Sinnemanie in Toulouse

Englishmen in Toulouse

 

Sinnemanie in Toulouse
Sinnemanie in Toulouse

 

Ein Popsong von Philipp Poisel und die Tatsache, dass Toulouse eine große Stadt mit einem der wenigen Hostels in ganz Frankreich zu sein scheint, führen mich wieder ein Stück zurück weiter südlich und weg von der geliebten Küste. Zudem erinnert mich „Toulouse“ an eine verrücke Nebenfigur in einem meiner Lieblings-Liebes-Schnulzen „Moulin Rouge“. Jetzt kann man sich vorstellen mit welchen Bildern im Kopf und Erwartungen ich aus dem Zug steige. Und tatsächlich hat Toulouse etwas von einer großen Filmkulisse. Die Sonne prallt wie ein riesiger großer Scheinwerfer auf das recht menschenleere Filmset mit organisiert durcheinander laufenden Menschen und gemächlich fahrenden Autos. Jede Sekunde erwarte ich eine Schießerei oder einen Streit zwischen einem leidenschaftlichen Liebespaar begleitet von eingängiger Jazzmusik aus einem mit dunklem Holzmöbeln ausgestatteten urigem Lokal mit süffigem, gut gekühltem Bier aus einer vergoldeten Zapfanlage mit Pipeline durch das ganze Lokal und Wein der Region aus alten Fässern.

„La Petite Auberge de Saint-Sernin“ – der kleine Gasthof wird mich für die nächsten Tage aufnehmen. Ich teile mir das Zimmer mit drei Engländern. Da die Stadt nicht viel aufregendes zu bieten zu haben scheint, sehe ich mich gezwungen eine Geschichte zu jagen. Ich atme drei mal tief ein und bringe stotternd, holprig meine Frage heraus. „Where are you from?“ Ich hatte nach fast einmonatiger Reisezeit noch nicht wirklich an Mut gewonnen, stelle ich enttäuscht fest. Diese Frage sollte mir jedoch zwei Tage Spaß bringen und vielleicht auch neue Freunde in Europa.

Jack, Adam und Stephen mit „ph“ sind gerade auf einer dreiwöchigen Fahrradtour der extremen Art, die sie von Nord-Spanien aus bis zum französischen Ghetto nach Marseille führen soll. Sie kommen aus dem englischen Städtchen Norwich, die für ihren Senf berühmt ist, so teilen sie mir mit etwas Stolz mit. Jack radelt nun schon das fünfte Jahr in Folge. Das erste mal hat er das sogar allein gemacht. In diesem Jahr konnte er Stephen überreden diesen Wahnsinn mitzumachen. Adams Leitspruch für diese Tour ist wohl dieser: „Quite possibly the single most gruelling challenge I’ve done to date… Both physically and mentally… Worth every turn of the peddles though…. We don’t do these things because they are easy… We do them because they are hard“ (von Adam, frei übersetzt: Womöglich die härteste Herausforderung, der ich mich bisher gestellt habe … körperlich wie geistig … Wissend jede Pedalenumdrehung …. Wir tun die Dinge nicht, weil sie leicht sind … Wir tun sie, weil sie hart sind.)

