Kategorie-Archiv: Türkei

Antalya im Winter

AUStalya – ANtalya im Winter

Reisebericht Antalya, Türkei  06.-10.02.2016

antalya_im_winter

„Warum reist du nicht woanders hin?“

Hast du mich gefragt, ich verstand es viel mehr als Aufforderung meine neue Freiheit doch gefälligst zu nutzen. Ich habe deine Welt aber auch zu schätzen gelernt, vielleicht sogar mehr als du. Für dich ist es alltäglich, für mich immer wieder eine orientalisch märchenhafte Entdeckungsreise. Wenn du wieder auf dein Land fluchst, erinnere ich dich an die schönen Dinge wie das Essen, der Familienzusammenhalt, eure Musik, eure atemberaubend schöne Natur. Bei allen nachvollziehbaren Missständen kann man durchaus glücklich sein, du gabst mir sogar Recht. Dann wurden wieder irgendwelche friedlichen Demonstranten in unangemessener Härte von der Polizei angegriffen und du wurdest wieder wütend und emotional. Ich hatte Angst die nächsten Jahre nur noch Urlaub in der Türkei machen zu „müssen“ bis du in drei oder vier oder zehn Jahren vielleicht, aber auch nur vielleicht nach Deutschland kommen könntest. Dieser Drang nach Reisefreieit ist ein Luxusproblem eines neugierigen Vogels wie mich. Wir hatten nur ein paar Stunden in Nice Frankreich  zusammen verbracht als du die ganze InterRail-Netzwerk-Gruppe ephorisch und panisch gemacht  hattest und ihnen unsere Geschichte erzählt hattest… dein persönliches „Before Sunrise“ (Film aus dem Jahr 1995) hast du es genannt. „Wir haben Fans.[…]“ hast du gesagt „[..] viele!“ 260 Gruppenmitglider „gefiel“ das. Der Beitrag wird bis heute noch kommentiert und zählt aktuell 260 Kommentare. Klar fand ich deine Euphorie romantisch und nahm deine Einladung die „echte Türkei“ kennen zulernen an. “Happyness only real when shared” aus dem Film „Into the wild“ wird unser Lebens-Motto, wir teilen unser Glück nicht nur mit uns, auch mit der Außenwelt, das macht das Glück realer. Du träumtest deinen Traum von einem Leben in meinem Europa und ich träumte mit… von einer internationalen Hochzeit… erst klein und intim, dann groß und laut. Nach einem Jahr Fernbeziehung beherrsche ich das Zwei-Daumen-Schreiben auf dem Fernschreiber und andere Fähigkeiten zur Aufrechterhaltung einer Fernbeziehung wie das Erstellen lustiger Videos oder Fotos. Häufig und schnell zu schreiben mit kurzen Reaktionszeiten war dir wichtig, das habe ich nun beibehalten, darauf wurde ich konditioniert.
Meine Reisen in deine Welt war wie ein Traum und es kam mir so unwirklich, fremdartig schön vor. Diese Geschichte ist bis heute nicht aufgeschrieben, der Blogeintrag endete mit meiner Ankunft in Aydın im Agust 2014.

Aydin, Türkei
Aytepe Mesire Alanı/Zafer,09010 Aydın Merkez/Aydın,Türkei

Mittlerweile sind viele Erinnerungen verblasst, manche sogar verschwunden. Und ich hänge sehr an diesen wertvollen Erinnerungen, stattdessen habe ich mir irgendwelche Gerüche gemerkt und unnützes Schulwissen, welches ich nie wieder brauchte. Als du mich im Sommer 2015 für fünf Wochen besucht hattest musste ich endgültig begreifen, dass mich der Altersunterschied doch mehr interessieren sollte als mir lieb war. Du hast sehr viele Fragen mit diesem jugendlichen, trotzigen Unterton gestellt. Ich konnte dir nur sagen, dass du die Antwort irgendwann selbst „erfahren“ wirst, aber ich dir nicht die Person sein kann mit der du diese Erfahrung im Schnelldurchlauf abhaken kannst. Da waren häufig Muttergefühle, auch Liebe, aber eben die falsche Art. Ihr habt mich in eure Familie aufgenommen ohne zu zögern und ohne wenn und aber, es gab Zweifel, aber ihr habt es uns versuchen lassen. Ich beendete unsere gemeinsame Geschichte schriftlich, da war ich gefasster, aufgeräumter, sachlich und fairer. Aber euch aus meinem Leben streichen kann ich nicht, keinen, auch dich nicht. Mein Besuch ist  Abschied und Neuanfang zugleich. Ihr habt mir vieles beigebracht und eben auch das mal nicht so „deutsch“ zu sein, stattdessen mehr Herz mit weniger Skepsis.  Da war und ist mehr als nur Gastfreundschaft, das wollte ich mir bewahren. In mir trage ich auch dieses Feuer welches bisher nur einigen Völkern dieser Erde zugeschrieben wird, schon immer, da überschreitet man aus Euphorie auch mal Grenzen.

