Barcelona zo bjotifull

 

Sinnemanie in Barcelona
Sinnemanie in Barcelona

 

Nachdem ich nun eine Woche von einem zum anderen Bahnhof in Europa gehetzt bin erreichte ich nun meinen ersten Meilenstein in Barcelona.
Im Vergleich zu meiner Absteige in Nizza erwartet mich in Barcelona das reinste Luxushotel. Natürlich freundlich lächelndes Personal welches auf Touristen wie mich vorbereitet ist, d.h. es gibt eine deutlich erkennbare Rezeption und eine Führung durch die Räumlichkeiten und Einweisung in die königlichen Schlafgemächer in der vielen Europäern mehr oder weniger geläufigen Weltsprache Englisch. Zugang zum weltweiten Kommunikationsnetz steht in allen Räumen drahtlos zur Verfügung. Jedes Bett verfügt über eine benachbarte Mitschläfer-freundliche „Nachttisch“-Lampe und eine exklusive Stromquelle, die man sich nicht mit zehn anderen energiehungrigen Smartphone-Nutzern teilen muss. Frühstück ist in der ohnehin vergleichbaren kostengünstigen Bettanmietung inbegriffen. Dusch- und WC-Räume, fein säuberlich nach Geschlecht getrennt, sind hochmodern und reinlich und verfügen über eine funktionierende Kalt/Warm-Wasserregulierung. Meine Begeisterung muss ich auch gleich in einem fetten Lob meinem Rezeptionisten mitteilen, der mir nun meinen ganzen Aufenthalt über mit einem „was-kann-ich-für-Sie-tun-Komplettservice“-Lächeln begegnen sollte.

Hoch motiviert breche ich auf zur ersten Erkundungstour, womit ich nun zu meiner ersten Weltenbummlerweisheit kommen möchte. Wenn du Anschluss in der Fremde suchst, dann setzt dir einfach einen im Verhältnis zu deiner Körpergröße und deinem Körpergewicht viel zu großen Wanderrucksack auf und/oder dreh dich mit einer komplett auseinandergefalteten und etwas aus Verzweiflung zerknüllten Stadtkarte im Kreis, am besten auf einer viel befahrenen Kreuzung. Es ist ganz wichtig dabei ein dummes und hilfloses Gesicht zu machen, dann spricht dich garantiert ein Einheimischer mit einem Heldenkomplex an. Es dauert keine 5min da tippt mir Miguel mit selbst diagnostizierten Heldenkomplex auf die Schulter und bietet mir seine Hilfe an. Ich kann kaum zustimmend nicken, als er mir schon eine mehrtägige Führung durch seine Heimatstadt anbietet, natürlich alles kostenlos. Er hat selbst kein Geld, lernt gerne Menschen kennen und hofft mit mir zusammen seine Englischkenntnisse verbessern zu können. Na wenn der wüsste wie schlecht mein Englisch ist. Muhahahaha… Sein ganz persönliches Barcelona ist Geldbeutel-schonend. Wir verabreden uns gleich für den nächsten Tag, für den heutigen empfiehlt er mir einen nahegelegenen, höhergelegenen Park mit einer Sicht auf Barcelona zu erkunden, der wäre „zoo bjotifull“ mit seinen Blumen und Sträuchern.

Am Abend kontaktiere ich meinen neuen türkischen Freund per Fernschreiber der neusten Generation. Er macht sich Sorgen und ich sollte nicht jedem vertrauen. Ich traue mir. Und ich sage mir, dass ich ein Risiko eingehen müsse, wenn ich hier in Barcelona etwas besonderes sehen und erleben möchte, schließlich hätte ich eine Mission zu erfüllen. Natürlich hat sich zwischenzeitlich mal mein schlechtes Gewissen gemeldet, aber Katja ist zu euphorisch und überhört es. Ich zeigte Miguel mein Pfefferspray und er mir daraufhin sein Klappmesser, während mein schlechtes Gewissen panisch rumschreit, meinte mein gutes Gewissen nur entzückt: „Och guck mal wie süß, er hat auch Angst.“ Ich und mein gutes Gewissen zeigten dem Pessimismus den Mittelfinger und folgten dem Pfad Richtung Abenteuer Leben.

Nachdem ich bereits zwei Stunden auf einem Brunnen hockend und mein Mini-Spanisch-Kurs-Büchlein studierend totgeschlagen habe treffe ich endlich auf meinen von einer Strandparty der letzten Nacht total übermüdeten Miguel. Nach drei „zooo bjotifull“ Parks erklimmen wir einen Hügel. Wie eine Spinne erreicht Miguel in Rekordzeit den Gipfel, keuchend und schwitzend schaffen ich und meine Kameraausrüstung es dann schließlich auch auf den Hügel mit dem „zoo bjotifull“ Ausblick über Barcelona. Wie wir so recht einsam da oben standen streiten sich mein gutes und schlechtes Gewissen darüber, ob Miguel mich jetzt ausrauben und den Hügel hinunterstürzen könne. Schließlich gehe ich dazwischen mit den Worten: „Schnauze jetzt, hört auf zu denken. Der junge Mann hier hat einen grausamen spanischen Akzent und die Karte mit den zweizeiligen Straßennamen liest sich wie eine Speisekarte in einem feinem 4-Sterne Restaurant.“ Miguel und ich sind nun beide müde vom Laufen und Englisch quatschen und machen uns auf dem Weg zurück zu unseren Kojen durch die Abenddämmerung. Es ist fast Vollmond. Mein Gewissen ist entweder beleidigt oder einsichtig und hält sich für die nächsten Tage aus meinem Leben raus.

