Kategorie-Archiv: Liebe

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Tinder – Erfahrungsbricht: Mad Max

Tinder Erfahrungsbericht Vol. 2
Tinder Erfahrungsbericht Vol. 2

Freitagnacht, Tagebuch-Blog-Nacht

Es ist Freitagnacht, ich habe Überstunden gemacht und meine Mitbewohnerin in Ihren Weihnachtsurlaub verabschieden müssen. Wir wohnen erst seit wenigen Wochen zusammen und zwischen den kahlen Wänden hängt jetzt ein heftiger Hauch Leben und Freude mit der richtigen kleinen Brise alltäglichen Kummers. Sie hat überall Pflanzen platziert, kocht fast jeden Abend und füllt die Bude mit netten musikalischen und/oder interessanten Freunden. Ich mag das, ich mag sie, es ist für mich die perfekte WG. Manchmal singen wir zusammen oder treffen in der Küche zu einem dreistündigen Plausch über das Leben und die „Männer“ zusammen.  Die Wohnung hat einen neuen Geruch, eine neue Wärme und ist endlich Zuhause geworden für mich.

grauer, viel zu warmer Winter und der TINDER-Virus

Zur kalten Jahreszeit geht nicht nur der Grippe- sondern auch der TINDER-Virus rum, alle suchen dann Heilung durch Kuscheln. Meine Mitbewohnerin war auch kurz befallen, vermutlich hatte ich sie angesteckt durch meine Geschichten.

Das Ziel dieses Wochenendes sollte sein in Weihnachtsstimmung zu kommen. Es ist immer noch viel zu warm draußen und ich habe es nach wie vor nicht geschafft zu dekorieren. Einen kleinen Miniweihnachtsbaum in einem Blumentopf mit gestricktem Übertopf für insgesamt 5 Euro aus dem Supermarkt habe ich „aufgestellt“ und einen Tee-Adventskalender wie einen Altar davor errichtet. Wir hatten übelegt, ob wir einen großen Kalender für den Januar basteln, um die graue Zeit mit täglichen kleinen Geschenken zu erhellen. Wir kamen darauf, dass zu diesem Zwecke die Karnevalszeit diene, in der alle Treuegelübte abgelegt und das Gesetzt der Nächstenliebe galt, man sich also trunken der „freien nächsten Liebe“ links oder rechts neben einem im Zuschauersaal widmen konnte. Ich schweife ab…

Shirt, Sneaker und Jogginghose statt kleines Schwarzes

Es wird dieses Jahr wohl wieder keinen Schnee geben. Ich trage ein verwaschenes Shirt, Sneaker und Jogginghose . Alles viel zu groß, auch die Schuhe. Weil ich mich in der Vorweihnachtszeit soviel mit Süßigkeiten vollgestopft habe, meine ich bald nicht mehr in meine Klamotten passen zu können, aber es scheint noch alles ihm Rahmen zu liegen. Kälte macht hungrig.  Meine Ohren bedröhne ich mit eingängiger,elektronischen Musik.  Ich habe eine Räucherkerze angezündet. Mein Bauch ist vollgestopft mit selbstgemachten Keksen von meiner Mitbewohnerin. Es sind noch 6 Tage bis Weihnachten. Übermorgen hat er Geburtstag, ein TINDER-Date welches ich schon lange vergessen wollte.  Damals, Anfang letzten Monats, nahm ich mir fest vor ihm ein paar gelassene Worte für ein neues Lebensjahr zu übersenden. Heute halte ich das für eine blöde Idee, ich diskutiere mit mir, mein Verstand und mittlerweile auch mein Herz schütteln wild mit dem Kopf. Nachdem er mich in den Wind geschossen hatte ist weiterhin viel passiert und mein Leben krempelte sich weiter um, vielleicht steckte ich noch in einem Kokon aus dem bald ein prachtvoller Schmetterling entschlüpfen sollte, obwohl ich der Orientierungphase längst entwachsen sein sollte, schien ich das Gewächshaus jetzt erst wieder entkommen und Zugang zur großen weiten Welt gefunden zu haben, vielleicht ein Orientierungschaos. Ich habe den Kontakt zu meinen übrig gebliebenen TINDER-Freunden komplett abgebrochen und habe ihnen auch den Grund klar kommuniziert. Man(n) ließ immer wieder durchblicken, dass es auch sexuelle Interessen gab, was in mir ein totales Unwohlsein auslöste. Und auch sonst hatte mich TINDER im dritten Anlauf dieses Jahres verstört… was geschah, lest ihr in den folgenden Zeilen…


Aloha, ich mach den Anfang

Ich chatte mit Max. Ich habe mir wieder Mühe gegeben ein besonders „schönes“ Bild von mir der TINDER-Gemeinde Berlin zu präsentieren mit dem ich wieder die gewünschten Erfolge erzielte. Ich schreibe unter anderem mit einem Borstenschwein und einer Tasse. Mad Max ist auf keinem Bild so richtig gut zu erkennen, so dass ich unmöglich auf der Straße wiedererkennen könnte. Auf einem Bild trägt er einen künstlichen Bart, mein Aufhänger für den Start unserer virtuellen Unterhaltung. Ich habe mir im dritten Anlauf angewöhnt allen Männern zuerst zu schreiben, sofern sie nicht schneller sind, ich sehe es als eine kreative Herausforderung immer einen neuen Anfang zu finden, selbst wenn keinerlei Basis durch einen aussagekräftigen Profiltext besteht.

„Aloha Max, der Bart steht dir nicht.“ Blablabla…

Wir reden tatsächlich über meinen Beruf und stellen fest, dass ich nichts kann.  Überhaupt beherrscht Max das Spiel mit der Provokation sehr gut, für mich die Gelegenheit meine ganze Wort-Munition zu verfeuern.  Er schreibt mit, argumentiert und bringt mein Hirn in Bewegung, das macht Spaß. Wir verabreden uns zu einem Weihnachtsmarktbesuch. Der feine Herr möchte nicht auf den Assi-Weihnachtsmarkt auf den Alexanderplatz. Nachdem ich ihm die neuen Treffpunkt-Koordinaten beschreibe, folgt eine Diskussion darüber ob der Treffpunkt auch wirklich günstig ist.

Der Herr ist anstrengend, was mich beruhigt und von meinen Unzulänglichkeiten ablenkt, nämlich die Tatsache dass ich seit ein paar Wochen etwas überlastet und überdreht bin und das mit noch mehr Unternehmungen bis zur vollkommenen Auslastung auszugleichen versuche, um bloß nicht zuviel über Probleme nachzudenken, welche gerade die Erde umschleichen.