Dieses mal wird mich niemand vom Flughafen abholen, …

… an die Hand nehmen, für mich bezahlen, für mich sprechen und Entscheidungen treffen. Bisher konnte ich hier immer komplett abschalten, sogar meine verbale Kommunikation und nur alle Geräusche, Gerüche, Gefühle und Geschmäcker aufsaugen und die Menschen bei Gesprächen in einer mir unverständlichen Sprache beobachten und dem wohlklingenden Austausch lauschen ohne Inhalte verarbeiten zu müssen.  Nun werde ich auf mich alleine gestellt sein. Dementsprechend bin ich schon Tage zuvor so aufgeregt, dass ich glaube mir einen Magen-Darm-Virus eingefangen zu haben.
Nur mit Handgepäck zu reisen erfordert mehr Packzeit als einen großen Koffer voll zu packen… Zahnbürste, ein Stück Seife, kleine Dose Creme, einen dicken Pullover, eine Hose, ein Kleid(chen) platzsparend, leicht und universell auch mit anderen Sachen kombinierbar muss reichen… Der Rest ist Fotoausrüstung, kleines Wörterbuch, Reiseführer, Tabletten gegen Magenbeschwerden.
Bis ich zu dieser Erkenntnis gelangt bin wie ich minimal packe, musste ich immer wieder Sachen ein und wieder auspacken… noch mal kurz überlegen. .. da hatte ich doch noch was leichteres, was man leichter waschen oder nie waschen und/oder leicht trocknen kann… rein,raus…rollen, falten,knüllen,quetschen und noch mal von vorne… stöhn. Ach das nehme ich doch nicht mit, oder doch… ah…Zzzz 5Uhr.

Erinnerungen kommen zurück

Bei dem Stichwort „Magenprobleme“ da kommt eine Erinnerung zurück. Wie ihr da alle zu acht am Tisch gesessen habt und in einer für mich außerirdischen Sprache über meinen Verdauungstrakt diskutiert habt. Sogar beim Onkel in Istanbul habt ihr angerufen und diskutiert. Wenn mein Name fiel „üüütschli… Katjaaa… ablablühütürü“ mit besorgtem Blick… wusste ich immer es geht um mich. Dann kam “Baba” mit einer Wurzel um die Ecke, 5 Minuten später “Anne” mit einem Tee…und am nächsten Tag… der erwartungsvolle “Und?”-Blick… ich mit rotem Kopf… “hmm nee” und alle wussten Bescheid. Baba sagte mir schon nach zwei Wochen dass er mich liebt, dass mit der “Liebe” geht hier schnell, ich traue den Menschen hier aber auch irgendwie zu dass sie nicht lange brauchen um diese Chemie zu spüren, wenn man den Blick ins Herz drauf hat.

Ich hatte mir Kartenmaterial für die halbe Türkei runtergeladen und bin die Strecke durch das virtuelle Auge schon abgelaufen. Ich fühle mich vorbereitet: Tasche check, Tickets und Reservierungen chronologisch durchnummeriert du Spießer, Batterien geladen, Kopf dran… kann los gehen. Zu welchem Flughafen noch mal und wann war noch mal der Flug und der is doch morgen und auch dieses Jahr?!

Angst

Auf dem Parkplatz am Flughafen Antalya herrscht leere, der Schalter zum Geld wechseln hat geschlossen. Was ist hier los? Antalya wirkt im Winter wie eine Geisterstadt.

Flughafen Antalya im Winter
Ich schmeiße den Navigator an um meine Position und nächsten Schritte zu planen an. Der Navigator sagt mir so ziemlich genau dass ich mich in der Türkei befinde, irgendwo auf einem Flughafen. Ich laufe planlos los in der Hoffnung dass der Navigator außerhalb der Flugzone für die präzisen deutschen Ansprüche genauere Angaben machen kann . Nachdem ich nicht mal 200 Meter gelaufen bin, hält neben mir ein kleiner weißer Bus mit 7 Touristen drin. Der Fahrer fordert mich auf einzusteigen ohne mein Ziel zu kennen oder auch nur danach zu fragen. Bevor die Alarmglöckchen schellen, husche ich in den Bus und lasse die hinderlichen Panikmacher-Glocken lautlos hinter der Schiebtür auf den Asphalt fallen. Der Anblick der touristisch aussehenden Bleichnasen hat mich überzeugt… das laminierte Schildchen mit “Beer 3Euro, Cola 1 Euro” kam mir auch höchst verdächtig vor. Der Chauffeur fragt mich nach “Adress?”. Ich fuchtle mit meinem Smartphone vor seinen Augen rum, in meinem Gesicht steht in leuchtenden Buchstaben “PANIK” geschrieben. Die deutschen Touristen glotzen mich etwas missachtend an. Bin der Meinung dass der Fahrer verstanden haben müsste, wo ich hin will. Er fragt wieder nach “Adress?”. Eine Frau in meinem Rücken abfällig: “Hat se wieder vergessen.” Ne du Trulla, ich hab Angst. 😛
ICH BIN EIN BUDDHA…. endlich kann ich mein Programm in der Praxis anwenden… ICH HABE ANGST, DAS IST ANGST… einatmen, ausatmen, handeln nicht mit dir geschehen lassen…. Draußen geht die Sonne hinter einer fantastischen Bergkulisse mit Schneehäupchen und kleinen Puffwölkchen umringt unter. Ich mache Fotos und filme, das beruhigt und beschäftigt mich, zudem kann ich den Blicken der Insassen ausweichen und mich hinter dem Sucher meiner Kamera verstecken, ein kleiner Trick auch bei komischen Partys… sich als den Fotografen geben, dann hat man immer eine sinnvolle Aufgabe statt hübsch beim Essen und reden auszusehen.

Ankunft in Antalya bei Sonnenuntergang aus dem fahrenden Bus
Ankunft in Antalya bei Sonnenuntergang aus dem fahrenden Bus

Mein Navigator redet nun endlich mit mir. Der Bus fährt genau in die falsche Richtung. Ich entferne mich von Antalyas Mitte Richtung  Luxushotels. Mein Gesicht bekommt wieder diesen verzweifelten Ausdruck, ich glaube der Mann neben mir bekommt gerade Mitleid.

