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Istanbul Europäische Seite

IstanCOOL Teil II – all day all night in Istanbul

eine wahre Geschichte oder vielleicht doch ein Winter-Märchen… über Istanbul, die touristische europäische Seite…

Ich laufe vom Hafen Karaköy quer durch das touristische Viertel bis hinter die blaue Moschee, dort nah am Wasser ist mein Hostel gelegen. Nur wenige Stunden nach meiner Flugbuchung am 12. Januar 2016 in die Türkei wurde in den deutschen Nachrichten von einer Bombenexplosion nur wenige Meter von eben diesem Hostel entfernt berichtet. Ich habe damals alle meine Freunde und Kollegen befragt, ob sie an meiner Stelle trotzdem den Urlaub in die Türkei in die Metropole, ein riskantes Ziel für “terroristischer Anschläge”, antreten würden. Alle wären wohl trotzdem geflogen, denn gefährlich sei es in diesen Tagen wohl überall auf der Welt. Mein Angstgefühl bleibt aus. Im Hostel begrüßt mich freundlich Murat. Zunächst bekomme ich 140 Milliliter türkischen Schwarztee traditionell im “Pasabahce”, kleines vasenförmiges Glas, gefüllt mit zwei Stücken Zucker serviert.  Auf einer Karte zeigt und markiert er mir alle Sehenswürdigkeiten in der Umgebung die man als typischer Tourist gesehen haben muss. Wie sich herausgestellt, habe ich auf meinen Irrwegen bereits alle berühmten Straßen und Gebäude zu Gesicht bekommen, mein Instinkt ist also doch korrekt eingestellt. Das Hostel ist bei weitem nicht ausgebucht, was auf keinen Fall an Ausstattung und Service liegen kann sondern mehr der Nebensaison und der schlechten Türkei PR geschuldet ist. Die Bewertungen auf einschlägigen Hostelbewertungsportalen ist durchweg hervorragend, wobei stehts auch die beiden Hostel-Concierges für ihren besonder Betreuung und Insider-Tipps lobend erwähnt wurden. Ich würde Murats Kollegen noch kennenlernen, er sei wohl sehr lustig, Murat betont diese Aussage mit einem leuchten in den Augen und Lächeln im Gesicht. Das muss ja ein ganz toller Hecht sein. Irgendwie sind wir auf Murats Frau gekommen, von der er herzerwärmend schwärmt. Schnell fasse ich Vertrauen zu Murat und behalte ihn als ersten Ansprechpartner für all meine aufkommenden Fragen im Kopf. Er ist glaubhaft glücklich verheiratet, ihm kann ich vertrauen.
Man hat mich in einem großem 5-Bett-Zimmer mit Balkon und Mamorbad untergebracht, das Gebäude wurde vor nicht allzu langer Zeit von einem Hotel zu einem Hostel umfunktionert. Minibar, Fernseher und Bad in jedem Zimmer gehören nun zur Grundaustattung und nur die Betten wurden durch Etagenbetten ausgetauscht, für mich schon zuviel Luxus für ein Hostel. Als ich die Vorhänge vorbeischiebe habe ich einen Panoramablick auf das Meer. Am Schrank hängt ein Anzug und auf dem Schreibtisch steht eine Parfumflasche mit Männerduft. Das Einzelbett am Fenster wird also scheinbar von einem Mann belegt, der sehr viel Wert auf sein Äußeres zu legen scheint. Der Anzug verrät mir zudem, dass der Mann schlank und sportlich sein muss, weil dieser eng und klein geschnitten ist. Ich bin gespannt ob ich recht behalte. Ich nehme einen Dusche. Die Dusche hat zwei Duschköpfe, der zweite versteckt sich als sogenannte “Regendusche” über mir und erschreckt mich zutiefst als kaltes Wasser unerwartet über mein Haupt spritzt. Als ich mich von oben bis unten eingeseift habe stehe ich in einer Knöcheltiefen, trüben Suppe aus Duschwasser. Der Abfluss ist verstopft. Mit Schlüssel und Pappestücken versuche ich den Abfluss frei zu kriegen, um mich vor einer Blamage zu bewahren, vergebens. Ich sage Murat Bescheid, der gibt die Reparatur wie selbstverständlich und ohne weiteren Kommentar in Auftrag,es sei ja nicht meine Schuld und ob sonst alles zu meiner Zufriedenheit wäre. Das ist ein Hostel, alles ist überdurchschnittlich im Vergleich zu den Hostelzimmern die ich teilweise in Europa bezogen hatte. Ich erkunde die Stadt, keine besonderen Hervorkommnisse. Am Abend im Hotel angekommen werde ich meinem Zimmergenossen vorgestellt. Ein schlanker Rotschopf aus dem Iran, zurückhaltend lächelnd… passte zum Anzug, den ich zuvor gesehen habe.

