Kategorie-Archiv: Türkei

Istanbul Europäische Seite

IstanCOOL Teil II – all day all night in Istanbul

eine wahre Geschichte oder vielleicht doch ein Winter-Märchen… über Istanbul, die touristische europäische Seite…

Ich laufe vom Hafen Karaköy quer durch das touristische Viertel bis hinter die blaue Moschee, dort nah am Wasser ist mein Hostel gelegen. Nur wenige Stunden nach meiner Flugbuchung am 12. Januar 2016 in die Türkei wurde in den deutschen Nachrichten von einer Bombenexplosion nur wenige Meter von eben diesem Hostel entfernt berichtet. Ich habe damals alle meine Freunde und Kollegen befragt, ob sie an meiner Stelle trotzdem den Urlaub in die Türkei in die Metropole, ein riskantes Ziel für “terroristischer Anschläge”, antreten würden. Alle wären wohl trotzdem geflogen, denn gefährlich sei es in diesen Tagen wohl überall auf der Welt. Mein Angstgefühl bleibt aus. Im Hostel begrüßt mich freundlich Murat. Zunächst bekomme ich 140 Milliliter türkischen Schwarztee traditionell im “Pasabahce”, kleines vasenförmiges Glas, gefüllt mit zwei Stücken Zucker serviert.  Auf einer Karte zeigt und markiert er mir alle Sehenswürdigkeiten in der Umgebung die man als typischer Tourist gesehen haben muss. Wie sich herausgestellt, habe ich auf meinen Irrwegen bereits alle berühmten Straßen und Gebäude zu Gesicht bekommen, mein Instinkt ist also doch korrekt eingestellt. Das Hostel ist bei weitem nicht ausgebucht, was auf keinen Fall an Ausstattung und Service liegen kann sondern mehr der Nebensaison und der schlechten Türkei PR geschuldet ist. Die Bewertungen auf einschlägigen Hostelbewertungsportalen ist durchweg hervorragend, wobei stehts auch die beiden Hostel-Concierges für ihren besonder Betreuung und Insider-Tipps lobend erwähnt wurden. Ich würde Murats Kollegen noch kennenlernen, er sei wohl sehr lustig, Murat betont diese Aussage mit einem leuchten in den Augen und Lächeln im Gesicht. Das muss ja ein ganz toller Hecht sein. Irgendwie sind wir auf Murats Frau gekommen, von der er herzerwärmend schwärmt. Schnell fasse ich Vertrauen zu Murat und behalte ihn als ersten Ansprechpartner für all meine aufkommenden Fragen im Kopf. Er ist glaubhaft glücklich verheiratet, ihm kann ich vertrauen.
Man hat mich in einem großem 5-Bett-Zimmer mit Balkon und Mamorbad untergebracht, das Gebäude wurde vor nicht allzu langer Zeit von einem Hotel zu einem Hostel umfunktionert. Minibar, Fernseher und Bad in jedem Zimmer gehören nun zur Grundaustattung und nur die Betten wurden durch Etagenbetten ausgetauscht, für mich schon zuviel Luxus für ein Hostel. Als ich die Vorhänge vorbeischiebe habe ich einen Panoramablick auf das Meer. Am Schrank hängt ein Anzug und auf dem Schreibtisch steht eine Parfumflasche mit Männerduft. Das Einzelbett am Fenster wird also scheinbar von einem Mann belegt, der sehr viel Wert auf sein Äußeres zu legen scheint. Der Anzug verrät mir zudem, dass der Mann schlank und sportlich sein muss, weil dieser eng und klein geschnitten ist. Ich bin gespannt ob ich recht behalte. Ich nehme einen Dusche. Die Dusche hat zwei Duschköpfe, der zweite versteckt sich als sogenannte “Regendusche” über mir und erschreckt mich zutiefst als kaltes Wasser unerwartet über mein Haupt spritzt. Als ich mich von oben bis unten eingeseift habe stehe ich in einer Knöcheltiefen, trüben Suppe aus Duschwasser. Der Abfluss ist verstopft. Mit Schlüssel und Pappestücken versuche ich den Abfluss frei zu kriegen, um mich vor einer Blamage zu bewahren, vergebens. Ich sage Murat Bescheid, der gibt die Reparatur wie selbstverständlich und ohne weiteren Kommentar in Auftrag,es sei ja nicht meine Schuld und ob sonst alles zu meiner Zufriedenheit wäre. Das ist ein Hostel, alles ist überdurchschnittlich im Vergleich zu den Hostelzimmern die ich teilweise in Europa bezogen hatte. Ich erkunde die Stadt, keine besonderen Hervorkommnisse. Am Abend im Hotel angekommen werde ich meinem Zimmergenossen vorgestellt. Ein schlanker Rotschopf aus dem Iran, zurückhaltend lächelnd… passte zum Anzug, den ich zuvor gesehen habe.

Der Rotschopf ist für drei Monate beruflich in Istanbul und arbeit derzeit zur Probe in einem Telefongeschäft, um sich eventuell sogar langfristig hier niederzulassen. Er setzt sich mir zwei Tische gegenüber und schaut zu wie ich mich angeregt mit Murat über meine Beobachtungen welche ich am Tage in Istanbul gemacht habe, unterhalte.

Warum gibt es hier soviele herumstreunernde Hunde und warum schlafen die alle? Warum sind die Türken immer so ergriffen über die Ereignisse im Land und in den übrigen Ländern und warum interessieren sich die Deutschen nicht so sehr für das Unglück ihrer “eigenen Leute”? Warum ist Istanbul teilweise so zerstört und wie gefährlich ist es hier tatsächlich. Sind Türken tatsächlich emotionaler und auch eifersüchtiger? Was macht eine gute Ehe aus? Warum haben beide seiner Küchenhilfen vergoldete Zähne? Murat beantwortet alle meine Fragen in einfacher kluger Weise, ich empfinde es als ein angenehmes Gespräch.