Nach 45 Minuten sind alle Luxusgäste in Ihren Hotels abgeladen, auch die Trulla und der Mann mit dem mitleidigen Blick. Der Fahrer räumt den Vordersitz frei und bittet mich neben sich… ich wieder Panik: Beine zusammemdrückend, Kragen ran, Pass an den Körper gepresst, achtsamer Blick aber nicht in seine Augen schauend. Einen Mann in die Augen zu schauen könnte  missverstanden werden, so steht es in meinem Reiseführer. Wieder “Adress?”. Man, der will mich doch veräppeln. Will er, professioneller Hoteltransfer-Service-Fahrer aus Antalya kommend, mir vorgaukeln DAS Touristenzentrum von Antalya nicht ohne meine Hilfe und das Navi ausmachen zu können?!?!?!? Da ich als “Geisel” nicht in der glücklichen Lage bin diskutieren zu dürfen, weise ich ihm brav alle 5 Minuten nach Aufforderung den Weg, denn ich sei der “Chef” betont er immer wieder. Wir finden uns nach weiteren 45 Minuten in der “Rush Hour” wieder. Er ist müde, scheiße jetzt macht er mir auch noch ein schlechtes Gewissen. Im Radio dudelt Tarkan… yeah das kenn ich… und summe mit, das beruhigt die Geiselnahme-Stimmung. MY DRIVER dreht drauf… na das wird ja doch noch nett. Als die Fahrt irgendwie kein Ende zu nehmen scheint, beschließe ich den Rest zu Fuß laufen. Weil ich ihm ehrlich Danke sagen will umarme ich ihn schnell. Daraufhin schreibt er mir seine Nummer auf mit den Worten, wenn ich Hilfe brauchen sollte, solle ich ihn anrufen. Siehste… Menschen sind gut und zwar die meisten, OOOOHMMM!

Die Sonne ist schon lange untergegangen. Das Hostel finde ich dank Navi sehr schnell, zudem hört man die Musik schon von weitem und es wurde gerade Feuer gemacht. Ich bin der Einzige Gast in der Villa und auch somit allein in meinem 4-Betten-Schlafraum, nah am Meer mitten in der touristischen Altstadt. An mir klebt das Parfum des Busfahrers von der kurzen Umarmung,  das ist mir unangenehm. Ich kann mein Hostelzimmer noch nicht bezahlen. Man sieht es locker und ich könne auch morgen  noch bezahlen, sobald ich halt Geld tauschen könne.

Gastfreundschaft

Der Hostel-Boy macht mir ein Brot für meinen hungrigen Magen. Der ergraute Hostel-Vater bietet mir derweil ein geschnitztes Apfelstückchen an. Gemeinsam sehe ich sie grinsend hinter der Theke an meinem Brot rumschmieren. Pommes, Brot und Paprika werden mir in 5-Sterne Optik mit Mayonaise und Tomatenmark verziert serviert. Was die Trulla in ihrem Luxushotel wohl gerade serviert bekommt?! 😉

Antalya Hostel Abendbrot und schwarzer Tee
Antalya Hostel Abendbrot und schwarzer Tee

Das Role Street Hostel ist ein Gesamtkunstwerk, der Garten lädt zum chillen in alten Stubenmöbeln, Hängematte oder stehend an der Feuertonne ein. Die Musik wird fein säuberlich von den Hausherren ausgesucht und beschallt Garten und auch die dünnwandigen Räume der Villa. Der Hostel-Boy ist Graffitikünstler… die ganze Villa hat er mit Farben aus der Sprühflasche gekonnt veredelt. Er träumt von einem Graffiti-Streifzug in Berlin, hat er sich bereits mit der Szene dort vernetzt. Mir war nicht bewusst dass Graffiti-Künstler über die Kontinente hinaus international vernetzt sein würden… was wohl der Masterplan dahinter ist? Die Welt bunt machen und wenn alles bunt ist, wieder weiß, damit sind wir bis auf alle Ewigkeit beschäftigt.

Der Berg ruft: neun Kilometer von Kemer nach Göynük

Am nächsten Tag bin ich mit meiner Familie aus Antalya verabredet. Kurz vor sieben Uhr verlasse ich im Morgengrauen in Vorfreude und mit Glücksgefühlen mein warmes Hostelbett in die verrauchte Stadt. In der Türkei wird vielerorts noch mit Holz und Kohle geheizt, weil Öl hier sehr teuer ist. Der Geruch ist fast typisch für die Türkei im Winter. Meine „Familie“ hat mir Brote gemacht und mich Wasser und Obst für die Wanderung versorgt, ich habe nun die beruhigende Gewissheit noch ein Teil von euch sein zu dürfen. Das letzte mal habe ich euch vor rund einem Jahr gesehen, aber wir sind uns nicht fremd geworden, noch nicht…? Immer Sonntags finden professionelle geführte Wandererungen durch die vielfältige Landschaft Antalyas statt.  Als Mitglied einer 50-köpfigen Wandergruppe kraxeln wir im Gänsemarsch in den Bergen Antalyas rum, angenehm schweißtreibend über Stock und Stein, über kleine Bäche, durch Sträucher und Geäst, steil und holprig, teils unbefestigt und unter hoher Sturzgefahr. Zwei Weggefährten stürzen trotz professionellen Schuhwerks und Wanderstöcken, so dass mir kurz der Atem stockt. Sie haben Glück und können ungeschadet weitermarschieren. Damit niemand auf dem Marschweg vergessen wird oder verloren geht, wird regelmäßig durchgezählt… „bir, iki, üç, dört, beş, …, Ähhhh…, on altı, on yedi, On sekiz“. Ich bin die „Ähhh“, weil ich noch nicht auf türkisch zählen kann und unterbreche damit regelmäßig den Counter-Gesang. Meine Freundin „Sina“  singt für mich das einzige deutsche Wanderlied welches sie kennt: „Grün, grün, grün ist aalles woas iccch chabe, grün, grün grün is aaaalles was ich mag, darum mag iccch aaaalles was so grün ist, waail main Schoatz ain Jaeger ist.“

