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IstanCool Istanbul Teil 1

IstanCOOL – mit 6 Sinnen in 6 Tagen durch Istanbul

Reisebericht Antalya, Türkei 10.-12.02.2016

IstanCool Teil 1 - istanbul Asiatische Seite
IstanCool Teil 1 – istanbul Asiatische Seite

Im Morgengrauen Ankunft “Harem”

Es ist circa 5.30… die Nacht ist im Flug äh im Rollen vergangen. Es ist noch finster in Istanbul, ich könnte überall sein. Wir konnten vorher nicht genau ermitteln, wo genau in Istanbul mein Busbahnhof sein wird. So stehe ich hier auf einem wenigen Quadratmeter großen Hof zwischen einfachen Hochhäusern, Minibussen und wenigen Reisebussen. Ich male Kreise in den Kiesgrund vor einem einfachen gefliesten, kahlen kalten Warteraum in dem vielleicht 30 Leute Platz finden und 20 Reisende auch schon mit gepackten Koffern hocken. Es ist kalt, circa 5 Grad. Ich muss mal Pipi. Die Rezeption ist nicht oder vielleicht noch nicht besetzt. Ich bin orientierungslos, total verunsichert zeige ich dem Bus-Begleitservice meine Fahrkarte und tippe fragend auf die ausgewiesene Endstelle. Mein Blick soll sagen: “Bin ich hier richtig?” Er nickt. Na toll… am A**** von Istanbul. Ich steige in einen der Kleinbusse die mit einer Station beschriftet sind, die meiner Vermutung und Karte nach weit näher an meinem Hostel sein müsste. Der Shuttle-Service mit Minibussen ist wohl inklusive, wenn ich meine Freunde aus Antalya richtig verstanden habe, es fragt niemand nach Geld… alles gut. Ich verharre noch eine Weile in dem eiskalten Bus, nach nur wenigen Minuten fährt die inzwischen voll besetzte Sardinendose durch den schlafenden asiatischen Teil Istanbuls bis an den Bosphorus. Die Fenster beschlagen. Ich verfolge die Wegweiser-Nadel meines Navigators… Bildschirm-Zentimeter für Bildschirm-Zentimeter nähern wir uns dem  Hafen… irgendwas mit “Harem”.
Der Mann neben mir bietet mir ein Pfefferminz Bonbon an und will mir Bescheid geben, wann ich aussteigen muss. Das konnten wir uns mit wenigen Handbewegungen verständlich machen.
An einem Hafenbahnhof steige ich schließlich aus, nachdem ich erfolgreich über Menschen und Taschen zum Ausgang gestiegen bin. Ich bin da. Vor mir erwacht gerade eine Metropole mit uralter Geschichte, Geschichten von tausend und einer Nacht. Andere Sprache, andere Kultur,andere Währung, anderes Essen, andere Werte, andere Emotionen.

Harem - Istanbul
Harem – Istanbul

Istanbul sei nicht wie Berlin habt ihr gesagt. In Istanbul herrsche Chaos, es sei gefährlich. Aber ich bin doch zwei Monate quer durch Europa gereist, wie “anders” kann das schon sein?! Das Bild des ernsthaften strengen Ehemannes und der unterdrückend Frau, sowie Türken-Mafia, Ehren-Morden und Eifersucht ist schwer aus den Köpfen zu kriegen und es ist auch durchaus etwas dran.

Unter dem Deckmantel der Dunkelheit am frühen morgen markiere ich zunächst mal aus der Not heraus mein Revier. Der kleine Dreckhaufen auf einer öffentlichen Steinterrasse gehört jetzt mir. Bei den zahlreichen he­r­um­streu­nenden Katzen und Hunden muss man sich schnell seinen Plätzchen sichern. Ich sehe weit und breit keinen Menschen, eben nur eine Katze die durch ein Loch im Zaun in einen verkommenen, verwucherten Garten schleicht.

Jetzt kann ich entspannt in die Ferne blicken und den beginnenden Sonnenaufgang auf mich wirken lassen, von Chaos ist noch wenig zu spüren. Ich scheine gerade in einer eher reichen Gegend zu sein, die Häuser sind in einem guten Zustand, ein paar Straßen weiter sieht das schon anders aus. Es wird gerade einer von vermutlich unendlich vielen Wochenmärkten aufgebaut, dazu werden von Hauswand zu Hauswand riesige Zeltplanen als Überdachung aufgespannt, jede Straße wird somit binnen Minuten zu einer riesigen Markthalle umfunktioniert….hier wird noch Handel betrieben wie ich es nur aus dem Disney Film Aladdin und die Wunderlampe kenne. Obst und Gemüse aus der Region, gefälschte Marken-Kleidung, Schuhe und Schmuck sowie türkisches Fastfood werden hier meist angeboten.

Üsküdar Istanbul
Üsküdar Istanbul – Aufbau eines Wochenmarkts

Mein Weg führt mich vorbei an prachtvollen Universitäten, einem traumhaft historisch anmutenden Bahnhof und Militärgelände. Vorsichtig werfe ich einen Blick durch die Eingangstore des Militärgeländes und kann sehr junge kleine Soldaten erspähen, vielleicht 13 Jahre alt. Fotografieren des Geländes, auch von außen hinein, ist verboten, darauf weisen kleine rote albern schlecht gestaltete Karikaturartige Hinweisschildchen hin. Die scheinen das ernst zu meinen. Ich versuche es aus Angst vom bewaffneten Wachpersonal mit wachsamen Blick erschossen zu werden erst gar nicht und trauere schon jetzt dem tollen Foto hinterher, welches ich in meinem Kopf bereits abgespeichert habe.