Er verspätet sich, yeah ich bin die Erste. Die Zeit überbrücken wir, indem wir uns alle paar Minuten Status-Aktualisierungen zuschicken. „Unser“ Treffpunkt gehört uns nicht alleine, stelle ich amüsiert fest und stelle mir vor, dass die Jünglinge und hübschen Mädels mit dem Ausdruck, dem man so hat, wenn man auf jemanden wartet, auch halb-anonyme TINDER-Dates haben. Moment, eigentlich habe ich gar kein Date. Ein Date ist ein „romantic appointment“, ein „Rendezvous“ und davon sind Max und ich weit entfernt. Ich stehe immer noch vor dem Torbogen rum und mache eine nicht repräsentative wissenschaftliche Auswertung der aufeinander treffenden Menschen. Ich ermittle den TOP-Satz der offensichtlich verabredeten Weihnachtsmarktbesucher „Hast du schon was gegessen?“.  Im Zeitalter als man noch keine tragbaren Kurznachrichten-Geräte hatte, hätte der TOP-Satz wahrscheinlich „Wartest du schon lange?“ gelautet. Neben meiner wissenschaftliche Arbeit tanze ich zu der vorzüglicher Straßenmusik. Max will dass ich ihm entgegen komme. Ich bleibe stehen, sowas geht immer schief und man rennt aneinander vorbei, also merkt euch das… stehen bleiben, das ist eine Überlebensregel. Wenn möglich sollte man einen Treffpunkt auch wirklich bis auf den Quadratmeter genau angeben, weil man sich im Großstadtgewimmel gerne mal übersieht und sich dann wahnwitzige Missverständnisse ergeben. Ich habe mich mal mit zwei Freunden für ein Treffen am Alexanderplatz vor dem Ladeneingang einer Süßwarenkette verabredet. Zum verabredeten Zeitpunkt standen wir jeweils vor einem anderen Geschäft, da wie sich später herausstellte diese Kette doch tatsächlich drei Läden am Standort Alexanderplatz hat. Man war das ein Gehetze und verwirrendes Entwirrungs-Gespräch, weil wir natürlich alle sicher waren am verabredeten Punkt zu stehen.

Max erscheint wie in seiner groben Erste-Date-Profil-Beschreibung angegeben in einer stark gemusterten HipHop-Jacke, ich erkenne ihn sofort, nicht an seinem Gesicht… sondern einfach weil seine Erwartungs-Körperhaltung mich förmlich anklingelt, der Blick, der Gang, keine Ahnung…. „Schon was gegessen?“ frage ich.

Die Menschenmassen überfordern mich, da ich nicht mehrere Prozesse gleichzeitig überblicken und steuern kann. Glühweinstand ausspähen, Unbekannten kennenlernen und einordnen, mich für einen Glühwein entscheiden und aufpassen diesen nicht meinem Neben- oder Vordermann auf die Jacke oder Schuhe zu kippen ist zuviel für mein Vieldenker-Chaoshirn. Beim zweiten Glühwein finden wir eine ruhige, vergleichsweise menschenleere Feuerstelle, bei der ich ihm endlich die verdiente Aufmerksamkeit schenken kann. Wir rätseln was mich zu HipHop verbindet, außer meinen Beruf. Ich kann nicht erklären warum mich dieser Bereich anzieht, wahrscheinlich die Gelassenheit und Coolness die ich nicht habe und dass man im Büro mit Jogginghose oder sogar ohne Hose sitzen dürfte, ohne dass sich jemand daran stören würde

Max ist VWLer, ehemaliger Waldorfschüler, der es aber vorzog eine staatliche Schule zu besuchen und generell lieber den unbequemen als den bequemen Weg vorzuziehen scheint. Für mich passte er schnell in die Rebell-Schublade, immer gegen Ratschläge, Norm und Erwartungen handelnd, sein gegenüber gerne strapazierend und provozierend. Er ist umfassend gebildet und erfahren. Er weiß ganz offensichtlich in einigen Bereichen mehr als ich, allerdings habe ich kein Problem damit mir das einzugestehen, er verkennt es trotzdem als Konkurrenzdenken wenn ich mich über seine Arroganz aufrege. Die Gespräche sind so schön hitzig und er ist kompliziert, das mag ich. Er beschreibt sich als eine erfahrene Person, gefestigt und somit wenig belehrbar und schon gar nicht bekehrbar oder in irgend einer Weise veränderbar. Er meckert, wenn Vertragspartner Ihren Vertrag nicht erfüllen, wie es sich für einen verwöhnten Wessi gehört. 😉 Nachdem er sich einmal „Hals über Kopf verliebt“ hat, beschloss er das nie wieder zu tun und untersteht seitdem der völligen Selbstkontrolle. „Verlieben“ ist für ihn keine akzeptable Lösung und achtet seitdem darauf eine Verbundenheit entstehen zu lassen, was Zeit und Ruhe braucht. Beides habe ich in meinem kurzen kleinen, unbedeutendem Menschenleben nicht. Nach zwei Glühwein und zwei Bier sind wir schon recht angeheitert und beschließen in Richtung Heim zu fahren. Wir haben die gleiche Richtung. In meiner „Hood“ angekommen, überredet er mich noch in einer billigen Kneipe ein zwei alkoholische Getränke zu konsumieren. Ich habe mittlerweile vergessen worüber wir uns unterhalten haben, aber ich war mega entspannt auf jeden Fall. Max fragt mich ob er mich küssen darf. „Wieso fragst du ob du das darfst? Das macht doch alles kaputt.“ lalle ich, wäre ich nüchtern würde ich jetzt zusammensacken und meinen Kopf beschämt hinter meinen Schal verstecken. Aber ich bin betüdelt und frech. Er macht es dann einfach und küsst mich. Macht Spaß, mehr kann ich nicht mehr denken. Danach schäkere ich mit dem Pärchen am Nachbartisch. Sie hätten wohl auch ein Date und halten schon eine ganze Weile wie Teenager ihre Hände, untrennbar verhakt und verknotet. Ich erzähle ihnen amüsiert, dass Max und ich heute unser erstes TINDER-Date hätten. Sie wollten das nicht glauben. Dooooooooooooch… ich küsse Max auf die Wange und sacke zur Seite auf seine Schulter, das Leben macht Spaß.

