SCHNELL WEG BEVOR DU BIS 30 ZÄHLEN KANNST: INTERRAIL 2014

Schnell weg bevor du bis 30 zählen kannst: InterRail 2014

Sinnemanie Juni 2014

Viele träumen davon, aber nur einige wenige Träumer realisieren den Luxus vom Reisen und einer langen Auszeit vom Alltag. Und ja es scheint ein Luxus zu sein, egal wie bescheiden der Trip durch unbekannte Ländereien auch geplant und umgesetzt sein mag. Ich lasse nicht nur den bequemen unbequemen gewordenen Alltag hinter mir. Ich “distanziere” mich von Familie und Freunden und vor allen Dingen die fern meiner wohligen Sicherheit sind, wie die vertrauten vier Wände, dem Bäcker um die Ecke und bekannte Wege die ich täglich fast stur und blind ablaufe. Ich begebe mich bewusst in Unsicherheit und für meinen verwöhnten Geist und Körper in fremde und für mein sensibles, behütetes Wesen gefährliche Gebiete. Wie oft bin ich trotz modernster Technik Kreise im Jungel Berlin gelaufen und bin Stunden später zum Treffpunkt erschienen, weil ich wieder einmal die Bahn in die falsche Richtung genommen habe oder gar die richtige Straße mit der falschen Postleitzahl aufgesucht habe, um dann doch meinem nicht vorhanden Instinkt folgen zu wollen, der mich instinktiv immer genau in die entgegengesetzte Richtung führte. Meine Liebsten, Familie und Mitbewohnerin werden schmunzeln bei dem Gedanken wie “Klein-Katja” 2 Monate durch Europa stolpert. Ob Papa mein Getrampelt auch vom südlichsten Zipfel Europas hören wird? Kann sie doch nicht mal die Wäsche in der richtigen Reihenfolge aufhängen und der Fliegenplage in der heimischen Küche Herr werden. Wie soll sie dann wohl im Verkehrsmitteljungel Europas überleben und sich gegen weit größeren wilden Tieren als Eintagsfliegen verteidigen können?

 

Auf dem Flohmarkt stattet mich schließlich ein großer rundlicher, alter Mann mit “dem größten Wanderrucksack den es gibt” aus dem Nachlass eines Niederländischen Soldaten samt persönlicher Reiseprotzgeschichten und Reisetipps aus. Kohletabletten, ein gutes Messer und Pfefferspray sollte ich mir unbedingt noch besorgen, meinte er brummend. Ich lächle ihn quälend an, schließlich ist der Rucksack nur mit zerknülltem Zeitungspapier vollgestopft schon zum schwanken schwer. Meine Mama erbeutet mir vom Flohmarktgott noch den übergroßen Militärregenmantel, der gleichzeitig als Zelt umfunktioniert werden kann. Sie bezahlt für das löchrige, geflickte Teil viel zu viel. Ich bin nicht verhandlungsfähig, das habe ich von ihr, was mich beruhigt. In meiner Naivität, von Oma geerbt, bewahre ich mir den Glauben es wäre eine gute Eigenschaft. Der Duft der alten Stoffe und des Gummigewands weckt Erinnerungen aus Kindertagen in mir. Ich schließe die Augen und denke ans das Provinzferienlager, bis mich schiefe Gesänge des Sonntagskaraoke schräg gegenüber des Mauerparkflohmarkts in die Realität zurückholen.

 

Mit leuchtenden Augen sah mich Alt und Jung an und beglückwünschte mich mit heroischen Eigenschaftswörtern. Es kam mir nun vor als würde ich nicht nur meinen eigenen Traum leben, sondern eine Mission zu erfüllen haben. “Mach das Katja!” redete man mir zu, während ich noch zweifelte und Angst hatte vor Überfällen und Angriffen, Unfällen, Erkrankungen, Heimweh, Einsamkeit, Verirrungen und Verwirrungen. Da wurde Miss Romantik in mir wach und startete in meinem Kopf eine übertrieben kitschige Diapräsentation mit dampfender Eisenbahn, grünen Wiesen und Wäldern, wilden Flüssen, reinen ruhig gelegenen Seen, bunten Metropolen mit lächelnden Menschen die sich nur auf Fremdenbesuch freuen und mir dankbar und Hände reichend ihr Land zeigen wollen. Boah bist du naiv, flötete ich mich innerlich an.

 

Aber wie kam es denn nun dazu. Natürlich plagte mich schon immer das Gefühl von Fernweh. Und ist man dann endlich weg, wird das Gefühl abgelöst von Heimweh und man lernt verlassenes zu schätzen und freut sich auf die Heimkehr, um voller Dankbarkeit seine Liebsten zu Boden zu knuddeln.