Üsküdar Iistanbul Bahnhof
Üsküdar Iistanbul Bahnhof

Straßen und Fußwege in Istanbul sind steil und holprig, dieses Stadt ist auf Hügeln zwischen zwei Kontinenten regelrecht aufgesetzt worden. Glaubte ich auf meiner großen Reise 2014 schon durch das halbe Europa gestolpert zu sein, konnte man das hier sehr wörtlich nehmen. Ein verwöhnter Landsmann bezeichnete den türkischen Baustil abschätzig als fahrlässig, für mich hingegen hatte das alles Charakter und weckte den Entdecker in mir. Welche Geschichte hatte dieses verfallene alte Haus wohl zu erzählen, welche Karren ist hier wohl stecken geblieben, wieviele Füße sind wohl über diese zertretende Steintreppe gelaufen und wer hat wohl an diesem alten vertrockneten und verwachsenen Springbrunnen seine Doktorarbeit geschrieben.

Kadiköy Istanbul
Kadiköy Istanbul

Etwas außer Atem stolpere ich schließlich in das kleine Hostel an einem der zahlreichen steilen Abhänge gelegen auf die Kopfsteinflasterstraßen und drei- bis vierstöckige Gebäude ineinander gesteckt aufgesetzt wurden. Ich werde in einem 6-Bett-Mädchen-Zimmer einquartiert. Dieses Hostel wird wohl häufig von ERASMUS-Studenten gebucht, man bezahlt nur rund 15 Euro pro Nacht inklusive türkischem Frühstücksbüffel bestehend aus Käse, Oliven, türkische Wurst, Kirschmarmelade Weißbrot und Schwarztee (“çay”). Hinzu kommen hier noch Kaffee und hartgekochte Eier.

Der Straßenlärm hält sich aufgrund der sehr schmalen Gassen in Grenzen. Beunruhigend finde ich den verzweifelten, heiser klingenden aber unaufhörlichen Schrei eines Mannes der die Straße auf und ab zu gehen scheint.  Dieser leidenschaftliche Schrei lässt furchtbares erahnen. Was will er uns mitteilen und warum hilft ihm niemand. “Simiiiiiiiiiiit” Ich schaue aus dem Fenster und erblicke einen Mann mit einem Korb auf den Schultern. Oh, es ist ein Brotverkäufer. Ich verspüre Leid, großes Mitleid und stelle mir vor wir er auch des Nachts nicht aufhören kann laut “Brot” zu schreien, weil er tagsüber nichts anderes tut, dafür wurden Maschinen erfunden, bei dieser Art eintöniger Beschäftigung muss ein Menschenhirn bereits nach kurzer Zeit komplett durchdrehen, da bei mir schon nach fünf Minuten des reinen Zuhörens eine Sicherung durchzubrennen scheint.

Es ist gerade mal 8 Uhr morgens. Ich darf bereits ein Bett beziehen. Übermüdet und planlos schaue ich mir erst einmal einen Dokumentationsfilm über Istanbul an, da wollte ich schon immer mal hin. Ey Moment, ich bin ja HIER! Ich hake ab , was ich mir alles NICHT anschauen werde, weil es hinreichend und in hochauflösender, best-dokumentierter, menschenleerer Form abgefilmt vorliegt: Hagia Sophia (Ayasofya), Cisterna Basilica (Versunkener Palast), Blaue Moschee (Sultan-Ahmed-Moschee)… zudem ich tiefe Zweifel und Respekt verspüre eine Moschee zu betreten für deren Eintritt ich komplett verhüllt sein müsse. Ich denke dass ich an diese Ort schlichtweg nicht gehöre und dort nichts zu suchen habe, auch wenn mich die Geschichten und die Menschen dahinter natürlich brennend interessieren und es mich gerade angesichts der aktuellen Islam-Thematik mit zahlreichen negativen Medienmeldungen interessieren sollte.

Das junge und authentische Istanbul – Kadıköy Bar- und Bazarleben

Gegen Mittag krieche ich dann doch mal aus dem Bett und laufe einfach los. Mein Hostel ist unweit des Hafens Istanbul – Kadıköy, asiatische Seite. Man kann hier gefühlt endlos einer gut ausgebauten Multifunktions-Rad-Wander-Babaywagen-Jogging-Strecke entlang folgen und so furchtbar sein Ruhe haben, dass man vergisst in der Chaos-City zu sein. Der kalte, scharfe Wind holt mich immer mal wieder zurück, wenn ich mit verträumten Blick auf die in der Ferne treibenden Segelboote mich in der warmen Karibik zu befinden glaube.