Morgens auf dem Weg zum Frühstücksbuffet finde ich einen direkt neben dem Eingang zum Restaurant schlafenden Mann vor. Es macht den Anschein, als hätte er zuvor in seiner Trunkenheit Ärger gemacht und wurde nun hier zur Ausnüchterung ruhig gestellt.Um ihn herum stehen zwei Gäste und belächeln ihn, unter anderem auch ich. Er lässt sein Telefon auf den Boden fallen. Noch völlig benommen und im Halbschlaf nimmt er einen Telefonat an. Ich behalte ihn amüsiert und interessiert im Auge… es könnte auch der besagte Tony sein. Es ist Sonntag, Valtentinstag. Mein Zimmergenosse hat frei und es bietet sich wohl an dass wir den Tag gemeinsam verbringen, natürlich nicht als Pärchen. Als er bei der Überquerung einer Straße nach meiner Hand greift werde ich das erste mal misstraurisch. Sein Englisch ist unzureichend, wir können uns nicht unterhalten. Ich glaube er müsste sich auskennen, weil er in Istanbul arbeitet. Leider verlaufen wir uns trotz des fünf-mal-nach-dem-Weg-fragens. Nach einem umständlich langen Weg kommen wir endlich am Hafen an, dort wo Murat uns empfahl Fischbrötchen zu speisen. Das Brötchen ist teuer und der Fisch voller Greten, der Verzerr mühselig, weil mit jedem Bissen Erstickungsgefahr droht. Mein Zimmergenosse gibt schnell auf, glotzt mich die ganze Zeit an und ich weiß kaum noch wo ich hinschauen soll um seinem Blick auszuweichen, zudem wollen uns Straßenverkäufer ständig Getränke und Feuchttücher andrehen, indem sie uns die Ware direkt auf unseren Platz legen. Mehrfach lege ich genervt die Ware wieder zurück in ihren Korb: “Noooooooooo! Man begreifst du endlich dass ich nichts brauche, dein Kollege war 10 Sekunden vor dir schon bei uns und dein Gesicht kenne ich schon von vor fünf Minuten, maaaaaaaaan.” Ich verdrehe die Augen. Mein Zimmergenosse geht planlos aber mit einer Ungeduld weiter. Demnach darf ich nur nicht zu lange stehen bleiben und Fotos mache. Nach dem anstrengenden Mittag hole ich uns aus einem Supermarkt ein gehaltvolles, aber sündhaft geniales Dessert. Genüsslich verspeise ich in der Sonne mein Schokosoufflé. Mein Zimmergenosse leckt nur zögerlich an seinem Schälchen herum, schließlich nimmt er mir die Verpackung aus der Hand und tippt mit dem Finger auf die darauf abgedruckte Nährstofftabelle mit den Kalorienangaben. Ich bin geschockt, nicht von der Kalorienanzahl sondern von seinem Verhalten. Ich entgegne ihm nur, dass Sonntag sei und dass ich Urlaub hätte und ich mir von solchen überflüssigen Informationen nicht mein geniales Dessert versauen lasse, wir leben nur einmal, verdammt. Er drängelt wieder. Als es mir schließlich zuviel wird, muss ich ihm mitteilen, dass ich alleine weiterlaufen möchte. Verständnisvoll lässt er mich ziehen. Puuuh…geschätzte Einsamkeit, ich habe dich wieder. Meine neu gewonnene Freiheit  verbringe ich erst einmal eine Stunde sonnend in der Sonne zwischen zwei belebten Straßen in einer Parkanlage mit Liegeflächen und Blick auf den Bosphorus. Man war das ein nerviger Vormittag, um so glücklicher bin ich jetzt. Ich durchstreife das touristische Viertel und genieße die Sonne und die vielen Pärchen in den Parks, die sich an Valentinstag raustrauen.
Am Abend beschließe ich mir auch mal das Nachtleben anzuschauen und nehme die paar Kilometer Richtung Innenstadt Galataturm auf mich. Auf diesem Weg werde ich von unzähligen Männer angesprochen, die mich in Ihr Restaurant bitten wollen oder womit man blonde, naive, weibliche Touristen noch überreden möchte. Genervt stöpsle ich mir Kopfhörer ins Ohr und laufe sturr weiter, was die Herrschaften nicht davon abzuhalten scheint mich weiter anzusprechen. Teilweise kann ich noch hören, wie sie beleidigt auf meine Abweisung bzw. Ignoranz reagieren. An meinem Ziel angekommen bin ich müde geworden vom dauerhaften misstrauisch sein und habe keine Lust mehr auf “Nightlife” und drehe wieder um.

