Sinnemanie in Valencia

Im „Wüsten“-Schritt: Valen-Feli-cia

Sinnemanie in Valencia
Sinnemanie in Valencia

Valencia sollte nur ein Zwischenstop zu meinem nächsten großen, weit entfernten Meilenstein werden. Meine Zimmergenossinnen wollten dort die nächsten Tage „Strand machen“ und ich war unschlüssig und folgte ihren Spuren einen Tag später, in der Hoffnung mein Meilenstein entlang der Küste bis zur Straße von Gibraltar erreichen zu können. Dies soll ein Traum bleiben.
Nach nur 4 Stunden Zugfahrt erreiche nun dies Städtchen, wo das Nationalgericht Paella ihren Ursprung hat und noch traditionelle Stierkämpfe bzw. Shows mit Pferden und Stier-Tamtam betrieben werden. Die sehr gut erhaltene Arena protzt gleich neben dem Bahnhof und ein Hauch von Pferdestallgeruch liegt in der Luft.

Der Hostelmann ist super nett und hochengagiert, trägt mir sogar mein Gepäck in mein Zimmer und händigt mir sofort einen Stadtplan aus inklusive detaillierter Einführung in superschnellem Spanglisch mit Akzent-bedingter Lisbelspucke.

Den Tag gehe ich nur einen gewöhnlichen Supermarkt, wo wohl auch die Valencier einkaufen und esse in der kleinen Hostelküche Brot mit Oliven und Thunfisch. Schmatzend durchwühle ich diverse Fahrpläne und Landkarten, um den besten, schönsten und schnellsten Weg zu meinem nächsten großen Ziel zu planen. Es stellt sich heraus, dass Valencia zwar näher dran ist an meinem Ziel, ich aber trotzdem einen Umweg über das heiße Madrid fahren muss und ich für alle Fahrten dorthin Reservierungen kaufen muss. Ab hier gibt es scheinbar keinen Schnecken-Regionalzug mehr und mein Traum von Granada, der Straße von Gibraltar und einen sehnsüchtigen Blick rüber nach Afrika ist geplatzt. Valencia sollte sich am nächsten Tag für die Umstände bei mir entschuldigen.

In meinem Hostelzimmer gemütlich gemacht, mache ich mich mit Felicia aus Minnesota bekannt. Ihr Name, „Felicia“, assoziiere ich mit hauchdünnen, knusprigen Knäckebrotscheiben. Und das ist sie auch, ein zartes Wesen, unschuldig lächelnd mit türkis-blauer Punkfrisur, auffällig großen, blauen Augen und dunklen wohlgeformten Augenbrauen. Die Haarfarbe hat sie sich anlässlich des Final-Spiels Deutschland-Argentinien in Belgien bei Verwandten verpassen lassen. Freundlich lächelnd fragen wir uns aus, sie lacht brav über meine Witze und guckt begeistert als ich ihr von meinem Blog erzähle. Sie hat gerade die Highschool beendet und hat die InterRail-Reise geschenkt bekommen. Übermorgen sei ihr letzter Tag, dem sie nun mit einem weinendem und einem lachendem Auge entgegenblickt. Daheim müsste sie sich erst mal eine neue Bleibe suchen und vielleicht sogar einen neuen Freund. Ich erzähle ihr einen kurzen Abriss meiner vergangenen verlebten Monate und wie sie mich nun so glücklich sieht, schöpft sie Hoffnung, dass es schnell wieder bergauf gehen kann. Sie ermutigt mich hingegen, dass ich viele Menschen kennenlernen werde und offensichtlich muss Amsterdam die Stadt dafür sein, da sie nicht die erste ist, die mir wilde Geschichten über diese kompakte, verwinkelte Stadt erzählt. Felicia ist Künstlerin und ihr A4 Skizzenbuch ist damit das schwerste Gepäckstück in ihrem Reiserucksack in Handgepäckgröße. Sie reist ohne Gerätschaften, stattdessen hat sie Bücher und viel Mut dabei Leute anzusprechen. Dass sie ihre Reise nur mit Durchfragen und Touristeninformationen geplant hat beeindruckt mich, sie „darf“ mit mir am nächsten Tag die Stadt erkunden und somit den Part mit der Stadtkarte übernehmen.
Nach endlosen Gesprächen beginne ich auf Englisch zu denken und habe mir versehentlich sogar englische Notizen gemacht.
In einem Bonbonladen rüste ich mich für die Wanderung und esse soviel, dass mir schlecht wird. Ich erinnere mich an Weihnachtstage in meiner Kindheit, als ich gedankenverloren Weihnachtsmärchen im Fernsehen guckend mich mit Süßigkeiten vollstopfte bis mir schlecht wurde. Die Übelkeit, die mich nun an diese glückliche Kindheit erinnert, genieße ich somit sogar etwas.
Warum zieht es mich also immer in dieses Schlaraffenland, meine Suche nach dem sauersten Bonbon ist Schuld. Bisher habe ich das sauerste Bonbon noch nicht kosten dürfen, obwohl ich nun schon einige der zahlreichen Süßwarenläden in Italien und Spanien abgeklappert habe. Es muss komisch aussehen, als ich der Verkäuferin, die leider kein Englisch versteht, versuche mit Mimik und Gestik zu erklären, dass ich auf der Suche nach extrem sauren Bonbons bin. Aber sie versteht mich und empfiehlt mir zwei Sorten und lässt mich sogar probieren. Naja, das war nicht sauer, wie immer. Ich bin wieder mal enttäuscht.

