Sinnemanie in Nice

Nice NICE Night

Sinnemanie in Nice
Sinnemanie in Nice

 

Von Cuneo nach Barcelona ist notgedrungen ein Zwischenstop mit Übernachtung an der Côte D’Azur notwendig. Der Zug Richtung der „feinen Gegend“ hat passend zum mit gold geschmückten und gut gekleideten Klientel royal-blaue Sitze und es riecht nach teurem Parfum.

Ich entscheide mich für die nächst größte Stadt mit Hostelangebot, da ich zu spontan meine Route bestimmte und es somit mit Couchsurfing leider nicht klappen will.
Im Zug entlang der schönen blauen Küste nimmt mein Packmonstrum einem grauhaarigen, 2,10 Meter großen Geschäftsmann aus Monaco ursprünglich beheimatet in Südafrika den Sitzplatz weg. Er hilft mir den Eintonner auf ein Gepäckplatz zu hieven, daraufhin kommen wir ins Gespräch während er vor sich eine IPad-Präsentation aufbaut. Ich erwarte jeden Moment von einem geschäftlichen Telefonat unterbrochen zu werden. Ich soll Recht behalten. Er hätte die Welt wohl schon komplett bereist u.a. auch Europa mit dem Motorrad erkundet. Wieder jemand der mir Thailand als Backpacker-Paradies empfiehlt, weil in Europa die Menschen alle für sich wären und mit Scheuklappen durch die Gegend laufen würden. Er wirkt auf mich sehr erfahren in Umgang mit Menschen, errät schnell wo ich beheimatet bin und wo ich herkomme und obwohl ich brav alles wichtige einpackte was Mama sagte, ich doch nun mit einem Fremden wie ihm reden würde. Nervös drehe ich mich immer mal wieder zu meinem Gepäck um. Der Riese beruhigt mich, indem er meint das Ding wäre zu „heavy“, als dass jemand mein Gepäck mal ebenso mitgehen lassen könne. Er gibt mir noch ein paar Tipps für Nizza auf den Weg und dass ich auf mich aufpassen solle.

In der Bahnhofsvorhalle grinst mich gleich ein Schokocookie an, für 2,50 Euro! Öhm ja, einen teures Pflaster wie erwartet. Im Zug war ich bereits total aus dem Häuschen bei dem Anblick des blauen Meeres und der Palmen, so dass ich dies gleich all meinen Freunden per digitalen, sozialen Benachrichtigungsdienst mitteilen musste. Entschuldigt bitte die umständliche Ausdrucksweise, aber Oma liest mit und sie muss das auch verstehen können. Wie hypnotisiert von diesem Palmen-blaues-Meer-Anblick buckle ich sofort zum Strand und freue mich wie ein Honigkuchenpferd über den Anblick.

Nachdem ich mich mit modernster Technik zur Straße navigiere, wo das Hostel sein soll, stehe ich da nun wieder total verloren mitten auf der Straße rum. Eine 96 jährige Oma weiß mich sofort zuzuordnen, liest mich auf und führt mich gleich zu Ihrer „Rezeption“ des äh was „Pink Lady“-Hostels?! Im Internet benannte man dies noch anders. Die sogenannte Rezeption ist ein kleiner Abstelltisch in einer dunklen Allzweck-Kammer die wohl als Altersclub als Pedant zum Jugendclub fürRentner dient. Es riecht nach gekochtemTier. Oma wühlt in den „Bookingunterlagen“ und sucht aufgeregt nach „Le list“ mit den freien Betten. Sie spricht konsequent Französisch mit mir und ich versuche einzelne Fetzen aus meinem Schulfranzösisch in Erinnerung zu rufen. Während die knallharte Geschäftsfrau mit mir den Bettenvertrag in die Ecke eines voll geschriebenen Stück Papiers kritzelt, glotzen mich die kleine Gruppe Omas und Opas neugierig an. Ich bekomme natürlich wieder einen Spruch wegen meines beachtlichen Gepäcks.

