Sinnemanie in Barcelona

Barcelona zo bjotifull

 

Sinnemanie in Barcelona
Sinnemanie in Barcelona

 

Nachdem ich nun eine Woche von einem zum anderen Bahnhof in Europa gehetzt bin erreichte ich nun meinen ersten Meilenstein in Barcelona.
Im Vergleich zu meiner Absteige in Nizza erwartet mich in Barcelona das reinste Luxushotel. Natürlich freundlich lächelndes Personal welches auf Touristen wie mich vorbereitet ist, d.h. es gibt eine deutlich erkennbare Rezeption und eine Führung durch die Räumlichkeiten und Einweisung in die königlichen Schlafgemächer in der vielen Europäern mehr oder weniger geläufigen Weltsprache Englisch. Zugang zum weltweiten Kommunikationsnetz steht in allen Räumen drahtlos zur Verfügung. Jedes Bett verfügt über eine benachbarte Mitschläfer-freundliche „Nachttisch“-Lampe und eine exklusive Stromquelle, die man sich nicht mit zehn anderen energiehungrigen Smartphone-Nutzern teilen muss. Frühstück ist in der ohnehin vergleichbaren kostengünstigen Bettanmietung inbegriffen. Dusch- und WC-Räume, fein säuberlich nach Geschlecht getrennt, sind hochmodern und reinlich und verfügen über eine funktionierende Kalt/Warm-Wasserregulierung. Meine Begeisterung muss ich auch gleich in einem fetten Lob meinem Rezeptionisten mitteilen, der mir nun meinen ganzen Aufenthalt über mit einem „was-kann-ich-für-Sie-tun-Komplettservice“-Lächeln begegnen sollte.

Hoch motiviert breche ich auf zur ersten Erkundungstour, womit ich nun zu meiner ersten Weltenbummlerweisheit kommen möchte. Wenn du Anschluss in der Fremde suchst, dann setzt dir einfach einen im Verhältnis zu deiner Körpergröße und deinem Körpergewicht viel zu großen Wanderrucksack auf und/oder dreh dich mit einer komplett auseinandergefalteten und etwas aus Verzweiflung zerknüllten Stadtkarte im Kreis, am besten auf einer viel befahrenen Kreuzung. Es ist ganz wichtig dabei ein dummes und hilfloses Gesicht zu machen, dann spricht dich garantiert ein Einheimischer mit einem Heldenkomplex an. Es dauert keine 5min da tippt mir Miguel mit selbst diagnostizierten Heldenkomplex auf die Schulter und bietet mir seine Hilfe an. Ich kann kaum zustimmend nicken, als er mir schon eine mehrtägige Führung durch seine Heimatstadt anbietet, natürlich alles kostenlos. Er hat selbst kein Geld, lernt gerne Menschen kennen und hofft mit mir zusammen seine Englischkenntnisse verbessern zu können. Na wenn der wüsste wie schlecht mein Englisch ist. Muhahahaha… Sein ganz persönliches Barcelona ist Geldbeutel-schonend. Wir verabreden uns gleich für den nächsten Tag, für den heutigen empfiehlt er mir einen nahegelegenen, höhergelegenen Park mit einer Sicht auf Barcelona zu erkunden, der wäre „zoo bjotifull“ mit seinen Blumen und Sträuchern.

Am Abend kontaktiere ich meinen neuen türkischen Freund per Fernschreiber der neusten Generation. Er macht sich Sorgen und ich sollte nicht jedem vertrauen. Ich traue mir. Und ich sage mir, dass ich ein Risiko eingehen müsse, wenn ich hier in Barcelona etwas besonderes sehen und erleben möchte, schließlich hätte ich eine Mission zu erfüllen. Natürlich hat sich zwischenzeitlich mal mein schlechtes Gewissen gemeldet, aber Katja ist zu euphorisch und überhört es. Ich zeigte Miguel mein Pfefferspray und er mir daraufhin sein Klappmesser, während mein schlechtes Gewissen panisch rumschreit, meinte mein gutes Gewissen nur entzückt: „Och guck mal wie süß, er hat auch Angst.“ Ich und mein gutes Gewissen zeigten dem Pessimismus den Mittelfinger und folgten dem Pfad Richtung Abenteuer Leben.