Nach einem vier Kilometermarsch in der Gluthitze vorbei an den futuristischen Bauten der Stadt der Künste und der Wissenschaft in Valencia (Ciudad de las Artes y de las Ciencias) entlang der für Fußgänger doch recht gefährlichen Schnellstraße für Radfahrer, beschließen wir den letzten vollen Urlaubstag von Felicia auch als solchen zu genießen und kehren in ein typisch spanisches Strandrestaurant ein. Felicia und ich sind uns einig, dass der Kellner süß ist, wenn nur diese akzentbedingte Spracheigenart nicht wäre…tztztzschgraztsschias. Leider versteht er kein Englisch und wir die Speisekarte nicht. Ein 14-jähriges Mädchen versucht uns das Tagesmenu so gut es geht zu übersetzen. Wir bekommen dann teilweise doch etwas anderes als geglaubt bestellt zu haben, aber Felicia kommt aus dem zufriedenen Stöhnen und Summen nicht mehr raus. In Amerika schmeckt das Essen wohl nicht so gut, welch ein armes Land, denke ich. Wie wir da nun so vertraut sitzen und speisen, lädt Felicia mich ein Ihr „Land der zehntausend Seen“ zu bereisen und bietet mir auch Übernachtungsmöglichkeit bei ihr an.

Gut genährt nehme ich ein Bad im warmen Meer. Gesalzen, luftgetrocknet und sonnengebräunt fühle ich mich wie ein Stück Popcorn.
Felicia und ich finden dass es ein toller Urlaubstag war, trotz dass wir beide nun unter „sunburn“ leiden.

Für meine Weiterfahrt zum nächsten Ziel muss ich am Bahnhof erst einmal brav eine Nummer ziehen um beraten zu werden. Ich komme mir vor wie bei der Agentur für Arbeit und entsprechend unfreundlich werde ich auch behandelt. Die Dame am Tag zuvor wollte mir nicht mal ohne Wartenummer Auskunft darüber geben, ob sie überhaupt in der Lage ist mich zu beraten und würdig mich nur eines flüchtigen Blicks und zeigte auf eine Nummer. Sie konnte absolut kein Englisch. Der Mann am ultramodernen Schalter heute ist auch nicht wesentlich freundlicher, aber ich bin gut vorbereitet und mit einem Fahrplan und ein paar einfachen Fingerbewegungen verstehen wir uns doch bestens. Gerne würde ich ihm sagen, das ich allein schon aus Respekt gegenüber seinem Land und dass ich hier Gast bin gerne in seiner Sprache mit ihm reden würde, jedoch innerhalb der letzten drei Wochen fünf Länder mit jeweils unterschiedlicher Sprache bereist habe und ich kein Sprachtalent besitze. Ich zeige ihm mein dankbarstes Lächeln, auf Vergebung hoffend.

Am Bahnhof warte ich nun auf Abfahrt meines Zuges. das Fräulein neben mir trägt ein Kostüm passend zu Ihrem Reisetaschenset oder umgekehrt und ich frage mich ob sie mich so völlig unter-aufgebrezelt in den Zug lassen. Nach einer Taschenkontrolle wie am Flughafen fliege ich nahezu im Schnellzug sitzend zur nächsten europäischen Metropole. Trockene, endlose Feldlandschaften ziehen an mir vorbei. Im Geschwindigkeitsrausch knackt es in meinen Ohren. ich bekomme digitale Post von meiner lieben Mitbewohnerin aus der Heimat. Wir würden über hundert Euro Betriebskosten zurückbekommen. Ich freue mich und schreibe nur „Party!! :-D“ zurück. Ich bin glücklich.

gezuckert, glücklich, Sinnemanie

Soundtrack zum Tag und mitfühlen:

„Flug auf dem Glücksdrachen“ aus dem Film „Die Unendliche Geschichte“ von Klaus Doldinger