Der Rotschopf ist für drei Monate beruflich in Istanbul und arbeit derzeit zur Probe in einem Telefongeschäft, um sich eventuell sogar langfristig hier niederzulassen. Er setzt sich mir zwei Tische gegenüber und schaut zu wie ich mich angeregt mit Murat über meine Beobachtungen welche ich am Tage in Istanbul gemacht habe, unterhalte.

Warum gibt es hier soviele herumstreunernde Hunde und warum schlafen die alle? Warum sind die Türken immer so ergriffen über die Ereignisse im Land und in den übrigen Ländern und warum interessieren sich die Deutschen nicht so sehr für das Unglück ihrer “eigenen Leute”? Warum ist Istanbul teilweise so zerstört und wie gefährlich ist es hier tatsächlich. Sind Türken tatsächlich emotionaler und auch eifersüchtiger? Was macht eine gute Ehe aus? Warum haben beide seiner Küchenhilfen vergoldete Zähne? Murat beantwortet alle meine Fragen in einfacher kluger Weise, ich empfinde es als ein angenehmes Gespräch.

Morgens auf dem Weg zum Frühstücksbuffet finde ich einen direkt neben dem Eingang zum Restaurant schlafenden Mann vor. Es macht den Anschein, als hätte er zuvor in seiner Trunkenheit Ärger gemacht und wurde nun hier zur Ausnüchterung ruhig gestellt.Um ihn herum stehen zwei Gäste und belächeln ihn, unter anderem auch ich. Er lässt sein Telefon auf den Boden fallen. Noch völlig benommen und im Halbschlaf nimmt er einen Telefonat an. Ich behalte ihn amüsiert und interessiert im Auge… es könnte auch der besagte Tony sein. Es ist Sonntag, Valtentinstag. Mein Zimmergenosse hat frei und es bietet sich wohl an dass wir den Tag gemeinsam verbringen, natürlich nicht als Pärchen. Als er bei der Überquerung einer Straße nach meiner Hand greift werde ich das erste mal misstraurisch. Sein Englisch ist unzureichend, wir können uns nicht unterhalten. Ich glaube er müsste sich auskennen, weil er in Istanbul arbeitet. Leider verlaufen wir uns trotz des fünf-mal-nach-dem-Weg-fragens. Nach einem umständlich langen Weg kommen wir endlich am Hafen an, dort wo Murat uns empfahl Fischbrötchen zu speisen. Das Brötchen ist teuer und der Fisch voller Greten, der Verzerr mühselig, weil mit jedem Bissen Erstickungsgefahr droht. Mein Zimmergenosse gibt schnell auf, glotzt mich die ganze Zeit an und ich weiß kaum noch wo ich hinschauen soll um seinem Blick auszuweichen, zudem wollen uns Straßenverkäufer ständig Getränke und Feuchttücher andrehen, indem sie uns die Ware direkt auf unseren Platz legen. Mehrfach lege ich genervt die Ware wieder zurück in ihren Korb: “Noooooooooo! Man begreifst du endlich dass ich nichts brauche, dein Kollege war 10 Sekunden vor dir schon bei uns und dein Gesicht kenne ich schon von vor fünf Minuten, maaaaaaaaan.” Ich verdrehe die Augen. Mein Zimmergenosse geht planlos aber mit einer Ungeduld weiter. Demnach darf ich nur nicht zu lange stehen bleiben und Fotos mache. Nach dem anstrengenden Mittag hole ich uns aus einem Supermarkt ein gehaltvolles, aber sündhaft geniales Dessert. Genüsslich verspeise ich in der Sonne mein Schokosoufflé. Mein Zimmergenosse leckt nur zögerlich an seinem Schälchen herum, schließlich nimmt er mir die Verpackung aus der Hand und tippt mit dem Finger auf die darauf abgedruckte Nährstofftabelle mit den Kalorienangaben. Ich bin geschockt, nicht von der Kalorienanzahl sondern von seinem Verhalten. Ich entgegne ihm nur, dass Sonntag sei und dass ich Urlaub hätte und ich mir von solchen überflüssigen Informationen nicht mein geniales Dessert versauen lasse, wir leben nur einmal, verdammt. Er drängelt wieder. Als es mir schließlich zuviel wird, muss ich ihm mitteilen, dass ich alleine weiterlaufen möchte. Verständnisvoll lässt er mich ziehen. Puuuh…geschätzte Einsamkeit, ich habe dich wieder. Meine neu gewonnene Freiheit  verbringe ich erst einmal eine Stunde sonnend in der Sonne zwischen zwei belebten Straßen in einer Parkanlage mit Liegeflächen und Blick auf den Bosphorus. Man war das ein nerviger Vormittag, um so glücklicher bin ich jetzt. Ich durchstreife das touristische Viertel und genieße die Sonne und die vielen Pärchen in den Parks, die sich an Valentinstag raustrauen.
Am Abend beschließe ich mir auch mal das Nachtleben anzuschauen und nehme die paar Kilometer Richtung Innenstadt Galataturm auf mich. Auf diesem Weg werde ich von unzähligen Männer angesprochen, die mich in Ihr Restaurant bitten wollen oder womit man blonde, naive, weibliche Touristen noch überreden möchte. Genervt stöpsle ich mir Kopfhörer ins Ohr und laufe sturr weiter, was die Herrschaften nicht davon abzuhalten scheint mich weiter anzusprechen. Teilweise kann ich noch hören, wie sie beleidigt auf meine Abweisung bzw. Ignoranz reagieren. An meinem Ziel angekommen bin ich müde geworden vom dauerhaften misstrauisch sein und habe keine Lust mehr auf “Nightlife” und drehe wieder um.

