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Probleme | Sinnemanie

Probleme

Ich hatte gerade mal wieder meinen Job gekündigt und reiste nun seit Oktober letzten Jahres durch Europa um meine Berufung zu finden. Nun saß ich also in der Angestellten-Küche und stellte wiederholt die Frage, was nun eigentlich Depressionen seien.

Herbert (Name geändert) den Psychoanalytiker traf ich in einem Spätzug in Sizilien. Ich erzählte ihm von meinem immer wieder stark auftretendem „Liebeskummer“, der mich stark einschränkte aber auch kreativ beflügelte. Wenn das häufiger auftrat würde er mir anraten eine Therapie zu machen. Er liebt seinen Job, er hat schon lange das Ruhestand-Alter erreicht, reist immernoch gerne und viel um die Welt und kann sich die Patienten aussuchen. Es stellt sich heraus, dass er in meinem Wohn- und Arbeitsort beheimatet ist, da wir uns nun privat angefreundet haben, darf er mich nicht mehr in seinem Patienten-Kartei-Kasten aufnehmen. Wie schade, ich mag ihn. Ich fragte mich immer, warum Freunde und Familie für Therapie- Gespräche nicht oder genauer gesagt nicht mehr in Frage kommen. Haben wir uns so stark voneinander entfernt, dass wir uns Leid und Kummer nicht mehr erzählen können oder dürfen und sei es zum wiederholten male? Warum schlucken wir soviel Kummer herunter bis wir vor Wut oder all dem Frustfraß platzen und verbieten uns Gefühle freien Lauf zu lassen, uns gegenseitig zu beraten wie wir mit den Gefühlen umgehen, die wir doch alle haben oder kennen? Oft hilft schon das erzählen, die eigenen Gedanken laut auszusprechen und zu hören… dem muss nicht immer ein sinnvoller Rat folgen. Was kann man schon raten, wenn man nicht in der Haut des anderen steckt. Zuhören, interessiert zuhören können, ist zur Gabe geworden. Fragen stellen, die richtigen Fragen stellen ward nun Kunst, die es wieder zu erlernen galt, das beschloss ich zumindest in meinem Gedanken-Kosmos. Ich will meine Freundin, meinen Mann oder Schwester nicht zum Arzt schicken müssen, wenn sie reden wollen. Psycho-Analytiker haben sicherlich ihre Daseins-Berechtigung, sind die besseren Zuhörer und Ratgeber, aber ich wünschte mir wirklich, dieses Wissen wäre Grundwissen, welches einem in jeder Grundschule mitgegeben würde.

Ich fragte mich, ob in einer Welt, wo wir aus Problemen Geld machen, nicht Probleme erschaffen werden, um wiederum die Lösungen auf den Weltmarkt anzupreisen. Eine Welt in der man nicht schön genug ist ohne das Kosmetikprodukt, nicht cool genug ohne die Flasche Bier auf dem Konzert, nicht angemessen gekleidet im hippen Club ohne die neusten Trend-Klamotten der aktuellen Saison am Leib, zu verrückt und aufgedreht und was weiß ich ohne die Psycho-Pillen. Das erste was ich in meiner Marketing-Ausbildung lernte ist ein Problem der zukünftigen Konsumenten zu erkennen und dafür eine entsprechende Lösung zu verkaufen, etwas was sie wirklich brauchen. Gibt es keine Probleme, werden welche geschaffen oder zumindest ein Bedürfnis geweckt, was es vorher nie gab. Mit Süchten lässt sich sicher viel verdienen, erst die Produzenten der Suchtmittel, dann die Pharma- und Gesundheitsindustrie. Suchtmittel beruhigen oder steigern kurzzeitig das zerstörte Ego, lassen beruhigen und vergessen… und zerstören zuletzt noch mehr… der Teufelskreis ist in Gang gesetzt, der perfekte Absatzmarkt ist erschaffen. Global betrachtet sind wir gerade einer Suchtkrankheit verfallen, dem Kapitalismus, der uns selbst zerstören lässt und das Umfeld, die Natur mit sich reißt. Erst wenn wir unseren Tiefpunkt erreichen, werden wir vielleicht zur Erleuchtung gelangen, erwachen und letztendlich heilen. Einige sind schon wach geworden und unternehmen radikale Veränderungen, der scheinbar einzige Weg aus der Sucht? Was sind eigentlich Suchtmittel? Alkohol, Tabletten, Zigaretten, Zucker,Süßigkeiten, Fastfood, … aber irgendwie auch Sport, der Kaufrausch, die Arbeit, das Geld, die Überabsicherung, Liebe…………………….?

