Kategorie-Archiv: Reisen

Berlin Frankfurt am Main

Tag eins und zwei: Lektion Spontan reisen

Berlin - Frankfurt - Trier
Berlin – Frankfurt – Trier

„Wie ist deine Route? Wo willst du überall hin?“ Ich hatte und habe keine Ahnung. Ich hatte mir wenige Stunden vor Abreise in einer Nacht ein paar Entfernungen zwischen bekannten Metropolen und kleineren Städten im Internet mit Hilfe einer Routenplanungssoftware schnell optisch sinnvoll zusammengeklickt.
Nun fragte mich ein Kollege, nennen wir ihn an dieser Stelle „Herrn Schmidt“, ob ich ihn am nächsten Tag nicht ins ferne Frankfurt am Main begleiten möge, als Unterhalter sozusagen und insgeheim um einen Platz in meinem Blog zu bekommen. Wir fühlen uns beide geschmeichelt an dieser Stelle. Frankfurt lag nicht im Radius meiner hübsch, spontan gemalten Route. Also wurde alles wieder verworfen und Dank des Herrn Schmidt bereise ich nun erst den heißen Süden und hatte einen sanften Start.
Nach einem Abschiedsmarathon und wochenlanger mentaler Vorbereitung, packte ich dann doch 3 Stunden vor Abreise meinen Rucksack. Nachdem ich eine neuntägige Chinarundreise mit Handgepäck überstanden hatte, bildete ich mir ein 120Liter locker „unterpacken“ zu können. Das Schleppmonster war in 20min zugepackt, solange ich noch eine Kniebeuge damit hinbekomme sei aber alles im grünen Bereich motivierte ich mich.
Meine Reise begann nun recht sanft mit einer langen, entspannten Autofahrt zur schönsten Sonnenuntergangszeit entlang der wohl schönsten Autobahnstrecke Deutschlands für mein Empfinden. Den Kitsch wie in Beitrag Nummer eins beschrieben bekam ich nun zu sehen und ich steckte meinem inneren Pessimisten die Zunge raus. Bääääh, siehste! Herr Schmidt lieferte mit König der Löwen-Musical-Klängen den optimalen Sountrack des Moments als sich entlang der Autobahnstrecke hügelige Landschaft mit Bäumchen, Flüsschen und Feldern mit Heißluftballons zwischen Puffwölkchen ins schönste Gold-Orange gekleidet auftaten. Ich wurde immer stiller und fühlte mich wie auf einer Afrikareise. Vielleicht hätte eine Deutschlandreise auch erst einmal gereicht, grübelte ich. Herr Schmidt beruflich ein harter Geschäftsmann bekam überwältigt von der Musik Gänsehaut, dieser Kontrast beeindruckte mich und ärger mich von dem Moment der Ergriffenheit kein Fotos gemacht zu haben. Das waren schließlich die Momente, die ich „bereisen“ wollte. Eiswürfelgänsehaut sieht anders aus, die Härchen sind bei Musikgänsehaut rhythmisch gekrümmt während sie bei Kälte kerzengerade aufrecht stehen. Dieser Moment mit Musikgänsehaut lässt sich somit schwer einfangen, da man diese nicht nachstellen kann und die oft spontan, emotional kommen. Sexuell herbeigeführte Gänsehaut vibriert übrigens rhythmisch und die Härchen kräuseln sich somit fast wie ein Ringelschwänzchen. (Regieanweisung an den Leser: HAHAHA oder grinsen)
In Frankfurt empfing mich die Gastfreundlichkeit in Person,welche ich vergessen zu haben schien dass es sie noch gibt oder ich war zu anspruchslos. Ich kann das auch nicht so dermaßen ausarten lassen mit der Gastfreundlichkeit, dafür müsste ich mich ja vorbereiten und einkaufen. Erstaunlich was so ein Singlehaushalt an Kühlschrankinhalt hergeben kann. Einer außerordentlich Getränkeauswahl, 8 verschiedene Sorten Eiscreme, mind. 10 verschiedene Sorten Kaffee und eine Riesen Portion Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme auf den Gast. Ganz klar, der Mann erwartete Besuch zu jeder Zeit und wäre auf jede spontane Party vorbereitet. Ich linste ins Schlafzimmer und dachte mir, dass diese Rammelwiese mit gut gepolsterter Außenkante nicht nur den Zweck haben sollte ruhig und friedlich durchzuschlafen, aber vielleicht war meine Fantasie auch gerade getrieben von der DVD die äußerst präsent in der Wohnstube lag und den Titel „The Wolf of Wall Street“ trug, welche ihm vom guten Kumpel Herrn Schmidt wärmsten empfohlen wurde. Wer den Film kennt, kann meine Assoziationen nachvollziehen und bitte somit um Entschuldigung, wenn diese übertrieben sind.
Ich bekam die Couch und schlief in Gewissheit, dass die nächsten Wochen weniger luxuriös werden sollten erstaunlich gut. Ich hatte bei meiner nicht vorhandenen Reiseplanung vergessen, dass ich ein Heimschläfer bin und ja das andere Heim-… bin ich auch. Beides könnte zu ernsthaften Störungen nach 8 Wochen führen.
Am nächsten Tag verließen wir die Wohnung nach unserem Gastgeber ohne Schlüssel, was ein mulmiges Gefühl bei mir hinterließ. Die Tür fiel zu und damit Kontrollzwang-Panik-Ausbruch: Herd aus, Licht aus, Fenster zu, …Check, Check…Check? Meine Routine von Zuhause griff im morgendlichen Stress in fremden Wohnungen natürlich nicht. Und schon war der erste Anruf bei Mama fällig, die mich beruhigen musste. Das fing ja super an Katja und du bist nicht mal aus Deutschland raus.

