Weg neulich Nacht somit nur ein Vorwand gewesen sein muss. Ich spreche ihn nicht darauf an, nach dem Nachmittagsstress will ich einfach nur noch wir ein stinknormaler Tourist durch Paris laufen und schöne touristische Fotos machen. Geschichten hatte ich  nun genug gesammelt. Ich ignoriere sein Geflirte und tauche ein ins nächtliche Paris. Die riesige Treppe die zur Hügelspitze des Montmartre und zur Basilika Sacré-Cœur führt  bietet heute hunderten Zuschauern Platz für eine romantisch anmutende Schwarz-Weiß-Filmvorführung auf riesiger Leinwand mit dem bunt beleuchtetem Paris im Hintergrund. Ich wäre jetzt gerne wieder allein, nur ich und meine Kamera. Der Platz um die Basilika ist voll mit Künstlern,  welche Touristen portraitieren, zudem gibt es hier ein Souvenirladen neben dem anderen oder eben ein überteuertes Restaurant oder Café. Ich bin nicht in Stimmung für Gesellschaft und möchte auch schnellst möglich raus aus dieser Stadt, deren Gegensetze spannende Geschichten hervorbringen kann, mich aber auch in zwei Stücke reißt. Filme wie das „Parfum“ und „Moulin Rouge“ haben mich von der leidenschaftlichen Dramatik dieser Stadt träumen lassen, es ist kein Albtraum aber auch kein Kindermärchen oder erotisch-warme Phantasie, aber für eine Künstlerseele eine Musserfahrung.

Erleichert sitze ich nun im Zug Paris- Calais, wo in wenigen Stunden eine Faire in den ersehnten Norden ablegen soll.

Das Musikstück im Anhang lässt mich die Schwere und Zerissenheit wieder spüren, welche Paris in mir hinterlassen hat. Paris ist eine Stadt der Kontraste, der Gerüche, der schönen Kleider, der Sünden. Aber bereuen sollte ich auf dieser Reise nichts, wenn dann sollte ich nur bereuen etwas nicht getan zu haben, so der passende Spruch für Neugierige und Lebenshungrige.

Zerrissen, mitgerissen, Sinnemanie

Musik-Tipp zum Beitrag „Meeting Laura“ sphärisch interpretiert von Melanie Mitranos aus dem Film „The Perfume“

Sinnemanie in Toulouse

Englishmen in Toulouse

 

Sinnemanie in Toulouse
Sinnemanie in Toulouse

 

Ein Popsong von Philipp Poisel und die Tatsache, dass Toulouse eine große Stadt mit einem der wenigen Hostels in ganz Frankreich zu sein scheint, führen mich wieder ein Stück zurück weiter südlich und weg von der geliebten Küste. Zudem erinnert mich „Toulouse“ an eine verrücke Nebenfigur in einem meiner Lieblings-Liebes-Schnulzen „Moulin Rouge“. Jetzt kann man sich vorstellen mit welchen Bildern im Kopf und Erwartungen ich aus dem Zug steige. Und tatsächlich hat Toulouse etwas von einer großen Filmkulisse. Die Sonne prallt wie ein riesiger großer Scheinwerfer auf das recht menschenleere Filmset mit organisiert durcheinander laufenden Menschen und gemächlich fahrenden Autos. Jede Sekunde erwarte ich eine Schießerei oder einen Streit zwischen einem leidenschaftlichen Liebespaar begleitet von eingängiger Jazzmusik aus einem mit dunklem Holzmöbeln ausgestatteten urigem Lokal mit süffigem, gut gekühltem Bier aus einer vergoldeten Zapfanlage mit Pipeline durch das ganze Lokal und Wein der Region aus alten Fässern.

„La Petite Auberge de Saint-Sernin“ – der kleine Gasthof wird mich für die nächsten Tage aufnehmen. Ich teile mir das Zimmer mit drei Engländern. Da die Stadt nicht viel aufregendes zu bieten zu haben scheint, sehe ich mich gezwungen eine Geschichte zu jagen. Ich atme drei mal tief ein und bringe stotternd, holprig meine Frage heraus. „Where are you from?“ Ich hatte nach fast einmonatiger Reisezeit noch nicht wirklich an Mut gewonnen, stelle ich enttäuscht fest. Diese Frage sollte mir jedoch zwei Tage Spaß bringen und vielleicht auch neue Freunde in Europa.