Oma quetscht sich dann mit mir in einen kleinen Aufzug. Der Schlüssel zur Dreiraumwohnung zum Hostel umfunktioniert klemmt und Oma muss klingeln, um sich von einem Gast den Zugang zu verschaffen. Ich kann aus ihrem Französichgebrabbel etwas Ärger heraushören. Als ich den Miniflur betrete Blicke ich direkt in die nussbraunen Augen von einem türkischen jungen Landsmann der mich mit einem strahlend weißen Zähnen anlächelt und er mir somit wie der Engel in der zu erwartenden Hölle erscheint. Ich fasse direkt Vertrauen zu ihm: “ Hey, my Name is Katja. How are you.“. Oma diskutiert schließlich mit einem indianisch anmutenden Macho über ein leer zu räumendes Gästebett direkt an der Tür im Mädchenzimmer neben der offenen Küche. Das sollte also meine Schlaf-„Ecke“ werden.  Jeder der betrunken oder nüchtern das Zimmer betrat würde wohl oder übel über mich stolpern. Da ich lange Zeit das Durchgangszimmer in meinem Elternhaus bewohnte, nehme ich das schlechte Geschäft welches ich abgeschlossen habe locker. Alles ist sehr eng und nur bedingt „sauber“. Da es ein Schlüsselproblem zu geben scheint, entschließe ich mich dazu mit den drei Jungs die sich um mich herum versammelt haben auszugehen. Der indianisch  anmutende Junge im folgenden „Häuptling“ genannt bietet an uns die Stadt zu zeigen. Er redet sehr langsam mit starkem Akzent, als würde jedes Wort wie aus einer Lotterie-Maschine in die richtige Spur gerollt kommen. Ab und zu verdreht er geistig abwesend die Augen. Die Stadtführung würde zu einem irren Erlebnis werden mit so einem verwirrtem Anführer. Häuptling redet wie ein Wasserfall im beschriebenen Redetempo und scheucht uns zunächst in die Parfumabteilung eines Kaufhauses, um dann schließlich sich und uns wild mit Parfum zu besprühen. Ich rieche nun nach einem teurem Parfum, was mich in der Dosierung welche der Häuptling auf mich „geschossen“ hat billig fühlen lässt. Der Häuptling tingelt wohl täglich durch die Parfumabteilungen der Stadt und erstaune seine Freunde immer mit seinem täglich wechselnden Duftgewand, berichtet er stolz. Er ist verrückt aber liebenswürdig, das ist mir nun absolut klar. Ich mache mich mit dem schüchternen türkischen Landsmann vertraut im folgenden nenne ich ihn mal „Ale“, weil ich gerne Aladdin mit ihm in Verbindung bringen möchte. Er ist Musiker und hat sein Reisebudget für seine vierwöchige InterRail-Reise in Dänemark verdient. In Dänemark wären die Menschen immer gut gelaunt, da würde er eines Tages leben und arbeiten wollen. Er erzählt glaubhaft von seiner Leidenschaft zur Musik und zum Jazz, habe er auf seiner Reise bereits einige musikalische Höhepunkte erlebt. Auch heute ist ein Jazzkonzert mit (für ihn) bekannten Musikern aus der Szene sein Ziel. Popmusik mag er nicht, dabei mögen Popmusik doch alle, sonst wäre sie doch nicht populär, denke ich mir.

Wir nehmen zwischen dem vornehmen Publikum Platz und lauschen der Musikimprovisation, die kurzzeitig von einer Parade auf der anderen Straßenseite gestört wird. Die Musiker setzen ab und lassen das Getrommel und Getröte ausklingen, da es dann wohl nicht so gut zu IHREM Stil passt. Schade, mich hätte der Mix als musikalisches Jazz-Experiment interessiert. Der Stilbruch sorgt jedoch wie bei dem vornehmen Publikum zu erwarten für zurückhaltendes Gelächter.

Der „Häuptling“ rutscht nervös auf seinem Sitz hin und her und drängelt uns doch weiter die Stadt zu erkunden, wir wären schließlich nur noch ein paar Stunden in der Stadt und er hätte uns noch viel zu zeigen. Ich kämpfe schließlich mit Wasserfontänen und der „Häuptling“ mit meiner Kamera. „Ale“ hält mich für verrückt, da ich mich für das optimale Foto so sehr ins Zeug gelegt habe, dass ich mich mächtig nass gemacht habe.

Mike der rot-blond-Schopf aus unserer Truppe dreht eifrig Videos und feuert die Tänzer einer Travestie-Show- anmutenden Breakdance-Vorstellung heftig an. Gerne würde er einen Strip sehen und johlt kräftig: „Get off your pants“. Ich dachte mir meinen Teil und steckte ihn in eine Schublade und mochte die sonderbare Mixtur unserer kleinen Touristengruppe somit sehr.