Der Schuhputzer

Neben mir fällt eine Bürste zu Boden. Reflexartig hebe ich sie auf und rufe der Person hinterher, welche den Gegenstand verloren zu haben scheint, ein einfacher Schuhputzer. Seine Schuhputzausrüstung ist offensichtlich selbst gebastelt aus Plastikbechern und nicht so hochwertig mit vergoldeten Flaschen und roten Lederhockern seiner Mitbewerber vor den Moscheen. Erfreut und sichtlich dankbar nimmt er mir die verlorene Bürste aus meiner Hand. Ich bin schon dabei weiterzugehen, da dreht der Schuhputzer sich plötzlich um und ruft MIR hinterher, er würde mir gerne wohl aus Dank gerne die Schuhe putzen. Ich kann kaum nein sagen, da hockt er auch schon mir und schmiert meine Schuhe mit Universeller Schutzputzcreme ein. “Etwas mehr nach vorn. Wo kommst du her? Andere Seite. Bist du verheiratet?” Mir ist das sehr unangenehm und versuche ihm das auch zu sagen, aber lasse ihn dann doch machen. “Ich habe eine Fraue und ein kleines Kind. Das ist sehr teuer.” Nach nicht mal 30 Sekunden ist er fertig. Er steht auf. Sein Blick verändert sich und wird plötzlich sehr ernst. “19 Lira!”. Habe ich mich gerade verhört. Mir dämmert es. Wieder…aus Reflex wühle ich in meiner Bauchtasche nach Geld und gebe ihm 5 Lira, was ich für die gemeine Aktion für mehr als angemessen halte. Sein Blick wird noch finsterer. Ich habe keine Angst, bin vielmehr wütend und enttäuscht und drücke ihm nach nach ein paar Widerworten schließlich 20 Lira, also 1 Lira mehr als gefordert weil ich kein Bock auf sein schmieriges Wechselgeld habe, in die Hand. “You are a bad boy!” Mit diesem müden Spruch ziehe ich wütend ab. Mein Abend ist gelaufen, mir wird ganz schnell klar dass dieses böse Spiel schon beim fallen lassen der Bürste angefangen hatte und hier ganz böse Hilfsbereitschaft und das Gute im Menschen  ausgenutzt wurde. Gleich brachte ich diesen Vorfall in den Kontext des großen Ganzen und als Ursache für alles Böse in der Welt. Slange es Menschen gab das Gute derartig hintergehen, wird das Vertrauen in den Menschen immer leiden und Egoismus wachsen, weil man nur noch sich selbst zu vertrauen glaubt. Mein Denkapparat wurde mächtig angetrieben und es rumorte laut. Den ganzen Rückweg suche ich nach Trost und schreibe meinem Exfreund und mittlerweile Freund aus der Türkei. Erst einmal lacht er mich aus, mit den Worten dass ich ja nicht auf Ihnen hören wollte, als er mir verständlich machen wollte wie gefährlich es doch in Istanbul sei und ich niemanden vertrauen solle und schon gar nicht alleine unterwegs sein könne. Toller Freund, dachte ich mir. Aber dann hört er sich brav mein Gejammer an und beruhigt mich tatsächlich. Zurück im Hostel berichte ich Murat von meinem Unglück. “Du hättest ihm das Geld nicht geben sollen.”  Murat lehrt mich niemals Ewartungen zu haben, weder gute noch schlechte, dann wäre es einfacher durch das Leben zu kommen und ich könne mich an den positiven Überraschungen erfreuen. Es ist schwer keinerlei Erwartungen zu haben mit den vielen Erfahrungen die man so ansammelt, denke ich mir. Es war mir ein Ziel, jeden Menschen bei einer ersten Begegnung als ein weißes Blatt Papier zu betrachten und selbst nach einer Enttäuschung, dann auch mal bereit zu sein ein neues Kapitel aufzuschlagen oder das Blatt mal zu verbrennen oder umzudrehen oder Stellen auszuradieren um sie zu korriegieren, wenn auch nicht zu vergessen.

Meet-and-Greet

Murat stellt mir schließlich ein Mädchen mit strahlend lächelnden Augen vor. Ja genau, auch Augen können lächeln. Ich habe mir ihren Namen nicht gemerkt, weiß nur dass er wie eine schöne Blume klang. Sie redet nicht viel, dafür ruhig und leise. Sie ist Studentin aus Littauen und ist nebenberuflich Stewardess für eine Fluggesellschaft in Dubai, dass verrät sie mir als ich staunend ihre Reisefotos auf ihrem mobilen flachen Informationsträger namens “IPad” stöbern darf. In den letzten zwei Monaten ist sie auf alle Kontinenten gewesen. Der benommene Mann von heute Morgen nimmt an unserem Tisch Platz. Er sieht sehr typisch türkisch aus, gepflegte Frisur, gepflegtes gebügeltes Hemd, perfekt gestuzter Bart, gegelte Frisur, für meinen Geschmack gut gebaut. Er spricht entgegen der Erwartungen seiner Herkunft hervorragendes akzentfreies Englisch oder nein ich glaube einen britischen Akzent zu erkennen. Er ist der besagte Tony und ist in London aufgewachsen. Sofort laber ich ihn an, er sei lustig hätte ich gehört und ob er nicht mal was zum besten geben könnte… blablabla ich habe mir selber nicht mehr zugehört. Er fände mich süß wie ich ihn so zuquatsche. Er hat schließlich zutun an der Rezeption. Schade, ich bin sofort etwas verknallt und enttäuscht, dass er bereits an das entzückende Mädchen mit dem Blumen-Namen vergeben zu sein scheint. Ich beobachte zufällig wie sie sich kurz küssen und fühle mich erwischt, als er grinsend zu mir rüberblickt. 