Am nächsten Tag arrangiert Miguel für mich eine Stadtführung der extraklasse zusammen mit seiner guten Freundin Irina. Aufgeregt prüfe ich meine Kamera auf Aufnahmebereitschaft. Entsetzt muss ich feststellen, dass mein Akku gerade noch für zwei Fotos reicht. In einem Schreibwarenladen erstehe ich für rund 5 Euro Einwegbatterien. Nie sollte ich das bißchen Energie in meiner Hand mehr zu schätzen wissen und hoffe die Eindrücke, welche ich am Tag über mit meiner Kamera einzufangen versuchen würde, wären es wert.
Ich fühle mich herzlich aufgenommen, der Tag soll perfekt werden. Minze-Zitronen-Limonade trinkend betrachten wir heute Barcelona von der Mitte auf dem Dach eines Kaufhauses aus. Ich stimme Miguel zu dass dies unseren Gipfelbesuch bei weitem nicht übertrifft, er mag schließlich mehr die ruhige Natur, trotzdem genieße ich auch mal wieder den Menschentrubel und das lebendige Barcelona. Miguel drängelt Irina mir von ihrem aktuellen Projekt zu erzählen, im Wissen dass es mir ganz sicher gefallen würde und es eine gute Geschichte für meinen Blog wäre. Miguel hat sehr schnell den Sinn meines Blogs verstanden und ist stets bemüht mir die passenden Geschichten und Bilder zu liefern, natürlich immer „zoo bjotifull“. Grinsend fragt Irina mich nun, ob ich schon einmal was von der „Fun Factory“ gehört habe. Zunächst muss ich an meine Prollodisko in meiner Heimatstadt denken, doch dann kommt es zurück in mein Gedächtnis geschossen und ich muss anfangen zu lachen. Aufgeregt fange ich an sie auszufragen, aufgrund ihres starken Akzents fällt es mir sehr schwer ihr zu folgen. Sie las und liest zahlreiche Bücher und Blogs über Erotik und schreibt schließlich Persönlichkeitstest, um die einzelnen Lusttypen zu analisieren: der Playboy, der Animalische, der Romantiker. Im großen und ganzen geht es um Selfsex, ich denke das übersetze ich für Oma lieber nicht ins Reindeutsche. Brav ausgedrückt ist „Selfsex“, wenn du plötzlich erkennst, dass dein eigener Körper echt voll in Ordnung ist und es möglich ist vier Stunden im Bett mit sich selbst zu verbringen und du das auch möchtest, während Opa in Ruhe sein langweiliges Fußball guckt und sich mal so richtig ärgern würde, wenn er wüsste was er da gerade verpasst. Irina schreibt einen Blog, indem sie der selbstbewussten Frau von heute Tips für eine sinnliche Garderobe für Verabredungen mit dem anderen Geschlecht gibt.  Es gäbe das auch so einige Spielzeuge die man als Schmuck tragen kann und nur auf dem zweiten Blick als Lustspielzeuge zu erkennen wären. Ich bin überrascht und fasziniert von diesem großen Geschäft mit der „Sinnlichkeit“, wenn es auch nur ein kleiner Teil des großen ganzen ist, was mich bewegt den Blog zu schreiben.

Auf einem überwältigenden Markt verfallen wir der Naschsucht und essen uns an Süßigkeiten und frischen Früchten satt. Zudem verfalle ich dem Bilderrausch inmitten der zahlreichen Gerüche und Farben der Lebensmittel: pralle, rote Kirschen, unendliche viele Becher mit buntem Obstsalaten, selbstgemachtes Fruchteis am Stil, edle Schokoladen, Kiloweise auf Eis serviert und präsentierte Meeresfrüchte und frischer vor den Augen des Kunden feinst zerlegter und filetierter Fisch, geräuchter Stangen Salamie und saftiges Fleisch. Irina empfiehlt eine Cafépause der Feenwaldstube des Wachsfigurenkabinetts von Barcelona einzulegen. Irinas Augen leuchten vor Freude, als sie stolz ein Märchenbuch mit zahlreichen Illustrationen bekannter Märchen ersteht. Eine ganze Weile blättern wir auf- und angeregt in der fantasievollen, aufwendig gestalteten Literatur für Kinder in der kleinen Bücherabteilung eines Geschenkeartikel-Geschäfts neben dem Wachsfigurenkabinett und Feenwaldlokals.
Es folgt ein Bummel durch die schmalen Gassen, vorbei an Tapas-Bars, edlen Hippen Schmuckgeschäften, einem Bobonladen mit Einblick in die Bonbonküche dessen Zitronenduft bis auf die Straße zieht. Der wie zu erwarten, außerordentlich kontaktfreudige Miguel nutzt in einigen Geschäften die Gelegenheit ins Gespräch mit den Geschäftsführern zu kommen und nach einem Job zu fragen, vielleicht weil ich ihn mehrmals fragte, warum er eigentlich soviel Zeit für mich hat mitten in der Woche. Miguel kann allgemein wohl mit allen Möglichen Metallangelegenheiten umgehen, vom Bau von Metalldachkonstruktionen, Wasserleitungen bis ihn zu Feinstem Metall, dem Schmuck. Er wäre aber auch daran interessiert etwas Programmierung zu lernen und würde sich im Themenbereich der Chemie gut auskennen. Ich denke er sollte bei seiner Offenheit und Kontaktfreude doch besser professioneller Reisebegleiter werden, er macht das wirklich sehr gut. Erwird schon noch darauf kommen.
Seitdem Miguel Hunde-los ist, muss er einfach JEDEN wirklich jeden vorbeistreifenden, angeleinten, schlafenden Hund streicheln und „bequatschen“, natürlich ungefragt, ob den Hundebesitzern das gefällt. Doch selbst die bedrohlich wirkenden Punks nehmen es gelassen, wenn „bjotifull“-Miguel ihren besten Freund fast die Kehle zuknuddelt. Irgendwann denke ich, die Hunde müssten schon die Augen verdrehen, wenn sie Miguel kommen sehen. Ich erwische mich, wie ich „In Deckung Bello, Miguel kommt streicheln!“ denke, wenn ich einen Hund erblicke.