Max nimmt mir meinen Fingerring ab, steckt ihn sich auf und bekommt ihn nicht mehr ab…ganz schlaue Taktik, jetzt muss ich ihn mitnehmen, weil ich meinen Ring unbedingt zurück haben muss, ohne fühle ich mich nackt und unvollständig. In unserem Zustand schien der Weg zu mir der sinnvollste zu sein. Zuhause angekommen versuche ich mir schwankend meinen Pyjama überzuziehen, ich bin zu langsam… ich versuch grad mein Bein in das Hosenbein zu fädeln, da kommt Max aus dem Bad zurück und stößt mich mit einem leichten Schupps auf mein Sofa… uhm naja der Rest treibt mir gerade die Schamesröte ins Gesicht. Wir haben noch ein Weg-Bier mit in mein Hochbett genommen, wo ich keine Möglichkeit zum Abstellen finde, darum trinke ich es in einem Zug leer. Max ist beeindruckt und kommentiert es mit „Diese Dörfler…“

Max lässt mich die ganze Nacht nicht los, jetzt hab ich endlich mein Happy End und ich kann in Männer-Armen einschlafen. Seine Hände auf meiner Haut geben mir ein unwiderstehliches Körpergefühl.

Der Tag danach

Am nächsten Morgen habe ich den Kater meines Lebens und wecke Max mit einem Glas Leitungswasser, mieses Frühstück sorry. Total übermüdet und verkatert gehen wir zur Bahn, wo sich vorerst unsere Wege trennen. Ich sag fast nichts und bin recht distanziert, weil immer noch nicht denken kann….die Tatsache dass wir in diesem verrauschten Zustand aus Alkohol und Ekstase einen entscheidenden großen Fehler gemacht haben…

Es folgt ein peinlicher Gang zur Apotheke…. bei der ich mir alle Gesichter der anwesenden Mitarbeiter merke, und vier Arztbesuche mit einem nervenaufreibenden Bluttest. Diese Nacht war für  mich teuer, danach habe ich kein Bock mehr auf „Nächstenliebe“ und auf Männer. Max, der erfahrene aufgeklärte kommt in Erklärungsnot, er würde das sonst nie „ohne“machen. Ich bekomme einen mehrstündigen Aufklärungsvortrag über sämtliche mögliche sexuell übertragbare Krankheiten. Die Welt erscheint mir einmal mehr als eine große Gefahrenquelle. Einige Sachen kann man sich schon einfangen, wenn man nur in einen rostigen Nagel tritt oder auf einer schmutzigen öffentlichen Toilette sitzt. Wenn ich das alles höre, würde ich mich am liebsten einschließen und als Nonne leben wollen, um bloß mit der ganzen bösen und gefährlichen Welt nichts mehr zutun haben zu müssen. Zweisamkeit ist überbewertet.

Mit Freiheit kommt auch Verantwortung

Der ganze Stress verbindet Max und mich. Die hitzigen Gespräche gehen weiter und er steigt in jede lange Diskussion geduldig mit ein, das überrascht mich, ich erwarte dass er irgendwann genervt aussteigt. Zuerst solle ich das Wort „verknallt“ aus meinem Wortschatz streichen, das wäre was für Teenager. Er ist so herablassend, ab und an muss ich mehr Respekt einfordern. Aber er is so herrlich anders als ich, so dass sich mir völlig andere Blickwinkel eröffnen. Als wir uns wiedersehen, hebt er mich bei der Umarmung liebevoll an und muss mich ganz schnell auspacken aus meiner Winterkluft. Wir haben uns zum Anime gucken verabredet. Seine Pläne schienen abzuweichen. Ich zieh das jetzt durch bis zum Abspann, mein Plan wurde kurz vor Ende geduldig weggeküsst… als es anfing zu kribbeln…am Hals, nicht im Bauch. Er unterstellte mir einen Plan gehabt zu haben. Ja klar, solche Pläne gehen bei mir nie auf, pffff. Ich habe mich nicht verliebt, dann gerät man ganz cool in komische Situationen. Der Mann ist nicht gut für mich. Er ist wieder so ein Polygamie-Mensch, das ist gerade „so richtig“ in Berlin und macht mich fertig. Das bringt all meine traditionellen, verstaubten Werte durcheinander… muss ich umdenken? Dazu irgendwann mehr… es gibt viele gute Gründe die dagegen sprechen und nicht jeder ist dafür gemacht. Um es mit Max Worten zu sagen “ Mit Freiheit kommt auch Verantwortung“. Weil er schon soviel Lebenserfahrung hat und sich mit dem ganzen Gefühls-Ding schon als Teenager  eingehend beschäftigt hat, glaubt er mich gut zu kennen. Ich erfülle ein Muster, so jemanden wie mich hätte er schon öfter kennengelernt. Ich solle mir immer wieder vorsagen, wie „special“ ich sei….brrrr wie ich ihn hasse, verdammt… ich will ihn wiedersehen. Ich sehe die Köpfe verwirrter Männer beim Lesen diesen Artikels verständnislos wippen. Leute…. ein Spiel… ihr habt es erfunden… und es is dirty! Aus diesem Gefühl heraus habe ich dieses Bild gemacht… alles gestellt! 😛

dirty
dirty

Wo ich gerade stehe, wo ich hineingeraten bin und was das jetzt ist weiß ich gerade nicht. Ich will es irgendwie auch gar nicht genau wissen und solange da keine Abzweigung ist die mich zu einer Entscheidung zwingt, folge ich dem Fluss und lass mich treiben, weil es sich aktuell nicht mal falsch anfühlt, es fühlt sich gut an und zusammen is man weniger allein und trotzdem kann ich mich weiter als Single fühlen, bin aber frei von dem Gedanken suchen zu müssen.
Die Geschichte war auf jeden Fall gut und sorry dass ich die schmutzigen Details und den melodramatischen Teil mit den Arztbesuchen weggelassen habe. Meine Freundin meinte, ich brauche keine Aufklärungskampagne zu starten, die Stadt wäre zugepflastert mit Plakaten und jeder müsste bestens informiert sein. „Rauchen kann tödlich sein“ schreckt offensichtlich auch nur einen Bruchteil ab, warum sollte also „Sex kann tödlich sein“ abschreckend wirken. Leben ist tödlich. Was ich euch sagen möchte, aus ganzem Herzen, passt auf euch und eure Liebsten auf, bitte!!

