Archiv der Kategorie: Sinnemanie

Sandmännchentreffen in Arcachon

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Es nähert sich die Halbzeit und mein Innerstes drängte mich auf möglichst schnellem Weg in den Norden zu reisen. Ich bin inzwischen so braun geworden, dass ich meine mir eine Gangster-Rapper-typische goldene Digitaluhr kaufen zu müssen, weil die so schön zu meiner neuen Hautfarbe passt. Die nächste größere, schnell erreichbare Stadt entlang der Westküste ist Bordeaux. Wie dem Titelbild zu entnehmen ist finde ich hier keine Übernachtungsmöglichkeit meinem Budget entsprechend und ziehe weiter in ein benachbartes Städtchen namens Archacon, welches am Meer liegt. Erst überlege ich mir einen öffentlichen Zeltplatz zu suchen, jedoch ist es schon weit nach 21 Uhr und die Rezeption des 3 Kilometer entfernten Zeltplatzes müsste somit schon geschlossen sein. Etwas geizig bin ich auch, über 20Euro für ein Stück Wiese ohne Strom und exklusive Frühstück zu bezahlen, zudem würde ich frieren müssen. Zunächst laufe ich orientierungslos durch die Stadt. Ein alter, ärmlich und angetrunkener Mann will mir mit ausgestreckten Arm und Zeigefinger den Weg zum nächst gelegenen Zeltplatz zeigen, mit meinem Gesichtsausdruck und Packmonstrum braucht es wohl keinerlei Erklärung.
Auf der sich langsam mit Menschen entleerenden Partymeile laufe ich zunächst einem Obdachlosen in sicherer Distanz hinterher, weil ich glaube der müsste ja wissen wo man hier gut unter freiem Himmel schlafen kann. Mein schlechtes Gewissen gibt mir eine ordentliche Kopfnuss und ich schwenke um.
Mein gutes Gewissen glaubt am Strand einen romantischen Schlafplatz auszumachen mit Meeresrauschen und sternenklarem Himmel, kleine Segelboote schaukeln bei leichtem Wellengang am Ufer auf und ab. In der Ferne leuchten zahlreiche kleine Lichter von Straßenlaternen und Häusern auf. Der Strand ist bis tief in die Nacht gut beseelt mit jugendlichen, redseeligen Nachteulen. Feine, gut gekleidete französische Pinkel, pinkeln vor meinen Augen ins Meer. Jetzt ist es endgültig vorbei mit der Romantik. Mit Pfefferspray und Taschenmesser bewaffnet kämpfe ich mich halb liegend, halb sitzend durch die Nacht, mein schlechtes Gewissen guckt mich skeptisch an: „Sehr romantisch hier, danke.“ Die feuchte, salzige Meeresluft saugt sich in meine Haare und Kleidung so dass ich schließlich ein paar Stunden gegen Kälte ankämpfenden versuche etwas Schlaf zu bekommen. Als es mir gegen 4 Uhr schließlich zu kalt wird, krieche ich dick eingemummelt zur nächst gelegenen Parkbank. Alle 30 Minuten ziehen angetrunkene und lärmende Jugendlichen vorbei.
Nahezu ungeduldig erwarte ich den Sonnenaufgang, es ist kurz nach Fünf Uhr. Dieses Städtchen schläft nie. Der Zug zurück nach Bordeaux fährt erst kurz nach acht. Zurück am Strand angekommen werde ich freundlich von einem schwarzen alten Mann und einem Jugendlichen Franzosen begrüßt, die dort schon die ganze Nacht gesessen zu haben scheinen. Mangels Französichkenntnissen kommt keine richtiger Informationsaustausch zu stande, aber der Morgen hat etwas sehr friedliches. In allen Ecken sind Straßenreiniger und machen die Stadt fein für die Badeurlauber. Hungaaaaa!!! Beim Bäcker vor dem Bahnhof gibt es Cappuccino und Baguette für mich und wieder mal respektvolle Blicke für mich und mein Packmonstrum.
Leider fährt noch immer kein Zug, ich beschließe ein Bad im Meer zu nehmen und stampfe als erster Badegast des wunderschönen Morgens über den frisch gehakten Sandstrand. Fazit der Nacht: Geiz ist geil!

gefroren, aufgetaut, Sinnemanie

Das folgende Lied „verfolgt“ mich schon auf meiner ganzen Reise in meinem Kopf und an zahlreichen Orten wie Märkten und von einem Chor. An dieser Stelle möchte ich mich bei allen „Fans“ bedanken, die fleißig mitlesen und mir schreiben, in Gedanken und auf digitalem Weg bei mir sind. Ich habe noch immer kein Heimweh und fühle mich nie allein und ohne euch würde dieser Blog weniger Sinn machen…DANKE, ehrlich Danke!