Ich schmecke Salz und spüre den leichten Schmerz meiner austrocknen Haut, zum trinken bleibt kaum Zeit. Immer wieder rupft man Blätter von Zweigen und Sträuchern um sie mir unter die Nase zu halten. Es spricht sogut wie niemand Englisch, somit verständigt man sich mit mir nur durch zulächeln und lang gezogenen „Mmm“’s um mir mitzuteilen wie toll etwas riecht . Selten hat mich eine Aktivität so positiv fertig gemacht. Am Ende unserer Wanderung machen wir Rast an einem Bergbach mit kristallklarem Wasser, an dessen Ufer ein kaputter Gummireifen liegt, der erahnen lässt welchen Spaß man im Sommer hier gehabt haben muss. Ich rieche den Duft von Orangen. Einige Wanderer hatten sich der natürlichen Speisekammer der Türkei bedient und aßen nun genüsslich auf den von der Sonne erwärmten Felsen die Frucht der türkischen Wintersonne.

Am Abend bin ich spontan zum türkischen Tee und Essen bei meiner „Familie“ eingeladen, wo ich meine Erlösung finde als ich wieder in die vielen bekannten Gesichter blicken darf, lächelnde Gesichter, die mich nicht vergessen haben. An großer Tafel wird gespeist. Ich habe beobachtet, dass es hier nicht unhöflich zu sein scheint, aufzustehen sobald man mit dem Essen fertig ist und dieses mal soll ich mich auch nicht gezwungen sehen etwas zu essen, was ich nicht möchte. Es gibt so eine Art Eintopf mit Spinat und ganzen gekochten Eiern, dazu werden gebratene Nudeln und die Basis aller Mahlzeite, Weißbrot, gereicht.  Die großen Weißbrot Laiber werden in Stücke gerissen. Was übrig bleibt, egal wie zerrissen es aussieht, wird zurück in eine Tüte gebackt und bei der nächsten Mahlzeit erneut verteilt.  Das kleine Mädchen gegenüber starrt mich die ganze Zeit an, ich… das „süße“ Mädchen mit den „goldenen Haaren und den Ozean-Augen“, wie mich „Ale“ häufig beschrieb. Die Verabschiedung von Oma, Mama und Papa geht schnell, so dass es nicht emotional werden kann. Wann und ob ich sie wiedersehen werde ist ungewiss, aber es ist schön zu wissen dass man willkommen ist.

An der einsamen Küste entlang, am türkisblauen Meer

Am nächsten Tag laufe ich stundenlang  auf dem übrigens sehr schönen asphaltierten Rad-Lauf-Spazier-Weg die Küste von der Altstadt in Richtung Anlanya ab, tanke Sonnenlicht, sehe mich am türkisblauen Meer satt und atme immer wieder die angenehm kühle Luft ein. Die Stadt putzt sich gerade für die anstehende EXPO 2016 heraus, die Männer heben stinkende Schlammlöcher aus und Frauen in Kopftuch und bunt gemusterten, traditionellen Pumphosen hacken die Blumenbeete und Grünflächen. Ich genieße meine Einsamkeit und Unterreche die Ruhe nur für einen Einkauf in einem kleinen Supermarkt mit ungewöhnlich lauter Disco-Musik, so dass ich mich bedrängt fühle durch die Regalreihen zu tanzen und blöde Selbstportrait-Fotos in den spiegelnden Teekannen zu machen. Ich erstehe für 1,50 Lira eine türkische Hand- und Körpercreme. Fortan trage ich den Duft der Türkei auf meiner Haut, die kleine Quetschtube dürfte genau für meine Reise-Tage reichen.

Für den Tag gibt es nichts aufregendes zu berichten, was in Worte zu fassen ich in der Lage wäre, somit lasse ich Bilder sprechen.


 

 

Heute wieder ziellos umherspaziert… und den Lebenssinn gefunden… im Kaffeesatz! „Aşkla kalın!“

Am Abend schleiche ich mit meinen Lieblings-Locken-Köpfen durch die Altstadt und beenden den Abend bei türkischem Tee und traditionellen türkischen Mokka mit „turkish delights“ (türkischer Honig). …und statt in der Zeitung in meinem Kaffeesatz mein Horoskop lesend. Wer hätte gedacht, dass ich die Antworten auf all meine Fragen die mich seit Monaten beschäftigen in ein paar gerösteten und gemahlenen, aromatisch-bitteren Bohnen, in einem Heißgetränk finden würde.

Durch die Nacht, in 12 Stunden von Antalya nach Istanbul

antalyaAm nächsten Tag laufe ich von der Altstadt, über den kilometer langen Kiesstrand mit zahlreichen leerstehenden Strand-Restaurants bis zu der Krabbe Sebastian in eines der größten Aquarium-Komplexe der Welt. Da ich dort einen Großteil meines Reisebudgets lassen „muss“, verbringe ich minutenlang vor den dicken Scheiben hockend bis ich glaube selbst ein Fisch zu sein.


 

 

Am Abend setzten mich meine Freunde in den Nachtbus Richtung Istanbul. Ab hier bin ich nun auf mich alleine gestellt…. zwölf Stunden durch die türkische Nacht mit Endstelle Istanbul Asiatische Seite… irgendwo auf einem kleinen Busbahnhof in Ümraniye.