Kadıköy Istanbul Promenade
Kadıköy Istanbul Promenade

Von Chaos und Menschenmassen ist immer noch nicht viel zu sehen. Von Kadıköy Hafen aus, kann man in zahlreiche Richtung zu anderen Anlaufstellen der Wasserstraße…ach watt sach ick… Wasserautobahn wechseln oder pendeln. Schiffe legen alle 15 bis 40 Minuten ab und führen einem zu anderen Welten, denn die Unterschiede zwischen den einzelnen Stadtteilen sind schon klar erkennbar. Der asiatische Teil ist etwas traditioneller, da hier die Universitäten ansässig sind, ist er natürlich auch sehr beliebt für Studenten und darum sind die Hostels hier auch vornehmlich mit ERASMUS-Studenten belegt. Wie ich von meiner deutschen und ukrainischen Zimmergenossinnen erfahre, ist es allerdings möglich innerhalb von zwei bis drei Tagen ein Zimmer oder eine Wohnung für umgerechnet circa 300 Euro zu finden, vergleichbar mit deutschen Großstätten, geringfügig billiger aber dafür auch weniger modern. Man muss sich nicht einmal großartig bewerben, wie es im Miet-Horrorladen Berlin der Fall ist. In Berlin muss man neben den Standard-Unterlagen wie Mietschuldenfreiheit, Gehaltsnachweise, SCHUFA-Auskunft auch einen besonders coolen Lebenslauf und 1A WG-Tauglichkeit wie Gemeinschaftsfähigkeit ohne zu klammern, sozial aber selbstständig und unabhängig, unterhaltsam aber leise Nachbarschaftsfreundlich vorweisen können. Selbst bei WG-Tauglichkeits-Güte-Klasse A+++ kann man im ausgeklügelten Gruppen- oder Einzelcasting Kreuzverhör noch ohne Rückruf rausfliegen. In Istanbul kann hat man wohl laut Aussagen meiner Zimmergenossinnen als Wohnungssuchender das letzte Wort und entscheidet über Einzug oder Nichteinzug.

Ich hole mir Beratung eines befreundeten, stadtkundigen türkischen Landsmannes per Fernsprechapparat ein, meine alte Liebe “Al”. Dieser führt mich zu dem Kneipenkiez mit hunderten von kleinen Geschäften und urigen Pups und Kneipen, wo teilweise sogar Live-Musik gespielt wird. HIER ist das angekündigte Chaos und die Menschenmassen nun endlich zu finden. Da ich alleine unterwegs bin und niemanden trauen darf, betrete ich leider keiner der Lokalitäten und das istanbuler Nachtleben soll mir weiter ein Mysterium bleiben.

Wir fahren übern Bosporus, übern Bosporus

Am nächsten Tag setze ich spontan auf die Prinzen-Inseln (Princes’ Islands /Adalar district) in Istanbul) über. Eine entschleunigte Welt ohne Autos und mit zahlreichen Villen, welche jetzt im Winter leerstehen. Fast menschenleer ist auch die Insel, sobald man etwas vom Weg mit vorbeirasenden Pferdekutschen abgekommen ist. Rechtzeitig vor der Regenzeit verbringe ich fläzend in von Sonne, Regen und Wind ausgeblichenden Sitzkissen noch ein paar Minuten mit dem weiß-rot-gestreiften Schmusetiger Garfield auf der verlassenenden “Sommer-Pausen-Insel” der Istanbuler. Es ist eine Sommer-Insel, aber im Winter für so Geisterjäger wie mich wohl besonders reizvoll. Plötzlich fängt es dann noch an zu regnen und ich muss die Strecke zurück zum Hafen im strömenden Regen zurücklaufen. Noch eineinhalb Stunden bis zur nächsten Überfahrt zurück zum Festland. Ich verharre auf einer schmalen, unbequemen aber immerhin überdachten Parkbank vor beziehungsweise zwischen Restaurants die zu dieser Zeit vergeblich auf Touristen warten und beobachte den Kellner wie er seinen Dienstjungen streng zurecht weist. Er sieht gefährlich aus in seinem perfekt sitzendem Anzug, den glänzend geputzen Lackschuhen und der ebenso glänzenden, zurückgekämmten Gelfrisur. Sein Blick ist streng. Irgendwann entdeckt er mich und winkt mich zu sich in den am Wasser angrenzen, Wind-und-regen-geschützen, geheizten Pavillion. Ich befürchte teuer essen und trinken zu müssen und winke ab. Er bleibt hartnäckig und so setze ich mich verschüchert an einen Tisch. Er bietet mit Tee an und fragt mich ob ich Hunger hätte. Ich studiere die Karte genau und nehme ein günstiges Gericht. Gegrillte Paprika mit Kräuterquark. Ich rechne die Kosten zusammen und lege das Geld bereits parat. Als ich bezahlen möchte, gibt er mir zu verstehen dass ich eingeladen bin. Bevor ich rüber zur Ablegestelle laufe möchte ich mich versichern, dass er mir nicht die Polizei oder „seine Brüdder“ wegen unbezahlter Rechnung hinterherschickt und verabschiede mich höflich. Er drückt mir seine Visitenkarte in die Hand, es ist alles gut. Als das Schiff den Hafen verlässt atme ich auf und genieße im der gut geheizten Schiff die Aussicht auf das herrliche Schmuddelwetter bei eintretender Dunkelheit. Einige Menschen an Bord trinken gemütlich Tee und dösen während ich an die beschlagende Fensterscheibe male und ein schlafendes Pärchen beobachte und mich für ihren Moment der Zärtlichkeit und Harmonie freue.

