Sinnemanie in San Sebastián

Es grünt so grün in San Sebastián

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Der Nachtzug nach San Sebastián gibt mir nicht den Luxus von bequemen Liegesesseln mit 30 Zentimetern Privatsphäre zu allen Seiten. Dieses mal muss ich tatsächlich über zehn Stunden in aufrechter Position sitzen und mir einen Meter Sitzreihe mit einer Sitznachbarin teilen, die ich im Zweifelsfall ansabbern und der ich zu nahe kommen kann, wenn mein Kopf zu schwer wird. Meine Füße schwellen während der Fahrt zu kleinen Stinkbomben an und ich verstehe nun die albernen Minigymnastikübungen gegen Thrombose im Flugzeug. Was ich gerade an meinen Enden der Beine spüre, fühlt sich weder tot noch lebendig an.

Mit diesem Taubheitsgefühl mache ich mich auf zu meinem 4 Kilometer entfernten Hostel mitten in der Stadt auf einem Hügel, das „Green Nest Hostel“. Sparpläne und Verplantheit trieben mich dazu, blind und ohne vorher die Lage genau zu überprüfen, das erstbeste und günstigste Hostel zu nehmen, fern von allen Touristenattraktionen und sogar Einkaufsmoeglichkeiten. Ein Spaziergang durchs Grün sowie der beste Ausblick auf die Stadt sollen mich entschädigen. Die Stadt, bekannt fuer die besten kulinarischen Gaumenfreuden, riecht bereits nach exquisiter Gemüsesuppe. Es ist auch etwas schwül wie in Omas nur mäßig belüfteter Suppenküche.

Auf halber Strecke möchte ich mir einen Cappuccino in einer Bäckerei gönnen, jedoch führen sie dies dort nicht. Stattdessen bekomme ich etwas, was genauso aussieht und schmeckt, jedoch einen eigenen Namen hat und wohl eine San-Sebastianische Geheimzusammensetzung zu haben scheint, möchte ich an dieser Stelle mal unterstellen. Entschlossen nun in der Stadt etwas „Umwerfendes“ zu essen, werfe ich mich in meinen besten Fummel und ziehe meine Tanzschuhe an.  Nach 45 Minuten Seitenstiche-verursachenden Bergablaufens treffe ich nun endlich auf dem total überfüllten berühmten Strand von San Sebastian ein. Ich hatte kaum Zeit mich zu orientieren und genieße gerade schmunzelnd, amüsiert die hingebungsvolle und leidenschaftliche Darbietung eines Klassikrockliebhabers, da spricht mich auch schon ein Spanier an. Klappt also auch ohne Riesenrucksack und blöd gucken. In den nächsten zwei Stunden lerne ich meine alt bekannte Einsamkeit wieder zu schätzen.
Alle Versuche ihn in seinem Flirtrausch zu bremsen, sind vergebens. Ich schummle etwas in meinem Angaben, sage ihm,  dass ich einen Freund hätte, zeige ihm sogar ein Knutschfoto und die zwei Ringe an meinem Finger. Er entgegnet nur,  dass er zwar hässlich sei, aber gut küssen könnte und mein Freund ja weit entfernt sei, es müsse ja niemand erfahren. Da er nur Spanisch und einige wenige Brocken Englisch spricht, fangen wir an, uns über die nette kleine neutrale Übersetzungshelferin Google im bunte Netzgewand zu unterhalten, was die ganze Unterhaltung scheinbar endlos in die Länge zieht, zudem der Südling einfach nicht aufgeben will. „Du bist so schön. Deine Augen funkeln wie Sterne. Du kannst mit mir kommen.“ Mir wird schlecht. Die Hoffnung in ihm einen ortskundigen Fremdenführer wie Miguel aus Barcelona gefunden zu haben, schwinden dahin. Nach einer Runde wirklich schmackhafter Tapas und ein paar „vielleicht-krieg-ich-sie-damit-rum-Bier“ verabschiede ich mich recht rasch von ihm und gehe noch ein paar Zickzack-Wege durch die Stadt, um sicher zu gehen dass er mich nicht verfolgt.

Ich genieße meinen einsamen Nachtspaziergang zu meinem Hostel und gönne mir durchgeschwitzt vom Marsch noch eine Dose Erfrischungsgetränk und schaue mir mit einem alten Herren „Das Piano“, natürlich mit spanischer Synchronisation, im Fernsehen an. Morgen möchte ich die Grenze zu Fuß nach Frankreich überqueren und mir den Weg weiter in den Norden bahnen.

Alles in allem hat mich San Sebastián nicht umgehauen. Ein kleines Stück belegtes Baguette (Tapa) kostet soviel wie bei uns ein ganzer, prall gefüllter Döner. Der Strand ist tagsüber total überfüllt und enge Gassen mit Bars und Restaurants mit ähnlichem kulinarischem Angebot findet man in nahezu allen südlichen Großstädten. Ich würde diesem Städtchen aber noch eine Chance geben, weil es gut riecht und streckenweise sehr ländlich ist mit Bauernhöfen und einem Fluss freigegeben für Wildwasserbootsfahrten im Kajak.

Soundtrack zum Tag und mitfühlen:

„Rain in Span“ aus dem Musical „My Fair Lady“