Der Türkische Mann

“Ein türkischer Mann würde nie sagen ‘Schickes Shirt’, jedenfalls nicht ohne sich zu ducken. Ein türkischer Mann würde sagen: ‘Deine Schönheit trifft mein Herz mit tausend Messern.’ Das sind Komplimente,ja?” (aus dem Film “Einmal Hans mit scharfer Soße” 13:35)

“Türkische Männer sind Machos, unzuverlässig, besitzergreifend, eifersüchtig, fahren Angeberautos, tragen Goldkette,schmieren sich Gel in die Haare und kratzen sich den ganzen Tag am Sack.Und beim Eisessen verschlucken sie die Kugel mit einem Happs, sonst könnte ja einer sehen wie sie daran lecken.”  (aus dem Film “Einmal Hans mit scharfer Soße”)

Er lädt mich ein mit dem „Blumenkind“ und ihm später auf eine Valentins-Feier zu gehen, ich muss ihn versetzen. Istanbul hat mich heute sehr geärgert, so wie es auch in einigen deutschen Reisemagazinen geschrieben steht. Zu Istanbul verbindet viele Einwohner eine Hass-Liebe. Ich kannte dieses Gefühl schon aus der Großstadt Berlin, doch Istanbul war in vielen Dingen noch extremer… Zudem herrschte zwischen mir und meinem Mitbewohner eine angespannte Stimmung, er wurde emotional. Mein Urlaub ist einfach zu kurz für Streit, ich ignoriere ihn soweit man das noch möglichst nett machen kann und schlafe dann einfach ein, das scheint mir die beste Möglichkeit einem unnötig klärenden Gespräch aus dem Weg zu gehen. Allerdings steht die Emotion und sein Frust im Raum und bereitet mir einen schweren Schlaf mit leichten Schweißausbrüchen.

