Sinnemanie in Madrid

Grilling Madrid und „nichts“ passiert

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In Madrid angekommen folgt gleich die erste Aufnahmeprüfung, die ich in jeder Stadt machen muss. Mach dich mit den örtlichen öffentlichen Verkehrsmittel vertraut und bahne dir den Weg durch die bunte Spagetti-Karte zu deinem Hostel im Hinterhof einer kleinen verwinkelten Nebenstraße mitten in der glutheißen City. Wir haben heute einen der heißesten Tage des Jahres in Madrid. Im Hostel und „Meeting Point“ der Kulturen angekommen versprüht Vinni gleich seinen ganzen spanischen Charme und lädt mich mit zwei Küsschen zu einer Flatrate-Saufparty ein. Schüchtern und naiv sage ich erst mal zu. In der Hoffnung spannende Menschen zu treffen lass ich mich in ein 10-Bett-Zimmer einquartieren. Zwei Nächte teile ich mir dies nun mit zwei auf ihre multifunktionalen Fernsprechapparate mit eingebautem nervtötendem Geklingel und Gebrumme starrenden Japanern und zwei Mädels, die ihre Nächte nie in ihrem Bett zu verbringen scheinen. Pech für mich und euch, da jetzt ein Aufsatz über das „Nichts“ folgt.
Ich möchte die Geschichte hier nicht unnötig dramatisieren, jedoch droht „das Nichts“ in „Die unendliche Geschichte“ die Welt zu zerstören, jeder der dem dunklen Loch zu nah kommt wird ergrauen und erblinden und die Welt geht zugrunde, wenn die Parallelwelt „Phantásien“ Fantasie-vertrocknet auf die Größe einer Perle schrumpft. Setze ich mir nun die Krone der kindlichen Kaiserin auf und lasse mich retten von den Geschichten südländischen Temperaments oder fliege ich selbst auf dem Rücken des Glücksdrachen Fuchur, um Phantásien wieder Licht zu geben. Ich entscheide mich für letzteres und sage der Stadt den Kampf an.
Mit einem Kapuzenshirt bekleidet schütze ich mich vor der gleißenden Sonne.
All meine Goldstücke investiere ich in magisch-kühlenden Eiswassertrunk gebraut mit Früchten des Südens. Um nicht mit dem Asphalt zu verschmelzen muss ich alle fünfzig bis hundert Meter in die Eishöhle feiner Bekleidungsgeschäfte einkehren. Um nicht aufzufallen kaufe ich mir auch ein kleines praktisches Kleidungsstück, eine Art Fallschutz für altersbedingte Hängebrüste, man nennt das auch Sport-BH. Leider werde ich dies auf den zahlreichen Flaniermeilen der Modehauptstadt am Abend nicht präsentieren können, das gelbe leichte Sommerkleid mag nicht so recht zu mir passen und damit würde ich wohl noch mehr auffallen zwischen all den Modeverrückten.
Auf den Straßen Phantásiens (Madrid) finden heute zahlreiche Demonstrationen statt, ob sie wohl auch wie ich gegen die Ausbreitung der Phantasielosigkeit ankämpfen?
In einem geheimnisvollen Garten (Parque de Retiro) finde ich schließlich etwas Ruhe und Frieden, tanke Kraft für meinen Rückweg.
Zurück in meiner Herberge für Seelensucher sind die Wände zugekleistert mit einer offenen Einladung zum Freudenfest. Für weitere Informationen solle man sich doch über das elektronische Kommunikationsnetz mit dem Partymeister in Verbindung setzten. Ich tippe seine Nummer in meinen Fernsprechapparat ein und bekomme ein recht eindeutiges Bild des Herrn zu sehen. Mit freiem Oberkörper und offener Hose vor dem Spiegel posierend sendet dieser Prachtkerl aus meiner Sicht sehr eindeutige Signale für empfangsbereite Damen aus. Geschockt und amüsiert zu gleich entschließe ich mich aufgrund dessen die Nacht an einer Geschichte schreibend zu verbringen. Im Morgengrauen klopft der Flirt-Barde heftig an mein Fenster. Er wäre unter anderem auch am Empfang beschäftigt und hat in der Partynacht seinen Schlüssel zum Tor vergessen. In meinem nächtlichen Gewand und im Halbschlaf gebe ich ihm schließlich den Durchgang zu unsren Gemächern wieder frei. Er bedankt sich überschwänglich auf seine ländertypische Art und Weise mit etwas zuviel Liebe in seiner Wortwahl für meinen nördlich-kühlen Geschmack. Mein Freund aus einem weit entfernten Land lässt mir per Fernschreiber ausrichten, dass er nun nach langer Reise wieder Daheim angekommen sei. In dem einen Monat hätte er sich oftmals alleine gefühlt und war von Langeweile befallen. Mir hingegen ist mir diese Krankheit der Langeweile nahezu unbekannt. Mag ich doch sehr gerne Zeit mit mir verbringen, Gedanken kreisen lassen, Pärchen fotografieren, Leberflecke zählen. Ich hatte darüber nachgedacht meine Hautmakel entfernen zu lassen, doch nachdem ich Jonathan im Film „Weil es dich gibt“ (Originaltitel: Serendipity) gesehen habe, wie er auf Saras von Leberflecken gezeichneten Haut Sternenbilder zu erkennen glaubt, begann ich meine Leberflecken und Muttermale auch als Monde in naher Umlaufbahn und kleine Karte eines unbekannten Universums zu betrachten. Schönheit ist tatsächlich eine Sache des Blickwinkels.
Genug geträumt, eine aufregende Reise mit dem Nachtzug sollte mich ins nächste entfernte Königreich bringen. Während das Abteil schnarcht und schlummert, lausche ich über zehn Stunden eingängigen Liedern einer bereits stattlichen Sammlung auf meinem mobilem Klangapparat und denke an fast „nichts“ und lass die Nacht im Schneckenzug an mir vorbeirollen…

Gegrillt, kindlich, Sinnemanie

Soundtrack zum Tag und mitfühlen:

Philipp Poisel vom LIVE-Album Projekt Seerosenteich „Durch die Nacht“