 

berauscht, beherrscht Sinnemanie

 

 Musik zum Beitrag
(Empfehlung von Max sich über mein „verknallt“ lustig machend)

Tom Odell – Another Love

„And I wanna kiss you, make you feel alright
I’m just so tired to share my nights
I wanna cry and I wanna love
But all my tears have been used up“

verknallen, verlieben, entlieben als Grafik

Was ist Liebe und wo ist der Unterschied zwischen verknallt sein und verliebt sein – die Theorie

verknallen, verlieben, entlieben als Grafik
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Verknallt sein geht schnell, ist rational betrachtet total banal, emotional gesehen ein Chaos

Ich kann in meinen Lehrer verknallt sein oder für einen Popstar schwärmen, dafür muss ich sie nicht näher kennen. Diese „Verknalltheit“ kann in einem Augenblick entstehen, aber auch schnell wieder vergehen. Das Verknallt-sein würde ich aus rein rationaler Sicht also keine große Bedeutung zukommen lassen, dennoch verändert sie einen und versetzt einem in einen trügerischen Rauschzustand, das kann quälendes Herzklopfen aber auch Euphorie, Freude und Energie hervorrufen. Verknallt sein ist solange schön, solange die „angehimmelte“ Person davon nichts weiß, weil es im Grunde ein recht peinlicher Zustand werden kann, obwohl es hoffentlich schon mal jemanden passiert ist, denn im Grunde ist es eine natürliche Droge des Körpers die man ruhig im Leben mal kosten sollte, wenn man es zulässt und zulassen kann. Welchen evolutionellen Grund der ganze Zirkus hat ist mir allerdings noch nicht ganz klar geworden, ich würde es als „Trieb-gesteuert“ abstempeln. Man kann sich demnach in eine unbekannte Person verknallen, das lässt sich schwer steuern, es passiert. Reize die eine Verknalltheit auslösen gehen also vorrangig von eher oberflächlichen Merkmalen wie Aussehen, Klang der Stimme und zur Schau gestellten Wissens, Vorzügen und Talenten aus. Die Medien spielen damit rech häufig, demnach kann es auch sein dass sich innnerhalb einer gefestigten langen Ehe, sich der Ehepartner mal in eine SchauspielerIn verknallt und die Werbung eben mal nicht wegzappt, weil SIE zu sehen oder zu hören ist. Da würde ich mir als Ehepartner eher keine Sorgen machen und amüsiert drüber lächeln.

Verliebtsein ist schön

Es ist immer hilfreich zwischen „verknallt sein“ und „verliebt sein“ zu unterscheiden. Bin ich verliebt, bin ich schon ein paar Schritte weiter und bin mir sicher mit der Person auch länger zusammen sein zu wollen, habe mich mit jener als ganzen beschäftigt und glaube mit ihr eins zu sein, also auf einer Wellenlänge zu sein. Ich empfinde so etwas wie Sorge, Mitgefühl, Verständnis, Interesse. Ist man verknallt ist das noch ein recht oberflächliches Gefühl, Verliebt-sein braucht hingegen mehr Zeit und Tiefe.

Tiefe Liebe ist Arbeit und Kompromiss

Und eine tiefe Liebe entwickelt sich wohl dann, wenn man auch schwere Phasen zusammen gemeistert hat, einander vertraut und sich aufeinander verlassen kann. Man kennt seine Fehler und Macken und ist in der Lage sich auch nach größeren Streits wieder zu versöhnen. Nur weil man sich nie streitet, heißt das nicht dass man eine besonders tiefe Liebesbeziehung führt, schnell kann der Alltag auch dazu führen das die sexuelle Anziehungskraft schwindet und man sich nach langer Zeit auf eine Ebene der Freundschaft bewegt, aber kaum noch voneinander lernen kann oder sich „reizt“.

Ein schwieriger Schritt ist zueinander zu finden. Heute gibt es Möglichkeiten dies über Online-Dating Portale zu machen, aber das „verlieben“ ist dort nicht inklusive. Man meldet sich dort mit Erwartungen an, die bei einem Treffen ein Unbehagen und Druck erzeugen können, so das sich wohl nur in wenigen Fällen tatsächlich „Liebe“ einstellen kann. Meine längsten Beziehungen und echte Liebe entstanden meist aus einer längeren Bekanntschaft und entspannten Umständen und quasi Erwartungshaltungen die gegen Null gingen. Man glaubte bis zum Zeitpunkt des Zusammenkommens noch eine Wahl gehabt zu haben. Offenbart man seine Gefühle wie stark oder schwach sie auch sein mögen zu schnell, drängt man die „geliebte“ oder „umschwärmte“ Person in eine Ecke und man beendet gegebenenfalls frühzeitig einen Prozess der gerade am Anfang sehr zerbrechlich ist und gutes Fingerspitzengefühl voraussetzt.

Aber um es mit den Worten des „Todes“ (btw tolles Buch „Interview mit dem Tod“ Jürgen Domain) zu sagen, die Liebe und das verliebt-sein ist „allzumenschlich, denn sie sucht Bestätigung“. [..] „Es gibt eine Liebe, die um das Ich kreist, die fieberhaft ist, die haben und besitzen will, die der Selbstentfaltung dient und die voller Absichten steckt. Diese Liebe hält den Menschen gefangen in seinem Ego.“

Mehr zum Thema

  1.  „Bambule – Liebe ist doof“ – Ein sehr guter alle-Seiten-beleuchtender Beitrag von/mit Sarah Kuttner in Ihrer ZDF Sendung Bambule   Der Beitrag ist online leider nicht mehr abrufbar.  :(
  2. „Interview mit dem Tod“  – von Jürgen Domian – ein fiktives Interview mit dem Tod über die Fragen menschlichen Seins und Empfindens, wo dann u.a. auch geklärt werden soll ob es Liebe gibt und was das ist
  3. „Liebe dich selbst und es ist egal, wen du heiratest“  – von Eva-Maria Zurhorst – hab das Buch selbst nicht gelesen ^^ aber der Titel spricht mir irgendwie aus der Seele, und es erscheint mir nur allzu logisch wenn man sich selbst ständig hinterfragt, man selten „sexy“ wirkt. Wenn man sich selbst nicht etragen kann, wie soll es dann ein anderer tun?! 😉
  4. How to Know if a Person Truly Loves You 8 Anzeichen, dass dich eine Person wirklich liebt… gut recherchiert 😉

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Tinder ein Erfahrungsbericht