Der Rest des Tages verlief einfach (-) einfach. Zug nach Trier, Ankunft Hauptbahnhof, ein paar hundert Meter geradeaus laufen in die Touristeninformation die einen binnen Sekunden einen Stadtplan mit einem Kugelschreiberkringel um den nächst gelegenen Campingplatz aushändigten. Nach 4KM Buckeltour entlang der schönen Mosel am Zeltplatz angekommen, begrüßte mich ein Niederländischer 61-jährigem Harley-Fahrer lächelnd und winkend, als hätte er meine Ankunft geradezu erwartet. nachdem ich nach 5min mein Zelt aufgebaut und bezogen hatte, stellte ich mich dem alten Herren gleich vor, ich verstand sein euphorisches Gewinke als Einladung dazu, bildete ich mir jedenfalls ein.
Schließlich ergab sich ein langes Gespräch über Europareisen, Berufswege, Schlafsäcke und die optimale Warmhaltetechnik in kalten Nächten. Ich erinnerte mich an ein Gespräch von unserem Betriebssommerfest vergangenen Freitag, als mich ein erfahrender Weltreisender motivierte auf meiner Reise überall schnell Anschluss zu finden, überall außerhalb Deutschlands. Die Deutschen sind nicht locker genug. Jetzt wusste ich was er meinte. Die Herrschaften an der Zeltplatz-Rezeption verstanden kein „Kundenfreundlich“ , aber als ich beim Überwerfen meines übergroßen Rucksacks fast umgekippt bin, glaubte ich etwas Mitleid in ihren Augen gesehen zu haben. Neeeeiiin geht schon, kein Problem. Also der Tag heute war zu einfach, so macht das ganze ja wirklich Spaß. Trier ist ganz nett, werde wohl noch einen Tag bleiben und mir doch mal einen Plan zum nächsten großen Ziel machen.

dankbar, lebbar, Sinnemanie

Soundtrack zum Tag und mitfühlen:

„Er lebt in dir“ vorgetragen vom Original Ensemble vom „Broadway Musical im Hamburger Hafen“