Am nächsten morgen warte ich ab bis mein Mitbewohner zur Arbeit aufbricht. Ich bin noch so von der „Emotionsdecke“ benebelt, dass ich keine Kraft habe mich herauszuputzen. Als ich das Restaurant betrete, um zu frühstücken, sitzt dort der perfekt gestylte Tony. Er zählt Geld. Sein gebügeltes Hemd, die Pose und die vielen vor ihm ausgebreiteten Geldscheine geben ein filmreifes Bild ab, es ist perfekt… ich muss schmunzeln und möchte den Moment einfrieren. Er sieht mich und kommt sofort freudestrahlend auf mich zu um mich zu umarmen. Ich fühle mich im Vergleich zu ihm nicht schick genug und rieche auch nicht frisch genug. Er riecht sehr gut, ich muss es ihm auch sofort sagen. Seine Umarmung kann ich aufgrund des Aufgetakeltheits-Coolness-Unterschiedes nicht erwidern. „Du musst mich nicht umarmen, nur wenn du möchtest. “ Wie sehr ich ihn gerne umarmen würde und zu blöd dass er das weiß, dass ich es will. Er hätte mich gestern Abend vermisst und ich bereue, dass ich mich nicht mehr aufraffen konnte, ich bereue es sehr. Ich erzähle ihm, dass mein Budget aufgrund des Vorfalls mit dem Schuhputzer geschrumpft ist, daraufhin lädt er mich sofort zum Abendessen mit seinen Freunden ein. Ich sollte pünktlich wieder zurück sein. Ich spute mich. Murat verrät mir einen tollen Ort mit schönem Ausblick. Ich brauche den ganzen Tag durch die Stadt, finde mich in der Stadt aber schon erstaunlich gut zurecht, lande also pünktlich 18Uhr wieder in der Hostelzentrale, aufgeregt. Ich bitte Murat schließlich für mich Tony anzurufen, er hätte mich zum Essen eingeladen. Seine zwei Freunde und er haben ein Hotelzimmer mit großer Terrasse bezogen und sind schon „gut dabei“. Tony freut sich mich zu sehen, ich werde herzlich in die Runde aufgenommen. Tony hat leichten Zoff mit einer Russin am Telefon, er schreit ins Telefon, dass er sie liebe. „No I’m Single. I love you, I will marry you.“ und lacht dabei laut, als würde er es doch nicht so ernst meinen. Er reicht das Telefon seinen Freunden, die seine Lüge bestätigen sollen. Die Russin antwortet mit tiefer Stimme, aber emotionslosen Ausdruck „Oh, I’m so happy.“ Schließlich soll ICH mit ihr telefonieren, ich begreife das ganze Spiel, glaube weder Tony noch seiner Freundin am Telefon… und versuche meinen letzten Urlaubsabend zu genießen und hoffe dass ich noch etwas vom Istanbuler Nachtleben mitbekommen werde. Leider habe ich bei meiner Berechnung nicht die drei Britischen Kollegen bedacht, die sich schon länger nicht mehr gesehen haben und ihrem Ruf ein trinkfestes Volk zu sein mehr als gerecht werden. Eine Flasche Whiskey pro Person gehört noch zum Vorglühen. Tony wirkt sehr glücklich im Kreise seiner liebsten, das ist schön zu beobachten. „Du darfst mich küssen, wenn du willst.“ Dieser Satz überrascht mich, das habe mich mir nicht mal gewagt zu denken. Am Morgen wache ich in einem Doppelbett mit Schokoladenkrümeln auf dem schneeweißen, gebleichten und hart gebügelten Laken auf, allein gelassen. Cheers Life. Beim Frühstück treffe ich Tony, ich will ihn professionell ignorieren. Er legt „I’m your’s“ von Jason Mraz  für mich auf und lächelt mich kurz verschmitzt an. Ich versuche es so gut es geht zu ignorieren, Selbstschutz. Als das Restaurant sich leert, setzt er sich zu mir. Wir kommen ins Gespräch, er fragt nach meiner Nummer. „Du bist ein Playboy, was willst du von mir?!“ entgegne ich ihm mit leuchtenden Augen. Verlegen und grinsend wälzt er seinen Kopf auf den Tisch, für ihn ist das Hostel ein Schlaraffenland der Kulturen. „Was ist denn mit der Russin, die du heiraten willst.“ Stolz zeigt er mir Fotos von Ihrem perfekten Körper, würde ihr aber nicht glauben, dass sie ernsthaft was von Ihm möchte. Seine Errungenschaften teilt er fleißig auf einem sozialen Netzwerk, entsprechend Ärger bekommt er täglich von seinen angeblich zwanzig Frauen, weil er sich nichts dabei denkt wenn er das postet. Wir halten noch ein paar Wochen Kontakt, schnupper auch etwas Liebe,Gefahr und Abenteuer. Ich habe Angst vor dieser „türkischen Liebe“ und fühle mich trotzdem zu sehr angezogen von ihr… same same but different…. das Misstrauen bleibt. Die Vorerfahrungen sind zu einschneidend, die Risiken zu groß. Respekt muss ich mir erkämpfen, Kopf gewinnt über Herz.  Ich bewahre mir diese sehr sehr wertvolle Erinnerung, ein echtes Abentheuer, ein intensives Gefühl. Ich provoziere bewusst und rette mich aus einer ausweglosen Situation, ich muss aufhören zu träumen, meine Freunde warnen, sie haben ja meist recht, eigentlich immer.