TINDER Online-Dating – ein Erfahrungsbericht

Tinder ein Erfahrungsbericht
Tinder ein Erfahrungsbericht

Stufe 1:  So fängt alles an

Es ist Freitagabend es liegt ein stinknormaler Arbeitstag hinter mir ohne besondere Aufregungen und Hervorkommnissen. Vor ein paar Wochen habe ich von meinem Freund getrennt, die Trennung verlief in den üblichen Achterbahnfahrten und es kamen immer mal wieder Zweifel auf, ob man nun die richtige Entscheidung getroffen hätte.
Meine Freundin hält schon seit längerem keinen Direktkontakt zu mir und ich bekomme stattdessen unpersönliche Benachrichtigungen über ein soziales Netzwerk im Internet zu irgendeiner Veranstaltung mitten in der Großstadt wo irgendwelche anderen hippen und weniger hippen Menschen eingeladen sind, die ich irgendwann mal getroffen habe und zu denen mich eine virtuelle „Freundschaft“ verbindet. Zum letzten mal habe ich meine Freundin auf eben solcher halbannonymen Veranstaltung getroffen, über mein Kommen war sie überrascht. Unsere letzte Unterhaltung verlief so, dass ich ihr in einem langen Monolog alles berichtete was in den letzten Monaten so bei mir geschah. Ich versuchte es möglichst spannend zu erzählen mit einer gewissen Dramatik und gutem Redetempo, in der Hoffnung sie hätte mehr zu entgegnen als nur ein „Echt?!“. Sie schaut mich gar nicht an, stattdessen widmet sie ihre ganze Aufmerksamkeit ihrem Fernsprechapparat. Seit kurzem würde sie wohl wieder Online-Dating machen. Beim letzten Filmabend war sie schon so still und hat gar nicht über die tollen Gags im Film gelacht, als ich mich umdrehte merkte ich , dass sie an den Fernsprechapparat gefesselt war. Gebannt tippte sie ihre Kurznachrichten ein, worauf immer mal wieder ein kurzes Lächeln folgte.

Nun denn, so fand ich mich also selbst eines stinknormalen Freitagabends auf dem Sofa in Joggingshose und Kuschelsocken wieder. Mir fiel auf dass ich mich die letzten Wochen und Monaten sehr zurückgezogen hatte und schon länger keinen Menschen nach Feierabend zu einem Plausch getroffen hatte.   An mögliche Konsequenzen und was GENAU ich wollte darüber dachte ich noch nicht nach, fremde Menschen treffen und in ihr Leben schauen und sie in meins schauen lassen darauf hatte ich JETZT Lust. Nun nach Monaten des mit mir alleine verbringens musste ich nun wieder Kontakt zur Außenwelt herstellen und griff zu altbekannten Mitteln…diese Erweiterungssoftware unter Nutzung von radarähnlichen Funktionen zum suchen und finden und gefunden werden. War es ein Hilferuf? Möglich, finden wirs raus. Ich griff zu meinem ultramodernen Fernsprechapparat und suchte nach der durch Medien und Freunde sehr bekannten und verbreiteten Erweiterungssoftware für das Telefon um mit Menschen in der unmittelbaren Umgebung sofort in Kontakt zu treten und auch schnell und unkompliziert zu treffen. Die Erweiterung heißt „TINDER“. Es eilte ihr der Ruf voraus eine App für den schnellen Sex für Zwischendurch zu sein, um es mal nicht in der üblichen harten Sprache zu formulieren. Es soll wohl aber auch möglich sein ganz unverbindlich Menschen zu schreiben, zu treffen oder auch nicht und dann daraus auch Freundschaften oder Kontakte nicht sexueller Natur zu knüpfen.
Ich dachte nicht viel nach, etwas verzweifelt war ich auch, weil mir der Abend einfach zu schade war um ihn alleine und faul auf dem Sofa zu verbringen. Ich suchte das Abentheuer, es war egal ob das jemand abstoßend und peinlich oder erbärmlich finden würde. Man kann wohl nur schwer etwas verurteilen, was man nie gemacht hat und selbst dann macht jeder andere Erfahrungen, am Ende sollte ich das Steuer in der Hand behalten. Die Einrichtung dauert zwei Minuten. Programm herunterladen, Installation verläuft voll automatisch. Die Registrierung läuft über eine bereits bestehende Plattform,  das Soziale Netzwerk Facebook. Die dort hinterlegten Informationen, Vorname, Alter, Ort und Interessen nach „gelikten“ Seiten sowie das bestehende Freundes-Netzwerk  dienen als Basis-Profil. Hat man gemeinsame Freunde und Interessen so werden diese auch für beide Seiten angezeigt, was teilweise mehr Vertrauen schafft und helfen soll Zugang zueinander zu finden und gegebenfalls auch ein Einstiegsthema für einen Konversation außerhalb des „Bock auf ne schnelle Nummer“Niveau. Wenn man noch die nötige Kreativität aufbringen kann und nicht allzu ungeduldig ist, beschreibt man sich in 300 Zeichen noch kurz oder weist auf eventuelle Vorlieben und Macken hin. Die meisten scheinen anzugeben wie groß sie seien, dass sie gerne reisen würden und Kaffee trinken und ein weiterer Teil weist bestimmt darauf hin keinen schnellen Sex zu wollen und stattdessen etwas Niveau erwarten zu wollen. Optional kann man diesen Profil-Text auch komplett leer lassen, was ich nicht empfehlen würde, auch wenn manche Profilbilder mit nackten Ober- und Unterkörper aussagekräftig genug sein dürften. In der Hauptstadt ist noch hilfreich anzugeben in welcher Sprache man sich verständigen kann und möchte, hingegen einige auch panisch angeben keine Brieffreundschaft eingehen zu wollen, demnach den Wortwechsel auf ein paar wenige Sätze wenn gar nur Wortgruppen zu beschränken. Zum Schluss sollte man noch einmal in die Grundeinstellungen des Programms gehen und dort seine gewünschte Trefferliste oder die sogenannten „Entdeckungs-Präferenzen“ eingrenzen. Ich fange an zu bezweifeln dass ein Großteil der Nutzer dieses Wort überhaupt versteht. Man kann hier nach Alter, Geschlecht und wie weit die Personen maximal vom persönlichen aktuellen Aufenthaltsort entfernt sein darf „präferieren“. Es ist ist irgendwie pervers aber auch spannend und furchtbar einfach.

 

Stufe 2: Auf Entdeckungsreise

Nun kann die Entdeckungsreise in die Abgründe des modernen menschlichen Verabredungsuniversums losgehen. Die Benutzeroberfläche ist denkbar simpel gehalten.

Ein großer Haufen virtueller Spielkarten liegt übereinander gestapelt.

