London

London-WG

London WG
London WG

1. bis. 7. August 2014
Teil 1 der Norlandsaga…

Als ich mit meinem Packmonstrum vom Bahnhof Calais zum Hafen Calais marschiere, trage ich eine Tonne Stolz in mir und das unendlich befriedigende Gefühl ein Abentheuer zu erleben.  Endlich war ich im ersehnten Norden angekommen.  Auch wenn ich lieber angeheuert hätte oder als Seemann äh Seefrau an Bord stolziert wäre, kaufe ich ganz langweilig aber immerhin selbstständig am englischsprachigen Fahrkartenschalter eine „Foot passenger“ Fahrkarte für die in wenigen Minuten anstehende Überfahrt nach Great Britain. Der Duft und das Rauschen des Meers, das „Zwitschern“ der Möwen und der frische Wind betanken mich erneut mit Lebensenergie.  Nach 1,5 Stunden „Kreuzfart“ für Arme und weiteren 1,5 Stunde Zugfahrt nach London steht mir wieder die übliche Aufnahmepürfung bevor, die U-Bahnfahrt durch die Innenstadt. Ich hatte noch gar nicht mein dummes Gesicht aufgesetzt, da umzingeln mich auch schon vier Herren unterschiedlicher Nationalitäten und Alkoholwerte im Blut, die einander nicht zu kennen scheinen, aber mir alle trotz scheinbarer Orientierungsschwierigkeiten das U-Bahn-System zu erklären versuchen.

Die Untergrundbahn wird hier offiziell als „Tube“ ausgewiesen und die Bezeichnung ist auch sehr treffend, als ich in einem winzigen schlauchigen, stickig und zügig zugigem Abteil einer solchen menschlichen Poströhre unterirdisch zu meinem Wunsch-Stadtviertel husche.  Treppen, Wände, Tore und Fliesen sind panisch dekoriert mit Sicherheitshinweis „If you see anything suspicious, please tell a member of staff or a police„.  „suspicious“ kann übersetzt werden  mit verdächtig, suspekt, argwöhnisch, verräterisch, ulkig. Würde man einen dertartig formulierten SIcherheitshinweis in Berlin an öffentliche Wände tapezieren hätte die telefonische Annahmestelle für Beobachtungen der Bürger sicherlich heiße Leitungen, weil die ganze Stadt voll mit suspekten, ulkigen Menschen und Erscheinungen ist. Aber London ist was das angeht genauso flippig und somit fällt hier „ausgewöhnliches“ wohl unter normal und ruhiges und langweiliges unter ungewöhnlich. Ich nehme mir vor Watson und Holmes bei dieser Gelegenheit mal zu besuchen und das  mysteriöse London-Thema bei einer Tasse Tee zu vertiefen. Diese Stadt macht es spannend und man fragt sich ob Filme und Bücher Vorlage für Straßennamen sind oder umgekert : Bond Street, Kings Cross, Baker Street, Queensway, Marble Arch, Holloway Road, Waterloo, Elephant & Castle, Piccadilly Circus.  Nach einem kurzen Puff und Pflutsch bin ich auch auch schon in Marias außergewöhnlichen WG angekommen. Hier teilen sich ein weißer Kater namens Snowie mit Riechfetisch, ein arbeitswütiger, meist im „lockerem“ Hemd bekleideter selbstbewusster Single-Mann im besten Familiengründungsalter mit Wurzeln in Sri Lanka und meine gastfreundliche Chefin des Ladens Maria zwei Zimmer auf wenigen Quadratmetern in Notting Hill….aaaah…ja genau NOTTING HILL.

Ich bekomme für die nächsten Tage die Ledercouch gestellt, welche wohlgemerkt keine Schlafcouch ist und mir schlaflose, rutschige, quietschende Nächte bereitet.

Maria entspricht optisch meiner Vorstellung einer typischen englischen Lady und würde ich sie nicht persönlichen kennen und nur auf ein Gemälde von ihr schauen, so sollte man meinen spräche sie mit einem vornehmen britischen Akzent, trägt altrosa- oder himmelblau-farbende Kostüme und trifft sich Nachmittags zur Teestunde mit ihren gleichaltrigen Freunden, um den neusten Klatsch und Tratsch über die „Royals“ das Königshaus aus der sogenannten „Yellow Press“, bei uns die sogegannte BILD-Zeitung, auszutauschen. Die Wohnung ist klein, kuschlig und überdekoriert mit allerlei Kitsch und Krempel, welchen man zum gemütlichen Teetrinken und Bücherlesen an kalten, verregneten Tagen benötigt. Aber Maria ist keine gebürtige Britin, sondern ist in Argentinien geboren und aufgewachsen. Darum treffen all diese hübschen Klischees auf sie nicht zu, ihr starker Akzent verrät sie. Zudem hab ich sie in einem Hostel, welches gleichzusetzten mit einer Jugendherberge in Deutschland sein dürfte, kennengelernt. Sie geht in die Disco, besucht hippe Flomärkte, „shoppt“ verrückte Kleidchen, schreibt eifrig Kurznachrichten, ist im Internet aktiv, verknallt sich, verliebt sich, verknallt sich wieder neu und lacht ganz laut wie ein Schulmädchen nachdem man ihr einen „Pausenwitz“ erzählt hat. Aufgrund eines Hanidcaps besteht nun ihr Job darin ausschließlich ihren Papa und irgendwie auch ihre tierischen und menschlichen Mitbewohner zu umsorgen und so Weltenbummler wie mich herzlich zu empfangen. Ich bin ein willkommender Gast, eine willkommende Abwechslung, das lässt sie mich spüren, wie schön.