SCHNELL WEG BEVOR DU BIS 30 ZÄHLEN KANNST: INTERRAIL 2014

Schnell weg bevor du bis 30 zählen kannst: InterRail 2014

Sinnemanie Juni 2014

Viele träumen davon, aber nur einige wenige Träumer realisieren den Luxus vom Reisen und einer langen Auszeit vom Alltag. Und ja es scheint ein Luxus zu sein, egal wie bescheiden der Trip durch unbekannte Ländereien auch geplant und umgesetzt sein mag. Ich lasse nicht nur den bequemen unbequemen gewordenen Alltag hinter mir. Ich “distanziere” mich von Familie und Freunden und vor allen Dingen die fern meiner wohligen Sicherheit sind, wie die vertrauten vier Wände, dem Bäcker um die Ecke und bekannte Wege die ich täglich fast stur und blind ablaufe. Ich begebe mich bewusst in Unsicherheit und für meinen verwöhnten Geist und Körper in fremde und für mein sensibles, behütetes Wesen gefährliche Gebiete. Wie oft bin ich trotz modernster Technik Kreise im Jungel Berlin gelaufen und bin Stunden später zum Treffpunkt erschienen, weil ich wieder einmal die Bahn in die falsche Richtung genommen habe oder gar die richtige Straße mit der falschen Postleitzahl aufgesucht habe, um dann doch meinem nicht vorhanden Instinkt folgen zu wollen, der mich instinktiv immer genau in die entgegengesetzte Richtung führte. Meine Liebsten, Familie und Mitbewohnerin werden schmunzeln bei dem Gedanken wie “Klein-Katja” 2 Monate durch Europa stolpert. Ob Papa mein Getrampelt auch vom südlichsten Zipfel Europas hören wird? Kann sie doch nicht mal die Wäsche in der richtigen Reihenfolge aufhängen und der Fliegenplage in der heimischen Küche Herr werden. Wie soll sie dann wohl im Verkehrsmitteljungel Europas überleben und sich gegen weit größeren wilden Tieren als Eintagsfliegen verteidigen können?

 

Auf dem Flohmarkt stattet mich schließlich ein großer rundlicher, alter Mann mit “dem größten Wanderrucksack den es gibt” aus dem Nachlass eines Niederländischen Soldaten samt persönlicher Reiseprotzgeschichten und Reisetipps aus. Kohletabletten, ein gutes Messer und Pfefferspray sollte ich mir unbedingt noch besorgen, meinte er brummend. Ich lächle ihn quälend an, schließlich ist der Rucksack nur mit zerknülltem Zeitungspapier vollgestopft schon zum schwanken schwer. Meine Mama erbeutet mir vom Flohmarktgott noch den übergroßen Militärregenmantel, der gleichzeitig als Zelt umfunktioniert werden kann. Sie bezahlt für das löchrige, geflickte Teil viel zu viel. Ich bin nicht verhandlungsfähig, das habe ich von ihr, was mich beruhigt. In meiner Naivität, von Oma geerbt, bewahre ich mir den Glauben es wäre eine gute Eigenschaft. Der Duft der alten Stoffe und des Gummigewands weckt Erinnerungen aus Kindertagen in mir. Ich schließe die Augen und denke ans das Provinzferienlager, bis mich schiefe Gesänge des Sonntagskaraoke schräg gegenüber des Mauerparkflohmarkts in die Realität zurückholen.

 

Mit leuchtenden Augen sah mich Alt und Jung an und beglückwünschte mich mit heroischen Eigenschaftswörtern. Es kam mir nun vor als würde ich nicht nur meinen eigenen Traum leben, sondern eine Mission zu erfüllen haben. “Mach das Katja!” redete man mir zu, während ich noch zweifelte und Angst hatte vor Überfällen und Angriffen, Unfällen, Erkrankungen, Heimweh, Einsamkeit, Verirrungen und Verwirrungen. Da wurde Miss Romantik in mir wach und startete in meinem Kopf eine übertrieben kitschige Diapräsentation mit dampfender Eisenbahn, grünen Wiesen und Wäldern, wilden Flüssen, reinen ruhig gelegenen Seen, bunten Metropolen mit lächelnden Menschen die sich nur auf Fremdenbesuch freuen und mir dankbar und Hände reichend ihr Land zeigen wollen. Boah bist du naiv, flötete ich mich innerlich an.

 

Aber wie kam es denn nun dazu. Natürlich plagte mich schon immer das Gefühl von Fernweh. Und ist man dann endlich weg, wird das Gefühl abgelöst von Heimweh und man lernt verlassenes zu schätzen und freut sich auf die Heimkehr, um voller Dankbarkeit seine Liebsten zu Boden zu knuddeln.

In meinem 28. Lebensjahr gelang ich an eine Weggabelung, jedoch schien sich die Entscheidung welchen Weg ich einschlagen sollte wie von selbst zu fällen und wie ein morscher, schwerer Baum in sich zusammenzukrachen. Ich hatte hundert Prozent meiner Energie in Liebe und Arbeit gesteckt und etwas ganz wichtiges aus den Augen verloren: mich.

