Grilling Madrid und „nichts“ passiert

20140723-144946-53386349.jpg

In Madrid angekommen folgt gleich die erste Aufnahmeprüfung, die ich in jeder Stadt machen muss. Mach dich mit den örtlichen öffentlichen Verkehrsmittel vertraut und bahne dir den Weg durch die bunte Spagetti-Karte zu deinem Hostel im Hinterhof einer kleinen verwinkelten Nebenstraße mitten in der glutheißen City. Wir haben heute einen der heißesten Tage des Jahres in Madrid. Im Hostel und „Meeting Point“ der Kulturen angekommen versprüht Vinni gleich seinen ganzen spanischen Charme und lädt mich mit zwei Küsschen zu einer Flatrate-Saufparty ein. Schüchtern und naiv sage ich erst mal zu. In der Hoffnung spannende Menschen zu treffen lass ich mich in ein 10-Bett-Zimmer einquartieren. Zwei Nächte teile ich mir dies nun mit zwei auf ihre multifunktionalen Fernsprechapparate mit eingebautem nervtötendem Geklingel und Gebrumme starrenden Japanern und zwei Mädels, die ihre Nächte nie in ihrem Bett zu verbringen scheinen. Pech für mich und euch, da jetzt ein Aufsatz über das „Nichts“ folgt.
Ich möchte die Geschichte hier nicht unnötig dramatisieren, jedoch droht „das Nichts“ in „Die unendliche Geschichte“ die Welt zu zerstören, jeder der dem dunklen Loch zu nah kommt wird ergrauen und erblinden und die Welt geht zugrunde, wenn die Parallelwelt „Phantásien“ Fantasie-vertrocknet auf die Größe einer Perle schrumpft. Setze ich mir nun die Krone der kindlichen Kaiserin auf und lasse mich retten von den Geschichten südländischen Temperaments oder fliege ich selbst auf dem Rücken des Glücksdrachen Fuchur, um Phantásien wieder Licht zu geben. Ich entscheide mich für letzteres und sage der Stadt den Kampf an.
Mit einem Kapuzenshirt bekleidet schütze ich mich vor der gleißenden Sonne.
All meine Goldstücke investiere ich in magisch-kühlenden Eiswassertrunk gebraut mit Früchten des Südens. Um nicht mit dem Asphalt zu verschmelzen muss ich alle fünfzig bis hundert Meter in die Eishöhle feiner Bekleidungsgeschäfte einkehren. Um nicht aufzufallen kaufe ich mir auch ein kleines praktisches Kleidungsstück, eine Art Fallschutz für altersbedingte Hängebrüste, man nennt das auch Sport-BH. Leider werde ich dies auf den zahlreichen Flaniermeilen der Modehauptstadt am Abend nicht präsentieren können, das gelbe leichte Sommerkleid mag nicht so recht zu mir passen und damit würde ich wohl noch mehr auffallen zwischen all den Modeverrückten.
Auf den Straßen Phantásiens (Madrid) finden heute zahlreiche Demonstrationen statt, ob sie wohl auch wie ich gegen die Ausbreitung der Phantasielosigkeit ankämpfen?
In einem geheimnisvollen Garten (Parque de Retiro) finde ich schließlich etwas Ruhe und Frieden, tanke Kraft für meinen Rückweg.
Zurück in meiner Herberge für Seelensucher sind die Wände zugekleistert mit einer offenen Einladung zum Freudenfest. Für weitere Informationen solle man sich doch über das elektronische Kommunikationsnetz mit dem Partymeister in Verbindung setzten. Ich tippe seine Nummer in meinen Fernsprechapparat ein und bekomme ein recht eindeutiges Bild des Herrn zu sehen. Mit freiem Oberkörper und offener Hose vor dem Spiegel posierend sendet dieser Prachtkerl aus meiner Sicht sehr eindeutige Signale für empfangsbereite Damen aus. Geschockt und amüsiert zu gleich entschließe ich mich aufgrund dessen die Nacht an einer Geschichte schreibend zu verbringen. Im Morgengrauen klopft der Flirt-Barde heftig an mein Fenster. Er wäre unter anderem auch am Empfang beschäftigt und hat in der Partynacht seinen Schlüssel zum Tor vergessen. In meinem nächtlichen Gewand und im Halbschlaf gebe ich ihm schließlich den Durchgang zu unsren Gemächern wieder frei. Er bedankt sich überschwänglich auf seine ländertypische Art und Weise mit etwas zuviel Liebe in seiner Wortwahl für meinen nördlich-kühlen Geschmack. Mein Freund aus einem weit entfernten Land lässt mir per Fernschreiber ausrichten, dass er nun nach langer Reise wieder Daheim angekommen sei. In dem einen Monat hätte er sich oftmals alleine gefühlt und war von Langeweile befallen. Mir hingegen ist mir diese Krankheit der Langeweile nahezu unbekannt. Mag ich doch sehr gerne Zeit mit mir verbringen, Gedanken kreisen lassen, Pärchen fotografieren, Leberflecke zählen. Ich hatte darüber nachgedacht meine Hautmakel entfernen zu lassen, doch nachdem ich Jonathan im Film „Weil es dich gibt“ (Originaltitel: Serendipity) gesehen habe, wie er auf Saras von Leberflecken gezeichneten Haut Sternenbilder zu erkennen glaubt, begann ich meine Leberflecken und Muttermale auch als Monde in naher Umlaufbahn und kleine Karte eines unbekannten Universums zu betrachten. Schönheit ist tatsächlich eine Sache des Blickwinkels.
Genug geträumt, eine aufregende Reise mit dem Nachtzug sollte mich ins nächste entfernte Königreich bringen. Während das Abteil schnarcht und schlummert, lausche ich über zehn Stunden eingängigen Liedern einer bereits stattlichen Sammlung auf meinem mobilem Klangapparat und denke an fast „nichts“ und lass die Nacht im Schneckenzug an mir vorbeirollen…