Tony war für mich wahrscheinlich das personifizierte Istanbul und der Schlüssel zu meinem „Sinnemanie-Schloss“: verzaubernd, einnehmend, mächtig, führend, schwächlich, sündhaft, dominant, leidenschaftlich, egoistisch, größenwahnsinnig-narzisstisch, gastfreundlich, lebensfroh, männlich, großzügig, ängstlich, laut, leise, gefährlich, berauschend, maßlos, honigsüß wie Baklawa, salzig-tief wie die See… böse und lieb…immer am Rande des Wahnsinns und kurz vor einem Erdbeben was alles zerstört– eben Istanbul in Person – Sinnemanie. Es ist völlig klar warum ihn diese Stadt anzieht und warum er hier hergehört.  Diese Magie spüren seine Gäste, seine Freunde. Jeder ist ihm willkommen, er empfängt sie mit offenen Armen und das kann man wörtlich nehmen.  Aydin und Antalya waren jedoch für mich mehr Ort der Ruhe und des Friedens. Istanbul lässt mich zu viel fühlen und zuviele Fragen aufkommen, die es nicht beantworten will oder vielleicht auch nicht kann. Fragen die ich besser nicht stellen sollte, Gefühle die ich besser nicht fühlen sollte… Ängste die ich nicht haben sollte, wenn man in dieser Stadt überleben möchte…. hier weht ein anderer Wind, eine andere Mentalität, andere Wertvorstellungen, andere Gesetzt bis hin zu „gesetzlos“, was mit meiner engelsgleichen-weißen Vorstellung kollidiert. Meine Welt ist ein pinker Ponyhof im Vergleich zur in Stücke gerissenen Metropole, die irgendwann ein Erdbeben zerstören wird, wenn sie sich zuvor nicht durch andere menschliche Mächte selbst zerstört. Klingt herrlich dramatisch nicht, aber ist es das nicht auch? Man spürt es nicht immer direkt und die Stadt, das Land hat eine magische Anziehung, man sollte sie besuchen solange es noch geht, dafür muss man sich nicht einmal trauen, sondern sich einfach nur mitreißen lassen. :)

Und am Rande…

Überlebensregeln für Istanbul (für Frauen)

Ohne Übertreibung bin ich alle 5 bis 20 Minuten von fremden angesprochen worden, wie es mir ginge, ob ich nicht in Ihrem Restaurant speisen wolle, mir mal ihre Waren ansehen wollen würde, woher Ich käme und wie lange ich hier bleiben würde.

Lösung: Blick nach vorne und Stöpsel in die Ohren. In einem stinknormalem Supermarkt kann man ungestört und vor allen Dingen sehr viel günstiger einkaufen, zudem bekommt man vermutlich authentische Zutaten, wie sie auch die Istanbuler einkaufen.

Ein paar türkische Lira für die Toilettenbenutzung und öffentliche Verkehrsmittel sollte man immer dabei haben.  Beides ist sehr günstig.