Istanbulkart ist Katja’s Liebling

Mittlerweile habe ich einen Automaten gefunden der mir diese überall beworbene “Istanbulkart” ausspuckt und mir ein sehr wahrscheinliches nervtötendes Verhandlungsgespräch erspart, dafür bin ich fast eine halbe Stunde im Bahnhof auf und ab gelaufen und habe mir alle möglichen Plakate und Anleitungen durchgelesen, da ich auf keinen Fall mit einer falschen Fahrkarte beim Schwarzfahren erwischt werden möchte, obwohl das kaum möglich ist, da man sich zu nahezu allen Verkehrsmitteln den Zugang über ein Drehkreuz verschaffen muss. Ich sehe nur wenige Frauen und einen Mann sollte ich laut Reiseführer besser nicht ansprechen. Jede Fahrt egal wie lang und egal ob Bus, Bahn, Schiff oder Straßenbahn kostet hier das gleiche, jedoch muss bei jedem Umstieg erneut bezahlt werden. Der Tarif ist aber günstig, ca. 80 Cent. Das System kann man also durchaus für gut und fair befinden. Mit der Karte kann man Bargeldlos die Drehkreuze passieren und spart bei jeder Fahrt gegenüber dem regulären Fahrpreis beim Lösen eines Einzel-„Jetons“ am Automaten an jedem Hafen oder Haltestelle vor den Drehkreuzen.

Texaner Nuschler, Obelix und nächtliche Besuche

Zurück im Hostel nehme ich im Wohnzimmer Platz, vielleicht treffe ich hier heute auf interessante Menschen. Ein großer zwei-Meter Mann checkt ein, man hört ihn die ganze Zeit reden, wie ich feststellen muss redet er wohl unter anderem mit mir und nicht mit dem Hostel-Personal oder mit sich selbst wie ich zuerst annehme. Er sucht hektisch nach einem Tiefkühlfach und ruft nur kurz rein: “I’ll be back in a minute.”. Huh, mit wem spricht er nur. Meint er mich? Seine Statur und Gebrubbel erinnert etwas an Obelix, deswegen ist mein erster Gedanken es wäre ein Wildschwein in seiner weißen Plastiktüte welches er schnell in den Tiefkühler verstauen und vor womöglich anderen hungrigen Mitmenschen verstecken muss. Zur gleichen Zeit trifft ein schwarzes, junges Mädchen aus London ein. Ich glaube die beiden müssten zusammen gehören wenn man ihren regen Wortaustausch beobachtet, was sich als Fehlschluss herausstellt, sie kennen sich wohl erst seit ein paar Minuten.  Schließlich nimmt Obelix auf der Couch neben mir Platz und fängt völlig selbstverständlich ein Gespräch mit mir an. Ich kann ihn kaum verstehen, weil er einen furchtbaren texanischen Akzent hat, die Sätze zudem unvollständig und Gedankensprünge aufzuweisen scheinen. Aus den Gesprächsfragmenten die ich zu extrahieren und zu ordnen glaube, scheint er wohl im Dienste der USA in militärischen Angelegenheiten unterwegs zu sein und ist gerade auf der Durchreise nach Afghanistan. Er sei Englisch-Lehrer, kaum zu glauben bei der Aussprache. Er wirkt verwirrt und verrückt, was wohl auf eine alte Kopfverletzung zurückzuführen ist. Der Inhalt der weißen Plastikflasche ist übrigens kein Wildschwein sondern ein sehr teurer Wodka, den er im Dutyfree Shop erworben hat. Wenige Minuten später sitzen wir also da und trinken teuren Wodka aus Kaffeebechern. Der Texaner belagert jeden Hostel-Gast mit seinen endlosen schwer zu verstehenden Monologen, der Ruf der redseligen, selbstbewussten Amerikaner eilt ihm vorraus. Die anderen nicken oder lachen immer bestätigend. Wie schlecht muss mein Englisch sein. Der Vodka ist zu stark, das junge Mädel und ich schütten Obelix unseren Vodka-Anteile in seinen Becher. Er bemerkt es ist, weil er gerade mit einem heißen australischen Mädel in enger Jeans flirtet. Irgendwann ist er sichtlich angetrunken. Es ist 0 Uhr, meine Mama hat Geburtstag nach türkischer Zeit. Ich bin müde und beschließe ihr also nach meiner Ortszeit statt deutscher Zeit eine Geburtstags-Video-Nachricht zu übersenden. Obelix darf mit ins Bild, herauskommt eine skurrile mehrsprachige Gesangseinlage.

Geburtstagsständchen für Mama
Geburtstagsständchen für Mama

Schließlich flüchte ich in mein Bett und schlafe widererwartend hervorragend. Meine Zimmergenossin berichtet mir am Morgen von nächtlichem Besuch in Unterhose, der wohl plötzlich in unserem Zimmer gestanden haben soll.Meine Wenigkeit hat dieses Großereigniss mit Proppen im Ohr leider, leider, leiiider verpasst und ich sehe immer mehr Vorteile in einem gesunden Tiefschlaf. Dieser Mann wird mir immer unheimlicher.

Heute heißt es Bettenwechsel, rüber auf die andere Seite. Neues Hostel, neues Abenteuer… Mehr dazu in in “Der Pate” Teil II, ich habe mir erlaubt den Reisebereich zu teilen sowie die Metropole sich zu teilen scheint.