Gegrillt, kindlich, Sinnemanie

Soundtrack zum Tag und mitfühlen:

Philipp Poisel vom LIVE-Album Projekt Seerosenteich „Durch die Nacht“

Im „Wüsten“-Schritt: Valen-Feli-cia

Sinnemanie in Valencia
Sinnemanie in Valencia

Valencia sollte nur ein Zwischenstop zu meinem nächsten großen, weit entfernten Meilenstein werden. Meine Zimmergenossinnen wollten dort die nächsten Tage „Strand machen“ und ich war unschlüssig und folgte ihren Spuren einen Tag später, in der Hoffnung mein Meilenstein entlang der Küste bis zur Straße von Gibraltar erreichen zu können. Dies soll ein Traum bleiben.
Nach nur 4 Stunden Zugfahrt erreiche nun dies Städtchen, wo das Nationalgericht Paella ihren Ursprung hat und noch traditionelle Stierkämpfe bzw. Shows mit Pferden und Stier-Tamtam betrieben werden. Die sehr gut erhaltene Arena protzt gleich neben dem Bahnhof und ein Hauch von Pferdestallgeruch liegt in der Luft.

Der Hostelmann ist super nett und hochengagiert, trägt mir sogar mein Gepäck in mein Zimmer und händigt mir sofort einen Stadtplan aus inklusive detaillierter Einführung in superschnellem Spanglisch mit Akzent-bedingter Lisbelspucke.