Der Schuhputzer

Neben mir fällt eine Bürste zu Boden. Reflexartig hebe ich sie auf und rufe der Person hinterher, welche den Gegenstand verloren zu haben scheint, ein einfacher Schuhputzer. Seine Schuhputzausrüstung ist offensichtlich selbst gebastelt aus Plastikbechern und nicht so hochwertig mit vergoldeten Flaschen und roten Lederhockern seiner Mitbewerber vor den Moscheen. Erfreut und sichtlich dankbar nimmt er mir die verlorene Bürste aus meiner Hand. Ich bin schon dabei weiterzugehen, da dreht der Schuhputzer sich plötzlich um und ruft MIR hinterher, er würde mir gerne wohl aus Dank gerne die Schuhe putzen. Ich kann kaum nein sagen, da hockt er auch schon mir und schmiert meine Schuhe mit Universeller Schutzputzcreme ein. “Etwas mehr nach vorn. Wo kommst du her? Andere Seite. Bist du verheiratet?” Mir ist das sehr unangenehm und versuche ihm das auch zu sagen, aber lasse ihn dann doch machen. “Ich habe eine Fraue und ein kleines Kind. Das ist sehr teuer.” Nach nicht mal 30 Sekunden ist er fertig. Er steht auf. Sein Blick verändert sich und wird plötzlich sehr ernst. “19 Lira!”. Habe ich mich gerade verhört. Mir dämmert es. Wieder…aus Reflex wühle ich in meiner Bauchtasche nach Geld und gebe ihm 5 Lira, was ich für die gemeine Aktion für mehr als angemessen halte. Sein Blick wird noch finsterer. Ich habe keine Angst, bin vielmehr wütend und enttäuscht und drücke ihm nach nach ein paar Widerworten schließlich 20 Lira, also 1 Lira mehr als gefordert weil ich kein Bock auf sein schmieriges Wechselgeld habe, in die Hand. “You are a bad boy!” Mit diesem müden Spruch ziehe ich wütend ab. Mein Abend ist gelaufen, mir wird ganz schnell klar dass dieses böse Spiel schon beim fallen lassen der Bürste angefangen hatte und hier ganz böse Hilfsbereitschaft und das Gute im Menschen  ausgenutzt wurde. Gleich brachte ich diesen Vorfall in den Kontext des großen Ganzen und als Ursache für alles Böse in der Welt. Slange es Menschen gab das Gute derartig hintergehen, wird das Vertrauen in den Menschen immer leiden und Egoismus wachsen, weil man nur noch sich selbst zu vertrauen glaubt. Mein Denkapparat wurde mächtig angetrieben und es rumorte laut. Den ganzen Rückweg suche ich nach Trost und schreibe meinem Exfreund und mittlerweile Freund aus der Türkei. Erst einmal lacht er mich aus, mit den Worten dass ich ja nicht auf Ihnen hören wollte, als er mir verständlich machen wollte wie gefährlich es doch in Istanbul sei und ich niemanden vertrauen solle und schon gar nicht alleine unterwegs sein könne. Toller Freund, dachte ich mir. Aber dann hört er sich brav mein Gejammer an und beruhigt mich tatsächlich. Zurück im Hostel berichte ich Murat von meinem Unglück. “Du hättest ihm das Geld nicht geben sollen.”  Murat lehrt mich niemals Ewartungen zu haben, weder gute noch schlechte, dann wäre es einfacher durch das Leben zu kommen und ich könne mich an den positiven Überraschungen erfreuen. Es ist schwer keinerlei Erwartungen zu haben mit den vielen Erfahrungen die man so ansammelt, denke ich mir. Es war mir ein Ziel, jeden Menschen bei einer ersten Begegnung als ein weißes Blatt Papier zu betrachten und selbst nach einer Enttäuschung, dann auch mal bereit zu sein ein neues Kapitel aufzuschlagen oder das Blatt mal zu verbrennen oder umzudrehen oder Stellen auszuradieren um sie zu korriegieren, wenn auch nicht zu vergessen.

Meet-and-Greet

Murat stellt mir schließlich ein Mädchen mit strahlend lächelnden Augen vor. Ja genau, auch Augen können lächeln. Ich habe mir ihren Namen nicht gemerkt, weiß nur dass er wie eine schöne Blume klang. Sie redet nicht viel, dafür ruhig und leise. Sie ist Studentin aus Littauen und ist nebenberuflich Stewardess für eine Fluggesellschaft in Dubai, dass verrät sie mir als ich staunend ihre Reisefotos auf ihrem mobilen flachen Informationsträger namens “IPad” stöbern darf. In den letzten zwei Monaten ist sie auf alle Kontinenten gewesen. Der benommene Mann von heute Morgen nimmt an unserem Tisch Platz. Er sieht sehr typisch türkisch aus, gepflegte Frisur, gepflegtes gebügeltes Hemd, perfekt gestuzter Bart, gegelte Frisur, für meinen Geschmack gut gebaut. Er spricht entgegen der Erwartungen seiner Herkunft hervorragendes akzentfreies Englisch oder nein ich glaube einen britischen Akzent zu erkennen. Er ist der besagte Tony und ist in London aufgewachsen. Sofort laber ich ihn an, er sei lustig hätte ich gehört und ob er nicht mal was zum besten geben könnte… blablabla ich habe mir selber nicht mehr zugehört. Er fände mich süß wie ich ihn so zuquatsche. Er hat schließlich zutun an der Rezeption. Schade, ich bin sofort etwas verknallt und enttäuscht, dass er bereits an das entzückende Mädchen mit dem Blumen-Namen vergeben zu sein scheint. Ich beobachte zufällig wie sie sich kurz küssen und fühle mich erwischt, als er grinsend zu mir rüberblickt. 

Der Türkische Mann

“Ein türkischer Mann würde nie sagen ‘Schickes Shirt’, jedenfalls nicht ohne sich zu ducken. Ein türkischer Mann würde sagen: ‘Deine Schönheit trifft mein Herz mit tausend Messern.’ Das sind Komplimente,ja?” (aus dem Film “Einmal Hans mit scharfer Soße” 13:35)

“Türkische Männer sind Machos, unzuverlässig, besitzergreifend, eifersüchtig, fahren Angeberautos, tragen Goldkette,schmieren sich Gel in die Haare und kratzen sich den ganzen Tag am Sack.Und beim Eisessen verschlucken sie die Kugel mit einem Happs, sonst könnte ja einer sehen wie sie daran lecken.”  (aus dem Film “Einmal Hans mit scharfer Soße”)

Er lädt mich ein mit dem „Blumenkind“ und ihm später auf eine Valentins-Feier zu gehen, ich muss ihn versetzen. Istanbul hat mich heute sehr geärgert, so wie es auch in einigen deutschen Reisemagazinen geschrieben steht. Zu Istanbul verbindet viele Einwohner eine Hass-Liebe. Ich kannte dieses Gefühl schon aus der Großstadt Berlin, doch Istanbul war in vielen Dingen noch extremer… Zudem herrschte zwischen mir und meinem Mitbewohner eine angespannte Stimmung, er wurde emotional. Mein Urlaub ist einfach zu kurz für Streit, ich ignoriere ihn soweit man das noch möglichst nett machen kann und schlafe dann einfach ein, das scheint mir die beste Möglichkeit einem unnötig klärenden Gespräch aus dem Weg zu gehen. Allerdings steht die Emotion und sein Frust im Raum und bereitet mir einen schweren Schlaf mit leichten Schweißausbrüchen.