Zur späten Stunde, es müsste so 21.30Uhr sein, nehmen wir eine Teestunde ein und Irina und Miguel verfallen plötzlich in eine angeregtes Gespräch über wie man mit Problemen umgeht. Miguel ist der festen Überzeugung, dass man seine Probleme nicht sein ganzes Leben in einem Rucksack herumtragen, sondern sich in vielen Gesprächen mit guten Freunden des entledigen müsse. Die Probleme würde einen in Zukunft sonst immer wieder einholen. Irina hingegen glaubt, wenn sie sich in ein emotionales Loch fallen ließe, sie nicht mehr die Stütze in einer Beziehung sein könne und dann beide Parteien fallen würden. Wenn sie anfinge Balast abzuwerfen, könnte sie nicht Stütze sein, sondern würde andere stattdessen mitreißen. Die Metapher klingt logisch, aber Miguel und ich sind beide dabei zu lernen, dass man sich selbst der wichtigste Mensch sein sollte und man auch lernen muss egoistisch zu sein, denn völlige Selbstaufgabe führt geradewegs zum Fall. Wir sind Typen, die sich sämtlichen Balast wegreden. Irina trägt indes einen seelischen Balast mit sich rum, der ihr mal mehr Rückprobleme verschaffen wird, als mein berühmt, berüchtigtes Packmonstrum.

Am Abend komme ich dann endlich mal in den Genuss etwas vom schon längst sehnsüchtig erwartenden Feuer Spaniens zu erleben. Miguel musste mich bereits enttäuschen, das mit den feurigen Flamencotänzerinnen auf den Straßen wäre nur ein Werbegag. Miguels Freunde, u.a. der ständige lachende aufgedrehte Raul mit dem lockig, langen Haaren und Hut in schnellem Spanisch- Englisch auf mich einprasselnd, beweisen mir das Gegenteil. Auf dem Weg zur Tanzhalle legen die vier eine Ghost-Busters Tanz-Gesang-Performance hin die seines gleichen sucht. Ich entscheide mich dann aber doch für den Heimweg, hätte ich gewusst dass ich mich 3,5 Stunden durchs nächtliche Barcelona zu meinem Hostel durchfragen muss, weil ich vergessen hatte wo mich Miguel hingeführt hatte, wünsche ich mir besser in dem völlig überfüllten und teurem Tanzlokal geblieben zu sein. Um 6Uhr schlafe ich mit fast abgestorbenen Füßen nach einem ereignisreichen Tag mit einem Sack voll Sinneseindrücke ein.

Miguel muss mir noch einige „zoo bjotifull“ Ecken in Barcelona zeigen, darum verlängere ich meinen Aufenthalt um drei Tage. Der nächste Beitrag folgt jedoch erst wieder aus einer anderen Ecke Europas, sofern zwischenzeitlich kein Großereignis meine Finger zum zucken bringt, weil eine Geschichte aus mir heraussprudeln will. Die Chancen stehen aber schlecht, ich bin nämlich unausgeschlafen, HAHA!

Den Song anbei habe ich mit Miguel und seinen Freunden ausgesucht. Bei diesem Lied eröffnete sich mir das Feuer Spaniens, die Jungs hatten bei diesem Lied sichtlich viel Spaß auf der Tanzfläche, nie habe ich die männliche Fraktion so auf der Tanzfläche abgehen sehen wie in der heutigen Nacht in der Tanzhalle einer alten großen Garage wo man Mojito in 1,5 Liter-Krügen verkaufte, ciao ciao Rückenschule… ¡Hola! Spanien!
beseelt, beschenkt, Sinnemanie

Soundtrack zum Tag und mitfühlen:

„Lonley Boy“ von The Black Keys

Nice NICE Night

Sinnemanie in Nice
Sinnemanie in Nice

 

Von Cuneo nach Barcelona ist notgedrungen ein Zwischenstop mit Übernachtung an der Côte D’Azur notwendig. Der Zug Richtung der „feinen Gegend“ hat passend zum mit gold geschmückten und gut gekleideten Klientel royal-blaue Sitze und es riecht nach teurem Parfum.