Den Tag gehe ich nur einen gewöhnlichen Supermarkt, wo wohl auch die Valencier einkaufen und esse in der kleinen Hostelküche Brot mit Oliven und Thunfisch. Schmatzend durchwühle ich diverse Fahrpläne und Landkarten, um den besten, schönsten und schnellsten Weg zu meinem nächsten großen Ziel zu planen. Es stellt sich heraus, dass Valencia zwar näher dran ist an meinem Ziel, ich aber trotzdem einen Umweg über das heiße Madrid fahren muss und ich für alle Fahrten dorthin Reservierungen kaufen muss. Ab hier gibt es scheinbar keinen Schnecken-Regionalzug mehr und mein Traum von Granada, der Straße von Gibraltar und einen sehnsüchtigen Blick rüber nach Afrika ist geplatzt. Valencia sollte sich am nächsten Tag für die Umstände bei mir entschuldigen.

In meinem Hostelzimmer gemütlich gemacht, mache ich mich mit Felicia aus Minnesota bekannt. Ihr Name, „Felicia“, assoziiere ich mit hauchdünnen, knusprigen Knäckebrotscheiben. Und das ist sie auch, ein zartes Wesen, unschuldig lächelnd mit türkis-blauer Punkfrisur, auffällig großen, blauen Augen und dunklen wohlgeformten Augenbrauen. Die Haarfarbe hat sie sich anlässlich des Final-Spiels Deutschland-Argentinien in Belgien bei Verwandten verpassen lassen. Freundlich lächelnd fragen wir uns aus, sie lacht brav über meine Witze und guckt begeistert als ich ihr von meinem Blog erzähle. Sie hat gerade die Highschool beendet und hat die InterRail-Reise geschenkt bekommen. Übermorgen sei ihr letzter Tag, dem sie nun mit einem weinendem und einem lachendem Auge entgegenblickt. Daheim müsste sie sich erst mal eine neue Bleibe suchen und vielleicht sogar einen neuen Freund. Ich erzähle ihr einen kurzen Abriss meiner vergangenen verlebten Monate und wie sie mich nun so glücklich sieht, schöpft sie Hoffnung, dass es schnell wieder bergauf gehen kann. Sie ermutigt mich hingegen, dass ich viele Menschen kennenlernen werde und offensichtlich muss Amsterdam die Stadt dafür sein, da sie nicht die erste ist, die mir wilde Geschichten über diese kompakte, verwinkelte Stadt erzählt. Felicia ist Künstlerin und ihr A4 Skizzenbuch ist damit das schwerste Gepäckstück in ihrem Reiserucksack in Handgepäckgröße. Sie reist ohne Gerätschaften, stattdessen hat sie Bücher und viel Mut dabei Leute anzusprechen. Dass sie ihre Reise nur mit Durchfragen und Touristeninformationen geplant hat beeindruckt mich, sie „darf“ mit mir am nächsten Tag die Stadt erkunden und somit den Part mit der Stadtkarte übernehmen.
Nach endlosen Gesprächen beginne ich auf Englisch zu denken und habe mir versehentlich sogar englische Notizen gemacht.
In einem Bonbonladen rüste ich mich für die Wanderung und esse soviel, dass mir schlecht wird. Ich erinnere mich an Weihnachtstage in meiner Kindheit, als ich gedankenverloren Weihnachtsmärchen im Fernsehen guckend mich mit Süßigkeiten vollstopfte bis mir schlecht wurde. Die Übelkeit, die mich nun an diese glückliche Kindheit erinnert, genieße ich somit sogar etwas.
Warum zieht es mich also immer in dieses Schlaraffenland, meine Suche nach dem sauersten Bonbon ist Schuld. Bisher habe ich das sauerste Bonbon noch nicht kosten dürfen, obwohl ich nun schon einige der zahlreichen Süßwarenläden in Italien und Spanien abgeklappert habe. Es muss komisch aussehen, als ich der Verkäuferin, die leider kein Englisch versteht, versuche mit Mimik und Gestik zu erklären, dass ich auf der Suche nach extrem sauren Bonbons bin. Aber sie versteht mich und empfiehlt mir zwei Sorten und lässt mich sogar probieren. Naja, das war nicht sauer, wie immer. Ich bin wieder mal enttäuscht.