Auf jeder Karte ist zunächst nur ein großes Profilbild, das Alter und der Vorname zu sehen. Wie man diesen ersten Eindruck gestaltet ist einem selbst überlassen. Bei meinem ersten Dating-Profil belasse ich die Basis-Einstellung mit einem recht geschmackvollem Portrait von mir. Eine Gesichtshälfte liegt im Schatten die andere in einem gelblichem künstlichen Licht die meine Haut fast makellos scheinen lässt. Mein Gesicht lächelt nicht. Bis auf mein eine frontale Gesichtshälfte und meinen Hals ist nichts von mir zu sehen.
So nun weiter zur Benutzerführung. Ist der erste Eindruck gut, kann ich die Karte umdrehen und mir gegebenenfalls weitere hochgeladene Bilder, den Profiltext und gemeinsame Freunde und Interessen der Treffer-Person anschauen. Bei vielen bekomme ich nur weitere Bilder und sehr knappe nichtssagende Bschreibungen im knappen Hasgtag-Stil als Schlagwortlist zu sehen. Ist das Interesse geweckt vergibt man ein Herz. Spricht einem das Profil nicht an schiebt man die Karte nach links ins Leere. Nach 20 Profilen wird man müde und ich erwische mich wie ich immer schneller ein Profil nach dem anderen ablehne schon nach Sichtung des ersten Bildes ohne Beachtung weiterer Einzelheiten. Nach fünf Minuten find ich ein passables Profil und vergebe zurückhaltend mein erstes Herz. Ich werde mutiger und vergebe zwei weitere Herzen. Es erfolgt ein sogegannter „Match“, ein Treffer. Das Gegenüber „mag“ mich auch und wir gelangen somit beide auf Stufe zwei. Wir dürfen uns nun gegenseitig Nachrichten schicken. Aber wer fängt an. Ich mag es gerne klassisch und überlasse dem Mann den ersten Schritt und das erste Wort. Das ist meist ein simples „Hi“. Aufgeweckte haben auch gleich die erste Frage parat und da mein Profil vergleichsweise umfangreich ist gibt es manchmal sogar einen ganzen Fragenkatalog. Erst einmal wird geklärt ob man sich in englisch oder deutsch schreibt. Manch einer macht auch gleich im ersten Satz deutlich, dass er in den nächsten 5 Minuten Sex haben möchte. Reagiert man in den Augen des Gegenübers nicht intereressensgerecht wird man aus der Konversationsliste gelöscht und man ist raus aus dem Spiel. Anfangs mache ich wohl den Fehler zu schnell und zuviel zu schreiben. Komplette Sätze und detaillierte Fragen, wie zum Beispiel nach dem Beruf überfordern schnell. Die Frage nach dem Sinn des Lebens hebe ich mir wohl besser für entsprechende Fachforen und interaktive Diskussionsrunden auf, das Niveau muss niedrig gehalten werden, für den Anfang.

Stufe 3: Der erste Kontakt

Ich habe einen „Match“ mit Paolo, scheinbar aus der Nachbarschaft nur zwei Straßen weiter. Wir unterhalten uns auf Englisch. Es ist Freitag, ich bin abenteuerlustig und wir können uns in 5 Minuten um die Ecke in einer Bar zum Tee treffen. Die Entscheidung haben wir nach nur wenigen Sätzen nach einer halben Stunde getroffen. Er wirkt normal die Unterhaltung ist kurz und belanglos aber soweit vertrauenswürdig.

Stufe 4 : Von der virtuellen in die reale Welt

Er ist über meine Spontanität etwas überrascht, aber wartet dann schließlich höflich vor der Bar. Sein Profilbild war verschwommen und es war nur sein Seitenprofil zu sehen. Dennoch erkennt er mich und die Glatze und der Hut und Statur geben ihn mir als den Richtigen zu erkennen. Wir trinken beide Tee und unterhalten uns über meinen Job, Berlin, Musik. Da es sehr laut in der Bar ist, sich zwei temparamentvolle Spanierinnen lautstark unterhalten und Paolo mit einem  italienischen Akzent Englisch mit mir spricht, müssen wir näher zusammenrücken. Paolo fackelt nicht lange und sucht die Nähe zu mir. Er hat eine künstlerische Aura, deswegen wirkt er auf mich nicht abstoßend. Die Tatsache, dass er mit mir Tee trinkt, mich demnach nicht abfüllen will, macht ihn in meinen Augen auch symphatisch und vertrauenswürdig, darum darf er ab und an mal mein Knie berühren. Als seine Hand unter meinen Pullover wandert, ziehe ich meinen Körper zurück und erkläre ihm, dass ich das nicht möchte schon gar nicht öffentlich in der Bar. Er versucht es immer wieder. Das Gespräch bleibt fließend und ruhig, so hoffe ich auf einen guten Verlauf, male mir aber keine Szenarien aus wie es weiter gehen oder enden  könnte, hoffe nur das alles gut geht und vermeintliche Signale nicht falsch gedeutet werden könnten. Ich fühle mich soweit wohl. Getrieben von Neugierde folge ich ihm wie automatisiert in seine Wohnung. Die Wohnung ist winzig, der Geruch von altem und frischem Zigarettenqualm nimmt der Wohnung leider nahezu komplett ihren Charme und bereitet mir Unbehagen. Das Hochbett und gedämmtes Licht retten die Atmosphäre ein wenig. Ich darf mir Musik wünschen, danach entscheiden wir uns den Animationsfilm zu schauen, worüber wir zu Beginn unserer kurzen Bekanntschaft gesprochen hatten. Macht man das so, ging das nicht alles wahnsinnig schnell?! „Alles steht Kopf“, der Film zieht mich in seinen Bann und ich ziehe Paolo scheinbar an. Er rückt mir nach einer halben Stunde geduldigen Beisichhaltens auf die Pelle. Ich bleibe sitzen und lasse es mit mir geschehen, wohl auch weil es mir ein natürliches Bedürfnis schien berührt zu werden und eine andere Wärme als nur die meine zu spüren. Es steigert sich bis zum Höhepunkt und dennoch war es keine wirkliche Befriedigung, denn ich blieb kühl und verabschiedete mich entsprechend schnell um mich gründlich abzuduschen und wieder in die wohlriechenden Molle meiner eigenen vier Wände zu kriechen, zurück zu mir der alten Bekannten, obwohl ich wohl sehr gerne in den Armen eines Mannes eingeschlafen wäre. Technik vereinfacht, aber das Date muss man am Ende selbst machen.