InterRail 2014 Türkei

Merhaba Türkiye – Türkisch für Anfänger

Nach einer 32-stündigen Reise von London, Dover-Calais, Brugge und seinem zum Sterben enttäuschend hässlichen Bahnhof und 22-Uhr-is-Stadt-dicht-und-Hotel-dicht und einer Nacht im Liège-Guillemins Bahnhof geht es zurück nach Deutschland ins nahe der Grenze gelegene Aachen über Hannover, Braunschweig und Überraschungsbesuch bei der Familie im Heimatdorf im Herzen Deutschlands. Als Heimkehrer mit Militärrucksack hole ich Mama von der Arbeit ab, das wollte ich schon lange mal wieder machen, ich bin wieder 14 Jahre alt. Gestärkt und abgeknutscht mache ich mich am nächsten Tag zurück nach Berlin wo ich noch ein paar Flugstunden mit dem grünen Drachen nehme, bevor ich mit dem großen Drachen „SunExpress“ Richtung Finale fliege. Im Gepäck hab ich einige schwere Vorurteile, Klischees, Ängste aber auch Träume und Sehnsüchte. Einiges hoffe ich davon in der Türkei auspacken und dalassen zu können und stattdessen kompaktes Wissen, Erkenntnisse, Liebe, wertvolle Erfahrungen als leichtgewichtige Souvenirs in die Heimat überführen zu können. Gut zureden wollte mir kaum jemand, das Land bereisen war OK, aber sich auf die Kultur und die Menschen einlassen, da äußerte man sich durchweg zurückhaltend, warnend bis ablehnend: [..]“aber sei einfach vorsichtig bitte. das ist ne andere Kultur, ne andere Welt und da haben Frauen nicht viel zu sagen.“[..] Ich wusste nicht viel über die Türkei, kramte in meinem Kopf. Türkei…das sind doch die, die immer zu Hauf mit einer halben Wohungseinrichtung auf den Berliner Grillwiesen campieren. Türkei…das sind doch Döner, Ayran, Baklawa, 3er BMW, „Alter“, schwarze Haare und tiefbraune Augen, die sprechen deutsch-türkisch, die wohlerzogenen bieten im Bus alten Menschen immer einen Platz an und die nicht integrierten Immigranten pöbeln und spucken in deutsch-türkisch, die haben eine ganz eigene Sprache. Türkei…das ist doch Tarkan mit dem Lied übers Küssen, das sind doch Frauen mit Schleiern und die schicken orientalischen Gebäude wo immer ein Mann aus einem langem schmalen Turm schreit …fünf mal am Tag.

Da sitze ich nun im Flieger mit feuchten Händen und jede Sekunde bis zur Landung runterzählend. Zweieinhalb Stunden dauert der Flug von Berlin nach Izmir und ich denke die ganze Zeit nur, wie „Al“ und ich uns wohl begrüßen werden, das erste mal nachdem wir uns am Bahnhof Nizza vor circa sieben Wochen verabschieden mussten. „Al“ hat nach dem Vorfall in Paris kaum ein Wort mit mir gesprochen. Da ich nur mit Handgebäck anreise ist mein Weg vom Landeplatz, zur Passport-Kontrolle bis zum Ausgang kurz. Ich bin so aufgeregt, dass ich nicht merke dass mir mein Waschtäschchen mit Zahnbürste aus meinem Rucksack fällt als ich „Al“ aus der Ferne erblicke und freudig auf ihn zusteuere. Ein Landsmann aus meiner Heimat bringt mir die Tasche hinterher und kommentiert dieses aufgeregte-Mädchen-Verhalten: „Freude ist schön mein Fräulein, aber sie dürfen dabei ihre Sachen nicht verlieren.“ Sollte das mein Leitspruch werden?! Bevor die Situation peinlich zögerlich werden kann, da weder „Al“ noch ich keinen Plan davon haben wie wir unsere Wiedersehensfreude, Skepsis sowie Unwissenheit zum Ausdruck bringen können, drücke ich „Al“ alle meine Sachen in die Hand, die ich aufgrund des 25Grad Temperaturunterschieds ablegen muss, also Schal, Pullover und Jacke. Zwiebellook bietet sich an, wenn man nur eine kleine Tasche für Handgepäck hat, aber mehr Klamotten braucht als in den Rucksack passen. Dieser Minirucksack ist im Verglech zu meinem Packmonstrum eine Fingerübung und kaum zu spüren auf meinem strapaziertem Rücken. Papa (türkisch Baba) „Ale“ kommt in einem alten, dezent-pinken Gebrauchtwagen vorgefahren und begrüßt mich landestypisch herzlich. Alle Ängste sind verflogen, das fantastische Finale beginnt. Und es folgte eine lange Heimfahrt mit weiten Umwegen über die Sehenswürdigkeiten der Gegend bis ins kleine Städtchen Aydin (das „i“ ohne Punkt, kurz ausgesprochen bis stumm), welches nun meine zweite Heimat werden soll.
Wir fahren vorbei bei Mama (türkisch Anne) „Al“’s „Büro“, ein Minireinigungs-Service mit drei Waschmaschinen und Wäschetrocker-Gestänge auf der Straße sowie einem 2KG-Profi-Bügeleisen. Mama „Ale“ begrüßt mich euphorisch und setzt mir sogleich einen selbstgestrickten Sonnenhut auf den Kopf und überreicht mir zudem noch einen selbst gemachten Häkelbikini und Perlen-Kettchen, ebensfalls aus eigener Hobby-Arbeit. Hallo Türkei! Merhaba Tükiye!