Am nächsten morgen warte ich ab bis mein Mitbewohner zur Arbeit aufbricht. Ich bin noch so von der „Emotionsdecke“ benebelt, dass ich keine Kraft habe mich herauszuputzen. Als ich das Restaurant betrete, um zu frühstücken, sitzt dort der perfekt gestylte Tony. Er zählt Geld. Sein gebügeltes Hemd, die Pose und die vielen vor ihm ausgebreiteten Geldscheine geben ein filmreifes Bild ab, es ist perfekt… ich muss schmunzeln und möchte den Moment einfrieren. Er sieht mich und kommt sofort freudestrahlend auf mich zu um mich zu umarmen. Ich fühle mich im Vergleich zu ihm nicht schick genug und rieche auch nicht frisch genug. Er riecht sehr gut, ich muss es ihm auch sofort sagen. Seine Umarmung kann ich aufgrund des Aufgetakeltheits-Coolness-Unterschiedes nicht erwidern. „Du musst mich nicht umarmen, nur wenn du möchtest. “ Wie sehr ich ihn gerne umarmen würde und zu blöd dass er das weiß, dass ich es will. Er hätte mich gestern Abend vermisst und ich bereue, dass ich mich nicht mehr aufraffen konnte, ich bereue es sehr. Ich erzähle ihm, dass mein Budget aufgrund des Vorfalls mit dem Schuhputzer geschrumpft ist, daraufhin lädt er mich sofort zum Abendessen mit seinen Freunden ein. Ich sollte pünktlich wieder zurück sein. Ich spute mich. Murat verrät mir einen tollen Ort mit schönem Ausblick. Ich brauche den ganzen Tag durch die Stadt, finde mich in der Stadt aber schon erstaunlich gut zurecht, lande also pünktlich 18Uhr wieder in der Hostelzentrale, aufgeregt. Ich bitte Murat schließlich für mich Tony anzurufen, er hätte mich zum Essen eingeladen. Seine zwei Freunde und er haben ein Hotelzimmer mit großer Terrasse bezogen und sind schon „gut dabei“. Tony freut sich mich zu sehen, ich werde herzlich in die Runde aufgenommen. Tony hat leichten Zoff mit einer Russin am Telefon, er schreit ins Telefon, dass er sie liebe. „No I’m Single. I love you, I will marry you.“ und lacht dabei laut, als würde er es doch nicht so ernst meinen. Er reicht das Telefon seinen Freunden, die seine Lüge bestätigen sollen. Die Russin antwortet mit tiefer Stimme, aber emotionslosen Ausdruck „Oh, I’m so happy.“ Schließlich soll ICH mit ihr telefonieren, ich begreife das ganze Spiel, glaube weder Tony noch seiner Freundin am Telefon… und versuche meinen letzten Urlaubsabend zu genießen und hoffe dass ich noch etwas vom Istanbuler Nachtleben mitbekommen werde. Leider habe ich bei meiner Berechnung nicht die drei Britischen Kollegen bedacht, die sich schon länger nicht mehr gesehen haben und ihrem Ruf ein trinkfestes Volk zu sein mehr als gerecht werden. Eine Flasche Whiskey pro Person gehört noch zum Vorglühen. Tony wirkt sehr glücklich im Kreise seiner liebsten, das ist schön zu beobachten. „Du darfst mich küssen, wenn du willst.“ Dieser Satz überrascht mich, das habe mich mir nicht mal gewagt zu denken. Am Morgen wache ich in einem Doppelbett mit Schokoladenkrümeln auf dem schneeweißen, gebleichten und hart gebügelten Laken auf, allein gelassen. Cheers Life. Beim Frühstück treffe ich Tony, ich will ihn professionell ignorieren. Er legt „I’m your’s“ von Jason Mraz  für mich auf und lächelt mich kurz verschmitzt an. Ich versuche es so gut es geht zu ignorieren, Selbstschutz. Als das Restaurant sich leert, setzt er sich zu mir. Wir kommen ins Gespräch, er fragt nach meiner Nummer. „Du bist ein Playboy, was willst du von mir?!“ entgegne ich ihm mit leuchtenden Augen. Verlegen und grinsend wälzt er seinen Kopf auf den Tisch, für ihn ist das Hostel ein Schlaraffenland der Kulturen. „Was ist denn mit der Russin, die du heiraten willst.“ Stolz zeigt er mir Fotos von Ihrem perfekten Körper, würde ihr aber nicht glauben, dass sie ernsthaft was von Ihm möchte. Seine Errungenschaften teilt er fleißig auf einem sozialen Netzwerk, entsprechend Ärger bekommt er täglich von seinen angeblich zwanzig Frauen, weil er sich nichts dabei denkt wenn er das postet. Wir halten noch ein paar Wochen Kontakt, schnupper auch etwas Liebe,Gefahr und Abenteuer. Ich habe Angst vor dieser „türkischen Liebe“ und fühle mich trotzdem zu sehr angezogen von ihr… same same but different…. das Misstrauen bleibt. Die Vorerfahrungen sind zu einschneidend, die Risiken zu groß. Respekt muss ich mir erkämpfen, Kopf gewinnt über Herz.  Ich bewahre mir diese sehr sehr wertvolle Erinnerung, ein echtes Abentheuer, ein intensives Gefühl. Ich provoziere bewusst und rette mich aus einer ausweglosen Situation, ich muss aufhören zu träumen, meine Freunde warnen, sie haben ja meist recht, eigentlich immer.