Nachdem ich bereits zwei Stunden auf einem Brunnen hockend und mein Mini-Spanisch-Kurs-Büchlein studierend totgeschlagen habe treffe ich endlich auf meinen von einer Strandparty der letzten Nacht total übermüdeten Miguel. Nach drei „zooo bjotifull“ Parks erklimmen wir einen Hügel. Wie eine Spinne erreicht Miguel in Rekordzeit den Gipfel, keuchend und schwitzend schaffen ich und meine Kameraausrüstung es dann schließlich auch auf den Hügel mit dem „zoo bjotifull“ Ausblick über Barcelona. Wie wir so recht einsam da oben standen streiten sich mein gutes und schlechtes Gewissen darüber, ob Miguel mich jetzt ausrauben und den Hügel hinunterstürzen könne. Schließlich gehe ich dazwischen mit den Worten: „Schnauze jetzt, hört auf zu denken. Der junge Mann hier hat einen grausamen spanischen Akzent und die Karte mit den zweizeiligen Straßennamen liest sich wie eine Speisekarte in einem feinem 4-Sterne Restaurant.“ Miguel und ich sind nun beide müde vom Laufen und Englisch quatschen und machen uns auf dem Weg zurück zu unseren Kojen durch die Abenddämmerung. Es ist fast Vollmond. Mein Gewissen ist entweder beleidigt oder einsichtig und hält sich für die nächsten Tage aus meinem Leben raus.

Am nächsten Tag arrangiert Miguel für mich eine Stadtführung der extraklasse zusammen mit seiner guten Freundin Irina. Aufgeregt prüfe ich meine Kamera auf Aufnahmebereitschaft. Entsetzt muss ich feststellen, dass mein Akku gerade noch für zwei Fotos reicht. In einem Schreibwarenladen erstehe ich für rund 5 Euro Einwegbatterien. Nie sollte ich das bißchen Energie in meiner Hand mehr zu schätzen wissen und hoffe die Eindrücke, welche ich am Tag über mit meiner Kamera einzufangen versuchen würde, wären es wert.
Ich fühle mich herzlich aufgenommen, der Tag soll perfekt werden. Minze-Zitronen-Limonade trinkend betrachten wir heute Barcelona von der Mitte auf dem Dach eines Kaufhauses aus. Ich stimme Miguel zu dass dies unseren Gipfelbesuch bei weitem nicht übertrifft, er mag schließlich mehr die ruhige Natur, trotzdem genieße ich auch mal wieder den Menschentrubel und das lebendige Barcelona. Miguel drängelt Irina mir von ihrem aktuellen Projekt zu erzählen, im Wissen dass es mir ganz sicher gefallen würde und es eine gute Geschichte für meinen Blog wäre. Miguel hat sehr schnell den Sinn meines Blogs verstanden und ist stets bemüht mir die passenden Geschichten und Bilder zu liefern, natürlich immer „zoo bjotifull“. Grinsend fragt Irina mich nun, ob ich schon einmal was von der „Fun Factory“ gehört habe. Zunächst muss ich an meine Prollodisko in meiner Heimatstadt denken, doch dann kommt es zurück in mein Gedächtnis geschossen und ich muss anfangen zu lachen. Aufgeregt fange ich an sie auszufragen, aufgrund ihres starken Akzents fällt es mir sehr schwer ihr zu folgen. Sie las und liest zahlreiche Bücher und Blogs über Erotik und schreibt schließlich Persönlichkeitstest, um die einzelnen Lusttypen zu analisieren: der Playboy, der Animalische, der Romantiker. Im großen und ganzen geht es um Selfsex, ich denke das übersetze ich für Oma lieber nicht ins Reindeutsche. Brav ausgedrückt ist „Selfsex“, wenn du plötzlich erkennst, dass dein eigener Körper echt voll in Ordnung ist und es möglich ist vier Stunden im Bett mit sich selbst zu verbringen und du das auch möchtest, während Opa in Ruhe sein langweiliges Fußball guckt und sich mal so richtig ärgern würde, wenn er wüsste was er da gerade verpasst. Irina schreibt einen Blog, indem sie der selbstbewussten Frau von heute Tips für eine sinnliche Garderobe für Verabredungen mit dem anderen Geschlecht gibt.  Es gäbe das auch so einige Spielzeuge die man als Schmuck tragen kann und nur auf dem zweiten Blick als Lustspielzeuge zu erkennen wären. Ich bin überrascht und fasziniert von diesem großen Geschäft mit der „Sinnlichkeit“, wenn es auch nur ein kleiner Teil des großen ganzen ist, was mich bewegt den Blog zu schreiben.