„Ale“ und ich vertiefen das Musikthema und wir teilen uns schließlich meine Kopfhörer um uns gegenseitig unsere aktuellen Lieblingssongs vorzuspielen, ich muss aufpassen das wir unseren verrückten, rumstreunenden Häuptling nicht aus den Augen verlieren. Es fängt wieder mal an zu regnen. Der “ Häuptling“ lässt einen Strohhut im Vorbeigehen an einem Souvenir-Shop mitgehen. „Ale“ ist entsetzt und flüstert mir zu „He steal it.“. Ich muss schmunzeln. Der “ Häuptling “ wankt selbstbewusst durch die eng belebten Straßen immer noch auf uns einredend mit seinen Geschichten über die Stadt. Eine sehr sonderbare, aber sympathische Stadtführung.

Wir müssen uns schließlich unterstellen, da der Regen heftiger wird und sich das Gewitter dazugesellt. Nach 15 min wird der „Häuptling“ ungeduldig. „The City is waiting…common let’s go.“  stellt er sich die Arme in die Höhe reißend mitten auf den Gehweg. Nachdem er uns durch die Altstadt gejagt hat wird er müde und wir fahren die letzten 500Meter zurück zum Hostel. „Ale“ und ich sind noch nicht müde und beschließen noch einmal zurück zum Strand zu laufen und für die Stadt illegalerweise zu der Uhrzeit eine Flasche Wein zu trinken. Als „Ale“ die Späti-Verkäuferin nach Gläsern für den Wein fragt, bin ich nicht wirklich erstaunt sondern eher amüsiert im Gegensatz zur verwirrten Verkäufern. Er ist schließlich Vertreter der klassischen Musik und ist somit stilvoller aufgestellt als wir Popmusikfritzen und Flaschenkinder auf Festivals in Gummistiefeln und kaputten Jeans. Auf dem Weg habe ich die Gelegenheit ihn über Türkische Klischees und die politische Situation auszufragen. Er würde sich sehr für Politik neben seiner Leidenschaft für Musik interessieren und ist in einer politischen Gruppe recht engagiert. Er ist stark berührt von so mancher Ungerechtigkeit und Brutalität in seinem Land und drängt auf eine politische Revolution die in Richtung Ausgleich der Reich-Arm-Schere geht. Ich habe Respekt vor politischem Engagement muss aber eingestehen nur wenig Interesse an Politik zu haben und versuche die Welt auf meine Art besser zu machen, versuche ich mich gut rauszureden. Ich würde versuchen meine Umgebung glücklich zu machen, denn glückliche Menschen tun sich nichts böses an. Wenn Menschen in der Lage sind ihr Leben, wie bescheiden es auch sein mag, zu schätzen und ihr Hab und Gut teilen können, gastfreundlich und offen sind,  wären Kriege und Streitereien doch unnütz. Ich hoffe somit an der Wurzel des Problems, der Zufriedenheit des einzelnen Menschen, zu arbeiten statt zu demonstrieren und mich aufzuregen. Das ist wohl das, was ICH persönlich tun kann. „Ale“ könnte mit Musik die Welt glücklich machen, ich hingegen mit Verbreitung von Sinnemanie… Hihi