Von Asien nach Europa
Von Asien nach Europa

erwacht, verzaubert, Sinnemanie

Musik zum Tag und mitfühlen

Turkish Lounge Express – Tezcan Erol Titel: Karam

Antalya im Winter

AUStalya – ANtalya im Winter

Reisebericht Antalya, Türkei  06.-10.02.2016

antalya_im_winter

„Warum reist du nicht woanders hin?“

Hast du mich gefragt, ich verstand es viel mehr als Aufforderung meine neue Freiheit doch gefälligst zu nutzen. Ich habe deine Welt aber auch zu schätzen gelernt, vielleicht sogar mehr als du. Für dich ist es alltäglich, für mich immer wieder eine orientalisch märchenhafte Entdeckungsreise. Wenn du wieder auf dein Land fluchst, erinnere ich dich an die schönen Dinge wie das Essen, der Familienzusammenhalt, eure Musik, eure atemberaubend schöne Natur. Bei allen nachvollziehbaren Missständen kann man durchaus glücklich sein, du gabst mir sogar Recht. Dann wurden wieder irgendwelche friedlichen Demonstranten in unangemessener Härte von der Polizei angegriffen und du wurdest wieder wütend und emotional. Ich hatte Angst die nächsten Jahre nur noch Urlaub in der Türkei machen zu „müssen“ bis du in drei oder vier oder zehn Jahren vielleicht, aber auch nur vielleicht nach Deutschland kommen könntest. Dieser Drang nach Reisefreieit ist ein Luxusproblem eines neugierigen Vogels wie mich. Wir hatten nur ein paar Stunden in Nice Frankreich  zusammen verbracht als du die ganze InterRail-Netzwerk-Gruppe ephorisch und panisch gemacht  hattest und ihnen unsere Geschichte erzählt hattest… dein persönliches „Before Sunrise“ (Film aus dem Jahr 1995) hast du es genannt. „Wir haben Fans.[…]“ hast du gesagt „[..] viele!“ 260 Gruppenmitglider „gefiel“ das. Der Beitrag wird bis heute noch kommentiert und zählt aktuell 260 Kommentare. Klar fand ich deine Euphorie romantisch und nahm deine Einladung die „echte Türkei“ kennen zulernen an. “Happyness only real when shared” aus dem Film „Into the wild“ wird unser Lebens-Motto, wir teilen unser Glück nicht nur mit uns, auch mit der Außenwelt, das macht das Glück realer. Du träumtest deinen Traum von einem Leben in meinem Europa und ich träumte mit… von einer internationalen Hochzeit… erst klein und intim, dann groß und laut. Nach einem Jahr Fernbeziehung beherrsche ich das Zwei-Daumen-Schreiben auf dem Fernschreiber und andere Fähigkeiten zur Aufrechterhaltung einer Fernbeziehung wie das Erstellen lustiger Videos oder Fotos. Häufig und schnell zu schreiben mit kurzen Reaktionszeiten war dir wichtig, das habe ich nun beibehalten, darauf wurde ich konditioniert.
Meine Reisen in deine Welt war wie ein Traum und es kam mir so unwirklich, fremdartig schön vor. Diese Geschichte ist bis heute nicht aufgeschrieben, der Blogeintrag endete mit meiner Ankunft in Aydın im Agust 2014.

Aydin, Türkei
Aytepe Mesire Alanı/Zafer,09010 Aydın Merkez/Aydın,Türkei

Mittlerweile sind viele Erinnerungen verblasst, manche sogar verschwunden. Und ich hänge sehr an diesen wertvollen Erinnerungen, stattdessen habe ich mir irgendwelche Gerüche gemerkt und unnützes Schulwissen, welches ich nie wieder brauchte. Als du mich im Sommer 2015 für fünf Wochen besucht hattest musste ich endgültig begreifen, dass mich der Altersunterschied doch mehr interessieren sollte als mir lieb war. Du hast sehr viele Fragen mit diesem jugendlichen, trotzigen Unterton gestellt. Ich konnte dir nur sagen, dass du die Antwort irgendwann selbst „erfahren“ wirst, aber ich dir nicht die Person sein kann mit der du diese Erfahrung im Schnelldurchlauf abhaken kannst. Da waren häufig Muttergefühle, auch Liebe, aber eben die falsche Art. Ihr habt mich in eure Familie aufgenommen ohne zu zögern und ohne wenn und aber, es gab Zweifel, aber ihr habt es uns versuchen lassen. Ich beendete unsere gemeinsame Geschichte schriftlich, da war ich gefasster, aufgeräumter, sachlich und fairer. Aber euch aus meinem Leben streichen kann ich nicht, keinen, auch dich nicht. Mein Besuch ist  Abschied und Neuanfang zugleich. Ihr habt mir vieles beigebracht und eben auch das mal nicht so „deutsch“ zu sein, stattdessen mehr Herz mit weniger Skepsis.  Da war und ist mehr als nur Gastfreundschaft, das wollte ich mir bewahren. In mir trage ich auch dieses Feuer welches bisher nur einigen Völkern dieser Erde zugeschrieben wird, schon immer, da überschreitet man aus Euphorie auch mal Grenzen.

Dieses mal wird mich niemand vom Flughafen abholen, …

… an die Hand nehmen, für mich bezahlen, für mich sprechen und Entscheidungen treffen. Bisher konnte ich hier immer komplett abschalten, sogar meine verbale Kommunikation und nur alle Geräusche, Gerüche, Gefühle und Geschmäcker aufsaugen und die Menschen bei Gesprächen in einer mir unverständlichen Sprache beobachten und dem wohlklingenden Austausch lauschen ohne Inhalte verarbeiten zu müssen.  Nun werde ich auf mich alleine gestellt sein. Dementsprechend bin ich schon Tage zuvor so aufgeregt, dass ich glaube mir einen Magen-Darm-Virus eingefangen zu haben.
Nur mit Handgepäck zu reisen erfordert mehr Packzeit als einen großen Koffer voll zu packen… Zahnbürste, ein Stück Seife, kleine Dose Creme, einen dicken Pullover, eine Hose, ein Kleid(chen) platzsparend, leicht und universell auch mit anderen Sachen kombinierbar muss reichen… Der Rest ist Fotoausrüstung, kleines Wörterbuch, Reiseführer, Tabletten gegen Magenbeschwerden.
Bis ich zu dieser Erkenntnis gelangt bin wie ich minimal packe, musste ich immer wieder Sachen ein und wieder auspacken… noch mal kurz überlegen. .. da hatte ich doch noch was leichteres, was man leichter waschen oder nie waschen und/oder leicht trocknen kann… rein,raus…rollen, falten,knüllen,quetschen und noch mal von vorne… stöhn. Ach das nehme ich doch nicht mit, oder doch… ah…Zzzz 5Uhr.