Ob Snowies Fellweste so schneeweiß ist wie seine Namensgebung erhoffen lässt bleibt zu hoffen. Neugierig beschnuppert er mich und meine Sachen und die Betong liegt dabei auf „gierig“. Ich glaube  von der ver-„katerten“ Version des Jean-Baptiste Grenouille aus dem Roman „Das Parfum“ von Patrick Süskind umschlichen zu werden. Gierig nimmt er alle meine Gerüche auf und im Laufe der nächsten Tage hat er mich von Kopf bis Fuß inklusiver meines Reisegepäcks und Dreckwäsche beschnuppert.
Von dem Gedanken eigene Haustiere aufzunehmen und zu pflegen habe ich mich nach dem Tode meines Meerschweinchens verabschiedet. Somit genieße ich die Gelegenheit endlich mal zu erforschen und leibhaftig zu erleben wie es nun ist mit einer Katze zusammen zu leben. Mit großem Interesse amüsierte ich mich über die bekannte Internet-Video-Serie „Simons Cat“ und kann bestätigen, dass es zwar den Anschein macht die Serie wäre frei erfunden und übertrieben zum Amüsement der Zuschauer inszeniert, aber Katzen sind in Wirklichkeit sehr eigenartige Wesen die auf vier Pfoten durch dein Leben schleichen und dir ständig im Weg rumliegen oder auf deiner Tastatur Ihre morgentlichen Gymnastikübungen machen, sich morgens noch vor dem Aufstehen vor deinem Bett mir grausamen Geräuschen und krampfartigen Maul- und Körperbewegungen übergeben, miauen und nerven bis man bei einem Blick in ihre großen Kulleraugen und beim Streicheln über ihr weiches Fell, dann doch wieder weich wird. Warum Katzen-Videos im Internet der Renner sind wird mir immer verständlicher und die Frage warum sich schon viel zuviele Zeilen nur um dieses Wesen drehen und es ganze Katzenbücher gibt soll sich auch nicht mehr stellen . Am Ende lass ich mich von diesem Monstrum in weiß dann doch zu seinem „Selfie“ überreden äh – miauen.

Nach eher weiniger duten Eindrücken die London nach einer Sprachreise in der zehnten Klasse und einem Tagesausflug wärend einer England Hausbootreise mit meinen Eltern vor schier etlich langer Zeit hinterlassen hat, zeigt mir Maria nun das wundersam anmutende London. Bei angenehm frühlingshaften Wetter schlendern wir über einen sich über mehrer Straßen ausgebreitenden hippe-Altkleider- und gebrauchte-Fundstücke-aus-der-Erinnerungsschatzkiste Flomarkt. Ich scheine mich auf einer Zeitreise zurück in die 50er Jahre zu befinden,  Frisuren, Stimmung, Musik, Farben, Gerüche und Stadt- sowie Straßenbild verstärken den Eindruck. London ist „Vintage“ pur und ich wundere mich nicht, dass hier kreative Menschen wie Jamie Oliver, die Beatles  oder Amy Winehouse zu ihrer Entfaltung kamen.  Die Straßenmusik ist massentauglich und hätte auch eine Berechtigung zum Pophimmel aufzusteigen, das Niveau ist hoch, die Konkurrenz demnach stark.

Maria holt mich wieder in das moderne Zeitalter zurück, als wir das galaktisch große  raumschiffartige Einkaufszentrum „Westfield“ betreten. Hier bekommt ALLES, zumindest sagt einem das die hypnotische Wirkung der Architektur. Denn man bekommt alles, was man nicht oder noch nicht braucht.

In Great Britain muss man sich nicht wie in Deutschlands Hauptstadt von einer Berliner Schnauze an der Kasse zurechtweisen lassen, man kann wahlweise auch an einem plapperndem Automaten seine Einkäufe selbst scannen, bezahlen und einpacken. Da ich das System noch nicht kenne benutze ich es entsprechend mit gewisser positiver Aufregung und Spannugsgefühlt und scanne freudig meinen Einkauf ein. Ob ich wohl extra viel Kleinkram einkauft habe zum „einpiepsen“…Piep…grins und freu.