Ich entscheide mich für die nächst größte Stadt mit Hostelangebot, da ich zu spontan meine Route bestimmte und es somit mit Couchsurfing leider nicht klappen will.
Im Zug entlang der schönen blauen Küste nimmt mein Packmonstrum einem grauhaarigen, 2,10 Meter großen Geschäftsmann aus Monaco ursprünglich beheimatet in Südafrika den Sitzplatz weg. Er hilft mir den Eintonner auf ein Gepäckplatz zu hieven, daraufhin kommen wir ins Gespräch während er vor sich eine IPad-Präsentation aufbaut. Ich erwarte jeden Moment von einem geschäftlichen Telefonat unterbrochen zu werden. Ich soll Recht behalten. Er hätte die Welt wohl schon komplett bereist u.a. auch Europa mit dem Motorrad erkundet. Wieder jemand der mir Thailand als Backpacker-Paradies empfiehlt, weil in Europa die Menschen alle für sich wären und mit Scheuklappen durch die Gegend laufen würden. Er wirkt auf mich sehr erfahren in Umgang mit Menschen, errät schnell wo ich beheimatet bin und wo ich herkomme und obwohl ich brav alles wichtige einpackte was Mama sagte, ich doch nun mit einem Fremden wie ihm reden würde. Nervös drehe ich mich immer mal wieder zu meinem Gepäck um. Der Riese beruhigt mich, indem er meint das Ding wäre zu „heavy“, als dass jemand mein Gepäck mal ebenso mitgehen lassen könne. Er gibt mir noch ein paar Tipps für Nizza auf den Weg und dass ich auf mich aufpassen solle.

In der Bahnhofsvorhalle grinst mich gleich ein Schokocookie an, für 2,50 Euro! Öhm ja, einen teures Pflaster wie erwartet. Im Zug war ich bereits total aus dem Häuschen bei dem Anblick des blauen Meeres und der Palmen, so dass ich dies gleich all meinen Freunden per digitalen, sozialen Benachrichtigungsdienst mitteilen musste. Entschuldigt bitte die umständliche Ausdrucksweise, aber Oma liest mit und sie muss das auch verstehen können. Wie hypnotisiert von diesem Palmen-blaues-Meer-Anblick buckle ich sofort zum Strand und freue mich wie ein Honigkuchenpferd über den Anblick.

Nachdem ich mich mit modernster Technik zur Straße navigiere, wo das Hostel sein soll, stehe ich da nun wieder total verloren mitten auf der Straße rum. Eine 96 jährige Oma weiß mich sofort zuzuordnen, liest mich auf und führt mich gleich zu Ihrer „Rezeption“ des äh was „Pink Lady“-Hostels?! Im Internet benannte man dies noch anders. Die sogenannte Rezeption ist ein kleiner Abstelltisch in einer dunklen Allzweck-Kammer die wohl als Altersclub als Pedant zum Jugendclub fürRentner dient. Es riecht nach gekochtemTier. Oma wühlt in den „Bookingunterlagen“ und sucht aufgeregt nach „Le list“ mit den freien Betten. Sie spricht konsequent Französisch mit mir und ich versuche einzelne Fetzen aus meinem Schulfranzösisch in Erinnerung zu rufen. Während die knallharte Geschäftsfrau mit mir den Bettenvertrag in die Ecke eines voll geschriebenen Stück Papiers kritzelt, glotzen mich die kleine Gruppe Omas und Opas neugierig an. Ich bekomme natürlich wieder einen Spruch wegen meines beachtlichen Gepäcks.