Am Strand lauschen wir dem Soundtrack von „Into the wild“. Was für ein Zufall, dass ich mich mit einem bekannten Zitat daraus von meinen Freunden und Kollegen zum Aufbruch meiner Reise verabschiedet habe: „Happiness only real when Shared“.
Die Parfumwolke über mir ist mir peinlich. „Ale“ mag kein Parfum. Und schon sind wir bei einem weiteren Lieblingsthema:Gerüche. Ich erzähle ihm euphorisch von dem Film „Das Parfum“ und meiner Leidenschaft für Seife, worauf ich ihm stolz mein Stück Seife welches ich in meiner Liebslings-Seifen-Ladenkette in Italien erstanden hatte, zeige. Wir erlauben uns gegenseitig zu beschnuppern, das ist lustig. Er meint der natürliche Geruch, wie z.B. der süßliche Geruch von Babys, wäre einzigartig schön. Ich schwelgte in Erinnerungen an vertraute Gerüche der Menschen die ich liebte und liebe. Der Mond verschwindet schließlich hinter einer dicken Wolke. Es bleibt nur noch das Meeresrauschen, in der Ferne können wir einen Leuchtturm ausmachen und ankommende sowie abfliegende Flugzeuge vom nahliegenden Flughafen erspähen. Die Steine sind noch feucht vom Regen, ab und zu wird der Himmel erleuchtet von Blitzen. In manchen Ecken können wir Rucksackreisende in Schlafsäcken eingemummelt entdecken. Hätte ich mir also die 30Euro für das Hostel doch sparen können. Als ich sehe wie einige schlafende jedoch von Wachhunden verscheucht werden bin ich doch froh eine weniger bewachte und trockene Absteige mit weicherer Unterlage bekommen zu haben. Die Ansprüche ändern sich auf so einer Reise, danach werde ich wohl fast überall gut nächtige können. Im Sinnestaumel von Gerüchen und Atmosphäre sowie beschwipst vom Wein finden sich unsere Lippen. Es findet sich nun doch eine Möglichkeit „Ale“ den Wein angemessen zu servieren. Auf der sinnlichen Entdeckungsreise lassen wir uns kaum stören vom Kommen und Gehen partywütiger junger Leute. Zwei „Big Mamas“ die neben uns eine Dusche nahmen und ihre prallen, großen Hintern unter die kalte Dusche reckten lenkten mich etwas ab. Ich befand mich in einem verrückten Traum, es konnte nicht anders sein.

„Ale“ beschließt für mich, dass ich einen Zug später nehme, im Hostel bewacht er meinen 3-stündigen Schlaf meine Hand haltend und seinen Kopf dicht an meinem Traumzentrum heftend. Ich fühle mich geborgen und schlafe behütet ein. Er interessiert sich nicht für mein Alter, meinen Job, mein Einkommen oder meine Herkunft, stattdessen versanken wir in Gespräche über Kulturen, Kultur, Musik und Gerüche und was uns anzieht…und auszieht.

Nach einer kurzen Nacht, einem gemeinsamen Frühstück trennen sich unsere Wege. Wie sich herausstellt verlief unsere Reiseroute genau gegensätzlich. Er würde nun nach Italien und ich nach Spanien weiterreisen. Er empfiehlt mir ein Hostel in Barcelona, wo er einige Tage zuvor nächtigte und schenkte mir zum Abschied eine CD und einen Eifelturm-Anhänger als Andenken in der Hoffnung, dass sich unsere Wege eines Tages wieder kreuzen würden. Nach einem verzweifelten Versuch mich zur Weiterreise mit ihm zu überreden, macht er ein letztes Fotos von mir …Dicht an die Zugtür gepresst. Das nennt man dann wohl eine Sommerliebe. „Ale“ fragte mich zuvor noch was „I Love you“ auf Deutsch heißen würde. Ich  sagte ihm, dass dieser Satz in Deutsch eine andere Intensität und Stärke hätte und er es behutsam und sparsam benutzen müsse. So sag „I like you“, alles andere macht vielen Menschen Angst. Manchmal können Menschen besser mit Kritik umgehen, als mit großen Komplimenten und Liebesschwüren. Wohl dosiert zum rechten Zeitpunkt gewinnst du das Herz wohl nur. Kaum sitze ich im Zug nach Barcelona bekomme ich eine Nachricht: „I miss your smell. I wann to come with you to Barcelona“. Und schon bekomme ich etwas Angst. Das Leben ist ein ständiges Festhalten und Loslassen, eine Lektion die ich Anfang des Jahres bereits gelernt hatte, obwohl ich schon öfter diese Schulbank des Lebens drückte. Es ist ein bittersüßer Schmerz, das Leben.

Das Lied im Anhang zum Mitfühlen habe ich vor ca. 14 Jahren das erste mal gehört und es hat mich bis heute geprägt, es hat einen großen Anteil an meinem ganz persönlichem „Sinnemanie“-Projekt und ist tatsächlich abgeleitet von einem Album des Künstlers, welches den Namen „Melomanie“ trägt. Soweit zum Ursprung der Idee, die hinter Sinnemanie steckt.

Behütet, entflammt, Sinnemanie

Soundtrack zum Tag und mitfühlen:

„Ich will nur wissen“ von Laith Al-Deen