Nach einem vier Kilometermarsch in der Gluthitze vorbei an den futuristischen Bauten der Stadt der Künste und der Wissenschaft in Valencia (Ciudad de las Artes y de las Ciencias) entlang der für Fußgänger doch recht gefährlichen Schnellstraße für Radfahrer, beschließen wir den letzten vollen Urlaubstag von Felicia auch als solchen zu genießen und kehren in ein typisch spanisches Strandrestaurant ein. Felicia und ich sind uns einig, dass der Kellner süß ist, wenn nur diese akzentbedingte Spracheigenart nicht wäre…tztztzschgraztsschias. Leider versteht er kein Englisch und wir die Speisekarte nicht. Ein 14-jähriges Mädchen versucht uns das Tagesmenu so gut es geht zu übersetzen. Wir bekommen dann teilweise doch etwas anderes als geglaubt bestellt zu haben, aber Felicia kommt aus dem zufriedenen Stöhnen und Summen nicht mehr raus. In Amerika schmeckt das Essen wohl nicht so gut, welch ein armes Land, denke ich. Wie wir da nun so vertraut sitzen und speisen, lädt Felicia mich ein Ihr „Land der zehntausend Seen“ zu bereisen und bietet mir auch Übernachtungsmöglichkeit bei ihr an.

Gut genährt nehme ich ein Bad im warmen Meer. Gesalzen, luftgetrocknet und sonnengebräunt fühle ich mich wie ein Stück Popcorn.
Felicia und ich finden dass es ein toller Urlaubstag war, trotz dass wir beide nun unter „sunburn“ leiden.

Für meine Weiterfahrt zum nächsten Ziel muss ich am Bahnhof erst einmal brav eine Nummer ziehen um beraten zu werden. Ich komme mir vor wie bei der Agentur für Arbeit und entsprechend unfreundlich werde ich auch behandelt. Die Dame am Tag zuvor wollte mir nicht mal ohne Wartenummer Auskunft darüber geben, ob sie überhaupt in der Lage ist mich zu beraten und würdig mich nur eines flüchtigen Blicks und zeigte auf eine Nummer. Sie konnte absolut kein Englisch. Der Mann am ultramodernen Schalter heute ist auch nicht wesentlich freundlicher, aber ich bin gut vorbereitet und mit einem Fahrplan und ein paar einfachen Fingerbewegungen verstehen wir uns doch bestens. Gerne würde ich ihm sagen, das ich allein schon aus Respekt gegenüber seinem Land und dass ich hier Gast bin gerne in seiner Sprache mit ihm reden würde, jedoch innerhalb der letzten drei Wochen fünf Länder mit jeweils unterschiedlicher Sprache bereist habe und ich kein Sprachtalent besitze. Ich zeige ihm mein dankbarstes Lächeln, auf Vergebung hoffend.

Am Bahnhof warte ich nun auf Abfahrt meines Zuges. das Fräulein neben mir trägt ein Kostüm passend zu Ihrem Reisetaschenset oder umgekehrt und ich frage mich ob sie mich so völlig unter-aufgebrezelt in den Zug lassen. Nach einer Taschenkontrolle wie am Flughafen fliege ich nahezu im Schnellzug sitzend zur nächsten europäischen Metropole. Trockene, endlose Feldlandschaften ziehen an mir vorbei. Im Geschwindigkeitsrausch knackt es in meinen Ohren. ich bekomme digitale Post von meiner lieben Mitbewohnerin aus der Heimat. Wir würden über hundert Euro Betriebskosten zurückbekommen. Ich freue mich und schreibe nur „Party!! :-D“ zurück. Ich bin glücklich.

gezuckert, glücklich, Sinnemanie

Soundtrack zum Tag und mitfühlen:

„Flug auf dem Glücksdrachen“ aus dem Film „Die Unendliche Geschichte“ von Klaus Doldinger