Oma quetscht sich dann mit mir in einen kleinen Aufzug. Der Schlüssel zur Dreiraumwohnung zum Hostel umfunktioniert klemmt und Oma muss klingeln, um sich von einem Gast den Zugang zu verschaffen. Ich kann aus ihrem Französichgebrabbel etwas Ärger heraushören. Als ich den Miniflur betrete Blicke ich direkt in die nussbraunen Augen von einem türkischen jungen Landsmann der mich mit einem strahlend weißen Zähnen anlächelt und er mir somit wie der Engel in der zu erwartenden Hölle erscheint. Ich fasse direkt Vertrauen zu ihm: “ Hey, my Name is Katja. How are you.“. Oma diskutiert schließlich mit einem indianisch anmutenden Macho über ein leer zu räumendes Gästebett direkt an der Tür im Mädchenzimmer neben der offenen Küche. Das sollte also meine Schlaf-„Ecke“ werden.  Jeder der betrunken oder nüchtern das Zimmer betrat würde wohl oder übel über mich stolpern. Da ich lange Zeit das Durchgangszimmer in meinem Elternhaus bewohnte, nehme ich das schlechte Geschäft welches ich abgeschlossen habe locker. Alles ist sehr eng und nur bedingt „sauber“. Da es ein Schlüsselproblem zu geben scheint, entschließe ich mich dazu mit den drei Jungs die sich um mich herum versammelt haben auszugehen. Der indianisch  anmutende Junge im folgenden „Häuptling“ genannt bietet an uns die Stadt zu zeigen. Er redet sehr langsam mit starkem Akzent, als würde jedes Wort wie aus einer Lotterie-Maschine in die richtige Spur gerollt kommen. Ab und zu verdreht er geistig abwesend die Augen. Die Stadtführung würde zu einem irren Erlebnis werden mit so einem verwirrtem Anführer. Häuptling redet wie ein Wasserfall im beschriebenen Redetempo und scheucht uns zunächst in die Parfumabteilung eines Kaufhauses, um dann schließlich sich und uns wild mit Parfum zu besprühen. Ich rieche nun nach einem teurem Parfum, was mich in der Dosierung welche der Häuptling auf mich „geschossen“ hat billig fühlen lässt. Der Häuptling tingelt wohl täglich durch die Parfumabteilungen der Stadt und erstaune seine Freunde immer mit seinem täglich wechselnden Duftgewand, berichtet er stolz. Er ist verrückt aber liebenswürdig, das ist mir nun absolut klar. Ich mache mich mit dem schüchternen türkischen Landsmann vertraut im folgenden nenne ich ihn mal „Ale“, weil ich gerne Aladdin mit ihm in Verbindung bringen möchte. Er ist Musiker und hat sein Reisebudget für seine vierwöchige InterRail-Reise in Dänemark verdient. In Dänemark wären die Menschen immer gut gelaunt, da würde er eines Tages leben und arbeiten wollen. Er erzählt glaubhaft von seiner Leidenschaft zur Musik und zum Jazz, habe er auf seiner Reise bereits einige musikalische Höhepunkte erlebt. Auch heute ist ein Jazzkonzert mit (für ihn) bekannten Musikern aus der Szene sein Ziel. Popmusik mag er nicht, dabei mögen Popmusik doch alle, sonst wäre sie doch nicht populär, denke ich mir.

Wir nehmen zwischen dem vornehmen Publikum Platz und lauschen der Musikimprovisation, die kurzzeitig von einer Parade auf der anderen Straßenseite gestört wird. Die Musiker setzen ab und lassen das Getrommel und Getröte ausklingen, da es dann wohl nicht so gut zu IHREM Stil passt. Schade, mich hätte der Mix als musikalisches Jazz-Experiment interessiert. Der Stilbruch sorgt jedoch wie bei dem vornehmen Publikum zu erwarten für zurückhaltendes Gelächter.

Der „Häuptling“ rutscht nervös auf seinem Sitz hin und her und drängelt uns doch weiter die Stadt zu erkunden, wir wären schließlich nur noch ein paar Stunden in der Stadt und er hätte uns noch viel zu zeigen. Ich kämpfe schließlich mit Wasserfontänen und der „Häuptling“ mit meiner Kamera. „Ale“ hält mich für verrückt, da ich mich für das optimale Foto so sehr ins Zeug gelegt habe, dass ich mich mächtig nass gemacht habe.

Mike der rot-blond-Schopf aus unserer Truppe dreht eifrig Videos und feuert die Tänzer einer Travestie-Show- anmutenden Breakdance-Vorstellung heftig an. Gerne würde er einen Strip sehen und johlt kräftig: „Get off your pants“. Ich dachte mir meinen Teil und steckte ihn in eine Schublade und mochte die sonderbare Mixtur unserer kleinen Touristengruppe somit sehr.

„Ale“ und ich vertiefen das Musikthema und wir teilen uns schließlich meine Kopfhörer um uns gegenseitig unsere aktuellen Lieblingssongs vorzuspielen, ich muss aufpassen das wir unseren verrückten, rumstreunenden Häuptling nicht aus den Augen verlieren. Es fängt wieder mal an zu regnen. Der “ Häuptling“ lässt einen Strohhut im Vorbeigehen an einem Souvenir-Shop mitgehen. „Ale“ ist entsetzt und flüstert mir zu „He steal it.“. Ich muss schmunzeln. Der “ Häuptling “ wankt selbstbewusst durch die eng belebten Straßen immer noch auf uns einredend mit seinen Geschichten über die Stadt. Eine sehr sonderbare, aber sympathische Stadtführung.