Soundtrack zum Tag und mitfühlen:

„Stand by me“ von Ben E.King

Es grünt so grün in San Sebastián

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Der Nachtzug nach San Sebastián gibt mir nicht den Luxus von bequemen Liegesesseln mit 30 Zentimetern Privatsphäre zu allen Seiten. Dieses mal muss ich tatsächlich über zehn Stunden in aufrechter Position sitzen und mir einen Meter Sitzreihe mit einer Sitznachbarin teilen, die ich im Zweifelsfall ansabbern und der ich zu nahe kommen kann, wenn mein Kopf zu schwer wird. Meine Füße schwellen während der Fahrt zu kleinen Stinkbomben an und ich verstehe nun die albernen Minigymnastikübungen gegen Thrombose im Flugzeug. Was ich gerade an meinen Enden der Beine spüre, fühlt sich weder tot noch lebendig an.

Mit diesem Taubheitsgefühl mache ich mich auf zu meinem 4 Kilometer entfernten Hostel mitten in der Stadt auf einem Hügel, das „Green Nest Hostel“. Sparpläne und Verplantheit trieben mich dazu, blind und ohne vorher die Lage genau zu überprüfen, das erstbeste und günstigste Hostel zu nehmen, fern von allen Touristenattraktionen und sogar Einkaufsmoeglichkeiten. Ein Spaziergang durchs Grün sowie der beste Ausblick auf die Stadt sollen mich entschädigen. Die Stadt, bekannt fuer die besten kulinarischen Gaumenfreuden, riecht bereits nach exquisiter Gemüsesuppe. Es ist auch etwas schwül wie in Omas nur mäßig belüfteter Suppenküche.

Auf halber Strecke möchte ich mir einen Cappuccino in einer Bäckerei gönnen, jedoch führen sie dies dort nicht. Stattdessen bekomme ich etwas, was genauso aussieht und schmeckt, jedoch einen eigenen Namen hat und wohl eine San-Sebastianische Geheimzusammensetzung zu haben scheint, möchte ich an dieser Stelle mal unterstellen. Entschlossen nun in der Stadt etwas „Umwerfendes“ zu essen, werfe ich mich in meinen besten Fummel und ziehe meine Tanzschuhe an.  Nach 45 Minuten Seitenstiche-verursachenden Bergablaufens treffe ich nun endlich auf dem total überfüllten berühmten Strand von San Sebastian ein. Ich hatte kaum Zeit mich zu orientieren und genieße gerade schmunzelnd, amüsiert die hingebungsvolle und leidenschaftliche Darbietung eines Klassikrockliebhabers, da spricht mich auch schon ein Spanier an. Klappt also auch ohne Riesenrucksack und blöd gucken. In den nächsten zwei Stunden lerne ich meine alt bekannte Einsamkeit wieder zu schätzen.
Alle Versuche ihn in seinem Flirtrausch zu bremsen, sind vergebens. Ich schummle etwas in meinem Angaben, sage ihm,  dass ich einen Freund hätte, zeige ihm sogar ein Knutschfoto und die zwei Ringe an meinem Finger. Er entgegnet nur,  dass er zwar hässlich sei, aber gut küssen könnte und mein Freund ja weit entfernt sei, es müsse ja niemand erfahren. Da er nur Spanisch und einige wenige Brocken Englisch spricht, fangen wir an, uns über die nette kleine neutrale Übersetzungshelferin Google im bunte Netzgewand zu unterhalten, was die ganze Unterhaltung scheinbar endlos in die Länge zieht, zudem der Südling einfach nicht aufgeben will. „Du bist so schön. Deine Augen funkeln wie Sterne. Du kannst mit mir kommen.“ Mir wird schlecht. Die Hoffnung in ihm einen ortskundigen Fremdenführer wie Miguel aus Barcelona gefunden zu haben, schwinden dahin. Nach einer Runde wirklich schmackhafter Tapas und ein paar „vielleicht-krieg-ich-sie-damit-rum-Bier“ verabschiede ich mich recht rasch von ihm und gehe noch ein paar Zickzack-Wege durch die Stadt, um sicher zu gehen dass er mich nicht verfolgt.