Barcelona zo bjotifull

 

Sinnemanie in Barcelona
Sinnemanie in Barcelona

 

Nachdem ich nun eine Woche von einem zum anderen Bahnhof in Europa gehetzt bin erreichte ich nun meinen ersten Meilenstein in Barcelona.
Im Vergleich zu meiner Absteige in Nizza erwartet mich in Barcelona das reinste Luxushotel. Natürlich freundlich lächelndes Personal welches auf Touristen wie mich vorbereitet ist, d.h. es gibt eine deutlich erkennbare Rezeption und eine Führung durch die Räumlichkeiten und Einweisung in die königlichen Schlafgemächer in der vielen Europäern mehr oder weniger geläufigen Weltsprache Englisch. Zugang zum weltweiten Kommunikationsnetz steht in allen Räumen drahtlos zur Verfügung. Jedes Bett verfügt über eine benachbarte Mitschläfer-freundliche „Nachttisch“-Lampe und eine exklusive Stromquelle, die man sich nicht mit zehn anderen energiehungrigen Smartphone-Nutzern teilen muss. Frühstück ist in der ohnehin vergleichbaren kostengünstigen Bettanmietung inbegriffen. Dusch- und WC-Räume, fein säuberlich nach Geschlecht getrennt, sind hochmodern und reinlich und verfügen über eine funktionierende Kalt/Warm-Wasserregulierung. Meine Begeisterung muss ich auch gleich in einem fetten Lob meinem Rezeptionisten mitteilen, der mir nun meinen ganzen Aufenthalt über mit einem „was-kann-ich-für-Sie-tun-Komplettservice“-Lächeln begegnen sollte.

Hoch motiviert breche ich auf zur ersten Erkundungstour, womit ich nun zu meiner ersten Weltenbummlerweisheit kommen möchte. Wenn du Anschluss in der Fremde suchst, dann setzt dir einfach einen im Verhältnis zu deiner Körpergröße und deinem Körpergewicht viel zu großen Wanderrucksack auf und/oder dreh dich mit einer komplett auseinandergefalteten und etwas aus Verzweiflung zerknüllten Stadtkarte im Kreis, am besten auf einer viel befahrenen Kreuzung. Es ist ganz wichtig dabei ein dummes und hilfloses Gesicht zu machen, dann spricht dich garantiert ein Einheimischer mit einem Heldenkomplex an. Es dauert keine 5min da tippt mir Miguel mit selbst diagnostizierten Heldenkomplex auf die Schulter und bietet mir seine Hilfe an. Ich kann kaum zustimmend nicken, als er mir schon eine mehrtägige Führung durch seine Heimatstadt anbietet, natürlich alles kostenlos. Er hat selbst kein Geld, lernt gerne Menschen kennen und hofft mit mir zusammen seine Englischkenntnisse verbessern zu können. Na wenn der wüsste wie schlecht mein Englisch ist. Muhahahaha… Sein ganz persönliches Barcelona ist Geldbeutel-schonend. Wir verabreden uns gleich für den nächsten Tag, für den heutigen empfiehlt er mir einen nahegelegenen, höhergelegenen Park mit einer Sicht auf Barcelona zu erkunden, der wäre „zoo bjotifull“ mit seinen Blumen und Sträuchern.

Am Abend kontaktiere ich meinen neuen türkischen Freund per Fernschreiber der neusten Generation. Er macht sich Sorgen und ich sollte nicht jedem vertrauen. Ich traue mir. Und ich sage mir, dass ich ein Risiko eingehen müsse, wenn ich hier in Barcelona etwas besonderes sehen und erleben möchte, schließlich hätte ich eine Mission zu erfüllen. Natürlich hat sich zwischenzeitlich mal mein schlechtes Gewissen gemeldet, aber Katja ist zu euphorisch und überhört es. Ich zeigte Miguel mein Pfefferspray und er mir daraufhin sein Klappmesser, während mein schlechtes Gewissen panisch rumschreit, meinte mein gutes Gewissen nur entzückt: „Och guck mal wie süß, er hat auch Angst.“ Ich und mein gutes Gewissen zeigten dem Pessimismus den Mittelfinger und folgten dem Pfad Richtung Abenteuer Leben.