In meinem 28. Lebensjahr gelang ich an eine Weggabelung, jedoch schien sich die Entscheidung welchen Weg ich einschlagen sollte wie von selbst zu fällen und wie ein morscher, schwerer Baum in sich zusammenzukrachen. Ich hatte hundert Prozent meiner Energie in Liebe und Arbeit gesteckt und etwas ganz wichtiges aus den Augen verloren: mich.

Die negative Energie bündelte sich schließlich zu einem großen Knall, welcher völlige Erschöpfung und Selbstaufgabe hinterließ. Doch statt regungslos liegen zu bleiben und in Selbstmitleid zu versinken, fing ich an mich herauszufordern und wilde Entscheidungen zu treffen, die in dem Moment auch richtig und wichtig waren, aber für Ausstehende schwer nachvollziehbar gewesen sein müssen und Muttergefühle weckten. Trauer, Wut, das wohl nutzlose Gefühl der Eifersucht und Enttäuschung in höchster Qualität fehlten mir noch im Sammelsurium meiner Sinnemanie-Archive. Ich war süchtig nach Sinneserfahrungen – meine Mission und Titel dieses Blogs, der Aufhänger meines Lebens: Sinnemanie – der unaufhaltsame Drang nach Leben und der Köpper in die Sinnesfluten. Eine enorme Kreativität und Offenheit für Menschen, Geschichten und Emotionen sprudelte aus meiner Lebensquelle. Vor Trauer ausgehungert entwickelte ich nach Monaten wieder einen längst vergessenen enormen Appetit und ich hätte STÄNDIG essen können. Es war wie nach einer langen Fastenzeit, alle schlechten Gefühle und Gedanken waren nun aus meinem Körper entwichen. Ich hatte aber auch alles rausgelassen. Ich redete wie ein Wasserfall, musste ständig in Bewegung bleiben und war selten müde. Meinen Appetit betitelte meine Freundin als recht treffend mit meiner zurückgewonnen Lust auf DAS Leben. Jetzt denkt Ihr, ich wäre größenwahnsinnig. Und glaubt mir, ohne tiefe Trauer und Erschöpfung, wäre die Sonne nur eine übergroße Glühlampe geblieben die einfach nur die Aufgabe erfüllt Licht zu machen. Nun waren da wieder Strahlen und Wärme, die bunte kitschige Sonnenuntergänge malte und dem Bühnenstück Leben und seinem Bühnenbild wieder gekonnter Lichttechniker war. Nach harten Zeiten lebt sich viel intensiver, deswegen bin ich irgendwie doch dankbar für manch Hindernis was sich mir in den Weg stellt und mich andere, schönere Lebenswege einschlagen lässt und Umwege über hohe Berge mit besserer Aussicht erklimmen lässt. Und wenn mir das Schicksal nur sagen will: “Katja du bist deswegen gegen den Pfosten geknallt, weil du eine neue Brille brauchst. Die alte ist einfach hässlich. Und leg dir mal ein sportliches soziales Frische-Luft-Hobby zu, du siehst blass aus und brauchst Umgang mit entspannten Menschen, welche dich zum Abheben bringen. ” Mein Schutzengel grinste und zwinkerte mir diabolisch zu. So sei es. Ich kaufte mir einen Kite, einen Riesenlenkdrachen mit dem man bei ordentlich Wind auch Sprünge in der Luft machen könnte. Ja “könnte”, denn natürlich hat mich Anfänger der Drachen erst mal quer über das Tempelhofer Feld geschliffen. Ich nannte sie stolz Wunden der Freude. Ein gebrochenes Herz ist somit auch eine Wunde der Freude. Ich sehe an meinem mit blauen Flecken und Sonnenbrand “ausgezeichneten” Körper entlang und merke dass mich gerade nichts umhauen kann, außer die 150 Gramm Textildrachen vielleicht, Hihihi!

 

Was war denn nun eigentlich der Grund für meine Reise? Das habe ich vergessen. Die 30 hat damit nichts zutun, ich denke es ist ein Traum von vielen Lebensträumen und dieser ist erfüllbar und ich habe in einer 70-minütigen Busfahrt etwas zu lange meinen Kopf an die mich zum entspannen bringende vibrierende Scheibe gehalten und an nichts denken können außer mir vozustellen, das zwei Monate machen zu wollen… in einem öffentlichen Verkehrsmittel sinnlos umher zu fahren.

Noch einmal schlafen :-)

Sinnemanie

 

Soundtrack zum Tag und mitfühlen:

„Dreams“ von der Band „The Cranberries“

 

PS: Ich muss an dieser Stelle wohl noch darauf hinweisen, dass dieser Reiseblog wohl nur sehr wenig über Insiderwissen zum Thema Europoareisen, Preise, Routen und Unterkünfte beinhalten wird. Es ist viel mehr eine abstrakte, künstlerische Karte der Sinneserfahrung, entworfen aus Skizzen von Begegnungen mit Menschen, Fotomontagen „magischer“ Orte und Gedankenspam eines verrückten Mädels aus dem Osten.