Die drei sind vom Extremsport in der Dauerhitze gezwungen einen Rasttag einzulegen. Nach meiner kalten Strandnacht entschließe ich mich auch zwei Nächte hier zu verbringen und die Stadt mit den Gentlemen gemeinsam zu erkunden. Wir finden uns schließlich bei einigen Bieren an einem sonnigen Sommerabend in einem Biergarten neben dem Fluss „La Garonne“ mit Blick auf Brücken und Riesenrad wieder. Adam steigt frühzeitig aus der Runde aus. Etwas angetrunken und euphorisiert von den Erlebnissen unserer vergangenen Reisetage beschließen wir trotz Höhenängsten aber mit angetrunkenem Mut das bunt schillernde Riesenrad zu betreten und das nächtlich beleuchtete Toulouse bequem sitzend in drei Umdrehungen zu „begutachten“. Ich hatte dem Anlass entsprechend heute extra Sommerkleid und Tanzschüchen angezogen und rannte aufgeregt mit den Schuhen auf dem alten Asphalt klappernd vor den Herrschaften hin und her. Ich mochte das Geräusch, welches meine Schuhe auf den alten Steinen erzeugten…klappklapp.  Es folgte eine amüsante Bartour unter Gleichgesinnten mit Fern- und Herzschmerzgeschichten, aber auch viel Humor. Leider verstehe ich den englischen Slang (Umgangssprache) nicht immer und bin immer ganz stolz, wenn ich jemanden mit meinen mäßigen Englischkenntnissen trotzdem zum lachen bringen kann

Meine Wanderschuhe setzten nach wochenlangem Intensiveinsatz inzwischen einen „betörenden“ animalischen Duft frei. Ich machte mir Sorgen um meine Zimmergenossen, dass ich sie „erstinken“ könnte, aber glücklicherweise glaubte Stephen ein ähnliches Luftverschmutzungsproblem zu haben. Und wenn wir gerade bei animalischen Gerüchen sind, möchte ich an dieser Stelle eine seltsame Beobachtung mit diversen Vierbeinern und Federvieh oder gar allgemein Tieren kundtun. Kam es in letzter Zeit doch des öfteren vor, dass Hunde sich von ihrem Herrchen entfernten und langsam auf mich zu tapsten, um mich schließlich in all ihrer Ruhe anzuschauen, als würden sie mir ihre Ehre erweisen wollen. Ich konnte mir das bisher nicht erklären, aber da sich die sonderbaren Erlebnisse häuften, dachte ich ernsthaft darüber nach und kam nun schließlich auf die Idee dass es an meinen neuen „Geruch der Freiheit“ liegen könnte, nein nicht die Käsefüße. Es klingt größenwahnsinnig, aber mein türkischer Freund scheint es als erster gerochen zu haben. Es konnte ja kein Zufall sein, dass immer mal wieder ein Pfiffi starrend vor mir stehen blieb und Herrchens Befehle unerhört lies. Tiere können Angst riechen. Ich hatte aber keine Angst mehr und auch keinen Stress. Ich bin frei, das können Hunde und andere Tiere spüren. Lasst mich bitte in dieser Vorstellung etwas herumaalen und erklärt mich erst einmal nicht für verrückt. Es fühlt sich gerade königlich gut an und an anderer Stelle kann ich das sicher noch einmal beweisen.

Am kommenden Tag mit unserem Kater kämpfend suchen wir nach Frühstück. Stephen und ich würden ja gerne etwas landestypischen zu uns nehmen, schließlich verlieren wir den kulinarischen Kampf und müssen uns dann doch in einem bekannten Schnellrestaurant wiederfinden. Stephen und ich sehen uns schmollend gefolgt von einem Grinsen wie zwischen Seelenverwandten an. Es folgt ein Ausflug in den Waschsalon und eine fast albern-verzweifelte Suche nach einem Buchladen mit englischer Literatur, wo uns Jack immer mal wieder verloren geht. Ich glaube er hat sich im „Regal 9 3/4“ versteckt, ich kann ihn einfach nicht mehr finden. Während Adam und Jack versuchen die komplizierte Trockner-Münz-Technik im Waschsalon zu verstehen, schaffen Stephen und ich es doch tatsächlich aufgrund unserer Seelenverwandtschaft uns ein paar Minuten vor dem Waschsalon auf dem Gehweg sitzend und durch die Gegend starrend uns anzuschweigen ohne das es uns unangenehm zu sein scheint. Gewöhnlich überkommt Menschen in Schweige-Sekunden dicht nebeneinander sitzend immer der Drang etwas sagen zu müssen, um die unangenehme Stille zu unterbrechen.
Wir enschtließen uns allesamt im Hostel noch einmal kurz zu entspannen, ich frage nach einem passenden Titel für meinen Blog. Jack wirft sofort seine tragbare Jukebox an und lässt bekannten Brit-HipHop mit deutlich hörbaren britischen Akzent durchs Doppelstockbett-Zimmer schallen: „The Streets“. Alle drei fangen an „mitzusingen“, sofern man das als singen bezeichnen kann, was der Herr Skinner, „Sänger“ von „The Streets“, da runtertextet.