[Fortsetzung folgt]

Sinnemanie in Nice

Nice NICE Night

Sinnemanie in Nice
Sinnemanie in Nice

 

Von Cuneo nach Barcelona ist notgedrungen ein Zwischenstop mit Übernachtung an der Côte D’Azur notwendig. Der Zug Richtung der „feinen Gegend“ hat passend zum mit gold geschmückten und gut gekleideten Klientel royal-blaue Sitze und es riecht nach teurem Parfum.

Ich entscheide mich für die nächst größte Stadt mit Hostelangebot, da ich zu spontan meine Route bestimmte und es somit mit Couchsurfing leider nicht klappen will.
Im Zug entlang der schönen blauen Küste nimmt mein Packmonstrum einem grauhaarigen, 2,10 Meter großen Geschäftsmann aus Monaco ursprünglich beheimatet in Südafrika den Sitzplatz weg. Er hilft mir den Eintonner auf ein Gepäckplatz zu hieven, daraufhin kommen wir ins Gespräch während er vor sich eine IPad-Präsentation aufbaut. Ich erwarte jeden Moment von einem geschäftlichen Telefonat unterbrochen zu werden. Ich soll Recht behalten. Er hätte die Welt wohl schon komplett bereist u.a. auch Europa mit dem Motorrad erkundet. Wieder jemand der mir Thailand als Backpacker-Paradies empfiehlt, weil in Europa die Menschen alle für sich wären und mit Scheuklappen durch die Gegend laufen würden. Er wirkt auf mich sehr erfahren in Umgang mit Menschen, errät schnell wo ich beheimatet bin und wo ich herkomme und obwohl ich brav alles wichtige einpackte was Mama sagte, ich doch nun mit einem Fremden wie ihm reden würde. Nervös drehe ich mich immer mal wieder zu meinem Gepäck um. Der Riese beruhigt mich, indem er meint das Ding wäre zu „heavy“, als dass jemand mein Gepäck mal ebenso mitgehen lassen könne. Er gibt mir noch ein paar Tipps für Nizza auf den Weg und dass ich auf mich aufpassen solle.

In der Bahnhofsvorhalle grinst mich gleich ein Schokocookie an, für 2,50 Euro! Öhm ja, einen teures Pflaster wie erwartet. Im Zug war ich bereits total aus dem Häuschen bei dem Anblick des blauen Meeres und der Palmen, so dass ich dies gleich all meinen Freunden per digitalen, sozialen Benachrichtigungsdienst mitteilen musste. Entschuldigt bitte die umständliche Ausdrucksweise, aber Oma liest mit und sie muss das auch verstehen können. Wie hypnotisiert von diesem Palmen-blaues-Meer-Anblick buckle ich sofort zum Strand und freue mich wie ein Honigkuchenpferd über den Anblick.

Nachdem ich mich mit modernster Technik zur Straße navigiere, wo das Hostel sein soll, stehe ich da nun wieder total verloren mitten auf der Straße rum. Eine 96 jährige Oma weiß mich sofort zuzuordnen, liest mich auf und führt mich gleich zu Ihrer „Rezeption“ des äh was „Pink Lady“-Hostels?! Im Internet benannte man dies noch anders. Die sogenannte Rezeption ist ein kleiner Abstelltisch in einer dunklen Allzweck-Kammer die wohl als Altersclub als Pedant zum Jugendclub fürRentner dient. Es riecht nach gekochtemTier. Oma wühlt in den „Bookingunterlagen“ und sucht aufgeregt nach „Le list“ mit den freien Betten. Sie spricht konsequent Französisch mit mir und ich versuche einzelne Fetzen aus meinem Schulfranzösisch in Erinnerung zu rufen. Während die knallharte Geschäftsfrau mit mir den Bettenvertrag in die Ecke eines voll geschriebenen Stück Papiers kritzelt, glotzen mich die kleine Gruppe Omas und Opas neugierig an. Ich bekomme natürlich wieder einen Spruch wegen meines beachtlichen Gepäcks.

Oma quetscht sich dann mit mir in einen kleinen Aufzug. Der Schlüssel zur Dreiraumwohnung zum Hostel umfunktioniert klemmt und Oma muss klingeln, um sich von einem Gast den Zugang zu verschaffen. Ich kann aus ihrem Französichgebrabbel etwas Ärger heraushören. Als ich den Miniflur betrete Blicke ich direkt in die nussbraunen Augen von einem türkischen jungen Landsmann der mich mit einem strahlend weißen Zähnen anlächelt und er mir somit wie der Engel in der zu erwartenden Hölle erscheint. Ich fasse direkt Vertrauen zu ihm: “ Hey, my Name is Katja. How are you.“. Oma diskutiert schließlich mit einem indianisch anmutenden Macho über ein leer zu räumendes Gästebett direkt an der Tür im Mädchenzimmer neben der offenen Küche. Das sollte also meine Schlaf-„Ecke“ werden.  Jeder der betrunken oder nüchtern das Zimmer betrat würde wohl oder übel über mich stolpern. Da ich lange Zeit das Durchgangszimmer in meinem Elternhaus bewohnte, nehme ich das schlechte Geschäft welches ich abgeschlossen habe locker. Alles ist sehr eng und nur bedingt „sauber“. Da es ein Schlüsselproblem zu geben scheint, entschließe ich mich dazu mit den drei Jungs die sich um mich herum versammelt haben auszugehen. Der indianisch  anmutende Junge im folgenden „Häuptling“ genannt bietet an uns die Stadt zu zeigen. Er redet sehr langsam mit starkem Akzent, als würde jedes Wort wie aus einer Lotterie-Maschine in die richtige Spur gerollt kommen. Ab und zu verdreht er geistig abwesend die Augen. Die Stadtführung würde zu einem irren Erlebnis werden mit so einem verwirrtem Anführer. Häuptling redet wie ein Wasserfall im beschriebenen Redetempo und scheucht uns zunächst in die Parfumabteilung eines Kaufhauses, um dann schließlich sich und uns wild mit Parfum zu besprühen. Ich rieche nun nach einem teurem Parfum, was mich in der Dosierung welche der Häuptling auf mich „geschossen“ hat billig fühlen lässt. Der Häuptling tingelt wohl täglich durch die Parfumabteilungen der Stadt und erstaune seine Freunde immer mit seinem täglich wechselnden Duftgewand, berichtet er stolz. Er ist verrückt aber liebenswürdig, das ist mir nun absolut klar. Ich mache mich mit dem schüchternen türkischen Landsmann vertraut im folgenden nenne ich ihn mal „Ale“, weil ich gerne Aladdin mit ihm in Verbindung bringen möchte. Er ist Musiker und hat sein Reisebudget für seine vierwöchige InterRail-Reise in Dänemark verdient. In Dänemark wären die Menschen immer gut gelaunt, da würde er eines Tages leben und arbeiten wollen. Er erzählt glaubhaft von seiner Leidenschaft zur Musik und zum Jazz, habe er auf seiner Reise bereits einige musikalische Höhepunkte erlebt. Auch heute ist ein Jazzkonzert mit (für ihn) bekannten Musikern aus der Szene sein Ziel. Popmusik mag er nicht, dabei mögen Popmusik doch alle, sonst wäre sie doch nicht populär, denke ich mir.