Nachdem ich bereits zwei Stunden auf einem Brunnen hockend und mein Mini-Spanisch-Kurs-Büchlein studierend totgeschlagen habe treffe ich endlich auf meinen von einer Strandparty der letzten Nacht total übermüdeten Miguel. Nach drei „zooo bjotifull“ Parks erklimmen wir einen Hügel. Wie eine Spinne erreicht Miguel in Rekordzeit den Gipfel, keuchend und schwitzend schaffen ich und meine Kameraausrüstung es dann schließlich auch auf den Hügel mit dem „zoo bjotifull“ Ausblick über Barcelona. Wie wir so recht einsam da oben standen streiten sich mein gutes und schlechtes Gewissen darüber, ob Miguel mich jetzt ausrauben und den Hügel hinunterstürzen könne. Schließlich gehe ich dazwischen mit den Worten: „Schnauze jetzt, hört auf zu denken. Der junge Mann hier hat einen grausamen spanischen Akzent und die Karte mit den zweizeiligen Straßennamen liest sich wie eine Speisekarte in einem feinem 4-Sterne Restaurant.“ Miguel und ich sind nun beide müde vom Laufen und Englisch quatschen und machen uns auf dem Weg zurück zu unseren Kojen durch die Abenddämmerung. Es ist fast Vollmond. Mein Gewissen ist entweder beleidigt oder einsichtig und hält sich für die nächsten Tage aus meinem Leben raus.

Am nächsten Tag arrangiert Miguel für mich eine Stadtführung der extraklasse zusammen mit seiner guten Freundin Irina. Aufgeregt prüfe ich meine Kamera auf Aufnahmebereitschaft. Entsetzt muss ich feststellen, dass mein Akku gerade noch für zwei Fotos reicht. In einem Schreibwarenladen erstehe ich für rund 5 Euro Einwegbatterien. Nie sollte ich das bißchen Energie in meiner Hand mehr zu schätzen wissen und hoffe die Eindrücke, welche ich am Tag über mit meiner Kamera einzufangen versuchen würde, wären es wert.
Ich fühle mich herzlich aufgenommen, der Tag soll perfekt werden. Minze-Zitronen-Limonade trinkend betrachten wir heute Barcelona von der Mitte auf dem Dach eines Kaufhauses aus. Ich stimme Miguel zu dass dies unseren Gipfelbesuch bei weitem nicht übertrifft, er mag schließlich mehr die ruhige Natur, trotzdem genieße ich auch mal wieder den Menschentrubel und das lebendige Barcelona. Miguel drängelt Irina mir von ihrem aktuellen Projekt zu erzählen, im Wissen dass es mir ganz sicher gefallen würde und es eine gute Geschichte für meinen Blog wäre. Miguel hat sehr schnell den Sinn meines Blogs verstanden und ist stets bemüht mir die passenden Geschichten und Bilder zu liefern, natürlich immer „zoo bjotifull“. Grinsend fragt Irina mich nun, ob ich schon einmal was von der „Fun Factory“ gehört habe. Zunächst muss ich an meine Prollodisko in meiner Heimatstadt denken, doch dann kommt es zurück in mein Gedächtnis geschossen und ich muss anfangen zu lachen. Aufgeregt fange ich an sie auszufragen, aufgrund ihres starken Akzents fällt es mir sehr schwer ihr zu folgen. Sie las und liest zahlreiche Bücher und Blogs über Erotik und schreibt schließlich Persönlichkeitstest, um die einzelnen Lusttypen zu analisieren: der Playboy, der Animalische, der Romantiker. Im großen und ganzen geht es um Selfsex, ich denke das übersetze ich für Oma lieber nicht ins Reindeutsche. Brav ausgedrückt ist „Selfsex“, wenn du plötzlich erkennst, dass dein eigener Körper echt voll in Ordnung ist und es möglich ist vier Stunden im Bett mit sich selbst zu verbringen und du das auch möchtest, während Opa in Ruhe sein langweiliges Fußball guckt und sich mal so richtig ärgern würde, wenn er wüsste was er da gerade verpasst. Irina schreibt einen Blog, indem sie der selbstbewussten Frau von heute Tips für eine sinnliche Garderobe für Verabredungen mit dem anderen Geschlecht gibt.  Es gäbe das auch so einige Spielzeuge die man als Schmuck tragen kann und nur auf dem zweiten Blick als Lustspielzeuge zu erkennen wären. Ich bin überrascht und fasziniert von diesem großen Geschäft mit der „Sinnlichkeit“, wenn es auch nur ein kleiner Teil des großen ganzen ist, was mich bewegt den Blog zu schreiben.