Eine weitere Innovation, zumindest in meiner kleinen Welt, ist der Katalogladen. Hier stehen auf wenigen Quadratmetern die Kunden hinter Pulten mit Bleistift und einem dicken Katalog, vergleichbar mit unserem Quelle- oder Otto-Katalog. Man sucht sich also vor Ort einen Artikel aus dem Katalog aus, bezahlt den gewünschten Artikel an einem Automaten und bekommt die Ware direkt und sofort aus dem angrenzdem Lager ausgehändigt. Der Laden selbst ist im Verhältnis zu seinem Angebot winzig und das Angebot überwältigend, weil die Sachen platzsparend im hinteren Teil des Geschäfts gelagert und nicht präsentiert, umgeräumt oder vor neugierigen oder tolpatschigen Kunden geschützt werden müssen.

Als ich mir meine Reisefrisur in einem gaaaanz normalem Frisur bei dem noch nach pauschal nach Haarlänge bezahlt wird stutzen lasse, habe ich die London-Aufnahmeprüfung wohl bestanden.  Einen Tag erkunde ich das touristische London und erschreckend stelle ich fest, dass ich mich an nichts davon erinnern konnte und wieviel Zeit seit meinem letzten Besuch in London vergangen sein muss. Es lag bereits ein beachtlich gutes Stück Leben hinter mir. Sooo kurz war das Leben also gar nicht , aber vielleicht lag das auch nur am Betrachtungswinkel des Moments.

Hungrig jage ich mir in einem Supermarkt auf dem „Heimweg“ zu meiner London-WG Futter. Versteckt und nahezu unscheinbar zwischen kurzzeitigen Angeboten am Ende des schmalen Regalgasse entdecke ich ein paar wenige Packungen „Twinkies“. Bisher kannte ich die Miniküchlein, denen man nachsagt ewig haltbar zu sein,  nur aus amerikanischen Filmen.  Ich wünschte mir an miesen Tagen wie Wall-E’s kleiner Freund die Kakerlake mich in den mit Vanillecreme gefüllten Löchlern des Törtchens zu verkriechen und einen Nacht in diesem Schlaraffenland zu verweilen.

Am Abend erhoffe ich mir Rat bei Maria beim gemeinsamen Speisen zu holen. Eine erfahrene Frau sollte doch wissen, wie ich mich in meiner verqueren Liebessituation zu verhalten habe. Schließlich habe ich mein Herz gerade aus der Reparaturwerkstatt in einem neuartigen Zustand abholen können und ich hoffe den nächsten TÜV ohne Beanstandungen zu bestehen. Also was wollen wir,  oder doch erst mal die Frage…was wollen wir nicht.  Hallo Herr schlechtes Gewissen. Wie geht es ihnen heute. Oh…schlechte Laune. Wir wollten, „eigentlich“, keinen jüngeren Mann, nicht mal eine Stunde durfte er jünger sein. Wir wollten keine Fernbeziehung, weil sich unter diesen Umständen so schlecht zusammenwohnen lässt und der Nestbautrieb dann unbefriedigt bleibt, hach wie herrlich rational ich doch sein kann. Wir wollten jemanden mit dem man stundenlang, angeregte Gespräche führen kann, auf einem mehr oder weniger interektuellen Niveau, was gute bis sehr gute Deutschkenntnisse und Ausdrucksfertigkeiten vorraussetzt. Man möchte frei seine Kunst und Hobbies ausüben können und sich in allen möglichen Formen ausdrücken. Man muss damit leben können, dass ich wohl nie eine gute Hausfrau sein werde.
Mein schlechtes Gewissen begafft mich kritisch durch die halbblinden Augen. Es hat eine wunderbare Mauer um mein Herz gebaut und dazu noch mit Lichtschranken und hochagressivem und kühlem Sicherheitspersonal versichern lassen. OK Katja, all deine sogenannten Ansprüche sind vielleicht ganz vernünftig. Und was willst Du wirklich? Es soll nicht einfach sein, es soll sich richtig anfühlen. Lieben und geliebt werden, erhört werden, „Zuhause“ ankommen, so sein können wie man ist und sich frei äußern können. Emotionen, nicht einfach sondern echt. Vielleicht sollte mir jetzt das wunderbarste und spannenste passieren was es gibt auf einer internationalen Ebene… ach Maria…sag doch was…und triff eine Entscheidung für mich…ich habe wieder angefangen zu denken, ohoh…ich denke wohl schon an meine Heimkehr und Rückkehr zu allem…

Teil Zwei der Norland-London-Saga folgt…

durchatmen, heimisch, Sinnemanie

Musik-Tipp zum Beiträg: Get Back (von The Beatles)