Stufe 5: Der Tag danach

Eine Nacht darüber geschlafen, wache ich blinzelnd auf und schon schießen die Gedanken in meinen Kopf. Bin ich eine Hure? Neiiin, Blödsinn. Das ist ein offensichtliches Tabuthema und gesellschaftlich irgendwie geprägt, aber was ist denn eigentlich schlimmes passiert…nichts, keiner hat sich wehgetan, man war da füreinander als man einen Moment der quälenden Einsamkeit spürte. Ich lösche das Programm, vielleicht weil ich mich doch mehr schäme als ich zugeben will. Ich habe ihn zurückgelassen… ich schreibe ihm und biete ihm Freundschaft an, eine Beziehung wollte ER sowieso nicht und ich auch nicht. Ein Anfängerfehler. „Friendship and sex, I get it!“ Tzzz klar ignorier mich ruhig. Wir treffen uns zum Spaziergang und Abendbrot und wieder fällt er über mich her, dieses mal bin ich noch distanzierter, weil ich es langsamer haben möchte um einen Zugang zu finden und lockerer zu werden. Am Ende des Tages trennen sich wortwörtlich unsere Wege und ich zeige ihm mit dem Finger den Weg in seine Straße. „This is your way, this is mine.“ Am nächsten Morgen hat er mich blockiert, GAME OVER.

Stufe 6: Die Sucht, der Stolz und das Experiment

Gekränkt in meinem Stolz, aber dennoch froh diese Last losgeworden zu sein quäle ich mich über die nächsten Tage. Es ist mir nicht egal, zweite Runde… ich will dem ganzen noch eine Chance geben. Nicht alle sind gleich, ich habe dazugelernt und möchte ein Happy End. Ich lege nun ein „hässliches“ Profilbild an und einen Text der im Grunde alles offen lässt in einem englisch-deutsch Wortmix für Berlin-Entdecker, Menschenfreunde und Kaffeetrinker, die keine sogenannten ONS (Sex für eine Nacht) wollen und gerne schreiben, darauf weise ich ausdrücklich hin weil ich hier meinen Stärken sehe und den potentiellen Spaß und „E-Mail für dich“ mein Lieblingsfim ist. Wooow, die „Ausbeute“ ist fantastisch, alle „Treffer“ scheinen auf den ersten Chat (Unterhaltung) im Sektor mit Humor, Niveau und Bildung zu liegen…und  nicht nur im Sektor Trieb, Einfallslosigkeit und Stumpfsinn. Das liest sich arrogant, sorry… :( Ihr wisst aber was ich meine…

Ich befinde mich jetzt im „ARTE“-Programm und nicht mehr im RTL Nachmittags-Wochen-Programm. Es macht Spaß, das Schreiben, Gedanken zu verschicken und ein verständnisvolles Nicken zurückzubekommen.

Klar will ich dich treffen, ich habe nur Angst mich zu verlieben und dann wird es wieder kompliziert. Ich habe nun drei vertrauenswürdige Gesprächspartner gefunden, nachdem sich etwas Eifersucht, Kontrolle und Spielchen andeuten…lösche ich das Programm wieder, biete zweien meine Freundschaft an und meine mich auf EINEN konzentrieren zu müssen und ihm etwas mehr Einblick in mein Leben zu gewähren, nachdem er mir ganz selbstbewusst klar gemacht hatte, dass er nicht noch eine gute Freundin bräuchte, davon hätte er zuviele. Und überhaupt hätte er nie eine abgeschleppt, war wohl aber auch nie so richtig längere Zeit glücklich gebunden, forderte aber „selbst ist die Frau“. Das wird er noch bereuen immer der Frau das Ruder zu überlassen, denke ich mir. Ich fühle mich etwas unter Druck gesetzt, sehe aber eine Chance die ich ergreifen sollte, auch wenn ich dann über mich hinauswachsen müsste.  Fast eine Woche lange fiebern wir beide wohlgemerkt unserem ersten Treffen hingegen. Die Spannungskurve ist aufregend schön, das Date wie man es sich nur wünschen kann. Kein Kuss, doch nicht bei der ersten Verabredung. Dann ist da dieses schon fast vergessene Kribbeln im Bauch, was alles mega kompliziert werden lässt.  In seinem Profil stand er wäre „der Beste“, ich hab ihn als einen bodenständigen, ruhigen, einfühlsamen, wohl erzogenen Mann kennengelernt. Mein Anspruch an Männer war fast auf Knieniveau gesunken, das war jetzt zu perfekt für mich, das musst ja ein Traum sein. Ich hatte das schon eine halbe Ewigkeit nicht mehr, weil ich immer nur genommen wurde und es alles zu schnell ging. Ich wusste nich wie oft ich mich und meine Liebe erneuern konnte, wie oft ich meine Persönlichkeit noch anpassen konnte um in ein Leben eines anderen zu passen. Ich sollte ich selbst bleiben. Eine Woche später nachdem ich mich um Kopf und Kragen geredet hatte stehe ich wieder vorm GAME OVER. Zwei neue Freunde habe ich gewonnen, immerhin.

Stufe 7: Die Bedenken

Ich habe noch nie nieee jemanden im Supermarkt kennengelernt, ich schreibe dies weil jemand fast wie eine Rechtfertigung äußerte, er hätte die richtige Person auch lieber im Supermarkt beim Saftregal kennengelernt als sich bei Tinder als Hure anzubieten.  Wir sind eine andere Generation mit anderen Möglichkeiten. Wir experimentieren mit den Mitteln welche uns zur Verfügung stehen, auch wenn wir immer noch wie primitive Affen aus der Urzeit die Flöhe aus dem Fell puhlen und unserem Trieb verfallen. Es muss uns nicht peinlich sein und wir können dazu stehen was wir sind und tun. Wenn du jetzt urteilst und es noch nicht ausprobiert hast, dann melde dich an, probiere es aus und urteile dann und selbst dann sei an dieser Stelle verraten, dass ich bis heute drei mal angemeldet war und immer andere Menschen und demnach andere Erfahrungen mit anderen Fazits gemacht habe.

Schreibe deine eigene Geschichte und urteile über dich selbst, aber nicht über andere solange du nicht in deren Körper und deren Leben steckst, nicht ihre Wege gegangen bist und ihre Schmerzen und Freuden gefühlt hast, nicht Ihre Verluste und Gewinne geerntet und ihre Aufgaben erledigt, sowie ihre strenge oder weniger strenge Erziehung genossen hast. Man kann im Grunde nichts vergleichen, wäre alles exakt gleich, wäre es gleich, aber es ist nicht alles gleich, es ist anders weil es anders ist.