Erinnerungen kommen zurück

Bei dem Stichwort „Magenprobleme“ da kommt eine Erinnerung zurück. Wie ihr da alle zu acht am Tisch gesessen habt und in einer für mich außerirdischen Sprache über meinen Verdauungstrakt diskutiert habt. Sogar beim Onkel in Istanbul habt ihr angerufen und diskutiert. Wenn mein Name fiel „üüütschli… Katjaaa… ablablühütürü“ mit besorgtem Blick… wusste ich immer es geht um mich. Dann kam “Baba” mit einer Wurzel um die Ecke, 5 Minuten später “Anne” mit einem Tee…und am nächsten Tag… der erwartungsvolle “Und?”-Blick… ich mit rotem Kopf… “hmm nee” und alle wussten Bescheid. Baba sagte mir schon nach zwei Wochen dass er mich liebt, dass mit der “Liebe” geht hier schnell, ich traue den Menschen hier aber auch irgendwie zu dass sie nicht lange brauchen um diese Chemie zu spüren, wenn man den Blick ins Herz drauf hat.

Ich hatte mir Kartenmaterial für die halbe Türkei runtergeladen und bin die Strecke durch das virtuelle Auge schon abgelaufen. Ich fühle mich vorbereitet: Tasche check, Tickets und Reservierungen chronologisch durchnummeriert du Spießer, Batterien geladen, Kopf dran… kann los gehen. Zu welchem Flughafen noch mal und wann war noch mal der Flug und der is doch morgen und auch dieses Jahr?!

Angst

Auf dem Parkplatz am Flughafen Antalya herrscht leere, der Schalter zum Geld wechseln hat geschlossen. Was ist hier los? Antalya wirkt im Winter wie eine Geisterstadt.

Flughafen Antalya im Winter
Ich schmeiße den Navigator an um meine Position und nächsten Schritte zu planen an. Der Navigator sagt mir so ziemlich genau dass ich mich in der Türkei befinde, irgendwo auf einem Flughafen. Ich laufe planlos los in der Hoffnung dass der Navigator außerhalb der Flugzone für die präzisen deutschen Ansprüche genauere Angaben machen kann . Nachdem ich nicht mal 200 Meter gelaufen bin, hält neben mir ein kleiner weißer Bus mit 7 Touristen drin. Der Fahrer fordert mich auf einzusteigen ohne mein Ziel zu kennen oder auch nur danach zu fragen. Bevor die Alarmglöckchen schellen, husche ich in den Bus und lasse die hinderlichen Panikmacher-Glocken lautlos hinter der Schiebtür auf den Asphalt fallen. Der Anblick der touristisch aussehenden Bleichnasen hat mich überzeugt… das laminierte Schildchen mit “Beer 3Euro, Cola 1 Euro” kam mir auch höchst verdächtig vor. Der Chauffeur fragt mich nach “Adress?”. Ich fuchtle mit meinem Smartphone vor seinen Augen rum, in meinem Gesicht steht in leuchtenden Buchstaben “PANIK” geschrieben. Die deutschen Touristen glotzen mich etwas missachtend an. Bin der Meinung dass der Fahrer verstanden haben müsste, wo ich hin will. Er fragt wieder nach “Adress?”. Eine Frau in meinem Rücken abfällig: “Hat se wieder vergessen.” Ne du Trulla, ich hab Angst. 😛
ICH BIN EIN BUDDHA…. endlich kann ich mein Programm in der Praxis anwenden… ICH HABE ANGST, DAS IST ANGST… einatmen, ausatmen, handeln nicht mit dir geschehen lassen…. Draußen geht die Sonne hinter einer fantastischen Bergkulisse mit Schneehäupchen und kleinen Puffwölkchen umringt unter. Ich mache Fotos und filme, das beruhigt und beschäftigt mich, zudem kann ich den Blicken der Insassen ausweichen und mich hinter dem Sucher meiner Kamera verstecken, ein kleiner Trick auch bei komischen Partys… sich als den Fotografen geben, dann hat man immer eine sinnvolle Aufgabe statt hübsch beim Essen und reden auszusehen.

Ankunft in Antalya bei Sonnenuntergang aus dem fahrenden Bus
Ankunft in Antalya bei Sonnenuntergang aus dem fahrenden Bus

Mein Navigator redet nun endlich mit mir. Der Bus fährt genau in die falsche Richtung. Ich entferne mich von Antalyas Mitte Richtung  Luxushotels. Mein Gesicht bekommt wieder diesen verzweifelten Ausdruck, ich glaube der Mann neben mir bekommt gerade Mitleid.