Ich genieße meinen einsamen Nachtspaziergang zu meinem Hostel und gönne mir durchgeschwitzt vom Marsch noch eine Dose Erfrischungsgetränk und schaue mir mit einem alten Herren „Das Piano“, natürlich mit spanischer Synchronisation, im Fernsehen an. Morgen möchte ich die Grenze zu Fuß nach Frankreich überqueren und mir den Weg weiter in den Norden bahnen.

Alles in allem hat mich San Sebastián nicht umgehauen. Ein kleines Stück belegtes Baguette (Tapa) kostet soviel wie bei uns ein ganzer, prall gefüllter Döner. Der Strand ist tagsüber total überfüllt und enge Gassen mit Bars und Restaurants mit ähnlichem kulinarischem Angebot findet man in nahezu allen südlichen Großstädten. Ich würde diesem Städtchen aber noch eine Chance geben, weil es gut riecht und streckenweise sehr ländlich ist mit Bauernhöfen und einem Fluss freigegeben für Wildwasserbootsfahrten im Kajak.

Soundtrack zum Tag und mitfühlen:

„Rain in Span“ aus dem Musical „My Fair Lady“

L is boa(h) – „Canadian girls“ in Lissabon

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Sanft und fast lautlos macht der Nachtzug halt in Lissabon. Es folgt keine Durchsage und kein weckendes Warnsignal, dass wir die Endstation erreicht haben und nun aussteigen müssen, als wolle man uns noch schlummern lassen. Ich blicke in verschlafende und fragende Gesichter. Sind wir schon da? Verunsichert über die Stille wagen wir uns dann doch nach draußen.
Mich empfängt ein sehr verkatertes und mysteriös menschenleer anmutendes Lissabon. Es regnet und mit circa 15 Grad Temperaturunterschied zu den 38 Grad in Madrid ist es angenehm kühl und die lange Zugfahrt ist nun spürbar, ich bin definitiv an einem anderen Ort auf der Landkarte und auch in einer anderen Zeit. Mein Uhrzeiger ist in die Vergangenheit gewandert. Mein Gefühl für die Zeit, Wochentag und Tageszeit hatte ich schon vor längerer Zeit auf meiner Reise verloren, unnützer Ballast an die Zeit zu denken, die war und noch bleibt. Ich navigiere mich durch die Straßen zum Hostel, gehe vorbei an kleinen Grüppchen von sich angeregt unterhaltenden Opas, Straßenreinigern und einigen wenigen Partyleichen.
In der „Pinkstreet“ ist man noch dabei mit Wasserschläuchen und Straßenfegern die Spuren der letzten Partynacht zu beseitigen, ich glaube etwas ganz großes verpasst zu haben.
Am ersten Tag erkunde ich zunächst erst einmal allein mein persönliches Lissabon und es übertrifft jegliche meiner Vorstellungen. Lissabon hat für mich alles was ich brauche, wie Meer, wunderschöne Architektur, Fischerei, sehr gute Straßenmusik, angenehme Temperaturen, freundliche Menschen, große Auswahl an kleinen Bars, an jeder Ecke kann man Eis kaufen und alle sprechen Englisch, hier möchte ich bleiben. Fußgängern hat man hochglänzende, ehrenvolle Pflastersteine verlegt, entsprechend glatt und glänzend wie diese sind muss ich aufpassen bei der sehr steilen Straßenlage bei schnellem Schritt nicht auszurutschen. Stellenweise schleiche ich wie ein Pinguin zur nächsten Ecke.