Tony war für mich wahrscheinlich das personifizierte Istanbul und der Schlüssel zu meinem „Sinnemanie-Schloss“: verzaubernd, einnehmend, mächtig, führend, schwächlich, sündhaft, dominant, leidenschaftlich, egoistisch, größenwahnsinnig-narzisstisch, gastfreundlich, lebensfroh, männlich, großzügig, ängstlich, laut, leise, gefährlich, berauschend, maßlos, honigsüß wie Baklawa, salzig-tief wie die See… böse und lieb…immer am Rande des Wahnsinns und kurz vor einem Erdbeben was alles zerstört– eben Istanbul in Person – Sinnemanie. Es ist völlig klar warum ihn diese Stadt anzieht und warum er hier hergehört.  Diese Magie spüren seine Gäste, seine Freunde. Jeder ist ihm willkommen, er empfängt sie mit offenen Armen und das kann man wörtlich nehmen.  Aydin und Antalya waren jedoch für mich mehr Ort der Ruhe und des Friedens. Istanbul lässt mich zu viel fühlen und zuviele Fragen aufkommen, die es nicht beantworten will oder vielleicht auch nicht kann. Fragen die ich besser nicht stellen sollte, Gefühle die ich besser nicht fühlen sollte… Ängste die ich nicht haben sollte, wenn man in dieser Stadt überleben möchte…. hier weht ein anderer Wind, eine andere Mentalität, andere Wertvorstellungen, andere Gesetzt bis hin zu „gesetzlos“, was mit meiner engelsgleichen-weißen Vorstellung kollidiert. Meine Welt ist ein pinker Ponyhof im Vergleich zur in Stücke gerissenen Metropole, die irgendwann ein Erdbeben zerstören wird, wenn sie sich zuvor nicht durch andere menschliche Mächte selbst zerstört. Klingt herrlich dramatisch nicht, aber ist es das nicht auch? Man spürt es nicht immer direkt und die Stadt, das Land hat eine magische Anziehung, man sollte sie besuchen solange es noch geht, dafür muss man sich nicht einmal trauen, sondern sich einfach nur mitreißen lassen. :)

Und am Rande…

Überlebensregeln für Istanbul (für Frauen)

Ohne Übertreibung bin ich alle 5 bis 20 Minuten von fremden angesprochen worden, wie es mir ginge, ob ich nicht in Ihrem Restaurant speisen wolle, mir mal ihre Waren ansehen wollen würde, woher Ich käme und wie lange ich hier bleiben würde.

Lösung: Blick nach vorne und Stöpsel in die Ohren. In einem stinknormalem Supermarkt kann man ungestört und vor allen Dingen sehr viel günstiger einkaufen, zudem bekommt man vermutlich authentische Zutaten, wie sie auch die Istanbuler einkaufen.

Ein paar türkische Lira für die Toilettenbenutzung und öffentliche Verkehrsmittel sollte man immer dabei haben.  Beides ist sehr günstig.

Mit der Istanbul-Kart fährt man günstiger und Bargeld-los.

Istanbul oder allgemein die Türkei kann trocken und heiß werden, kleine Wasserflaschen gibt es überall günstig. Sesamkringel und einen kleinen Becher Schwarzer Tee gibt mit wenigen Ausnahmen zum Festpreis von einem Lira.

 

verknallt, verschallt, Sinnemanie

Titel zum Mitfühlen

IstanCool Istanbul Teil 1

IstanCOOL – mit 6 Sinnen in 6 Tagen durch Istanbul

Reisebericht Antalya, Türkei 10.-12.02.2016

IstanCool Teil 1 - istanbul Asiatische Seite
IstanCool Teil 1 – istanbul Asiatische Seite

Im Morgengrauen Ankunft “Harem”

Es ist circa 5.30… die Nacht ist im Flug äh im Rollen vergangen. Es ist noch finster in Istanbul, ich könnte überall sein. Wir konnten vorher nicht genau ermitteln, wo genau in Istanbul mein Busbahnhof sein wird. So stehe ich hier auf einem wenigen Quadratmeter großen Hof zwischen einfachen Hochhäusern, Minibussen und wenigen Reisebussen. Ich male Kreise in den Kiesgrund vor einem einfachen gefliesten, kahlen kalten Warteraum in dem vielleicht 30 Leute Platz finden und 20 Reisende auch schon mit gepackten Koffern hocken. Es ist kalt, circa 5 Grad. Ich muss mal Pipi. Die Rezeption ist nicht oder vielleicht noch nicht besetzt. Ich bin orientierungslos, total verunsichert zeige ich dem Bus-Begleitservice meine Fahrkarte und tippe fragend auf die ausgewiesene Endstelle. Mein Blick soll sagen: “Bin ich hier richtig?” Er nickt. Na toll… am A**** von Istanbul. Ich steige in einen der Kleinbusse die mit einer Station beschriftet sind, die meiner Vermutung und Karte nach weit näher an meinem Hostel sein müsste. Der Shuttle-Service mit Minibussen ist wohl inklusive, wenn ich meine Freunde aus Antalya richtig verstanden habe, es fragt niemand nach Geld… alles gut. Ich verharre noch eine Weile in dem eiskalten Bus, nach nur wenigen Minuten fährt die inzwischen voll besetzte Sardinendose durch den schlafenden asiatischen Teil Istanbuls bis an den Bosphorus. Die Fenster beschlagen. Ich verfolge die Wegweiser-Nadel meines Navigators… Bildschirm-Zentimeter für Bildschirm-Zentimeter nähern wir uns dem  Hafen… irgendwas mit “Harem”.
Der Mann neben mir bietet mir ein Pfefferminz Bonbon an und will mir Bescheid geben, wann ich aussteigen muss. Das konnten wir uns mit wenigen Handbewegungen verständlich machen.
An einem Hafenbahnhof steige ich schließlich aus, nachdem ich erfolgreich über Menschen und Taschen zum Ausgang gestiegen bin. Ich bin da. Vor mir erwacht gerade eine Metropole mit uralter Geschichte, Geschichten von tausend und einer Nacht. Andere Sprache, andere Kultur,andere Währung, anderes Essen, andere Werte, andere Emotionen.

Harem - Istanbul
Harem – Istanbul

Istanbul sei nicht wie Berlin habt ihr gesagt. In Istanbul herrsche Chaos, es sei gefährlich. Aber ich bin doch zwei Monate quer durch Europa gereist, wie “anders” kann das schon sein?! Das Bild des ernsthaften strengen Ehemannes und der unterdrückend Frau, sowie Türken-Mafia, Ehren-Morden und Eifersucht ist schwer aus den Köpfen zu kriegen und es ist auch durchaus etwas dran.