Stephen ist auch Mediengestalter und „Künstler“. Kritisch darf ich seine Website begutachten. Sachlich schicke ich ihm per  elektronischen Benachrichtigungsdienst mein Urteil. Da das Design auf Handys gut funktioniert und alles schlicht und einfach gehalten ist, kann ich nicht meckern aber auch nicht loben, was den Vorteil hat dass es in kein langes Fachgespräch ausartet, schließlich wollen wir uns ja alle erholen.
Am Nachmittag ziehen wir noch einmal los. Unter anderem besichtigen wir das scheinbar einzig sehenswerte, was fußläufig ist und das ist wider einmal ein Garten. In meiner ungebändigten Abteuerlust besteige ich das nächst große, blaue Seilpyramiden-Klettergerüst und winke stolz, mit breitem Grinsen und zitternden Knien oben ankommend meinen englischen Begleitern zu. Das Kleinkind neben mir scheint weit weniger Höhenangst zu haben als ich und versperrt mir den Abstieg nach unten.

Stephen übernimmt schließlich den Part mit der Stadtkarte und ist bemüht mit mir Fotomotive für meinen Blog zu finden. Ich berichte ihn von meinem Glauben, dass es sich bei Toulouse um eine riesige Kulisse handelt. In diesem Moment stehen wir auch schon vor einem Gebäude welches nur aus einer Front besteht und dahinter nur Bauteile und Balken zu erkennen sind, ich glaube ihn damit schon überzeugt zu haben. Vielleicht habe ich ihn auch nur überzeugt, dass ich verrückt bin. Aber auch die Einkaufsmeile wirkt irgendwie gestellt, als sich dann auch noch zwei jungen auf offener Straße prügeln, ist die Szenerie perfekt. Wir biegen in einer Seitenstraße ein und plötzlich ist alles totenstill und menschenleer. Ich frage mich wo der Regisseur sitzt, der offensichtlich das Drehbuch meiner InterRail-Reise schreibt. Ich schaue in den Himmel und denke an „Die Truman Show“. Schon des öfteren überkam mich der Verfolgungswahn, wenn ein Fahrgast in der heimischen U-Bahn mich neugierig anstarrte, ob ich nicht Teil einer TV-Serie wäre. Vielleicht hatte ich deswegen den Drang auch unterhaltsam zu sein, auch wenn ich mit mir allein war, was den Vorteil hatte dass es mir nie langweilig wurde mit mir.

Wir lassen den Abend bei Rotwein und heißen Teigtaschen in einem Restaurant ausklingen. Wir gehen früh ins Bett. Ich muss früh um 8 Uhr meinen Zug nach Narbonne mit Weiterfahrt nach Paris kriegen und die Englishmen haben die letzten und härtesten Etappen jetzt noch vor sich. Ich verschlafe und habe wohl den schnellsten Abgang auf meiner Reise, so dass ich den Jungs im Laufschritt nur noch zuwinken und ein „Bye, see you in England“ zurufen kann, das tut weh. Später merke ich, dass ich meinen in Madrid erstanden BH in der Eile unters Bett geschossen haben muss, wie peinlich und ein herber Verlust für meinen Körper.

 

unterhalten, beschwipst, Sinnemanie

Musik zum Beitrag: „Weak Become Heroes“ von The Streets