Dem Hostelpersonal ist sehr daran gelegen seine internationalen Gäste ein gutes Zuhause zu geben, jeden Abend richten sie ein kleines „Zusammensitzen“ mit selbst gemachter fruchtiger Sangria oder Kochabenden ein bei dem man nahezu aufgefordert ist sich kennenzulernen. Ich traue mich mal wieder nicht und lächle nur auffordernd bis mich schließlich Jen aus Kanada anspricht. Die nächsten drei Tage erkunde ich die Stadt mit ihr und ihrer Schwester Emilie. Beide arbeiten hier in Europa und lehren Sprachen. Vielleicht kehren sie irgendwann wieder in die Heimat zurück, „homesick“ (Heimweh) hätten sie nicht.
Am nächsten Tag schließen wir uns der FREE Citytour an. Als erstes werden wir angewiesen uns mit Sonnencreme einzucremen, Luis unser kleiner Reisleiter, mit brasilianischen Wurzeln, Schieberhut und akzentfreien Englischkenntnissen gibt eine Flasche Sonnencreme rum. Und so stehen wir Touristen aus diversen Hostels im Umkreis des Stadtzentrums erst einmal uns gegenseitig eincremend auf dem zentralen Treffpunkt mitten in der Altstadt rum. Ein schönes Bild, das Eis ist gebrochen.
Luis rattert zunächst einmal seinen Lebenslauf runter, der Rest der Tour ist sehr geschichtslastig doch unterhaltsam interaktiv mit Rollenspielen gestaltet. Luis scheint in den nächsten drei Stunden ein ganzes Geschichtskompendium in entsprechend schwer zu folgendem Sprechtempo runterzubeten geschmückt mit einer Vielzahl an kleinen Witzen und natürlich dürfen wir nicht wie dumme Schafe nur rumstehen, sondern werden Teil seiner Geschichtsstunde. Schnell wird der Touri in Gummilatschen zum König von Portugal erklärt und Luis nimmt ihm mit hoher Stimme als seine Prinzessinnen-Tochter die imaginäre Krone ab.
Was für ein glücklicher Schüler wäre ich mit so einem unterhaltsamen Lehrer gewesen. Beate, Geschichtslehrerin aus Deutschland, hört aufmerksam zu und lässt sich inspirieren.
Am Abend bin ich nun selbst Zeuge einer scheinbar verpassten Partynacht. Lissabons Partymeile ist ein kleines Netz von engen, verwinkelten Straßen. Eine Bar neben der anderen voll mit Menschen aus allen Teilen der Erde bei gutem Bier aus Wurf- und fallsicherem Plastikbechern. Hier und da mischt sich handgemachte Musik zwischen lebhaftes Gerede, die Stimmung ist unvergleichlich angenehm im Vergleich zu in jeglicher Hinsicht kühlen Clubnächten in mancher deutschen Großstadt. Unsere kleine Gruppe aus zwei Australiern auch liebevoll „Aussis“ genannt, einem US-Amerikaner, zwei „canadian girls“ und mich deutsches Graubrot verfeiern einen harmonischen Abend miteinander und diskutieren über diverse Eigenheiten unserer Kulturen, der aus Charakter-, Stolz- und Werteunterschieden begründeten Antipathie zwischen Amerikanern und Kanadiern und dem mich schockierenden australischen Jagdinstinkt. Haben Aussis tatsächlich einige recht brutale Rituale aufgrund einiger „Tierplagen“, wenn man ihnen glauben mag.
Zurück in meiner Herberge störe ich einen Annäherungsversuch meiner Bettnachbarn. Im Hostel muss man Kompromisse und Abstriche in Sachen Privatsphäre machen. Ich entschließe mich zu bleiben und einfach woanders hinzugucken und außerdem bin ich eh schon fast im Schlummerland mit meinem Geist.
Der Aufstieg in mein Hostelhochbett wird entsprechend eine Herausforderung, nach drei Versuchen liege ich endlich oben. Mein schlechtes Gewissen lacht nur über mich und bestellt mir für den nächsten Tag einen tierischen Kater zum Frühstück. Ich finde es auch lustig und lache mit, AUAA.
Heute gehe ich mit Jen alleine auf Streiftour durchs sonnige Lissabon. Emelies schlechtes Gewissen war wohl noch großzügiger mit der Katerbestellung als meins.
Jen , studierte Englisch- und Geschichte auf Lehramt, ist leidenschaftliche Liebhaberin von Schlössern, Burgen und alten Gemäuern. Es macht Spaß sie zu beobachten wie sie interessiert um ein leerstehendes, geschichtlich bedeutend anmutendes Gebäude schleicht, sich wünscht ein kleines Mäuschen zu sein, um durch ein kleines kaputtes Fenster oder den Spalt unter der verschlossenen morschen mächtigen Holztür zu kriechen, um dort weitere Geheimnisse der Vergangenheit zu erforschen.
Zur Erfrischung wasche ich meine Hände in einem Wasserspiel im Park. Da schreit Jen plötzlich auf „A DEAD DUCK!“. Erschrocken erblicke ich den reglosen Corpus kopfüber im Wasser zwischen einer Steinspalte. Erschrocken ziehe ich meine Hände aus dem Wasser. Wilde Theorien wie die Ente nun verstorben sein mag geistern mir durch den Kopf. Vielleicht wurde sie von einem zur Landung zum nahegelegenen Flughafen ansetzenden Flugzeug gestreift oder „überflogen“, von einer Fußball-Freuden-WM-Rakete erfasst oder ist an Traurigkeit, Faulheit oder altersbedingter Krankheit gestorben und vom Himmel gefallen. Was denken sie, Dr. Watson?
Am nächsten Tag erklimmen wir einen der höchsten Aussichtspunkte in Lissabon, um dort einige touristentypische Fotos zu machen und die gut organisierte Ansammlung von Steinen und kaputten alten Geschirrteilen zu bewundern, welche für Jen eine Burg und ein Museum sind. Naja, wenn man weiß dass Amerika keine Jahrtausendgeschichte und somit keine altertümlichen Burgen hat, dann kann man ihre Begeisterung durchaus nachvollziehen und ist nahezu entzückt vom Anblick einer aufgeregt in der Burgruine rumkletternden Jen.
Am Abend besuchen wir ein ländertypisches kleines wieder sehr gut besuchtes Restaurant in der Partymeile von Lissabon. Aber in dieser Nacht fühlt es sich anders an, während wir traditionell entflammte, fettige Wurst naschen, lauschen wir schwitzend vom feurigen Mahl und dicht gedrängt bei schummrigen Licht den melancholischen, schweren Gitarren und Gesang des für die Region typischen Musikstils „Fado“. Ich verstehe nicht worüber die Dame im traditionellen Gewand singt, aber traditionell zeichnet der „Fado“-Musikstil ein musikalisches Bild von gesellschaftlich oder politischen Notlagen, Vergangenem oder Verlangen nach Besserung. Die Kultur nutzt mit Stolz ein eigens für dieses Gefühl erschaffene und somit schwer zu übersetzendes Wort „saudade“. Aus Respekt vor der gefühlvollen Darbietung und der Kunst herrscht an der Restauranttür Einlasssperre, das Licht wird gedämmt und auch Getränkebestellungen werden nur in den Pausen entgegengenommen, zudem hören alle artig, aufmerksam schweigend zu… man lauscht.
Am nächsten Tag muss ich mich von meinen Urlaubsbekanntschaften verabschieden. Ich mache es „quick and dirty“ damit es nicht wehtut, es scheint zu einer Lektion geworden zu sein, die mich meine ganze Reise über begleiten wird, das Kommen und Gehen von Menschen.
Schon am Abend sollte ich neue Gesellschaft bekommen. Beate aus Deutschland und Maria aus London, zwei reife Damen, bereiten mir einen unterhaltsamen wenn auch ruhigeren Abend in einem kleinen, frisch eröffneten Restaurant in Lissabon. Im Hostel findet man wenn man will immer Anschluss, besser als auf dem Campingplatz oder im Hotel. Der Chefkoch fragt uns bei Verlassen des Lokals wie es uns gefallen hätte. Ich sage ihm nur, dass er dem Chef ausrichten solle, dass er der freundlichen, aufmerksamen Servicedame mit dem hübschen Lächeln mehr Geld zahlen soll.