Mit der Istanbul-Kart fährt man günstiger und Bargeld-los.

Istanbul oder allgemein die Türkei kann trocken und heiß werden, kleine Wasserflaschen gibt es überall günstig. Sesamkringel und einen kleinen Becher Schwarzer Tee gibt mit wenigen Ausnahmen zum Festpreis von einem Lira.

 

verknallt, verschallt, Sinnemanie

Titel zum Mitfühlen

InterRail 2014 Türkei

Merhaba Türkiye – Türkisch für Anfänger

Nach einer 32-stündigen Reise von London, Dover-Calais, Brugge und seinem zum Sterben enttäuschend hässlichen Bahnhof und 22-Uhr-is-Stadt-dicht-und-Hotel-dicht und einer Nacht im Liège-Guillemins Bahnhof geht es zurück nach Deutschland ins nahe der Grenze gelegene Aachen über Hannover, Braunschweig und Überraschungsbesuch bei der Familie im Heimatdorf im Herzen Deutschlands. Als Heimkehrer mit Militärrucksack hole ich Mama von der Arbeit ab, das wollte ich schon lange mal wieder machen, ich bin wieder 14 Jahre alt. Gestärkt und abgeknutscht mache ich mich am nächsten Tag zurück nach Berlin wo ich noch ein paar Flugstunden mit dem grünen Drachen nehme, bevor ich mit dem großen Drachen „SunExpress“ Richtung Finale fliege. Im Gepäck hab ich einige schwere Vorurteile, Klischees, Ängste aber auch Träume und Sehnsüchte. Einiges hoffe ich davon in der Türkei auspacken und dalassen zu können und stattdessen kompaktes Wissen, Erkenntnisse, Liebe, wertvolle Erfahrungen als leichtgewichtige Souvenirs in die Heimat überführen zu können. Gut zureden wollte mir kaum jemand, das Land bereisen war OK, aber sich auf die Kultur und die Menschen einlassen, da äußerte man sich durchweg zurückhaltend, warnend bis ablehnend: [..]“aber sei einfach vorsichtig bitte. das ist ne andere Kultur, ne andere Welt und da haben Frauen nicht viel zu sagen.“[..] Ich wusste nicht viel über die Türkei, kramte in meinem Kopf. Türkei…das sind doch die, die immer zu Hauf mit einer halben Wohungseinrichtung auf den Berliner Grillwiesen campieren. Türkei…das sind doch Döner, Ayran, Baklawa, 3er BMW, „Alter“, schwarze Haare und tiefbraune Augen, die sprechen deutsch-türkisch, die wohlerzogenen bieten im Bus alten Menschen immer einen Platz an und die nicht integrierten Immigranten pöbeln und spucken in deutsch-türkisch, die haben eine ganz eigene Sprache. Türkei…das ist doch Tarkan mit dem Lied übers Küssen, das sind doch Frauen mit Schleiern und die schicken orientalischen Gebäude wo immer ein Mann aus einem langem schmalen Turm schreit …fünf mal am Tag.