Nach 45 Minuten sind alle Luxusgäste in Ihren Hotels abgeladen, auch die Trulla und der Mann mit dem mitleidigen Blick. Der Fahrer räumt den Vordersitz frei und bittet mich neben sich… ich wieder Panik: Beine zusammemdrückend, Kragen ran, Pass an den Körper gepresst, achtsamer Blick aber nicht in seine Augen schauend. Einen Mann in die Augen zu schauen könnte  missverstanden werden, so steht es in meinem Reiseführer. Wieder “Adress?”. Man, der will mich doch veräppeln. Will er, professioneller Hoteltransfer-Service-Fahrer aus Antalya kommend, mir vorgaukeln DAS Touristenzentrum von Antalya nicht ohne meine Hilfe und das Navi ausmachen zu können?!?!?!? Da ich als “Geisel” nicht in der glücklichen Lage bin diskutieren zu dürfen, weise ich ihm brav alle 5 Minuten nach Aufforderung den Weg, denn ich sei der “Chef” betont er immer wieder. Wir finden uns nach weiteren 45 Minuten in der “Rush Hour” wieder. Er ist müde, scheiße jetzt macht er mir auch noch ein schlechtes Gewissen. Im Radio dudelt Tarkan… yeah das kenn ich… und summe mit, das beruhigt die Geiselnahme-Stimmung. MY DRIVER dreht drauf… na das wird ja doch noch nett. Als die Fahrt irgendwie kein Ende zu nehmen scheint, beschließe ich den Rest zu Fuß laufen. Weil ich ihm ehrlich Danke sagen will umarme ich ihn schnell. Daraufhin schreibt er mir seine Nummer auf mit den Worten, wenn ich Hilfe brauchen sollte, solle ich ihn anrufen. Siehste… Menschen sind gut und zwar die meisten, OOOOHMMM!

Die Sonne ist schon lange untergegangen. Das Hostel finde ich dank Navi sehr schnell, zudem hört man die Musik schon von weitem und es wurde gerade Feuer gemacht. Ich bin der Einzige Gast in der Villa und auch somit allein in meinem 4-Betten-Schlafraum, nah am Meer mitten in der touristischen Altstadt. An mir klebt das Parfum des Busfahrers von der kurzen Umarmung,  das ist mir unangenehm. Ich kann mein Hostelzimmer noch nicht bezahlen. Man sieht es locker und ich könne auch morgen  noch bezahlen, sobald ich halt Geld tauschen könne.

Gastfreundschaft

Der Hostel-Boy macht mir ein Brot für meinen hungrigen Magen. Der ergraute Hostel-Vater bietet mir derweil ein geschnitztes Apfelstückchen an. Gemeinsam sehe ich sie grinsend hinter der Theke an meinem Brot rumschmieren. Pommes, Brot und Paprika werden mir in 5-Sterne Optik mit Mayonaise und Tomatenmark verziert serviert. Was die Trulla in ihrem Luxushotel wohl gerade serviert bekommt?! 😉

Antalya Hostel Abendbrot und schwarzer Tee
Antalya Hostel Abendbrot und schwarzer Tee

Das Role Street Hostel ist ein Gesamtkunstwerk, der Garten lädt zum chillen in alten Stubenmöbeln, Hängematte oder stehend an der Feuertonne ein. Die Musik wird fein säuberlich von den Hausherren ausgesucht und beschallt Garten und auch die dünnwandigen Räume der Villa. Der Hostel-Boy ist Graffitikünstler… die ganze Villa hat er mit Farben aus der Sprühflasche gekonnt veredelt. Er träumt von einem Graffiti-Streifzug in Berlin, hat er sich bereits mit der Szene dort vernetzt. Mir war nicht bewusst dass Graffiti-Künstler über die Kontinente hinaus international vernetzt sein würden… was wohl der Masterplan dahinter ist? Die Welt bunt machen und wenn alles bunt ist, wieder weiß, damit sind wir bis auf alle Ewigkeit beschäftigt.

Der Berg ruft: neun Kilometer von Kemer nach Göynük

Am nächsten Tag bin ich mit meiner Familie aus Antalya verabredet. Kurz vor sieben Uhr verlasse ich im Morgengrauen in Vorfreude und mit Glücksgefühlen mein warmes Hostelbett in die verrauchte Stadt. In der Türkei wird vielerorts noch mit Holz und Kohle geheizt, weil Öl hier sehr teuer ist. Der Geruch ist fast typisch für die Türkei im Winter. Meine „Familie“ hat mir Brote gemacht und mich Wasser und Obst für die Wanderung versorgt, ich habe nun die beruhigende Gewissheit noch ein Teil von euch sein zu dürfen. Das letzte mal habe ich euch vor rund einem Jahr gesehen, aber wir sind uns nicht fremd geworden, noch nicht…? Immer Sonntags finden professionelle geführte Wandererungen durch die vielfältige Landschaft Antalyas statt.  Als Mitglied einer 50-köpfigen Wandergruppe kraxeln wir im Gänsemarsch in den Bergen Antalyas rum, angenehm schweißtreibend über Stock und Stein, über kleine Bäche, durch Sträucher und Geäst, steil und holprig, teils unbefestigt und unter hoher Sturzgefahr. Zwei Weggefährten stürzen trotz professionellen Schuhwerks und Wanderstöcken, so dass mir kurz der Atem stockt. Sie haben Glück und können ungeschadet weitermarschieren. Damit niemand auf dem Marschweg vergessen wird oder verloren geht, wird regelmäßig durchgezählt… „bir, iki, üç, dört, beş, …, Ähhhh…, on altı, on yedi, On sekiz“. Ich bin die „Ähhh“, weil ich noch nicht auf türkisch zählen kann und unterbreche damit regelmäßig den Counter-Gesang. Meine Freundin „Sina“  singt für mich das einzige deutsche Wanderlied welches sie kennt: „Grün, grün, grün ist aalles woas iccch chabe, grün, grün grün is aaaalles was ich mag, darum mag iccch aaaalles was so grün ist, waail main Schoatz ain Jaeger ist.“