Wir nehmen zwischen dem vornehmen Publikum Platz und lauschen der Musikimprovisation, die kurzzeitig von einer Parade auf der anderen Straßenseite gestört wird. Die Musiker setzen ab und lassen das Getrommel und Getröte ausklingen, da es dann wohl nicht so gut zu IHREM Stil passt. Schade, mich hätte der Mix als musikalisches Jazz-Experiment interessiert. Der Stilbruch sorgt jedoch wie bei dem vornehmen Publikum zu erwarten für zurückhaltendes Gelächter.

Der „Häuptling“ rutscht nervös auf seinem Sitz hin und her und drängelt uns doch weiter die Stadt zu erkunden, wir wären schließlich nur noch ein paar Stunden in der Stadt und er hätte uns noch viel zu zeigen. Ich kämpfe schließlich mit Wasserfontänen und der „Häuptling“ mit meiner Kamera. „Ale“ hält mich für verrückt, da ich mich für das optimale Foto so sehr ins Zeug gelegt habe, dass ich mich mächtig nass gemacht habe.

Mike der rot-blond-Schopf aus unserer Truppe dreht eifrig Videos und feuert die Tänzer einer Travestie-Show- anmutenden Breakdance-Vorstellung heftig an. Gerne würde er einen Strip sehen und johlt kräftig: „Get off your pants“. Ich dachte mir meinen Teil und steckte ihn in eine Schublade und mochte die sonderbare Mixtur unserer kleinen Touristengruppe somit sehr.

„Ale“ und ich vertiefen das Musikthema und wir teilen uns schließlich meine Kopfhörer um uns gegenseitig unsere aktuellen Lieblingssongs vorzuspielen, ich muss aufpassen das wir unseren verrückten, rumstreunenden Häuptling nicht aus den Augen verlieren. Es fängt wieder mal an zu regnen. Der “ Häuptling“ lässt einen Strohhut im Vorbeigehen an einem Souvenir-Shop mitgehen. „Ale“ ist entsetzt und flüstert mir zu „He steal it.“. Ich muss schmunzeln. Der “ Häuptling “ wankt selbstbewusst durch die eng belebten Straßen immer noch auf uns einredend mit seinen Geschichten über die Stadt. Eine sehr sonderbare, aber sympathische Stadtführung.

Wir müssen uns schließlich unterstellen, da der Regen heftiger wird und sich das Gewitter dazugesellt. Nach 15 min wird der „Häuptling“ ungeduldig. „The City is waiting…common let’s go.“  stellt er sich die Arme in die Höhe reißend mitten auf den Gehweg. Nachdem er uns durch die Altstadt gejagt hat wird er müde und wir fahren die letzten 500Meter zurück zum Hostel. „Ale“ und ich sind noch nicht müde und beschließen noch einmal zurück zum Strand zu laufen und für die Stadt illegalerweise zu der Uhrzeit eine Flasche Wein zu trinken. Als „Ale“ die Späti-Verkäuferin nach Gläsern für den Wein fragt, bin ich nicht wirklich erstaunt sondern eher amüsiert im Gegensatz zur verwirrten Verkäufern. Er ist schließlich Vertreter der klassischen Musik und ist somit stilvoller aufgestellt als wir Popmusikfritzen und Flaschenkinder auf Festivals in Gummistiefeln und kaputten Jeans. Auf dem Weg habe ich die Gelegenheit ihn über Türkische Klischees und die politische Situation auszufragen. Er würde sich sehr für Politik neben seiner Leidenschaft für Musik interessieren und ist in einer politischen Gruppe recht engagiert. Er ist stark berührt von so mancher Ungerechtigkeit und Brutalität in seinem Land und drängt auf eine politische Revolution die in Richtung Ausgleich der Reich-Arm-Schere geht. Ich habe Respekt vor politischem Engagement muss aber eingestehen nur wenig Interesse an Politik zu haben und versuche die Welt auf meine Art besser zu machen, versuche ich mich gut rauszureden. Ich würde versuchen meine Umgebung glücklich zu machen, denn glückliche Menschen tun sich nichts böses an. Wenn Menschen in der Lage sind ihr Leben, wie bescheiden es auch sein mag, zu schätzen und ihr Hab und Gut teilen können, gastfreundlich und offen sind,  wären Kriege und Streitereien doch unnütz. Ich hoffe somit an der Wurzel des Problems, der Zufriedenheit des einzelnen Menschen, zu arbeiten statt zu demonstrieren und mich aufzuregen. Das ist wohl das, was ICH persönlich tun kann. „Ale“ könnte mit Musik die Welt glücklich machen, ich hingegen mit Verbreitung von Sinnemanie… Hihi