Die Küchen-Überlegungen gehen sogar noch einen Schritt weiter und es klingt für mich fast wie eine Verschwörungstheorie, wenn ich Ihren Worten lausche. Aber es klingt so logisch nachvollziehbar, somit lasse ich es als Gedankenanstoß gelten.  Meine Kollegin macht mir am Beispiel der fortlaufenden Trennung und Zerstückelung der Bevölkerung durch Grüppchen wie „Veganer vs. Fleisch-Liebhaber“, „Raucher vs. Nichtraucher“, „Homo vs. den-Rest-der-Welt“, „Single vs. Pärchen“, „30+ vs. Rest“, „Mann vs. Frau“, „Individualist vs. Individualist“ uuuuuuuuuuuuuund so weiter und so weiter, deutlich… dass wir kaum noch eine starke Einheit bilden und wir zu immer kleineren Grüppchen zerfallen. Sie weist auf die Gefahr hin, dass wir uns immer stärker voneinander abkapseln und uns damit schwach und angreifbar machen. Ist die Entscheidung einer Community beizutreten also der nächst logische Schritt? Sind Massen-Demonstrationen, Musik-Festivals und Vereine die Zukunft des Zusammenhalts? Sollen negative Nachrichten uns Angst machen und uns auseinander treiben, ja sogar aufeinander hetzen? Ist es wieder an der Zeit zu sagen: „Kommt zusammen, feiert zusammen, habt euch lieb!“ ?

PEACE and LOVE und nein ich habe keine geraucht, nichts getrunken… seit Monaten keinen Tropfen.

„Du hast keine Depressionen. Das Leben ist scheiße und jeder muss da durch, jeder.“ Ich habe in den letzten Monaten vielen Lebensgeschichten gelauscht und ja es waren verdammt harte Brocken dabei: viele Alkoholismus-Geschichten mit tödlichem Ende, Familiendramen, Krebs-Leiden und der alltägliche Gossip. Viele schweigen, fühlen sich zum schweigen verpflichtet und das zerfrisst einen innerlich und macht verbittert bis zur Einsamkeit. Dann glaubt man irgendwann keine Wahl mehr gehabt zu haben, weil man vergessen hat zu hoffen, zu glauben, zu sprechen, zu denken…

denke, fühle, Sinnemanie

Alter Keks

Pünktlich fünfzehn Uhr dreizig trifft sich die Familie an Omas Kaffeetisch. Jeder hat sein Platzdeckchen und einen Pott Kaffee… ich und Mama schwarz ohne Zucker, Papa mit Zucker und Kaffeesahne, Oma  mit ihrem speziellen Kaffeecocktail aus fünfzig Prozent Bohnenkaffee und Cappuccino-Pulver. In der Mitte steht eine alte Lebkuchen-Dose mit Cookies vom ALDI und einem alten selbstgebackenem „dünnen Zucker-Gebäck“, nach Omas altem Backstuben-Rezept.  Neugierig dennoch vorsichtig beschnuppere ich  das antik gewordene Gebäck mit folgendem Kommentar: „Wann wurde der gebacken?“. Oma erwidert „Vor an­dert­halb Jahren. Der ist noch gut.“ Papa kann es sich nicht verkneifen und entgegnet: „Bei Oma wird nie was schlecht und diese Plätzchen riechen schon so, wenn man sie frisch aus dem Ofen nimmt.“  Der Geruch ist von Schmalz geprägt aus dem das Gebäck zu nahezu hundert Prozent zu bestehen scheint. Oma kommt aus einer Kriegs-Generation. Mir kam es so vor, dass alle Rezepte mit Zucker, Wasser und Mehl auskommen mussten. Die Zugabe von Ei und Nüssen sowie Vanille-Aroma war dann schon Luxus.
Zögerlich knabbere ich ein Stück vom Gebäck, erwarte einen ranzigen Geschmack und stelle überraschend fest, dass es noch ordentlich schmeckt, nicht köstlich, aber entsprechend meiner niedrigen Erwartungen: Astronautengebäck.  Oma kaut genüsslich die andere noch recht knusprige Hälfte.

Generation Krieg schmeißt nichts weg und faltet Plastiktüten und Geschenkpapier zu Wiederverwendung. Es gab auch noch Zeiten da wurden Socken gestopft, Strumpfhosen-Laufmaschen geklebt und Radios repariert… heute sagen wir „Kauf doch neu, ist billig.“ Manchmal heißt es sogar „Kaufen, ist billig… brauch ich zwar nicht, aber hey ist billig und wenn du zwei kaufst sparst du sogar zwanzig Prozent pro Produkt und hast zwei Dinge die du nicht brauchst.“

Grüße von der 85er Generation