Unter dem Deckmantel der Dunkelheit am frühen morgen markiere ich zunächst mal aus der Not heraus mein Revier. Der kleine Dreckhaufen auf einer öffentlichen Steinterrasse gehört jetzt mir. Bei den zahlreichen he­r­um­streu­nenden Katzen und Hunden muss man sich schnell seinen Plätzchen sichern. Ich sehe weit und breit keinen Menschen, eben nur eine Katze die durch ein Loch im Zaun in einen verkommenen, verwucherten Garten schleicht.

Jetzt kann ich entspannt in die Ferne blicken und den beginnenden Sonnenaufgang auf mich wirken lassen, von Chaos ist noch wenig zu spüren. Ich scheine gerade in einer eher reichen Gegend zu sein, die Häuser sind in einem guten Zustand, ein paar Straßen weiter sieht das schon anders aus. Es wird gerade einer von vermutlich unendlich vielen Wochenmärkten aufgebaut, dazu werden von Hauswand zu Hauswand riesige Zeltplanen als Überdachung aufgespannt, jede Straße wird somit binnen Minuten zu einer riesigen Markthalle umfunktioniert….hier wird noch Handel betrieben wie ich es nur aus dem Disney Film Aladdin und die Wunderlampe kenne. Obst und Gemüse aus der Region, gefälschte Marken-Kleidung, Schuhe und Schmuck sowie türkisches Fastfood werden hier meist angeboten.

Üsküdar Istanbul
Üsküdar Istanbul – Aufbau eines Wochenmarkts

Mein Weg führt mich vorbei an prachtvollen Universitäten, einem traumhaft historisch anmutenden Bahnhof und Militärgelände. Vorsichtig werfe ich einen Blick durch die Eingangstore des Militärgeländes und kann sehr junge kleine Soldaten erspähen, vielleicht 13 Jahre alt. Fotografieren des Geländes, auch von außen hinein, ist verboten, darauf weisen kleine rote albern schlecht gestaltete Karikaturartige Hinweisschildchen hin. Die scheinen das ernst zu meinen. Ich versuche es aus Angst vom bewaffneten Wachpersonal mit wachsamen Blick erschossen zu werden erst gar nicht und trauere schon jetzt dem tollen Foto hinterher, welches ich in meinem Kopf bereits abgespeichert habe.

Üsküdar Iistanbul Bahnhof
Üsküdar Iistanbul Bahnhof

Straßen und Fußwege in Istanbul sind steil und holprig, dieses Stadt ist auf Hügeln zwischen zwei Kontinenten regelrecht aufgesetzt worden. Glaubte ich auf meiner großen Reise 2014 schon durch das halbe Europa gestolpert zu sein, konnte man das hier sehr wörtlich nehmen. Ein verwöhnter Landsmann bezeichnete den türkischen Baustil abschätzig als fahrlässig, für mich hingegen hatte das alles Charakter und weckte den Entdecker in mir. Welche Geschichte hatte dieses verfallene alte Haus wohl zu erzählen, welche Karren ist hier wohl stecken geblieben, wieviele Füße sind wohl über diese zertretende Steintreppe gelaufen und wer hat wohl an diesem alten vertrockneten und verwachsenen Springbrunnen seine Doktorarbeit geschrieben.

Kadiköy Istanbul
Kadiköy Istanbul

Etwas außer Atem stolpere ich schließlich in das kleine Hostel an einem der zahlreichen steilen Abhänge gelegen auf die Kopfsteinflasterstraßen und drei- bis vierstöckige Gebäude ineinander gesteckt aufgesetzt wurden. Ich werde in einem 6-Bett-Mädchen-Zimmer einquartiert. Dieses Hostel wird wohl häufig von ERASMUS-Studenten gebucht, man bezahlt nur rund 15 Euro pro Nacht inklusive türkischem Frühstücksbüffel bestehend aus Käse, Oliven, türkische Wurst, Kirschmarmelade Weißbrot und Schwarztee (“çay”). Hinzu kommen hier noch Kaffee und hartgekochte Eier.

Der Straßenlärm hält sich aufgrund der sehr schmalen Gassen in Grenzen. Beunruhigend finde ich den verzweifelten, heiser klingenden aber unaufhörlichen Schrei eines Mannes der die Straße auf und ab zu gehen scheint.  Dieser leidenschaftliche Schrei lässt furchtbares erahnen. Was will er uns mitteilen und warum hilft ihm niemand. “Simiiiiiiiiiiit” Ich schaue aus dem Fenster und erblicke einen Mann mit einem Korb auf den Schultern. Oh, es ist ein Brotverkäufer. Ich verspüre Leid, großes Mitleid und stelle mir vor wir er auch des Nachts nicht aufhören kann laut “Brot” zu schreien, weil er tagsüber nichts anderes tut, dafür wurden Maschinen erfunden, bei dieser Art eintöniger Beschäftigung muss ein Menschenhirn bereits nach kurzer Zeit komplett durchdrehen, da bei mir schon nach fünf Minuten des reinen Zuhörens eine Sicherung durchzubrennen scheint.

Es ist gerade mal 8 Uhr morgens. Ich darf bereits ein Bett beziehen. Übermüdet und planlos schaue ich mir erst einmal einen Dokumentationsfilm über Istanbul an, da wollte ich schon immer mal hin. Ey Moment, ich bin ja HIER! Ich hake ab , was ich mir alles NICHT anschauen werde, weil es hinreichend und in hochauflösender, best-dokumentierter, menschenleerer Form abgefilmt vorliegt: Hagia Sophia (Ayasofya), Cisterna Basilica (Versunkener Palast), Blaue Moschee (Sultan-Ahmed-Moschee)… zudem ich tiefe Zweifel und Respekt verspüre eine Moschee zu betreten für deren Eintritt ich komplett verhüllt sein müsse. Ich denke dass ich an diese Ort schlichtweg nicht gehöre und dort nichts zu suchen habe, auch wenn mich die Geschichten und die Menschen dahinter natürlich brennend interessieren und es mich gerade angesichts der aktuellen Islam-Thematik mit zahlreichen negativen Medienmeldungen interessieren sollte.