Den letzten zwei Tage beschließe ich für mich zu sein und durch Straßen und entlang der Küste schlendernd verabschiede ich mich von einer für mich liebgewonnenen Stadt und ich merke dass ich vieles unentdeckt hinterlassen muss, ist die Stadt auf dem zweiten und dritten Blick doch größer, anders, abwechslungsreich und hat irgendwie keinerlei meiner Erwartungen erfüllt sondern einfach alles denkbare übertroffen, vielleicht weil ich keine Erwartungen hatte und mich hab mitreißen lassen… Lisboa ist einfach boah (anderer Ausdruck für gut).

Den folgenden Song hat mir Jen, mein „canadian girl“ empfohlen, auf die Frage was typisch kanadisch wäre. Dieser Song würde diese Frage am besten beantworten. Sie und ihre Schwester haben ihn mir sogar kurz angesungen. Wir waren gute Freunde auf kurze absehbare Zeit und natürlich bin ich glaubhaft eingeladen sie zu besuchen in Kanada, Madrid oder in der Türkei wo sie sich halt gerade beruflich rumtreiben würden. Von Ihnen habe ich gelernt doch mal mutiger zu werden fremde Menschen anzusprechen. Danke <3

Soundtrack zum Tag und mitfühlen:

Canadian Grils von Dean Brody