Auf einem überwältigenden Markt verfallen wir der Naschsucht und essen uns an Süßigkeiten und frischen Früchten satt. Zudem verfalle ich dem Bilderrausch inmitten der zahlreichen Gerüche und Farben der Lebensmittel: pralle, rote Kirschen, unendliche viele Becher mit buntem Obstsalaten, selbstgemachtes Fruchteis am Stil, edle Schokoladen, Kiloweise auf Eis serviert und präsentierte Meeresfrüchte und frischer vor den Augen des Kunden feinst zerlegter und filetierter Fisch, geräuchter Stangen Salamie und saftiges Fleisch. Irina empfiehlt eine Cafépause der Feenwaldstube des Wachsfigurenkabinetts von Barcelona einzulegen. Irinas Augen leuchten vor Freude, als sie stolz ein Märchenbuch mit zahlreichen Illustrationen bekannter Märchen ersteht. Eine ganze Weile blättern wir auf- und angeregt in der fantasievollen, aufwendig gestalteten Literatur für Kinder in der kleinen Bücherabteilung eines Geschenkeartikel-Geschäfts neben dem Wachsfigurenkabinett und Feenwaldlokals.
Es folgt ein Bummel durch die schmalen Gassen, vorbei an Tapas-Bars, edlen Hippen Schmuckgeschäften, einem Bobonladen mit Einblick in die Bonbonküche dessen Zitronenduft bis auf die Straße zieht. Der wie zu erwarten, außerordentlich kontaktfreudige Miguel nutzt in einigen Geschäften die Gelegenheit ins Gespräch mit den Geschäftsführern zu kommen und nach einem Job zu fragen, vielleicht weil ich ihn mehrmals fragte, warum er eigentlich soviel Zeit für mich hat mitten in der Woche. Miguel kann allgemein wohl mit allen Möglichen Metallangelegenheiten umgehen, vom Bau von Metalldachkonstruktionen, Wasserleitungen bis ihn zu Feinstem Metall, dem Schmuck. Er wäre aber auch daran interessiert etwas Programmierung zu lernen und würde sich im Themenbereich der Chemie gut auskennen. Ich denke er sollte bei seiner Offenheit und Kontaktfreude doch besser professioneller Reisebegleiter werden, er macht das wirklich sehr gut. Erwird schon noch darauf kommen.
Seitdem Miguel Hunde-los ist, muss er einfach JEDEN wirklich jeden vorbeistreifenden, angeleinten, schlafenden Hund streicheln und „bequatschen“, natürlich ungefragt, ob den Hundebesitzern das gefällt. Doch selbst die bedrohlich wirkenden Punks nehmen es gelassen, wenn „bjotifull“-Miguel ihren besten Freund fast die Kehle zuknuddelt. Irgendwann denke ich, die Hunde müssten schon die Augen verdrehen, wenn sie Miguel kommen sehen. Ich erwische mich, wie ich „In Deckung Bello, Miguel kommt streicheln!“ denke, wenn ich einen Hund erblicke.