Mit welcher Arroganz entscheidet eine handvoll Menschen nach dem Gruppenzwangprinzip was gut und was böse ist und wie gute oder böse Menschen behandelt werden müssen. Schütze dich selbst, mehr Rechte bleiben einem wohl nicht und am Ende handeln wir oft nur aus Angst und kämpfen uns nach unseren persönlichen Maßstäben bestmöglich durchs Leben. Nur weil ich es geschafft habe, kannst du es noch lange nicht schaffen, auch wenn viele vermeintliche Vorbilder dir etwas anderes verkaufen wollen. Dennoch ist vieles möglich und jeder Versuch birgt einen Gewinn und das kann ich wohl ohne schlechtes Gewissen behaupten, man wird wohl eher bereuen etwas nicht getan zu haben als nie eine Chance ergriffen zu haben. Lieber etwas aussprechen als zu verschweigen und Opfer eines dummen Missverständnisses zu sein, lieber handeln als still stehen, doch Ausnahmen gibt es auch hier. Willkommen in der Schule des Lebens. Die neuen Technologien mögen einem manchen Weg vereinfachen, aber bis heute musst du die Entscheidung am Ende noch selbst fällen und dafür gerade stehen.

 

Stufe 8: Nichts für Weicheier – Die Abfuhr

Diese Stufe ergänze ich nun nachträglich nachdem ich mit zwei Freunden, die diese App ebenfalls nutzen oder nutzten über meine Erfahrungen gesprochen habe. TINDER oder generell Onlinedating verleitet wohl schnell dazu sich wie einem Textildiscounter aufzuführen und das erstandene vermeintliche Marken-T-Shirt sich dann doch nur als billige 3Euro Ware herausstellt, man es entweder nach einmal tragen in den Müll schmeißt und sich sofort ein neues holt oder es wieder zurückbringt oder eintauscht, in manchen Fällen lernt man und wechselt die Marke oder das Geschäft oder fährt seinen Konsum runter bzw. den Anspruch hoch. Nun worauf will ich hinaus… stellt euch das perfekte Date vor, ihr verbringt einen ganzen Nachmittag miteinander und habt euch viel zu erzählen, das Wetter spielt mit und lauft Kilometer durch den Park, er rückt hier und da etwas näher  und es gibt eventuell auch intime Momente der Stille.  Am Abend speist man zusammen, was mitunter auch recht persönlich sein kann einen Menschen essen zu sehen ^^. Schließlich verabschiedet man sich ganz verlegen mit einer kurzen schnellen Umarmung und schreibt sich Tage danach noch kurze Nachrichten. Und plötzlich hört er/sie auf zu schreiben. Am Anfang macht man wohl noch den Fehler sich zu schnell Hoffnungen zu machen, man sucht nach einem logischen Grund. Man stellt entsetzt fest das dieses „perfekte Date“ von der anderen Seite erzählt auch öde und quälend gewesen sein kann. Tinder ist wahnsinnig schnell, er/sie könnte jemand „besseres“ gefunden und somit den Fokus und die Priorität verändert haben. War man eben noch begehrt, ist man es nach  einem Satz oder einem Blick nicht mehr. Meine Freundin ist aufgrund ihrer Erfahrung cool geworden, wenn nicht sogar abgestumpft und meinte es aufgegeben zu haben die „Typen“ zu verstehen und was sie wollen und fährt seitdem lieber zweigleisig, immer noch ne Reserve auf der Bank damit es nich jedes mal wieder so wehtut. Ich hatte hoch gepokert und auf DEN EINEN gesetzt. Eine andere Freundin tröstet mich mit den Worten, wenn er jetzt schon kein Bock mehr hätte, dann kann das doch nichts fürs Leben sein. Ich bin ohne Erwartungen ran gegangen… aber habe es halt immernoch  mit Menschen zutun und meist werden die im schnellen TINDER-Geschäft so schnell wieder abgelegt, wie man sie angeklickt hat, es ist ein Spiel mit dem Feuer, nichts für Weicheier eben… und genau… es scheint ein Spiel zu sein. Ich Anfängerin, soll ihn zappeln lassen, warten lassen, nichts machen. Ich hasse diese Jagd-Spiele, Eifersucht, Pickup-Maschen und was es da nich alles gibt. Es ist schwer sich selbst zu bleiben. Die Abfuhr über Tinder ist oft weit entfernt von Höflichkeit und Anstand und es geht auch viel zu schnell, im normalen Kennlernprozess ist das persönlicher und entschleunigter, aber in der Massenabfertigung mit 3 Dates pro Woche wohl nicht anders zu organisieren, zumal man nie weiß wie die andere doch recht unbekannte Person reagiert… wird sie diskutieren, verständnisvoll reagieren, es wortlos und unkompliziert aufnehmen oder sieht sie es vielleicht genauso?! Man weiß es nicht, wie auch wenn man nur 5Sätze über Fernsprechapparat ausgetauscht und einen Kaffee getrunken hat, auch wenn es fürs verknallen manchmal nur einen Augenblick bedarf…
Eine traurige und doofe Regel, die sich in der Praxis wohl leider als Wahrheit heraustellt: meldet er sich am zweiten Tag nach dem Date nicht, bist du eher uninteressant. Meldet er sich gar nicht, bist du raus. Hintertexten is ne blöde Idee, nimm es nicht persönlich, man kennt sich doch gar nicht. Ich habe auf meine doch recht verlässliche Menschenkenntnis vertraut und werde immer wieder den „Fehler“ machen mich Menschen zu offenbaren in Vorfreude und Euphorie und Angst in diesem schnellen Geschäft unter Druck zu verlieren.

DAS FAZIT

Du wirst gute Dates haben und schlechte. Wenn du diesen Beitrag neugierig gelesen hast, dann willst du es ausprobieren. Tu es, es wird dich reicher machen an Erfahrungen und du wirst auch dich besser oder sogar andere DEN MENSCHEN kennenlernen. Vielleicht gewinnst du ein paar nette Stunden mit jemanden, vielleicht gewinnst du neue Freunde, vielleicht wirst du auch dein Herz verlieren, ohne Risiko kein Spaß. Hab Spaß und denke nicht soviel nach. 😉

 

Filmtipps zum Thema

„Her“ mit  Joaquin Phoenix (2013)

„Er steht einfach nicht auf dich“ mit Scarlett Johanson, Bradley Cooper uvm. (2009)

„50 erste Dates“ mit Adam Sandler und Drew Barrymore (2005)

„e-m@il für Dich“ mit Tom Hanks und Meg Ryan (1995)