Das junge und authentische Istanbul – Kadıköy Bar- und Bazarleben

Gegen Mittag krieche ich dann doch mal aus dem Bett und laufe einfach los. Mein Hostel ist unweit des Hafens Istanbul – Kadıköy, asiatische Seite. Man kann hier gefühlt endlos einer gut ausgebauten Multifunktions-Rad-Wander-Babaywagen-Jogging-Strecke entlang folgen und so furchtbar sein Ruhe haben, dass man vergisst in der Chaos-City zu sein. Der kalte, scharfe Wind holt mich immer mal wieder zurück, wenn ich mit verträumten Blick auf die in der Ferne treibenden Segelboote mich in der warmen Karibik zu befinden glaube.

Kadıköy Istanbul Promenade
Kadıköy Istanbul Promenade

Von Chaos und Menschenmassen ist immer noch nicht viel zu sehen. Von Kadıköy Hafen aus, kann man in zahlreiche Richtung zu anderen Anlaufstellen der Wasserstraße…ach watt sach ick… Wasserautobahn wechseln oder pendeln. Schiffe legen alle 15 bis 40 Minuten ab und führen einem zu anderen Welten, denn die Unterschiede zwischen den einzelnen Stadtteilen sind schon klar erkennbar. Der asiatische Teil ist etwas traditioneller, da hier die Universitäten ansässig sind, ist er natürlich auch sehr beliebt für Studenten und darum sind die Hostels hier auch vornehmlich mit ERASMUS-Studenten belegt. Wie ich von meiner deutschen und ukrainischen Zimmergenossinnen erfahre, ist es allerdings möglich innerhalb von zwei bis drei Tagen ein Zimmer oder eine Wohnung für umgerechnet circa 300 Euro zu finden, vergleichbar mit deutschen Großstätten, geringfügig billiger aber dafür auch weniger modern. Man muss sich nicht einmal großartig bewerben, wie es im Miet-Horrorladen Berlin der Fall ist. In Berlin muss man neben den Standard-Unterlagen wie Mietschuldenfreiheit, Gehaltsnachweise, SCHUFA-Auskunft auch einen besonders coolen Lebenslauf und 1A WG-Tauglichkeit wie Gemeinschaftsfähigkeit ohne zu klammern, sozial aber selbstständig und unabhängig, unterhaltsam aber leise Nachbarschaftsfreundlich vorweisen können. Selbst bei WG-Tauglichkeits-Güte-Klasse A+++ kann man im ausgeklügelten Gruppen- oder Einzelcasting Kreuzverhör noch ohne Rückruf rausfliegen. In Istanbul kann hat man wohl laut Aussagen meiner Zimmergenossinnen als Wohnungssuchender das letzte Wort und entscheidet über Einzug oder Nichteinzug.

Ich hole mir Beratung eines befreundeten, stadtkundigen türkischen Landsmannes per Fernsprechapparat ein, meine alte Liebe “Al”. Dieser führt mich zu dem Kneipenkiez mit hunderten von kleinen Geschäften und urigen Pups und Kneipen, wo teilweise sogar Live-Musik gespielt wird. HIER ist das angekündigte Chaos und die Menschenmassen nun endlich zu finden. Da ich alleine unterwegs bin und niemanden trauen darf, betrete ich leider keiner der Lokalitäten und das istanbuler Nachtleben soll mir weiter ein Mysterium bleiben.

Wir fahren übern Bosporus, übern Bosporus

Am nächsten Tag setze ich spontan auf die Prinzen-Inseln (Princes’ Islands /Adalar district) in Istanbul) über. Eine entschleunigte Welt ohne Autos und mit zahlreichen Villen, welche jetzt im Winter leerstehen. Fast menschenleer ist auch die Insel, sobald man etwas vom Weg mit vorbeirasenden Pferdekutschen abgekommen ist. Rechtzeitig vor der Regenzeit verbringe ich fläzend in von Sonne, Regen und Wind ausgeblichenden Sitzkissen noch ein paar Minuten mit dem weiß-rot-gestreiften Schmusetiger Garfield auf der verlassenenden “Sommer-Pausen-Insel” der Istanbuler. Es ist eine Sommer-Insel, aber im Winter für so Geisterjäger wie mich wohl besonders reizvoll. Plötzlich fängt es dann noch an zu regnen und ich muss die Strecke zurück zum Hafen im strömenden Regen zurücklaufen. Noch eineinhalb Stunden bis zur nächsten Überfahrt zurück zum Festland. Ich verharre auf einer schmalen, unbequemen aber immerhin überdachten Parkbank vor beziehungsweise zwischen Restaurants die zu dieser Zeit vergeblich auf Touristen warten und beobachte den Kellner wie er seinen Dienstjungen streng zurecht weist. Er sieht gefährlich aus in seinem perfekt sitzendem Anzug, den glänzend geputzen Lackschuhen und der ebenso glänzenden, zurückgekämmten Gelfrisur. Sein Blick ist streng. Irgendwann entdeckt er mich und winkt mich zu sich in den am Wasser angrenzen, Wind-und-regen-geschützen, geheizten Pavillion. Ich befürchte teuer essen und trinken zu müssen und winke ab. Er bleibt hartnäckig und so setze ich mich verschüchert an einen Tisch. Er bietet mit Tee an und fragt mich ob ich Hunger hätte. Ich studiere die Karte genau und nehme ein günstiges Gericht. Gegrillte Paprika mit Kräuterquark. Ich rechne die Kosten zusammen und lege das Geld bereits parat. Als ich bezahlen möchte, gibt er mir zu verstehen dass ich eingeladen bin. Bevor ich rüber zur Ablegestelle laufe möchte ich mich versichern, dass er mir nicht die Polizei oder „seine Brüdder“ wegen unbezahlter Rechnung hinterherschickt und verabschiede mich höflich. Er drückt mir seine Visitenkarte in die Hand, es ist alles gut. Als das Schiff den Hafen verlässt atme ich auf und genieße im der gut geheizten Schiff die Aussicht auf das herrliche Schmuddelwetter bei eintretender Dunkelheit. Einige Menschen an Bord trinken gemütlich Tee und dösen während ich an die beschlagende Fensterscheibe male und ein schlafendes Pärchen beobachte und mich für ihren Moment der Zärtlichkeit und Harmonie freue.