Wir müssen uns schließlich unterstellen, da der Regen heftiger wird und sich das Gewitter dazugesellt. Nach 15 min wird der „Häuptling“ ungeduldig. „The City is waiting…common let’s go.“  stellt er sich die Arme in die Höhe reißend mitten auf den Gehweg. Nachdem er uns durch die Altstadt gejagt hat wird er müde und wir fahren die letzten 500Meter zurück zum Hostel. „Ale“ und ich sind noch nicht müde und beschließen noch einmal zurück zum Strand zu laufen und für die Stadt illegalerweise zu der Uhrzeit eine Flasche Wein zu trinken. Als „Ale“ die Späti-Verkäuferin nach Gläsern für den Wein fragt, bin ich nicht wirklich erstaunt sondern eher amüsiert im Gegensatz zur verwirrten Verkäufern. Er ist schließlich Vertreter der klassischen Musik und ist somit stilvoller aufgestellt als wir Popmusikfritzen und Flaschenkinder auf Festivals in Gummistiefeln und kaputten Jeans. Auf dem Weg habe ich die Gelegenheit ihn über Türkische Klischees und die politische Situation auszufragen. Er würde sich sehr für Politik neben seiner Leidenschaft für Musik interessieren und ist in einer politischen Gruppe recht engagiert. Er ist stark berührt von so mancher Ungerechtigkeit und Brutalität in seinem Land und drängt auf eine politische Revolution die in Richtung Ausgleich der Reich-Arm-Schere geht. Ich habe Respekt vor politischem Engagement muss aber eingestehen nur wenig Interesse an Politik zu haben und versuche die Welt auf meine Art besser zu machen, versuche ich mich gut rauszureden. Ich würde versuchen meine Umgebung glücklich zu machen, denn glückliche Menschen tun sich nichts böses an. Wenn Menschen in der Lage sind ihr Leben, wie bescheiden es auch sein mag, zu schätzen und ihr Hab und Gut teilen können, gastfreundlich und offen sind,  wären Kriege und Streitereien doch unnütz. Ich hoffe somit an der Wurzel des Problems, der Zufriedenheit des einzelnen Menschen, zu arbeiten statt zu demonstrieren und mich aufzuregen. Das ist wohl das, was ICH persönlich tun kann. „Ale“ könnte mit Musik die Welt glücklich machen, ich hingegen mit Verbreitung von Sinnemanie… Hihi

Am Strand lauschen wir dem Soundtrack von „Into the wild“. Was für ein Zufall, dass ich mich mit einem bekannten Zitat daraus von meinen Freunden und Kollegen zum Aufbruch meiner Reise verabschiedet habe: „Happiness only real when Shared“.
Die Parfumwolke über mir ist mir peinlich. „Ale“ mag kein Parfum. Und schon sind wir bei einem weiteren Lieblingsthema:Gerüche. Ich erzähle ihm euphorisch von dem Film „Das Parfum“ und meiner Leidenschaft für Seife, worauf ich ihm stolz mein Stück Seife welches ich in meiner Liebslings-Seifen-Ladenkette in Italien erstanden hatte, zeige. Wir erlauben uns gegenseitig zu beschnuppern, das ist lustig. Er meint der natürliche Geruch, wie z.B. der süßliche Geruch von Babys, wäre einzigartig schön. Ich schwelgte in Erinnerungen an vertraute Gerüche der Menschen die ich liebte und liebe. Der Mond verschwindet schließlich hinter einer dicken Wolke. Es bleibt nur noch das Meeresrauschen, in der Ferne können wir einen Leuchtturm ausmachen und ankommende sowie abfliegende Flugzeuge vom nahliegenden Flughafen erspähen. Die Steine sind noch feucht vom Regen, ab und zu wird der Himmel erleuchtet von Blitzen. In manchen Ecken können wir Rucksackreisende in Schlafsäcken eingemummelt entdecken. Hätte ich mir also die 30Euro für das Hostel doch sparen können. Als ich sehe wie einige schlafende jedoch von Wachhunden verscheucht werden bin ich doch froh eine weniger bewachte und trockene Absteige mit weicherer Unterlage bekommen zu haben. Die Ansprüche ändern sich auf so einer Reise, danach werde ich wohl fast überall gut nächtige können. Im Sinnestaumel von Gerüchen und Atmosphäre sowie beschwipst vom Wein finden sich unsere Lippen. Es findet sich nun doch eine Möglichkeit „Ale“ den Wein angemessen zu servieren. Auf der sinnlichen Entdeckungsreise lassen wir uns kaum stören vom Kommen und Gehen partywütiger junger Leute. Zwei „Big Mamas“ die neben uns eine Dusche nahmen und ihre prallen, großen Hintern unter die kalte Dusche reckten lenkten mich etwas ab. Ich befand mich in einem verrückten Traum, es konnte nicht anders sein.

„Ale“ beschließt für mich, dass ich einen Zug später nehme, im Hostel bewacht er meinen 3-stündigen Schlaf meine Hand haltend und seinen Kopf dicht an meinem Traumzentrum heftend. Ich fühle mich geborgen und schlafe behütet ein. Er interessiert sich nicht für mein Alter, meinen Job, mein Einkommen oder meine Herkunft, stattdessen versanken wir in Gespräche über Kulturen, Kultur, Musik und Gerüche und was uns anzieht…und auszieht.