Auf einem überwältigenden Markt verfallen wir der Naschsucht und essen uns an Süßigkeiten und frischen Früchten satt. Zudem verfalle ich dem Bilderrausch inmitten der zahlreichen Gerüche und Farben der Lebensmittel: pralle, rote Kirschen, unendliche viele Becher mit buntem Obstsalaten, selbstgemachtes Fruchteis am Stil, edle Schokoladen, Kiloweise auf Eis serviert und präsentierte Meeresfrüchte und frischer vor den Augen des Kunden feinst zerlegter und filetierter Fisch, geräuchter Stangen Salamie und saftiges Fleisch. Irina empfiehlt eine Cafépause der Feenwaldstube des Wachsfigurenkabinetts von Barcelona einzulegen. Irinas Augen leuchten vor Freude, als sie stolz ein Märchenbuch mit zahlreichen Illustrationen bekannter Märchen ersteht. Eine ganze Weile blättern wir auf- und angeregt in der fantasievollen, aufwendig gestalteten Literatur für Kinder in der kleinen Bücherabteilung eines Geschenkeartikel-Geschäfts neben dem Wachsfigurenkabinett und Feenwaldlokals.
Es folgt ein Bummel durch die schmalen Gassen, vorbei an Tapas-Bars, edlen Hippen Schmuckgeschäften, einem Bobonladen mit Einblick in die Bonbonküche dessen Zitronenduft bis auf die Straße zieht. Der wie zu erwarten, außerordentlich kontaktfreudige Miguel nutzt in einigen Geschäften die Gelegenheit ins Gespräch mit den Geschäftsführern zu kommen und nach einem Job zu fragen, vielleicht weil ich ihn mehrmals fragte, warum er eigentlich soviel Zeit für mich hat mitten in der Woche. Miguel kann allgemein wohl mit allen Möglichen Metallangelegenheiten umgehen, vom Bau von Metalldachkonstruktionen, Wasserleitungen bis ihn zu Feinstem Metall, dem Schmuck. Er wäre aber auch daran interessiert etwas Programmierung zu lernen und würde sich im Themenbereich der Chemie gut auskennen. Ich denke er sollte bei seiner Offenheit und Kontaktfreude doch besser professioneller Reisebegleiter werden, er macht das wirklich sehr gut. Erwird schon noch darauf kommen.
Seitdem Miguel Hunde-los ist, muss er einfach JEDEN wirklich jeden vorbeistreifenden, angeleinten, schlafenden Hund streicheln und „bequatschen“, natürlich ungefragt, ob den Hundebesitzern das gefällt. Doch selbst die bedrohlich wirkenden Punks nehmen es gelassen, wenn „bjotifull“-Miguel ihren besten Freund fast die Kehle zuknuddelt. Irgendwann denke ich, die Hunde müssten schon die Augen verdrehen, wenn sie Miguel kommen sehen. Ich erwische mich, wie ich „In Deckung Bello, Miguel kommt streicheln!“ denke, wenn ich einen Hund erblicke.