Zur späten Stunde, es müsste so 21.30Uhr sein, nehmen wir eine Teestunde ein und Irina und Miguel verfallen plötzlich in eine angeregtes Gespräch über wie man mit Problemen umgeht. Miguel ist der festen Überzeugung, dass man seine Probleme nicht sein ganzes Leben in einem Rucksack herumtragen, sondern sich in vielen Gesprächen mit guten Freunden des entledigen müsse. Die Probleme würde einen in Zukunft sonst immer wieder einholen. Irina hingegen glaubt, wenn sie sich in ein emotionales Loch fallen ließe, sie nicht mehr die Stütze in einer Beziehung sein könne und dann beide Parteien fallen würden. Wenn sie anfinge Balast abzuwerfen, könnte sie nicht Stütze sein, sondern würde andere stattdessen mitreißen. Die Metapher klingt logisch, aber Miguel und ich sind beide dabei zu lernen, dass man sich selbst der wichtigste Mensch sein sollte und man auch lernen muss egoistisch zu sein, denn völlige Selbstaufgabe führt geradewegs zum Fall. Wir sind Typen, die sich sämtlichen Balast wegreden. Irina trägt indes einen seelischen Balast mit sich rum, der ihr mal mehr Rückprobleme verschaffen wird, als mein berühmt, berüchtigtes Packmonstrum.

Am Abend komme ich dann endlich mal in den Genuss etwas vom schon längst sehnsüchtig erwartenden Feuer Spaniens zu erleben. Miguel musste mich bereits enttäuschen, das mit den feurigen Flamencotänzerinnen auf den Straßen wäre nur ein Werbegag. Miguels Freunde, u.a. der ständige lachende aufgedrehte Raul mit dem lockig, langen Haaren und Hut in schnellem Spanisch- Englisch auf mich einprasselnd, beweisen mir das Gegenteil. Auf dem Weg zur Tanzhalle legen die vier eine Ghost-Busters Tanz-Gesang-Performance hin die seines gleichen sucht. Ich entscheide mich dann aber doch für den Heimweg, hätte ich gewusst dass ich mich 3,5 Stunden durchs nächtliche Barcelona zu meinem Hostel durchfragen muss, weil ich vergessen hatte wo mich Miguel hingeführt hatte, wünsche ich mir besser in dem völlig überfüllten und teurem Tanzlokal geblieben zu sein. Um 6Uhr schlafe ich mit fast abgestorbenen Füßen nach einem ereignisreichen Tag mit einem Sack voll Sinneseindrücke ein.

Miguel muss mir noch einige „zoo bjotifull“ Ecken in Barcelona zeigen, darum verlängere ich meinen Aufenthalt um drei Tage. Der nächste Beitrag folgt jedoch erst wieder aus einer anderen Ecke Europas, sofern zwischenzeitlich kein Großereignis meine Finger zum zucken bringt, weil eine Geschichte aus mir heraussprudeln will. Die Chancen stehen aber schlecht, ich bin nämlich unausgeschlafen, HAHA!

Den Song anbei habe ich mit Miguel und seinen Freunden ausgesucht. Bei diesem Lied eröffnete sich mir das Feuer Spaniens, die Jungs hatten bei diesem Lied sichtlich viel Spaß auf der Tanzfläche, nie habe ich die männliche Fraktion so auf der Tanzfläche abgehen sehen wie in der heutigen Nacht in der Tanzhalle einer alten großen Garage wo man Mojito in 1,5 Liter-Krügen verkaufte, ciao ciao Rückenschule… ¡Hola! Spanien!
beseelt, beschenkt, Sinnemanie

Soundtrack zum Tag und mitfühlen:

„Lonley Boy“ von The Black Keys