Jack, Adam und Stephen mit „ph“ sind gerade auf einer dreiwöchigen Fahrradtour der extremen Art, die sie von Nord-Spanien aus bis zum französischen Ghetto nach Marseille führen soll. Sie kommen aus dem englischen Städtchen Norwich, die für ihren Senf berühmt ist, so teilen sie mir mit etwas Stolz mit. Jack radelt nun schon das fünfte Jahr in Folge. Das erste mal hat er das sogar allein gemacht. In diesem Jahr konnte er Stephen überreden diesen Wahnsinn mitzumachen. Adams Leitspruch für diese Tour ist wohl dieser: „Quite possibly the single most gruelling challenge I’ve done to date… Both physically and mentally… Worth every turn of the peddles though…. We don’t do these things because they are easy… We do them because they are hard“ (von Adam, frei übersetzt: Womöglich die härteste Herausforderung, der ich mich bisher gestellt habe … körperlich wie geistig … Wissend jede Pedalenumdrehung …. Wir tun die Dinge nicht, weil sie leicht sind … Wir tun sie, weil sie hart sind.)

Die drei sind vom Extremsport in der Dauerhitze gezwungen einen Rasttag einzulegen. Nach meiner kalten Strandnacht entschließe ich mich auch zwei Nächte hier zu verbringen und die Stadt mit den Gentlemen gemeinsam zu erkunden. Wir finden uns schließlich bei einigen Bieren an einem sonnigen Sommerabend in einem Biergarten neben dem Fluss „La Garonne“ mit Blick auf Brücken und Riesenrad wieder. Adam steigt frühzeitig aus der Runde aus. Etwas angetrunken und euphorisiert von den Erlebnissen unserer vergangenen Reisetage beschließen wir trotz Höhenängsten aber mit angetrunkenem Mut das bunt schillernde Riesenrad zu betreten und das nächtlich beleuchtete Toulouse bequem sitzend in drei Umdrehungen zu „begutachten“. Ich hatte dem Anlass entsprechend heute extra Sommerkleid und Tanzschüchen angezogen und rannte aufgeregt mit den Schuhen auf dem alten Asphalt klappernd vor den Herrschaften hin und her. Ich mochte das Geräusch, welches meine Schuhe auf den alten Steinen erzeugten…klappklapp.  Es folgte eine amüsante Bartour unter Gleichgesinnten mit Fern- und Herzschmerzgeschichten, aber auch viel Humor. Leider verstehe ich den englischen Slang (Umgangssprache) nicht immer und bin immer ganz stolz, wenn ich jemanden mit meinen mäßigen Englischkenntnissen trotzdem zum lachen bringen kann

Meine Wanderschuhe setzten nach wochenlangem Intensiveinsatz inzwischen einen „betörenden“ animalischen Duft frei. Ich machte mir Sorgen um meine Zimmergenossen, dass ich sie „erstinken“ könnte, aber glücklicherweise glaubte Stephen ein ähnliches Luftverschmutzungsproblem zu haben. Und wenn wir gerade bei animalischen Gerüchen sind, möchte ich an dieser Stelle eine seltsame Beobachtung mit diversen Vierbeinern und Federvieh oder gar allgemein Tieren kundtun. Kam es in letzter Zeit doch des öfteren vor, dass Hunde sich von ihrem Herrchen entfernten und langsam auf mich zu tapsten, um mich schließlich in all ihrer Ruhe anzuschauen, als würden sie mir ihre Ehre erweisen wollen. Ich konnte mir das bisher nicht erklären, aber da sich die sonderbaren Erlebnisse häuften, dachte ich ernsthaft darüber nach und kam nun schließlich auf die Idee dass es an meinen neuen „Geruch der Freiheit“ liegen könnte, nein nicht die Käsefüße. Es klingt größenwahnsinnig, aber mein türkischer Freund scheint es als erster gerochen zu haben. Es konnte ja kein Zufall sein, dass immer mal wieder ein Pfiffi starrend vor mir stehen blieb und Herrchens Befehle unerhört lies. Tiere können Angst riechen. Ich hatte aber keine Angst mehr und auch keinen Stress. Ich bin frei, das können Hunde und andere Tiere spüren. Lasst mich bitte in dieser Vorstellung etwas herumaalen und erklärt mich erst einmal nicht für verrückt. Es fühlt sich gerade königlich gut an und an anderer Stelle kann ich das sicher noch einmal beweisen.