Istanbulkart ist Katja’s Liebling

Mittlerweile habe ich einen Automaten gefunden der mir diese überall beworbene “Istanbulkart” ausspuckt und mir ein sehr wahrscheinliches nervtötendes Verhandlungsgespräch erspart, dafür bin ich fast eine halbe Stunde im Bahnhof auf und ab gelaufen und habe mir alle möglichen Plakate und Anleitungen durchgelesen, da ich auf keinen Fall mit einer falschen Fahrkarte beim Schwarzfahren erwischt werden möchte, obwohl das kaum möglich ist, da man sich zu nahezu allen Verkehrsmitteln den Zugang über ein Drehkreuz verschaffen muss. Ich sehe nur wenige Frauen und einen Mann sollte ich laut Reiseführer besser nicht ansprechen. Jede Fahrt egal wie lang und egal ob Bus, Bahn, Schiff oder Straßenbahn kostet hier das gleiche, jedoch muss bei jedem Umstieg erneut bezahlt werden. Der Tarif ist aber günstig, ca. 80 Cent. Das System kann man also durchaus für gut und fair befinden. Mit der Karte kann man Bargeldlos die Drehkreuze passieren und spart bei jeder Fahrt gegenüber dem regulären Fahrpreis beim Lösen eines Einzel-„Jetons“ am Automaten an jedem Hafen oder Haltestelle vor den Drehkreuzen.

Texaner Nuschler, Obelix und nächtliche Besuche

Zurück im Hostel nehme ich im Wohnzimmer Platz, vielleicht treffe ich hier heute auf interessante Menschen. Ein großer zwei-Meter Mann checkt ein, man hört ihn die ganze Zeit reden, wie ich feststellen muss redet er wohl unter anderem mit mir und nicht mit dem Hostel-Personal oder mit sich selbst wie ich zuerst annehme. Er sucht hektisch nach einem Tiefkühlfach und ruft nur kurz rein: “I’ll be back in a minute.”. Huh, mit wem spricht er nur. Meint er mich? Seine Statur und Gebrubbel erinnert etwas an Obelix, deswegen ist mein erster Gedanken es wäre ein Wildschwein in seiner weißen Plastiktüte welches er schnell in den Tiefkühler verstauen und vor womöglich anderen hungrigen Mitmenschen verstecken muss. Zur gleichen Zeit trifft ein schwarzes, junges Mädchen aus London ein. Ich glaube die beiden müssten zusammen gehören wenn man ihren regen Wortaustausch beobachtet, was sich als Fehlschluss herausstellt, sie kennen sich wohl erst seit ein paar Minuten.  Schließlich nimmt Obelix auf der Couch neben mir Platz und fängt völlig selbstverständlich ein Gespräch mit mir an. Ich kann ihn kaum verstehen, weil er einen furchtbaren texanischen Akzent hat, die Sätze zudem unvollständig und Gedankensprünge aufzuweisen scheinen. Aus den Gesprächsfragmenten die ich zu extrahieren und zu ordnen glaube, scheint er wohl im Dienste der USA in militärischen Angelegenheiten unterwegs zu sein und ist gerade auf der Durchreise nach Afghanistan. Er sei Englisch-Lehrer, kaum zu glauben bei der Aussprache. Er wirkt verwirrt und verrückt, was wohl auf eine alte Kopfverletzung zurückzuführen ist. Der Inhalt der weißen Plastikflasche ist übrigens kein Wildschwein sondern ein sehr teurer Wodka, den er im Dutyfree Shop erworben hat. Wenige Minuten später sitzen wir also da und trinken teuren Wodka aus Kaffeebechern. Der Texaner belagert jeden Hostel-Gast mit seinen endlosen schwer zu verstehenden Monologen, der Ruf der redseligen, selbstbewussten Amerikaner eilt ihm vorraus. Die anderen nicken oder lachen immer bestätigend. Wie schlecht muss mein Englisch sein. Der Vodka ist zu stark, das junge Mädel und ich schütten Obelix unseren Vodka-Anteile in seinen Becher. Er bemerkt es ist, weil er gerade mit einem heißen australischen Mädel in enger Jeans flirtet. Irgendwann ist er sichtlich angetrunken. Es ist 0 Uhr, meine Mama hat Geburtstag nach türkischer Zeit. Ich bin müde und beschließe ihr also nach meiner Ortszeit statt deutscher Zeit eine Geburtstags-Video-Nachricht zu übersenden. Obelix darf mit ins Bild, herauskommt eine skurrile mehrsprachige Gesangseinlage.

Geburtstagsständchen für Mama
Geburtstagsständchen für Mama

Schließlich flüchte ich in mein Bett und schlafe widererwartend hervorragend. Meine Zimmergenossin berichtet mir am Morgen von nächtlichem Besuch in Unterhose, der wohl plötzlich in unserem Zimmer gestanden haben soll.Meine Wenigkeit hat dieses Großereigniss mit Proppen im Ohr leider, leider, leiiider verpasst und ich sehe immer mehr Vorteile in einem gesunden Tiefschlaf. Dieser Mann wird mir immer unheimlicher.

Heute heißt es Bettenwechsel, rüber auf die andere Seite. Neues Hostel, neues Abenteuer… Mehr dazu in in “Der Pate” Teil II, ich habe mir erlaubt den Reisebereich zu teilen sowie die Metropole sich zu teilen scheint.

Von Asien nach Europa
Von Asien nach Europa

erwacht, verzaubert, Sinnemanie

Musik zum Tag und mitfühlen

Turkish Lounge Express – Tezcan Erol Titel: Karam