Ich schmecke Salz und spüre den leichten Schmerz meiner austrocknen Haut, zum trinken bleibt kaum Zeit. Immer wieder rupft man Blätter von Zweigen und Sträuchern um sie mir unter die Nase zu halten. Es spricht sogut wie niemand Englisch, somit verständigt man sich mit mir nur durch zulächeln und lang gezogenen „Mmm“’s um mir mitzuteilen wie toll etwas riecht . Selten hat mich eine Aktivität so positiv fertig gemacht. Am Ende unserer Wanderung machen wir Rast an einem Bergbach mit kristallklarem Wasser, an dessen Ufer ein kaputter Gummireifen liegt, der erahnen lässt welchen Spaß man im Sommer hier gehabt haben muss. Ich rieche den Duft von Orangen. Einige Wanderer hatten sich der natürlichen Speisekammer der Türkei bedient und aßen nun genüsslich auf den von der Sonne erwärmten Felsen die Frucht der türkischen Wintersonne.

Am Abend bin ich spontan zum türkischen Tee und Essen bei meiner „Familie“ eingeladen, wo ich meine Erlösung finde als ich wieder in die vielen bekannten Gesichter blicken darf, lächelnde Gesichter, die mich nicht vergessen haben. An großer Tafel wird gespeist. Ich habe beobachtet, dass es hier nicht unhöflich zu sein scheint, aufzustehen sobald man mit dem Essen fertig ist und dieses mal soll ich mich auch nicht gezwungen sehen etwas zu essen, was ich nicht möchte. Es gibt so eine Art Eintopf mit Spinat und ganzen gekochten Eiern, dazu werden gebratene Nudeln und die Basis aller Mahlzeite, Weißbrot, gereicht.  Die großen Weißbrot Laiber werden in Stücke gerissen. Was übrig bleibt, egal wie zerrissen es aussieht, wird zurück in eine Tüte gebackt und bei der nächsten Mahlzeit erneut verteilt.  Das kleine Mädchen gegenüber starrt mich die ganze Zeit an, ich… das „süße“ Mädchen mit den „goldenen Haaren und den Ozean-Augen“, wie mich „Ale“ häufig beschrieb. Die Verabschiedung von Oma, Mama und Papa geht schnell, so dass es nicht emotional werden kann. Wann und ob ich sie wiedersehen werde ist ungewiss, aber es ist schön zu wissen dass man willkommen ist.

An der einsamen Küste entlang, am türkisblauen Meer

Am nächsten Tag laufe ich stundenlang  auf dem übrigens sehr schönen asphaltierten Rad-Lauf-Spazier-Weg die Küste von der Altstadt in Richtung Anlanya ab, tanke Sonnenlicht, sehe mich am türkisblauen Meer satt und atme immer wieder die angenehm kühle Luft ein. Die Stadt putzt sich gerade für die anstehende EXPO 2016 heraus, die Männer heben stinkende Schlammlöcher aus und Frauen in Kopftuch und bunt gemusterten, traditionellen Pumphosen hacken die Blumenbeete und Grünflächen. Ich genieße meine Einsamkeit und Unterreche die Ruhe nur für einen Einkauf in einem kleinen Supermarkt mit ungewöhnlich lauter Disco-Musik, so dass ich mich bedrängt fühle durch die Regalreihen zu tanzen und blöde Selbstportrait-Fotos in den spiegelnden Teekannen zu machen. Ich erstehe für 1,50 Lira eine türkische Hand- und Körpercreme. Fortan trage ich den Duft der Türkei auf meiner Haut, die kleine Quetschtube dürfte genau für meine Reise-Tage reichen.

Für den Tag gibt es nichts aufregendes zu berichten, was in Worte zu fassen ich in der Lage wäre, somit lasse ich Bilder sprechen.


 

 

Heute wieder ziellos umherspaziert… und den Lebenssinn gefunden… im Kaffeesatz! „Aşkla kalın!“

Am Abend schleiche ich mit meinen Lieblings-Locken-Köpfen durch die Altstadt und beenden den Abend bei türkischem Tee und traditionellen türkischen Mokka mit „turkish delights“ (türkischer Honig). …und statt in der Zeitung in meinem Kaffeesatz mein Horoskop lesend. Wer hätte gedacht, dass ich die Antworten auf all meine Fragen die mich seit Monaten beschäftigen in ein paar gerösteten und gemahlenen, aromatisch-bitteren Bohnen, in einem Heißgetränk finden würde.

Durch die Nacht, in 12 Stunden von Antalya nach Istanbul

antalyaAm nächsten Tag laufe ich von der Altstadt, über den kilometer langen Kiesstrand mit zahlreichen leerstehenden Strand-Restaurants bis zu der Krabbe Sebastian in eines der größten Aquarium-Komplexe der Welt. Da ich dort einen Großteil meines Reisebudgets lassen „muss“, verbringe ich minutenlang vor den dicken Scheiben hockend bis ich glaube selbst ein Fisch zu sein.


 

 

Am Abend setzten mich meine Freunde in den Nachtbus Richtung Istanbul. Ab hier bin ich nun auf mich alleine gestellt…. zwölf Stunden durch die türkische Nacht mit Endstelle Istanbul Asiatische Seite… irgendwo auf einem kleinen Busbahnhof in Ümraniye.