Zur späten Stunde, es müsste so 21.30Uhr sein, nehmen wir eine Teestunde ein und Irina und Miguel verfallen plötzlich in eine angeregtes Gespräch über wie man mit Problemen umgeht. Miguel ist der festen Überzeugung, dass man seine Probleme nicht sein ganzes Leben in einem Rucksack herumtragen, sondern sich in vielen Gesprächen mit guten Freunden des entledigen müsse. Die Probleme würde einen in Zukunft sonst immer wieder einholen. Irina hingegen glaubt, wenn sie sich in ein emotionales Loch fallen ließe, sie nicht mehr die Stütze in einer Beziehung sein könne und dann beide Parteien fallen würden. Wenn sie anfinge Balast abzuwerfen, könnte sie nicht Stütze sein, sondern würde andere stattdessen mitreißen. Die Metapher klingt logisch, aber Miguel und ich sind beide dabei zu lernen, dass man sich selbst der wichtigste Mensch sein sollte und man auch lernen muss egoistisch zu sein, denn völlige Selbstaufgabe führt geradewegs zum Fall. Wir sind Typen, die sich sämtlichen Balast wegreden. Irina trägt indes einen seelischen Balast mit sich rum, der ihr mal mehr Rückprobleme verschaffen wird, als mein berühmt, berüchtigtes Packmonstrum.

Am Abend komme ich dann endlich mal in den Genuss etwas vom schon längst sehnsüchtig erwartenden Feuer Spaniens zu erleben. Miguel musste mich bereits enttäuschen, das mit den feurigen Flamencotänzerinnen auf den Straßen wäre nur ein Werbegag. Miguels Freunde, u.a. der ständige lachende aufgedrehte Raul mit dem lockig, langen Haaren und Hut in schnellem Spanisch- Englisch auf mich einprasselnd, beweisen mir das Gegenteil. Auf dem Weg zur Tanzhalle legen die vier eine Ghost-Busters Tanz-Gesang-Performance hin die seines gleichen sucht. Ich entscheide mich dann aber doch für den Heimweg, hätte ich gewusst dass ich mich 3,5 Stunden durchs nächtliche Barcelona zu meinem Hostel durchfragen muss, weil ich vergessen hatte wo mich Miguel hingeführt hatte, wünsche ich mir besser in dem völlig überfüllten und teurem Tanzlokal geblieben zu sein. Um 6Uhr schlafe ich mit fast abgestorbenen Füßen nach einem ereignisreichen Tag mit einem Sack voll Sinneseindrücke ein.

Miguel muss mir noch einige „zoo bjotifull“ Ecken in Barcelona zeigen, darum verlängere ich meinen Aufenthalt um drei Tage. Der nächste Beitrag folgt jedoch erst wieder aus einer anderen Ecke Europas, sofern zwischenzeitlich kein Großereignis meine Finger zum zucken bringt, weil eine Geschichte aus mir heraussprudeln will. Die Chancen stehen aber schlecht, ich bin nämlich unausgeschlafen, HAHA!

Den Song anbei habe ich mit Miguel und seinen Freunden ausgesucht. Bei diesem Lied eröffnete sich mir das Feuer Spaniens, die Jungs hatten bei diesem Lied sichtlich viel Spaß auf der Tanzfläche, nie habe ich die männliche Fraktion so auf der Tanzfläche abgehen sehen wie in der heutigen Nacht in der Tanzhalle einer alten großen Garage wo man Mojito in 1,5 Liter-Krügen verkaufte, ciao ciao Rückenschule… ¡Hola! Spanien!
beseelt, beschenkt, Sinnemanie

Soundtrack zum Tag und mitfühlen:

„Lonley Boy“ von The Black Keys