Am kommenden Tag mit unserem Kater kämpfend suchen wir nach Frühstück. Stephen und ich würden ja gerne etwas landestypischen zu uns nehmen, schließlich verlieren wir den kulinarischen Kampf und müssen uns dann doch in einem bekannten Schnellrestaurant wiederfinden. Stephen und ich sehen uns schmollend gefolgt von einem Grinsen wie zwischen Seelenverwandten an. Es folgt ein Ausflug in den Waschsalon und eine fast albern-verzweifelte Suche nach einem Buchladen mit englischer Literatur, wo uns Jack immer mal wieder verloren geht. Ich glaube er hat sich im „Regal 9 3/4“ versteckt, ich kann ihn einfach nicht mehr finden. Während Adam und Jack versuchen die komplizierte Trockner-Münz-Technik im Waschsalon zu verstehen, schaffen Stephen und ich es doch tatsächlich aufgrund unserer Seelenverwandtschaft uns ein paar Minuten vor dem Waschsalon auf dem Gehweg sitzend und durch die Gegend starrend uns anzuschweigen ohne das es uns unangenehm zu sein scheint. Gewöhnlich überkommt Menschen in Schweige-Sekunden dicht nebeneinander sitzend immer der Drang etwas sagen zu müssen, um die unangenehme Stille zu unterbrechen.
Wir enschtließen uns allesamt im Hostel noch einmal kurz zu entspannen, ich frage nach einem passenden Titel für meinen Blog. Jack wirft sofort seine tragbare Jukebox an und lässt bekannten Brit-HipHop mit deutlich hörbaren britischen Akzent durchs Doppelstockbett-Zimmer schallen: „The Streets“. Alle drei fangen an „mitzusingen“, sofern man das als singen bezeichnen kann, was der Herr Skinner, „Sänger“ von „The Streets“, da runtertextet.

Stephen ist auch Mediengestalter und „Künstler“. Kritisch darf ich seine Website begutachten. Sachlich schicke ich ihm per  elektronischen Benachrichtigungsdienst mein Urteil. Da das Design auf Handys gut funktioniert und alles schlicht und einfach gehalten ist, kann ich nicht meckern aber auch nicht loben, was den Vorteil hat dass es in kein langes Fachgespräch ausartet, schließlich wollen wir uns ja alle erholen.
Am Nachmittag ziehen wir noch einmal los. Unter anderem besichtigen wir das scheinbar einzig sehenswerte, was fußläufig ist und das ist wider einmal ein Garten. In meiner ungebändigten Abteuerlust besteige ich das nächst große, blaue Seilpyramiden-Klettergerüst und winke stolz, mit breitem Grinsen und zitternden Knien oben ankommend meinen englischen Begleitern zu. Das Kleinkind neben mir scheint weit weniger Höhenangst zu haben als ich und versperrt mir den Abstieg nach unten.

Stephen übernimmt schließlich den Part mit der Stadtkarte und ist bemüht mit mir Fotomotive für meinen Blog zu finden. Ich berichte ihn von meinem Glauben, dass es sich bei Toulouse um eine riesige Kulisse handelt. In diesem Moment stehen wir auch schon vor einem Gebäude welches nur aus einer Front besteht und dahinter nur Bauteile und Balken zu erkennen sind, ich glaube ihn damit schon überzeugt zu haben. Vielleicht habe ich ihn auch nur überzeugt, dass ich verrückt bin. Aber auch die Einkaufsmeile wirkt irgendwie gestellt, als sich dann auch noch zwei jungen auf offener Straße prügeln, ist die Szenerie perfekt. Wir biegen in einer Seitenstraße ein und plötzlich ist alles totenstill und menschenleer. Ich frage mich wo der Regisseur sitzt, der offensichtlich das Drehbuch meiner InterRail-Reise schreibt. Ich schaue in den Himmel und denke an „Die Truman Show“. Schon des öfteren überkam mich der Verfolgungswahn, wenn ein Fahrgast in der heimischen U-Bahn mich neugierig anstarrte, ob ich nicht Teil einer TV-Serie wäre. Vielleicht hatte ich deswegen den Drang auch unterhaltsam zu sein, auch wenn ich mit mir allein war, was den Vorteil hatte dass es mir nie langweilig wurde mit mir.

Wir lassen den Abend bei Rotwein und heißen Teigtaschen in einem Restaurant ausklingen. Wir gehen früh ins Bett. Ich muss früh um 8 Uhr meinen Zug nach Narbonne mit Weiterfahrt nach Paris kriegen und die Englishmen haben die letzten und härtesten Etappen jetzt noch vor sich. Ich verschlafe und habe wohl den schnellsten Abgang auf meiner Reise, so dass ich den Jungs im Laufschritt nur noch zuwinken und ein „Bye, see you in England“ zurufen kann, das tut weh. Später merke ich, dass ich meinen in Madrid erstanden BH in der Eile unters Bett geschossen haben muss, wie peinlich und ein herber Verlust für meinen Körper.

 

unterhalten, beschwipst, Sinnemanie

Musik zum Beitrag: „Weak Become Heroes“ von The Streets