Am Strand lauschen wir dem Soundtrack von „Into the wild“. Was für ein Zufall, dass ich mich mit einem bekannten Zitat daraus von meinen Freunden und Kollegen zum Aufbruch meiner Reise verabschiedet habe: „Happiness only real when Shared“.
Die Parfumwolke über mir ist mir peinlich. „Ale“ mag kein Parfum. Und schon sind wir bei einem weiteren Lieblingsthema:Gerüche. Ich erzähle ihm euphorisch von dem Film „Das Parfum“ und meiner Leidenschaft für Seife, worauf ich ihm stolz mein Stück Seife welches ich in meiner Liebslings-Seifen-Ladenkette in Italien erstanden hatte, zeige. Wir erlauben uns gegenseitig zu beschnuppern, das ist lustig. Er meint der natürliche Geruch, wie z.B. der süßliche Geruch von Babys, wäre einzigartig schön. Ich schwelgte in Erinnerungen an vertraute Gerüche der Menschen die ich liebte und liebe. Der Mond verschwindet schließlich hinter einer dicken Wolke. Es bleibt nur noch das Meeresrauschen, in der Ferne können wir einen Leuchtturm ausmachen und ankommende sowie abfliegende Flugzeuge vom nahliegenden Flughafen erspähen. Die Steine sind noch feucht vom Regen, ab und zu wird der Himmel erleuchtet von Blitzen. In manchen Ecken können wir Rucksackreisende in Schlafsäcken eingemummelt entdecken. Hätte ich mir also die 30Euro für das Hostel doch sparen können. Als ich sehe wie einige schlafende jedoch von Wachhunden verscheucht werden bin ich doch froh eine weniger bewachte und trockene Absteige mit weicherer Unterlage bekommen zu haben. Die Ansprüche ändern sich auf so einer Reise, danach werde ich wohl fast überall gut nächtige können. Im Sinnestaumel von Gerüchen und Atmosphäre sowie beschwipst vom Wein finden sich unsere Lippen. Es findet sich nun doch eine Möglichkeit „Ale“ den Wein angemessen zu servieren. Auf der sinnlichen Entdeckungsreise lassen wir uns kaum stören vom Kommen und Gehen partywütiger junger Leute. Zwei „Big Mamas“ die neben uns eine Dusche nahmen und ihre prallen, großen Hintern unter die kalte Dusche reckten lenkten mich etwas ab. Ich befand mich in einem verrückten Traum, es konnte nicht anders sein.

„Ale“ beschließt für mich, dass ich einen Zug später nehme, im Hostel bewacht er meinen 3-stündigen Schlaf meine Hand haltend und seinen Kopf dicht an meinem Traumzentrum heftend. Ich fühle mich geborgen und schlafe behütet ein. Er interessiert sich nicht für mein Alter, meinen Job, mein Einkommen oder meine Herkunft, stattdessen versanken wir in Gespräche über Kulturen, Kultur, Musik und Gerüche und was uns anzieht…und auszieht.

Nach einer kurzen Nacht, einem gemeinsamen Frühstück trennen sich unsere Wege. Wie sich herausstellt verlief unsere Reiseroute genau gegensätzlich. Er würde nun nach Italien und ich nach Spanien weiterreisen. Er empfiehlt mir ein Hostel in Barcelona, wo er einige Tage zuvor nächtigte und schenkte mir zum Abschied eine CD und einen Eifelturm-Anhänger als Andenken in der Hoffnung, dass sich unsere Wege eines Tages wieder kreuzen würden. Nach einem verzweifelten Versuch mich zur Weiterreise mit ihm zu überreden, macht er ein letztes Fotos von mir …Dicht an die Zugtür gepresst. Das nennt man dann wohl eine Sommerliebe. „Ale“ fragte mich zuvor noch was „I Love you“ auf Deutsch heißen würde. Ich  sagte ihm, dass dieser Satz in Deutsch eine andere Intensität und Stärke hätte und er es behutsam und sparsam benutzen müsse. So sag „I like you“, alles andere macht vielen Menschen Angst. Manchmal können Menschen besser mit Kritik umgehen, als mit großen Komplimenten und Liebesschwüren. Wohl dosiert zum rechten Zeitpunkt gewinnst du das Herz wohl nur. Kaum sitze ich im Zug nach Barcelona bekomme ich eine Nachricht: „I miss your smell. I wann to come with you to Barcelona“. Und schon bekomme ich etwas Angst. Das Leben ist ein ständiges Festhalten und Loslassen, eine Lektion die ich Anfang des Jahres bereits gelernt hatte, obwohl ich schon öfter diese Schulbank des Lebens drückte. Es ist ein bittersüßer Schmerz, das Leben.

Das Lied im Anhang zum Mitfühlen habe ich vor ca. 14 Jahren das erste mal gehört und es hat mich bis heute geprägt, es hat einen großen Anteil an meinem ganz persönlichem „Sinnemanie“-Projekt und ist tatsächlich abgeleitet von einem Album des Künstlers, welches den Namen „Melomanie“ trägt. Soweit zum Ursprung der Idee, die hinter Sinnemanie steckt.

Behütet, entflammt, Sinnemanie

Soundtrack zum Tag und mitfühlen:

„Ich will nur wissen“ von Laith Al-Deen