Nach einer kurzen Nacht, einem gemeinsamen Frühstück trennen sich unsere Wege. Wie sich herausstellt verlief unsere Reiseroute genau gegensätzlich. Er würde nun nach Italien und ich nach Spanien weiterreisen. Er empfiehlt mir ein Hostel in Barcelona, wo er einige Tage zuvor nächtigte und schenkte mir zum Abschied eine CD und einen Eifelturm-Anhänger als Andenken in der Hoffnung, dass sich unsere Wege eines Tages wieder kreuzen würden. Nach einem verzweifelten Versuch mich zur Weiterreise mit ihm zu überreden, macht er ein letztes Fotos von mir …Dicht an die Zugtür gepresst. Das nennt man dann wohl eine Sommerliebe. „Ale“ fragte mich zuvor noch was „I Love you“ auf Deutsch heißen würde. Ich  sagte ihm, dass dieser Satz in Deutsch eine andere Intensität und Stärke hätte und er es behutsam und sparsam benutzen müsse. So sag „I like you“, alles andere macht vielen Menschen Angst. Manchmal können Menschen besser mit Kritik umgehen, als mit großen Komplimenten und Liebesschwüren. Wohl dosiert zum rechten Zeitpunkt gewinnst du das Herz wohl nur. Kaum sitze ich im Zug nach Barcelona bekomme ich eine Nachricht: „I miss your smell. I wann to come with you to Barcelona“. Und schon bekomme ich etwas Angst. Das Leben ist ein ständiges Festhalten und Loslassen, eine Lektion die ich Anfang des Jahres bereits gelernt hatte, obwohl ich schon öfter diese Schulbank des Lebens drückte. Es ist ein bittersüßer Schmerz, das Leben.

Das Lied im Anhang zum Mitfühlen habe ich vor ca. 14 Jahren das erste mal gehört und es hat mich bis heute geprägt, es hat einen großen Anteil an meinem ganz persönlichem „Sinnemanie“-Projekt und ist tatsächlich abgeleitet von einem Album des Künstlers, welches den Namen „Melomanie“ trägt. Soweit zum Ursprung der Idee, die hinter Sinnemanie steckt.

Behütet, entflammt, Sinnemanie

Soundtrack zum Tag und mitfühlen:

„Ich will nur wissen“ von Laith Al-Deen

Cuneo (Italy): Satt und glücklich bei „Mamma Auro“

Cuneo Italy
Cuneo Italy Sinnemanie

Die Zugfahrt nach Cuneo glich einer Feinkostlieferung als Expresszustellung zum Hause Hannibal Lector, gut gekühlt stieg ich am Endbahnhof aus. Man kann es mit der Klimatisierung auch übertreiben. „Mamma Auro“ hat mich sofort erkannt bevor ich mich überhaupt orientieren konnte. Mein Packmonstrum passte gerade so in den Kofferraum Ihres kleinen blauen Opels.
Zuhause angekommen empfing mich die pure Gastfreundlichkeit, symbolisiert schon durch die weit geöffneten großzügigen Balkonfenster, die viel Licht und frische Luft und italienische Atmosphäre in die Räume ließen. Alberto aus dem Nachbarhaus, ich möchte der fremden Stimme an dieser Stelle mal einen Namen geben, übt lautstark Opern-Arien und erfüllt für mich gerade sämtliche vorstellbare Klischees. „Mamma Auro“ kochte gerade Blaubeer-Marmelade, ich würde ihr später beim Abfüllen in Gläser und genüsslichem Auslecken des Topfes helfen. Die Marmelade wäre aber erst dann gut, wenn sie dick genug ist, d.h. wie „Mamma Auro“ das so schön demonstriert und beschrieben hat, langsam fließt. Dies wird einer Dauerschmunzler zwischen uns, immer wenn etwas zu schnell läuft ist es noch nicht gut. Blöd das Katja nicht langsam durch die Wohnung gehen kann, sondern stattdessen immer hektisch durch die Gegend rennt.
Endlich kann ich mich wieder duschen, unterdessen bereitet Mamma Auro das Abendbrot schon einmal vor. Schließlich machen wir noch einen kleinen Stadtbummel. Auf dem zentralen Platz findet gerade das „Pizzafestival“ statt, wie sinnvoll und lecker ist das denn bitte?! Ich bin begeistert von der Idee, jedoch von der Umsetzung etwas enttäuscht, Pizza in Pappkartons und dann noch an Bierzeltgarnitur zu verspeisen. Aber gut, Festivals sind immer recht dreckige Massenabfertigungen und es wird auch massig konsumiert, ob nun Pizza oder Musik, da leidet die Qualität.
Mamma Aurora grüßt immer mal wieder vorbeigehende Leute, wie sich später herausstellt kennt sie einige, da sie eine ganze Weile in ihrer Handykontaktliste scrollen musste, um mich zu finden. Und ich befinde mich in der Mitte des Alphabets. Das liegt wohl an dem italienischen Temperament, da meine italienischen Freunde in meiner Stadt in Deutschland selbst da jeden zugezogenen Italiener zu kennen scheinen und man keine 3Meter mit ihnen durch die Stadt schafft, ohne nicht einen Alberto, Enso, Maria zu küssen und zu umarmen als hätte man sich zehn Jahre nicht gesehen, was in Der Großstadt durchaus vorkommen kann, dass man selbst seinen Nachbarn jahrelang nicht zu Gesicht bekommt. Ich bin fürchterlich neidisch auf diese leidenschaftlichen Völker, obwohl ihre Sprache so klingt als würden sie sich die ganze Zeit fürchterlich über etwas auslassen. Und weil wir gerade beim Thema sich aufregen sind. Mamma Aurora führt mich in einen spezialisiertes Süßigkeitengeschäft, wie sie um sich greift kennt sie sich scheinbar sehr gut aus und dabei unterhält sie sich angeregt mit der Verkäuferin. Ich kann an ihrem wilden Gestikulieren erkennen, dass es um Mülltrennung geht und das Gespräch reißt mich voll mit. Es sei ein Unding, dass man nun den Teebeutel in sämtliche Bestandteile zerlegen müsse, um schließlich alles ordnungsgemäß zu trennen. Ich hab das jetzt mal frei übersetzt.
Mamma Aurora überreicht mir schließlich lächelnd eine Tüte mit den italienischen Köstlichkeiten mit den Worten: „This is for you.“ Und damit hat sich Mamma Aurora in mein Herz gemeißelt. Zuhause angekommen speisen wir zusammen, ich schreibe noch zwei/drei Stunden an meinem Blogbeitrag und schlafe mit angenehmen italienischen Gelächter aus dem Restaurant unter uns ein.
Am nächsten Morgen klopft es an meine Tür, Mamma Auro möchte mich wecken, da ich meinte gleich früh nach Torino zu fahren um möglichst viel zu sehen. ich bin immer noch unendlich müde, Mamma Auro stärkt mich mit einem starkem Kaffee statt dem langweiligen deutschen „Long Coffee“. Es gibt Biskuits und Zwieback mit Blaubeermarmelade. Ein typisches italienisches Frühstück meint Mamma Aurora. Ich muss auf meiner Reise unbedingt mehr Kontakt zu den Einwohnern haben, denke ich mir. In Torino suche ich den nächst gelegenen Park auf und lege mich erst einmal zwei Stunden aufs Ohr, denn dafür sind wir ja schließlich vier Tage mit dem Zug durch vier Länder gereist, um faul auf einer grünen Wiese zu liegen, weil es die bei mir wo ich wohne nicht gibt. Ist ja alles vollgeschissen oder voll mit grillenden Hippstern. Irgendwann bequemt sich Geist und Körper dann doch mal durch den Rest der Stadt zu laufen und die Stadt dankt es mir mit wunderschönen Einblicken in kleine Gassen und einem herrlichen Duft von Parfum, Eiscreme in der Waffel und Pizza. Ich schäme mich bei dem Verzehr eines echten Italienischen, gespachtelten Schoko- und Zitroneneises, dass ich am Tag zuvor es wagte ein Stileis zu kaufen. Wahrlich ein Vergehen beim Geschmack dieser Eiskreationswundertüte.
Plötzlich fängt es wie aus Eimern an zu pladdern und alle Menschen in der vor noch wenigen Minuten belebten Einkaufsstraße flüchten sich unter Baugelände, Schirmchen und Hofeingänge, um dem Sommerregen zu entfliehen. Wie die Pinguine stehen sie alle dicht gedrängt nebeneinander und warten auf Abpfiff. Ich find es total romantisch und hab Bock zu knutschen. Irgendwie scheint niemand auf die Idee zu kommen, wenn ich mich so in der Menge nach Pärchen suchend umschaue.
Durch die Regenattacke verpasse ich meinen Zug. Der letzte Zug hat dann auch noch Verspätung und dabei sind die Ankunfts- und Abfahrtszeiten meine wichtigste Orientierung, ob ich auch ja im richtigen Zug sitze und wann ich aussteigen muss. Diese fremdartigen Bahnhofsbezeichnungen versteht doch kein Mensch, zudem Nachts die Haltestellen nicht mehr durchgesagt werden. Nervös stehe ich bei jeder Haltstelle auf um mich zu orientieren wo ich bin. Neben mir sitzt eine „Big Mama“ (schwarze, kräftige Frau) und singt ein beruhigendes afrikanisches Lied, wofür ich sogar mein mobiles Musikabspielgerät ausschalte und die Kopfhörer absetze, vielleicht hat sie meine Nervosität gespürt. Wir lächeln uns an. Spät komme ich bei Mamma Auro an, sie wartet bereits mit Abendbrot auf mich. Bei Wein, Brot und selbst gemachten falschen Hasen würde ich es mal nennen, brüten wir gemeinsam über der weit ausgebreitete Europakarte meine nächste Reiseroute aus. Mamma Auro nennt mir wild Orte in Italien und Frankreich, die ich mir unbedingt anschauen sollte. Sie schwelgt in Erinnerungen, das kann ich heraushören.
Am nächsten Morgen werde ich wieder mit einem sanften Klopfen an der Tür geweckt. Als ich meine sieben Sachen zusammenpacke steht Mamma Auro plötzlich mit einem Zettel vor mir und liest vor. Sie hätte gestern etwas Deutsch geübt und teilt mir nun auf Deutsch mit wie sehr sie sich darüber gefreut hat meine Bekanntschaft zu machen. Sie wünsche mir viel Glück auf meiner Reise und hoffte mich bald in meiner Großstadt wieder zu sehen. Dieses wertvolle Souvenir, Gastfreundschaft, nehme ich mit nach Deutschland. Danke Mamma Auro, ich grüße an dieser Stelle mit italienischem Geknustche meine Freundin Auroa aus meiner Großstadt.

schläfrig, aber glücklich und unendlich dankbar, Sinnemanie

Soundtrack zum Tag und mitfühlen:

„Bonne Nuit“ von Dean Martin