Da sitze ich nun im Flieger mit feuchten Händen und jede Sekunde bis zur Landung runterzählend. Zweieinhalb Stunden dauert der Flug von Berlin nach Izmir und ich denke die ganze Zeit nur, wie „Al“ und ich uns wohl begrüßen werden, das erste mal nachdem wir uns am Bahnhof Nizza vor circa sieben Wochen verabschieden mussten. „Al“ hat nach dem Vorfall in Paris kaum ein Wort mit mir gesprochen. Da ich nur mit Handgebäck anreise ist mein Weg vom Landeplatz, zur Passport-Kontrolle bis zum Ausgang kurz. Ich bin so aufgeregt, dass ich nicht merke dass mir mein Waschtäschchen mit Zahnbürste aus meinem Rucksack fällt als ich „Al“ aus der Ferne erblicke und freudig auf ihn zusteuere. Ein Landsmann aus meiner Heimat bringt mir die Tasche hinterher und kommentiert dieses aufgeregte-Mädchen-Verhalten: „Freude ist schön mein Fräulein, aber sie dürfen dabei ihre Sachen nicht verlieren.“ Sollte das mein Leitspruch werden?! Bevor die Situation peinlich zögerlich werden kann, da weder „Al“ noch ich keinen Plan davon haben wie wir unsere Wiedersehensfreude, Skepsis sowie Unwissenheit zum Ausdruck bringen können, drücke ich „Al“ alle meine Sachen in die Hand, die ich aufgrund des 25Grad Temperaturunterschieds ablegen muss, also Schal, Pullover und Jacke. Zwiebellook bietet sich an, wenn man nur eine kleine Tasche für Handgepäck hat, aber mehr Klamotten braucht als in den Rucksack passen. Dieser Minirucksack ist im Verglech zu meinem Packmonstrum eine Fingerübung und kaum zu spüren auf meinem strapaziertem Rücken. Papa (türkisch Baba) „Ale“ kommt in einem alten, dezent-pinken Gebrauchtwagen vorgefahren und begrüßt mich landestypisch herzlich. Alle Ängste sind verflogen, das fantastische Finale beginnt. Und es folgte eine lange Heimfahrt mit weiten Umwegen über die Sehenswürdigkeiten der Gegend bis ins kleine Städtchen Aydin (das „i“ ohne Punkt, kurz ausgesprochen bis stumm), welches nun meine zweite Heimat werden soll.
Wir fahren vorbei bei Mama (türkisch Anne) „Al“’s „Büro“, ein Minireinigungs-Service mit drei Waschmaschinen und Wäschetrocker-Gestänge auf der Straße sowie einem 2KG-Profi-Bügeleisen. Mama „Ale“ begrüßt mich euphorisch und setzt mir sogleich einen selbstgestrickten Sonnenhut auf den Kopf und überreicht mir zudem noch einen selbst gemachten Häkelbikini und Perlen-Kettchen, ebensfalls aus eigener Hobby-Arbeit. Hallo Türkei! Merhaba Tükiye!

[Fortsetzung folgt]