Die negative Energie bündelte sich schließlich zu einem großen Knall, welcher völlige Erschöpfung und Selbstaufgabe hinterließ. Doch statt regungslos liegen zu bleiben und in Selbstmitleid zu versinken, fing ich an mich herauszufordern und wilde Entscheidungen zu treffen, die in dem Moment auch richtig und wichtig waren, aber für Ausstehende schwer nachvollziehbar gewesen sein müssen und Muttergefühle weckten. Trauer, Wut, das wohl nutzlose Gefühl der Eifersucht und Enttäuschung in höchster Qualität fehlten mir noch im Sammelsurium meiner Sinnemanie-Archive. Ich war süchtig nach Sinneserfahrungen – meine Mission und Titel dieses Blogs, der Aufhänger meines Lebens: Sinnemanie – der unaufhaltsame Drang nach Leben und der Köpper in die Sinnesfluten. Eine enorme Kreativität und Offenheit für Menschen, Geschichten und Emotionen sprudelte aus meiner Lebensquelle. Vor Trauer ausgehungert entwickelte ich nach Monaten wieder einen längst vergessenen enormen Appetit und ich hätte STÄNDIG essen können. Es war wie nach einer langen Fastenzeit, alle schlechten Gefühle und Gedanken waren nun aus meinem Körper entwichen. Ich hatte aber auch alles rausgelassen. Ich redete wie ein Wasserfall, musste ständig in Bewegung bleiben und war selten müde. Meinen Appetit betitelte meine Freundin als recht treffend mit meiner zurückgewonnen Lust auf DAS Leben. Jetzt denkt Ihr, ich wäre größenwahnsinnig. Und glaubt mir, ohne tiefe Trauer und Erschöpfung, wäre die Sonne nur eine übergroße Glühlampe geblieben die einfach nur die Aufgabe erfüllt Licht zu machen. Nun waren da wieder Strahlen und Wärme, die bunte kitschige Sonnenuntergänge malte und dem Bühnenstück Leben und seinem Bühnenbild wieder gekonnter Lichttechniker war. Nach harten Zeiten lebt sich viel intensiver, deswegen bin ich irgendwie doch dankbar für manch Hindernis was sich mir in den Weg stellt und mich andere, schönere Lebenswege einschlagen lässt und Umwege über hohe Berge mit besserer Aussicht erklimmen lässt. Und wenn mir das Schicksal nur sagen will: “Katja du bist deswegen gegen den Pfosten geknallt, weil du eine neue Brille brauchst. Die alte ist einfach hässlich. Und leg dir mal ein sportliches soziales Frische-Luft-Hobby zu, du siehst blass aus und brauchst Umgang mit entspannten Menschen, welche dich zum Abheben bringen. ” Mein Schutzengel grinste und zwinkerte mir diabolisch zu. So sei es. Ich kaufte mir einen Kite, einen Riesenlenkdrachen mit dem man bei ordentlich Wind auch Sprünge in der Luft machen könnte. Ja “könnte”, denn natürlich hat mich Anfänger der Drachen erst mal quer über das Tempelhofer Feld geschliffen. Ich nannte sie stolz Wunden der Freude. Ein gebrochenes Herz ist somit auch eine Wunde der Freude. Ich sehe an meinem mit blauen Flecken und Sonnenbrand “ausgezeichneten” Körper entlang und merke dass mich gerade nichts umhauen kann, außer die 150 Gramm Textildrachen vielleicht, Hihihi!

 

Was war denn nun eigentlich der Grund für meine Reise? Das habe ich vergessen. Die 30 hat damit nichts zutun, ich denke es ist ein Traum von vielen Lebensträumen und dieser ist erfüllbar und ich habe in einer 70-minütigen Busfahrt etwas zu lange meinen Kopf an die mich zum entspannen bringende vibrierende Scheibe gehalten und an nichts denken können außer mir vozustellen, das zwei Monate machen zu wollen… in einem öffentlichen Verkehrsmittel sinnlos umher zu fahren.

Noch einmal schlafen :-)

Sinnemanie

 

Soundtrack zum Tag und mitfühlen:

„Dreams“ von der Band „The Cranberries“

 

PS: Ich muss an dieser Stelle wohl noch darauf hinweisen, dass dieser Reiseblog wohl nur sehr wenig über Insiderwissen zum Thema Europoareisen, Preise, Routen und Unterkünfte beinhalten wird. Es ist viel mehr eine abstrakte, künstlerische Karte der Sinneserfahrung, entworfen aus Skizzen von Begegnungen mit Menschen, Fotomontagen „magischer“ Orte und Gedankenspam eines verrückten Mädels aus dem Osten.