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InterRail 2014 Türkei

Merhaba Türkiye – Türkisch für Anfänger

Nach einer 32-stündigen Reise von London, Dover-Calais, Brugge und seinem zum Sterben enttäuschend hässlichen Bahnhof und 22-Uhr-is-Stadt-dicht-und-Hotel-dicht und einer Nacht im Liège-Guillemins Bahnhof geht es zurück nach Deutschland ins nahe der Grenze gelegene Aachen über Hannover, Braunschweig und Überraschungsbesuch bei der Familie im Heimatdorf im Herzen Deutschlands. Als Heimkehrer mit Militärrucksack hole ich Mama von der Arbeit ab, das wollte ich schon lange mal wieder machen, ich bin wieder 14 Jahre alt. Gestärkt und abgeknutscht mache ich mich am nächsten Tag zurück nach Berlin wo ich noch ein paar Flugstunden mit dem grünen Drachen nehme, bevor ich mit dem großen Drachen „SunExpress“ Richtung Finale fliege. Im Gepäck hab ich einige schwere Vorurteile, Klischees, Ängste aber auch Träume und Sehnsüchte. Einiges hoffe ich davon in der Türkei auspacken und dalassen zu können und stattdessen kompaktes Wissen, Erkenntnisse, Liebe, wertvolle Erfahrungen als leichtgewichtige Souvenirs in die Heimat überführen zu können. Gut zureden wollte mir kaum jemand, das Land bereisen war OK, aber sich auf die Kultur und die Menschen einlassen, da äußerte man sich durchweg zurückhaltend, warnend bis ablehnend: [..]“aber sei einfach vorsichtig bitte. das ist ne andere Kultur, ne andere Welt und da haben Frauen nicht viel zu sagen.“[..] Ich wusste nicht viel über die Türkei, kramte in meinem Kopf. Türkei…das sind doch die, die immer zu Hauf mit einer halben Wohungseinrichtung auf den Berliner Grillwiesen campieren. Türkei…das sind doch Döner, Ayran, Baklawa, 3er BMW, „Alter“, schwarze Haare und tiefbraune Augen, die sprechen deutsch-türkisch, die wohlerzogenen bieten im Bus alten Menschen immer einen Platz an und die nicht integrierten Immigranten pöbeln und spucken in deutsch-türkisch, die haben eine ganz eigene Sprache. Türkei…das ist doch Tarkan mit dem Lied übers Küssen, das sind doch Frauen mit Schleiern und die schicken orientalischen Gebäude wo immer ein Mann aus einem langem schmalen Turm schreit …fünf mal am Tag.

Da sitze ich nun im Flieger mit feuchten Händen und jede Sekunde bis zur Landung runterzählend. Zweieinhalb Stunden dauert der Flug von Berlin nach Izmir und ich denke die ganze Zeit nur, wie „Al“ und ich uns wohl begrüßen werden, das erste mal nachdem wir uns am Bahnhof Nizza vor circa sieben Wochen verabschieden mussten. „Al“ hat nach dem Vorfall in Paris kaum ein Wort mit mir gesprochen. Da ich nur mit Handgebäck anreise ist mein Weg vom Landeplatz, zur Passport-Kontrolle bis zum Ausgang kurz. Ich bin so aufgeregt, dass ich nicht merke dass mir mein Waschtäschchen mit Zahnbürste aus meinem Rucksack fällt als ich „Al“ aus der Ferne erblicke und freudig auf ihn zusteuere. Ein Landsmann aus meiner Heimat bringt mir die Tasche hinterher und kommentiert dieses aufgeregte-Mädchen-Verhalten: „Freude ist schön mein Fräulein, aber sie dürfen dabei ihre Sachen nicht verlieren.“ Sollte das mein Leitspruch werden?! Bevor die Situation peinlich zögerlich werden kann, da weder „Al“ noch ich keinen Plan davon haben wie wir unsere Wiedersehensfreude, Skepsis sowie Unwissenheit zum Ausdruck bringen können, drücke ich „Al“ alle meine Sachen in die Hand, die ich aufgrund des 25Grad Temperaturunterschieds ablegen muss, also Schal, Pullover und Jacke. Zwiebellook bietet sich an, wenn man nur eine kleine Tasche für Handgepäck hat, aber mehr Klamotten braucht als in den Rucksack passen. Dieser Minirucksack ist im Verglech zu meinem Packmonstrum eine Fingerübung und kaum zu spüren auf meinem strapaziertem Rücken. Papa (türkisch Baba) „Ale“ kommt in einem alten, dezent-pinken Gebrauchtwagen vorgefahren und begrüßt mich landestypisch herzlich. Alle Ängste sind verflogen, das fantastische Finale beginnt. Und es folgte eine lange Heimfahrt mit weiten Umwegen über die Sehenswürdigkeiten der Gegend bis ins kleine Städtchen Aydin (das „i“ ohne Punkt, kurz ausgesprochen bis stumm), welches nun meine zweite Heimat werden soll.
Wir fahren vorbei bei Mama (türkisch Anne) „Al“’s „Büro“, ein Minireinigungs-Service mit drei Waschmaschinen und Wäschetrocker-Gestänge auf der Straße sowie einem 2KG-Profi-Bügeleisen. Mama „Ale“ begrüßt mich euphorisch und setzt mir sogleich einen selbstgestrickten Sonnenhut auf den Kopf und überreicht mir zudem noch einen selbst gemachten Häkelbikini und Perlen-Kettchen, ebensfalls aus eigener Hobby-Arbeit. Hallo Türkei! Merhaba Tükiye!

[Fortsetzung folgt]